»Hallo Erdling! Dieses, wenn auch unregelmäßig fortgeführte, so doch liebevoll gepflegte Blog ist voll der Texte des Autors links, der sich PhanThomas nennt und gern in der dritten Person von sich redet.«

Mittwoch, Juli 22, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, Juli 22, 2015 | 3 Kommentare

Muss man wissen

Meine allererste Vorlesung während meines Studiums war allgemeine Betriebswirtschaftslehre, kurz ABWL. Der Dozent, ein schneidiger, wahnsinnig beschwingter, hundert-Euro-Kurzhaarfrisur-tragender Mann von höchstens vierzig Jahren, spazierte in seinem königsblauen Honecker-Gedächtnis-Anzug zur Tür herein und grüßte freundlich in die Runde. In den Händen trug er einen großen Karton. »Da ist doch hoffentlich Ihr Frühstück drin«, witzelte ich. Er guckte mich kurz erstaunt an, grinste dann und sagte: »Oh ja, geistiges Frühstück!« Darauf lachte er, wie damals nur Leute lachten, die ein FDP-Parteibuch besaßen. Das Skript zur Vorlesung, das in n-facher Ausführung in diesem Karton lag, war fürchterlich dick, und ich ahnte, bis zur Prüfung am Semesterende würde ich all diesen Kram irgendwie in mich hineinfressen müssen. Tipp: Keine Angst vorm Lernen! Das In-sich-hineinfressen von Wissen führt keinesfalls zu akuten Kotzanfällen, selbst dann nicht, wenn die halbe Nacht durchgepaukt wird. Sollte der lernende Proband wider Erwarten doch anschließend mittels Brüllen in die Kloschüssel die Nachtruhe stören, war einfach nur die zehnte Tasse Kaffee eine zu viel.

Der Mensch hat ja keine Ahnung, wie viel Kram er tatsächlich lernen kann, bis er es einmal tun muss. Man stellt sich das menschliche Lernvermögen ja immer – Al Bundy-Fans werden sich erinnern – ganz gern wie das Abstellen von Gegenständen auf einem Regal vor: Hier ein Büchlein mit BWL-Stoff, da das Schächtelchen mit dem Grundlagenwissen zur VWL, dann ganz vorsichtig noch die Finanzsbuchhalt... verdammt, jetzt ist doch glatt die Ming-Vase mit den kostbaren Actionfilmzitaten vom Regalbrett runtergefallen, direkt auf das eingestaubte Fabergé-Ei mit den von Omi überlieferten Plätzchenrezepten. Beides futsch, alles vergessen. Mist! Aber so ist es eben nicht. Der Mensch ist in der Lage, unendlich viel nützliches wie unnützes Zeug zu lernen. Das meiste davon braucht man nie wieder wirklich, höchstens, um sich auf Partys unbeliebt zu machen. Einfach mal in illustrer Runde ein Bier öffnen und direkt nach dem ersten Schluck das Gossensche Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen herbeten, schon wird man für den Rest des Abends gehasst wie Fußpilz im Wohnheimklo. Mein Tipp an dieser Stelle: nicht ausprobieren! Zack, und schon wieder hat jeder was gelernt, ohne was anderes vergessen zu müssen. Wer das nicht glaubt, möge sein Sammelsurium an Filmzitaten ruhig durchgehen. Alles noch da, richtig? Na also. Yippie-Ya-Yeah, Schweine...priester.

All das Wissen, das man in seinem Leben hortet, kann eine ziemliche Last sein. Nicht nur, weil man damit längst zu »Wer wird Millionär?« gehen könnte, es aber nicht tut, aus Angst, direkt bei der Fünfzig-Euro-Frage abzustinken – was, wie inzwischen bewiesen wurde, durchaus möglich ist. Nein, auch deswegen, weil man all den gesammelten Kram nicht mitnehmen kann, wenn irgendwann einmal der dürre, schwarzgekleidete Mann vor der Tür steht, der nicht über Gott sprechen möchte, dafür aber eine Sense mitbringt. Noch schlimmer: Im Alter verkalken, sodass zwar all das Wissen noch im Hirn steckt, der Zugang dorthin aber unwiderbringlich verlorengegangen ist. Wie Kleingeld, von dem man ganz genau weiß, dass es irgendwo in diesem verdammten Sparschwein noch drinstecken muss, das aber festklemmt, sodass man es mit einem spitzen Haken herausnesteln muss. Tipp an dieser Stelle: Dies war nur ein Vergleich. Das mit dem Haken sollte keinesfalls aufs menschliche Gehirn und das dort vergrabene Wissen übertragen werden. Derart gequirlten Blödsinn haben zuletzt die alten Ägypter mit ihren Pharaonen veranstaltet, mit der direkten Folge, dass diese zweitausend Jahre später nicht, wie verdient, in Frieden ruhen dürfen, sondern seit jeher in irgendwelchen Museen herumstehen und einstauben. Hier werden sie zu allem Überfluss von Bazillionen an gelangweilten Schulkindern begafft, die, statt sich in Klopapier eingewickelte Leichen anzugucken, vermutlich viel lieber Pokémon zocken würden. »Shiggy greift Tutanchamun mit Aquaknarre an. Es ist sehr effektiv.« Will man denn so enden? Ich glaube ja nicht.

Das Wissen an sich hat also schon mal nur eine begrenzte Lebensdauer, deren Ende spätestens dann erreicht ist, wenn nach dem Ableben aus dem einstmals prachtvollen Hirn ein schrumpliges Würmergulasch wird (sofern es eben nicht von Altägyptern per Pürierstab zu Maggi-Fix-Rahmsauce verarbeitet wurde). Davon abgesehen spricht man leider auch noch von der Halbwertzeit des Wissens. Die hat nichts mit der Güte des eigenen Denkapparats zu tun, sondern ist daran gebunden, wann ein Wissen seinen Nutzen verliert. Ein einfaches und allseits bekanntes Beispiel ist das Wissen um den Eisengehalt des Spinats. Dass Spinat sehr viel Eisen enthielt, war so lange gut zu wissen, bis es schlicht und ergreifend nicht mehr stimmte. Millionen unter Eisenmangel leidende Kinder, denen der von Mutti aufgezwungene Spinat noch aus den Mundwinkeln hing, konnten aufatmen. Okay, blödes Beispiel. Hier ein akkurateres: Angenommen, ich hätte irgendwann einmal gelernt, wie ein Röhrenmonitor funktioniert – und ja, das habe ich –, dann wäre die Halbwertzeit dieses Wissens inzwischen überschritten. Die Dinger findet man heute höchstens noch in Museen oder in den Büros von Einwohnermeldeämtern. Es war schön zu wissen, wie die dicken Kisten funktionierten, bis eben der Tag gekommen war, an dem keine Sau mehr so ein Ding besaß. Zusätzlicher Tipp an dieser Stelle: Partygäste, denen der Gossensche Grenznutzen schon nicht gefällt, sind auch wirklich nur äußerst selten daran interessiert zu erfahren, wie ein Röhrenmonitor funktioniert. Das Feststellen derartiger Zusammenhänge bezeichnet man als Datamining, aber auch hier gilt: Trägt der potenzielle Party-Kommunikationspartner nicht gerade ein Warhammer-40,000-Shirt und balanciert eine Brille aus zusammengezurrten Flaschenböden auf der Nase, wird er sich kaum für die Vorzüge von Datamining interessieren. Und DAS nennt man übrigens Vorurteil.

Leute, die sich einen gut gepflegten Garten aus Vorurteilen halten, meinen meist auch, das Wissen insgesamt gepachtet zu haben. Klar, auf irgendwas muss das Unkraut aus Klischees und Ignoranz ja auch wachsen, das sie für ein hübsches Blumenbeet halten. Mitunter sind solche Menschen leicht zu erkennen: Tragen sie beispielsweise absichtlich kein Haupthaar und haben eine chronische Starre im rechten Arm, dann erübrigt sich ein intellektueller Diskurs mit ihnen zumeist. Mein Tipp: Führen diese Leute Argumentationshilfen in Form nordamerikanischer Sportschlaggeräte bei sich, dann gilt: Maul halten und rennen, was das Zeug hält! Schon schwerer zu erkennen ist eine andere Kategorie von Menschen: nämlich jene, die erst mal völlig gewöhnlich aussehen, mit einem ziemlich normalen Gesprächsthema einsteigen, nur um dann ganz fix darauf umzuschwenken, dass sie ziemlich genau wissen, wie der Hase läuft und wie wir von »denen da oben« ferngesteuert werden. Plötzlich werden wir reihenweise von der Lebensmittelindustrie vergiftet, von der Pharmaindustrie sowieso, und bei allem Blabla denkt man unweigerlich: Freund Blase, wenn du ganz genau weißt, dass uns jeder vergiftet, weshalb klappt es dann bei dir nicht? Solche Menschen meinen gerne, alles zu wissen, sind aber in erster Linie vor allem eines: saublöd! Drum hier mein abschließender Tipp: Jedes Gespräch vermeiden und lieber noch einen Schluck nehmen, solange das Bier kalt ist. Schlauer wird man davon zwar auch nicht, mehr Spaß bringt es aber allemal. Muss man wissen.

Donnerstag, Juni 18, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Donnerstag, Juni 18, 2015 | 1 Kommentar

Die Frage, deren Antwort man kennt


Ich saß im Büro, war im Alltag ersoffen,
da hatte ich dich in 'nem Tagtraum getroffen:
Wir zwei an der Ampel, sie gab grünes Licht,
und ich ging auf dich zu, doch du regtest dich nicht.

Zog Kreise um dich wie die Sonne ums Heute,
ich winkte und rief dich, es starrten die Leute
auf uns und sie wünschten, es würde gescheh'n,
denn sie sagten: Mensch Mädchen, du musst ihn doch seh'n!

Doch hatte mein Traum dir die Augen genommen.
Du bliebst wie erstarrt, ich lud tränenverschwommen
die Schuld auf den Traum, denn du sahst mich ja nicht,
mit zwei tiefschwarzen Löchern in deinem Gesicht.

So wachte ich auf, mir war heiß und es brannte
die Frage im Kopf, deren Antwort ich kannte:
Weshalb du nichts sagtest – sie sei mir erlaubt.
Denn wenngleich du auch blind warst, du warst nicht ertaubt.

Mittwoch, Juni 03, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, Juni 03, 2015 | Keine Kommentare

Lern du später was Anständiges ...

»Lern du später was Anständiges, dann hast du es mal besser als wir!«, war so ein Satz, den meine Mutter gern vom Stapel ließ, wenn sie mal wieder die Spinnweben aus der Brieftasche wedelte. Nun, ich nahm sie beim Wort und studierte Wirtschaftsinformatik. Die Wirtschaft bringt seit jeher die Kohle, Computer sind die Zukunft, da konnte ich ja gar nichts verkehrt machen!

Neulich dann im Baumarkt ...

Eigentlich hätte es schon ein schlechtes Omen sein müssen, als ich die U-Bahn-Station hochstiefelte und mir die in Moll gehaltenen, dramatisch interpretierten Akkordeonklänge eines Straßenmusikanten hinterherdudelten. Hätte man dem guten Herrn stattdessen eine dicke Orgel hingestellt und das eigentlich ganz nette Frühlingswetter durch grollendes Gewitter ersetzt, der vor mir aufragende Baumarkt hätte dann auch gut und gern das düstere Schloss eines stereotypen Vampirfürsten in einem Horror-B-Movie sein können. Baumärkte und ich, wir verhalten uns äquivalent zu Pizza und Mikrowellen: Wir gehen cool rein und kommen nach viel zu vielen gedrehten Runden im Inneren ziemlich labbrig und aufgeheizt wieder raus, ohne dass das Resultat für irgendwen sonderlich zufriedenstellend wäre.

Dabei mochte ich Baumärkte als Kind noch ganz gerne. Also eigentlich waren es nur diese ganz speziellen Häuslebauabteilungen mit den ausgestellten Türen in mehr oder weniger freistehenden Rahmen, die ich gern mochte. Keine Ahnung warum, aber ich ging als Dreikäsehoch eben gern durch Türen, auch wenn nichts dahinter lag. Vielleicht war das unbewusst der frühe Ausgleich dafür, dass ich im späteren Leben ständig gegen Wände, statt durch Türen rennen sollte. Für das ganze andere Brimborium, das Baumärkte dem Heimwerker von Welt so boten, interessierte ich mich damals dagegen nicht. Das lag in der Natur der Sache, was mich anging: Heimwerken und ich, das verhielt sich immer schon äquivalent zu Pizza und ... ach nee, das hatten wir schon. Jedenfalls ist es seit jeher so, dass ein Versuch meinerseits, einen Nagel in eine x-beliebige Wand zu treiben, eher den Gebäudestatiker auf den Plan rufen würde, als dass der Nagel tatsächlich fachgerecht in der Wand landet.

Natürlich sind daran wie immer meine Eltern schuld. Mein Vater hätte mich mehr in die Pflicht nehmen müssen, aber das tat er ebenso wenig, wie meine Mutter mir etwa beibrachte, wie man sich was Anständiges zu essen kocht. Und so würde ich heute am liebsten bei jeder Kleinigkeit einen Handwerker engagieren, wie ich auch Maggi Fix für Nudelwasser kaufen würde.

Entsprechend fremd fühle ich mich, sobald ich einen Baumarkt betrete, so wie ich das neulich eben tat. Um ein paar Schrauben zu kaufen. Schrauben. Einfach nur ... Schrauben. Um etwas ... festzu...schrauben. Als Informatiker denke ich da vielleicht zu digital, zu sehr in Einsen und Nullen, aber wenn ich losziehe und Schrauben kaufen möchte, dann erwarte ich – verdammte Axt – dass es einfach ein Regal gibt, in dem Schrauben liegen. Und das gibt es dann ja auch, aber warum ist das vermaledeite Regal denn bitte zwanzig Meter lang und enthält hunderte Schraubensorten, die für alles Mögliche geeignet sind? Holzschrauben, Spanplattenschrauben, Bohrschrauben, Schrauben für Blech, Schrauben für Harzer Käse, und und und. Dazu passend und nicht passend natürlich alle nur erdenklichen Größen und Formen von zugehörigen Muttern, Unterlegscheiben und Dübeln, und nichts davon liegt irgendwie so beieinander, dass ein Typ wie ich, der zwar jeden Drucker zum Laufen kriegt, der aber beim Einschrauben einer Glühbirne zur Gefahr für die Allgemeinheit wird, auch nur annähernd die Teile findet, die tatsächlich zusammengehören. Meine Fresse, das kann doch nicht im Sinne des Erfinders sein, oder?

Ich habe da ja eine Theorie: Eigentlich geht es gar nicht darum, dem potenziellen Kunden ein gut sortiertes Warenangebot zu präsentieren, bei dem er beherzt zugreifen und möglichst wenig falsch machen kann. Nein, es geht in erster Linie darum, dummen Idioten wie mir den beratenden Baumarktangestellten auf den Hals zu hetzen, der mir ruhigen Gewissens nur das Beste vom Besten empfiehlt, sprich, das Teuerste vom Teuersten aufschwatzt. Das ist wie beim Taxifahren in fremden Städten: Einmal »Och, ich bin eigentlich gar nicht von hier« zum Taxifahrer gesagt, schon braucht der für fünf Kilometer zwei Stunden und berechnet am Ende hundertfünfzig Euro. Ja ja, tolles Geschäftsmodell, das auf der Unwissenheit von Menschen wie mir fußt, die zwar wissen, wie man einen Webserver aufsetzt, die aber zum akuten Psychodoktorfall werden, wenn sie mal ein Loch in eine Wand bohren sollen.

Nun, irgendwie schaffte ich es am Ende, Schrauben, Dübel und Unterlegscheiben zusammenzusuchen, ohne dass mich jemand fragte, ob er mir helfen könne, aber kompetentes Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit liegt mir eben, schließlich bin ich Berater von neun bis fünf.

Damit war das Elend allerdings noch nicht ganz überstanden, denn als Antichrist des Heimwerkens habe ich natürlich, abgesehen von einem Hammer und einem Kreuzschlitzschraubendreher nichts daheim, was sich beispielsweise auch nur annähernd für das Anbauen eines Regals nutzen lassen würde, von dem hinterher nicht alles wie von Zauberhand herunterrutscht. Sprich, mir fehlte eine Wasserwaage. Also ging ich die Regale auf und ab, auf und ab, auf und ab ... Zwar hängen an jedem der gigantischen Regale bedrohliche Schilder, die auf die Folterwerkzeuge hindeuten, die sich dort jeweils finden lassen, von Wasserwaagen stand da allerdings nichts. Falls ich je der Ansicht war, dass es nicht gut sein kann, alles über das Internet zu bestellen, ich revidierte diese Meinung augenblicklich und wünschte mir ein Suchfeld herbei. Während dieses natürlich nicht plötzlich über mir aufploppte, stolperte ich dennoch zufällig über eine kleine Palette mit Wasserwaagen in – man ahnt es – allen Formen und Größen. Inzwischen haben die Dinger LED-Anzeigen und piepsen, wenn man sie schräg hält, oder vielleicht auch, wenn man sie gerade hält, oder sie piepsen einfach immer, was weiß denn ich?! Dass man ein Stück Metall mit einem Röhrchen, in dem eine Wasserblase von links nach rechts schwappt, so verkomplizieren kann, hätte ich auch nicht für möglich gehalten. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass man für eben ein solches Stück Metall fünfzig Euro auf den Tisch legen kann.

Schnaufend packte ich also so ein völlig überteuertes High-Tech-Begradigungsdingsbums in meinen Korb und schlurfte resigniert in Richtung Kasse ... wo ich inmitten der Quengelware für den Hobbyheimwerker, der den Hals nicht voll kriegt, Wasserwaagen für unter zehn Euro fand: ein Stück Metall mit einem Röhrchen, in dem eine Wasserblase von links nach rechts schwappt. Na bitte! Also unter gut sortiert verstehe ich was anderes!

Für einen Moment überlegte ich, niedergeschlagen, wie ich inzwischen war, diese Abteilung mit den Türen zu suchen, die ... na ihr wisst schon: einfach ein paarmal hindurchgehen, nicht gegen Wände rennen, ganz wie früher, als derweil noch der Rest von Papa erledigt wurde, der sich mit dem ganzen Baumarktblödsinn auskannte, weil er das wahrscheinlich irgendwo mal gelernt hatte. Herrgott, hätte ich doch auch was Anständiges gelernt!

Freitag, April 24, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Freitag, April 24, 2015 | Keine Kommentare

Rad im Getriebe


Die Türe geht zu, er ist endlich allein
im Büro und er lockert die bunte Krawatte.
Die Sonne strahlt friedlich zum Fenster herein,
auf sein silbriges Haar fällt ihr wärmender Schein,
ein so stiller Moment, wie er lang ihn nicht hatte.

Der Blick färbt sich mild im Gesicht aus Granit,
nur ein Schutz, den er schuf, vor mentalem Ertrinken.
Sieht draußen die Welt, die er selten nur sieht,
ist fast blind vor Terminen, merkt kaum, was geschieht,
wie die Jahre für immer im Gestern versinken.

Am Schreibtisch ein Foto, vergessen, verstaubt,
eine Frau, sie war irgendwann ganz große Liebe.
Zum Schluss hatte sie ihm kein Wort mehr geglaubt,
wenn er schrieb, er sei pünktlich, verächtlich geschnaubt.
Als sie ging, blieb er reglos, ein Rad im Getriebe.

Zur Ruhe nun schleicht sich ein Quäntchen an Mut
zum Gefühl und er fühlt sich so klein und verloren.
Es war ja mal anders, es war ja mal gut,
nun ist gut, was er fürs Unternehmen so tut.
Ach wie schnell war er lebend im Leben erfroren?

So klar der Gedanke, so schnell ist er fort,
die Krawatte, der Kragen sind hastig gerichtet.
Das Telefon schrillt, es verlangt das Ressort
frische Zahlen, und bitte, wo bleibt der Report? 
Und das Pflänzchen, das keimte, ist tot und vernichtet.

Montag, April 20, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Montag, April 20, 2015 | 1 Kommentar

Auf den Schirm!

Erinnert sich irgendwer an die Zeit, als Bildtelefonie ein großes Ding war? Ich auch nicht. Deswegen sind Telefonkonferenzen, kurz Telkos, noch heute so praktisch und effizient, wie sie früher schon nie waren. Allen technischen Entwicklungen trotzen sie ähnlich standhaft, wie es Einwegfeuerzeuge und Haarschneidemaschinen seit Generationen tun. Telkos sind noch immer so unnütz und zeitraubend wie ein Anruf bei der schwerhörigen Urgroßmutter, der man zum Geburtstag gratulieren muss, weil Mutti sagt, das gehöre sich eben so. Zum Henker, in jedem halbwegs internetfähigen Toaster stecken heute eine Kamera und ein Display, ungeahnte Möglichkeiten, und keiner kommt auf die Idee, das Zeug für eine Telefonkonferenz im Unternehmen zu nutzen? Hat denn nie irgendwer Star Trek geguckt? »Auf den Schirm!«

Scheinbar nicht, oder sagen wir mal so, der deutsche Michel ist »very serious«, wenn's um Datenschutz und Privatsphäre geht, also darum, dass er sich während einer Konferenz nicht beim Popeln zusehen lassen möchte. Da können die Hersteller aktueller Notebooks noch und nöcher HD-Kameras in ihre Notebooks einbauen, dem Deutschen ist das vermeintlich allsehende Auge oberhalb seines Displays ein Dorn im, äh, Auge, weshalb man auf den Flughäfen dieser Welt reihenweise Businesskasper sieht, die ihre Webcams mit kleinen Papierfetzen abgeklebt haben, damit die böse NSA sie nicht bei ihrer virtuosen Powerpoint-Folien-Verschiebeartistik beobachten kann.

Drum sind Telkos dort stehengeblieben, wo sie begonnen haben: Menschen hocken im Büro, entweder mit dem Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt bis zum Haltungsschaden, oder neuerdings auch mit Headset - ein Zugeständnis an die Bequemlichkeit des Bürostuhlakrobaten. Wer die Hände frei hat, kann schließlich ungestört im Milchschaum herumrühren und Facebook-Nachrichten beantworten, während im akustischen Kollektiv Dinge geklärt werden, die niemanden weiter voranbringen als eine Stunde näher an den Feierabend.

Und weil man sich eben auch im Jahr 2015 während einer Konferenzschaltung trotz des Einsatzes digitaler Technik nicht sehen kann, trifft man während einer Telko immer wieder auf dieselben Teilnehmertypen, als da wären:

Der Schwänzer: Weil der Schichtsalat aus Terminen im Outlook-Kalender eines handelsüblichen Büroangestellten zumeist ähnlich übersichtlich ist wie ein Großflughafen zur Urlaubszeit, gibt es immer ein paar Nasen, die den Termin verschwitzen, weil sie mit heruntergelassener Hose auf dem Klo hocken und auf dem Firmenhandy »Candy Crush Soda Saga« spielen oder mit dem Lieblingskollegen aus dem Nachbarbüro die letzte Folge von »The Walking Dead« diskutieren müssen und so durch Abwesenheit glänzen. Das Fernbleiben fällt natürlich erst hinterher auf, wenn der Schwänzer genau jene Fragen stellt, die eigentlich abschließend während der Telko geklärt wurden.

Der Träumer: Es gibt immer ein, zwei Leute, die zwar zur Telko eingeladen sind und die auch teilnehmen, die allerdings im Wesentlichen solange mit sprachlicher Abwesenheit glänzen, bis sie direkt von irgendwem angesprochen werden, der in der Hierarchie weiter oben steht als sie selbst. Weil der Träumer vom Dienst gedanklich gerade entweder das Budget für den Sommerurlaub verplant hatte, dabei war, den Kantinenspeiseplan auswendig zu lernen oder schlicht auf dem PC-Desktop viereckige Kästen mit der Maus ziehen musste, weiß er natürlich kein Stück, worum es gerade eben ging. Den geübten Träumer ficht das freilich nicht an, wirft der doch schnell einen Blick auf das Thema des Meetings in seinem Kalender, den er zufällig noch geöffnet hat, und sagt dann Sätze wie: »Also ich finde, wir sollten erst mal grundsätzlich klären, inwiefern ...« oder »Können wir vielleicht einen Schritt zurückgehen und umreißen, was eigentlich die Kernziele sind?« Die Satzhülsen an sich müssen keinerlei Sinn ergeben, Hauptsache ist, irgendwer anders hat hinterher die Moderationsarschkarte, und der Träumer kann zu seiner Ausgangsaktivität zurückkehren.

Der mit der Technik zickt: Wenigstens ein Konferenzteilnehmer findet bereits in der Telefontechnik an sich seine Nemesis. Während alle anderen das Meeting möglichst schnell hinter sich bringen wollen, weil der Organisator ein Kollegenschwein ist und Meetings grundsätzlich über die Mittagspause hinaus plant, gibt es diesen einen Typen, der den Beginn der Diskussion hinauszögert, weil er es schlicht nicht schafft, ins Meeting zu kommen. Nachdem er versucht hat, die Hälfte der Kollegen per Mobiltelefon darüber zu informieren, dass bei ihm (wieder mal) die Technik streikt, schafft er es mit einiger Verspätung doch irgendwie, sich in die Konferenz einzuwählen, unterbricht dann aber die anderen Teilnehmer mit Zwischenrufen wie: »Hallo? Hallooo? Kann mich jemand hören?« oder »Können Sie das bitte wiederholen? Gerade war bei mir der Empfang schon wieder weg.« Nicht selten kann niemand die Hilferufe hören, weil das Technikopfer auch nach einer halben Stunde noch immer nicht gemerkt hat, dass sein Telefon auf stumm gestellt ist. Egal, hinterher ist sowieso immer die Technik schuld.

Das Gespenst: Diese Gattung ist besonders perfide. Das Gespenst wurde zwar zur Telko eingeladen und nimmt auch pflichtbewusst teil, doch niemand scheint davon zu wissen. Wie dieser eine Klassenkamerad früher, von dem nach der Party niemand wusste, ob er wirklich dabei war. Wie eine Gottesanbeterin verharrt das Gespenst in aufmerksamer Lauerhaltung in der Leitung und meldet sich fast die gesamte Zeit über nicht zu Wort, um dann gegen Ende gnadenlos zuzuschlagen und eine spitzfindige Frage zu stellen oder irgendetwas anzumerken, um überhaupt was beigetragen zu haben. Alle anderen Teilnehmer sind erschrocken und zugleich froh, während des Meetings in lockerer Runde nicht über besagte Person gelästert zu haben. Wenn aber doch mal jemandem die Zunge ausgerutscht sein sollte, tut er natürlich so, als hätte er nie was gesagt, obwohl er genau weiß, dass das Gespenst alles gehört hat, weshalb er sich insgeheim nicht mehr sicher in seiner Haut fühlt. Schlimme Bürounfälle passieren schließlich immer wieder.

Inspektor Columbo: Für die meisten Menschen sind Telefonkonferenzen eine lästige Pflicht, die sie nur allzu gern hinter sich bringen, um zum fünften Mal am selben Tag zum Kaffeevollautomaten zu pilgern oder aber, um nicht zu spät in die Kantine zu kommen und statt leckerer Currywurst nur noch das übrig gebliebene vegetarische Gulasch serviert zu bekommen, das aussieht wie Plastikkotze aus dem Scherzartikelladen. Es gibt da aber diese eine Person, die den Currywursttraum jäh zunichte macht, indem sie während des Meetings Dinge auf den Tisch bringt, die eigentlich längst hinreichend erörtert wurden, weil sie entweder nicht zugehört hat, zu doof ist, den Sachverhalt zu kapieren oder schlicht ein Klugscheißer ist. Der Columbo vom Dienst sagt statt »Schönen Tag noch!« Dinge wie »Können wir noch mal auf den zweiten Punkt zurückkommen?«, »Also eine Frage hätte ich da noch ...« oder »Habe ich das jetzt richtig verstanden, dass ...«, während alle anderen Teilnehmer schweigend auf ihre Uhren schauen, mit den Augen rollen und der eine oder andere vor Wut ob seines leeren Magens einen Bleistift zerbricht.

Der Heimscheißer: Wenigstens ein Kollege arbeitet grundsätzlich von zu Hause aus, wenn gerade eine Telko stattfindet. Der Heimscheißer ist die Sorte Mensch, die vergisst, das Telefon auf stumm zu stellen, wenn im Hintergrund das Kind anfängt zu brüllen. Mit Sätzen wie »Eugen-Justus, jetzt lass die Emily auch mal damit spielen, sonst nehm ich's euch beiden weg!« nimmt der Heimscheißer so dem wichtigsten Tagesordnungspunkt der Telko jede Ernsthaftigkeit. Und ist mal kein Kind zur Hand, ergänzt garantiert ein bellender Hund die geschäftige Geräuschkulisse um ein Stück pure Natur.

Der Genießer: Zehn Menschen hängen gerade in der Leitung, wovon fünf in der Firmenhierarchie höher angesiedelt sind? Na und, das stört doch den Genießer nicht, der penetrant laut Kaffee schlürft, während andere sich gerade verbal die Köpfe einschlagen. Und was auch immer er gerade nebenher futtert, ist ganz egal, bei ihm verursacht es mit Sicherheit laute Geräusche. Hat er selbst mal was zur Diskussion beizutragen, verschwendet er keine Zeit damit, das Stück BiFi hinunterzuschlucken, das er schon seit mehreren Minuten schmatzend von einer Backentasche in die andere schiebt. Aus Regeln wie »Mit vollem Mund spricht man nicht!« ist der Genießer schließlich längst herausgewachsen, seit Mutti ihm nicht mehr die Krawatte binden muss.

Die Liste ließe sich vermutlich noch um den einen oder anderen Stereotyp ergänzen. Ob Bildtelefonie nun Telkos effizienter machen würde, sei ehrlicherweise mal dahingestellt, seltener wären sie auf jeden Fall! Denn kaum einer der genannten Typen würde seiner Störaktivität nachgehen, wenn er davon ausgehen müsste, dass gerade ein gutes Dutzend Augen auf ihn gerichtet ist. Drum her mit dem Bildtelefon, damit man endlich mal zum Arbeiten kommt, verdammte Axt!

Dienstag, März 31, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Dienstag, März 31, 2015 | 4 Kommentare

Von Glück, Cola und Inkasso Moskau

Wenn ich durch die Stadt fahre, fühle ich mich beschissen. Die Werbung, die überall herumhängt, ist schuld. »Ey Leute, da ist ’ne freie Wand, lasst uns ein Werbeplakat dranflanschen!«, sagt wahrscheinlich irgendeiner mit ’ner teuren Krawatte, und zack, hängt ’ne neue Cola-Werbung dran, die mir suggerieren soll, wie geil es doch wäre, jetzt, und zwar wirklich genau jetzt eine Flasche Cola zu trinken. Da sind dann Leute auf diesen Plakaten abgebildet, die in die Luft springen und mit weit geöffnetem Mund lachen, dass einem angst und bange wird, die Mundwinkel könnten bis zu den Ohren einreißen. Und natürlich halten die alle eine Flasche der beworbenen Colamarke in der Hand. Schwappt natürlich auch nichts aus der Flasche, während sie hochspringen und feixen, ach was, natürlich nicht. Ganz so, als wäre in der Flasche gar nichts Flüssiges. Aber so, wie die alle aus ihren individuellen Klamotten grinsen, könnte man eh meinen, die Pullen wären randvoll mit Koks, statt mit Zuckerwasser. Wenn ich an diesen Plakaten vorbeifahre, denk ich gar nicht, hey, ich hätte jetzt aber auch gerne so ’ne Cola. Nee nee, ich denke nur, boah, haben diese Leute da offenbar ein cooles Leben, wenn sie so herumspringen und lachen können. Und weil der Teufel immer auf den größten Haufen scheißt, schwappt nicht mal was aus der Flasche. Ja, das denk ich, und deswegen fühle ich mich schlecht. In meinem Leben wird nicht herumgesprungen, da wird auch nicht gelacht. Trotzdem schwappt ständig was aus der Flasche.
    Ich geh drum gar nicht mehr so gerne raus, jetzt echt. Wenn die Sonne morgens hinterm Horizont hochkommt, gehen bei mir die Rollos erst so richtig runter. Ich schlurfe dann erst mal zum Klo und kacke den Frust vom Vortag aus. Dann spül ich’s weg. Und dann sitz ich im Dunkeln und guck durch meine verschmierte Brille Internet. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist das Internetgucken auch nicht viel besser, als die vielen glücklichen Menschen auf den Plakaten draußen. Also gegen die Werbung hier im Internet hab ich mir so ’nen Werbeblocker besorgt. Jetzt versucht da keiner mehr, mir Cola zu verkaufen. Besser wird’s davon aber auch nicht. Wenn ich im Internet Porno gucke, sehen die Leute da auch immer so fürchterlich glücklich aus. Vor allem ... na ja ... hinterher. Ich mach dann manchmal ’ne Faust aus der rechten Hand. Die betrachte ich von allen Seiten und denke mir so, hmm ... nee, die sieht jetzt nicht so richtig glücklich aus.
    Das nervt mich dann schon ein bisschen. Also guck ich lieber Facebook. Aber, man könnte es schon ahnen, besser ist es da auch nicht. Überall sieht man da nur Menschen, die Spaß haben. Würde Spaß den Speichelfluss anregen, hätten die alle Schaum vorm Mund. Es wirkt immer so, als müssten all die Menschen auf Facebook gar nicht arbeiten gehen, als würden die nie ihren Kindern die stinkenden Windeln wechseln müssen oder im Streit mit dem oder der Angetrauten Omas gute Porzellanerbmasse zerschmeißen. Nee, immer grinsen nur alle von ihren Bildern, als wär das Leben ein Wettbewerb im Glücklichsein. Auf ihren Fotos stehen sie immer an mutterseelenverlassenen Stränden und lächeln in die Kamera. Alle. Dabei denk ich dann, wenn das wirklich alle machen würden, müssten die Strände ja ständig voller Leute sein, die irgendwie versuchen, noch gerade so aufs Foto zu kommen, dass es aussieht, als wären sie ganz alleine da.
    Tja, und ich so? Ich steh jetzt auf meinem Profilbild auch vor so ’nem Strand. Hab ich selbst gemacht. Mit Photoshop. Hab dabei auch versucht, so zu grinsen wie die anderen, aber immer, wenn ich einen Mundwinkel hochgezogen hab, ist der andere wieder runtergefallen. Jetzt ganz ehrlich, dieses ... dieses Grinsen, dieses Lachen und Glücklichsein, das ist nichts für mich.
    Mein Kumpel Heinz, der ist auch so einer, der von den Urlaubsfotos grinst. Der hat so viele davon online gestellt, dass die Hälfte von Facebooks Speicherplatz mit seinen Bildern vollgeknallt sein muss. Heißt ja immer, Facebook würde die Bilder von den Leuten für Werbung missbrauchen, weil man ja seine Rechte quasi abgibt und so, aber ich hab Heinz bisher noch von keiner Litfaßsäule grinsen sehen. Obwohl das ganze Facebook voll von ihm ist. Ist jetzt aber auch nicht der schönste, der Heinz. Na jedenfalls meinte Heinz mal zu mir: »Ey, warum fährst du denn nicht auch einfach mal in den Urlaub? Wird dir gut tun, wirst sehen. Das macht einen ganz neuen Menschen aus dir.«
    Ich hab dann nur mit den Schultern gezuckt. Das kann ich gut, das Schulterzucken. »Ach, was soll der Quatsch?«, sagte ich. »Urlaub machen kann ich auch mit Google Earth. Dat kost’ nix. Und wenn ich ’n Bild vom Eiffelturm brauch, dann such ich mir eins ausm Internet.«
    »Das ist doch aber nicht dasselbe«, meinte Heinz kopfschüttelnd. Der konnte das irgendwie nicht verstehen, was ich wiederum nicht verstehen konnte. Ich meine, es gibt ungefähr eine Bazilliarde Bilder von Sehenswürdigkeiten. Müssen es denn unbedingt eine Bazilliarde und eins werden, indem ich auch noch ein Bild dazu tue? Ich glaub ja nicht.
    »Du bist da echt zu pragmatisch eingestellt. Das bringt dich alles noch mal vorzeitig unter die Erde«, sagte Heinz, und vielleicht hatte er damit ja recht.
    »Außerdem kann ich mir so einen tollen Urlaub gar nicht leisten«, ergänzte ich, weil ich das Gefühl hatte, was zu ergänzen, wär nicht das Schlechteste. Außerdem mag ich es nicht, zusätzlich das Gefühl zu haben, andere Leute hätten recht.
    »Ach was! Das kannste doch mit ’nem kleinen Kredit machen«, sagte Heinz und zwinkerte so komisch, wie er das immer machte, wenn er meinte, er hätte da ’nen Trick, den kein anderer außer ihm kennt. »Klitzekleine Rate, das zahlste dann locker ab und hast dafür ’nen bombigen Urlaub.« Von wegen klitzekleine Rate. Kleinvieh macht auch Mist, sagt man. Bei Heinz hatte der Misthaufen schon ’ne eigene Gravitation. Schulden mit anderen Schulden ablösen, das ist auch ’ne Kunst. Das ist, wie aus nichts noch weniger machen und damit dann noch ruhig schlafen können. Aber so machte der Heinz das schon immer. Die ganze Welt wurde schon von Heinz bereist, ohne dass der auch nur einen ausgegebenen Euro dafür selbst verdient hätte.
    Das Problem für so Typen wie Heinz ist aber, dass die Leute von den Banken auch nicht ganz blöde sind. Man munkelt ja, dass inzwischen angehende Bankberater in Kreditrisikoschulungen zuerst Heinz’ Foto zu sehen kriegen. Also müssen so Leute wie Heinz irgendwann anderswo Kohle herbekommen. Na ja, machen wir’s kurz: Vor ein paar Monaten, da war der Heinz im Urlaub auf Maui, wo ihn allerdings Inkasso Moskau aufspürte. Die kamen wohl mit guten Argumenten und ’nem Knüppel oder so zu ihm, nahmen ihm die Hälfte seiner Kauleiste raus und meinten, wenn er nicht bald zahlt, nehmen sie auch die andere Hälfte mit und schenken ihm ein paar Adidas-Treter mit Betoneinlagen. Klar zahlte Heinz dann, wie auch immer er das wieder gemacht haben mag. Weiß halt, wie’s geht, der Heinz.
    Auf jeden Fall hab ich seitdem ein neues Hobby. Wenn ich nämlich mal wieder schlechte Laune hab, weil alle anderen um mich herum so gut drauf sind und mir die Perlweißmodels von den Werbeplakaten ihr kapitalistisches Glück auf die Glatze kotzen, dann guck ich einfach wieder Facebook, surfe bei Heinz vorbei und gucke seine Urlaubsbilder an: Heinz auf Maui – grinst auch wie ’n Honigkuchenpferd, und das geschwollene Auge ist da schon ganz gut abgeheilt, dafür sieht man allerdings einen ganzen Haufen schwarzer Löcher im Gebiss. Das sieht vielleicht aus. Herrlich! Echt nicht zu beneiden, der Kerl, und damit besser als jeder Urlaub. Darauf trink ich dann erst mal ’ne Cola.

Donnerstag, März 19, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Donnerstag, März 19, 2015 | 2 Kommentare

Reich und berühmt – NICHT!

Es war einmal … ich. So in der Art wird die Aufschrift meines Grabsteins lauten, wenn ich mich erst auf unabsehbare Zeit in einem Holzschächtelchen schlafen gelegt haben werde. Uh, Futur II! Ja, Sätze bauen, das kann ich. Mögen sie auch siebenzeilig werden und Rodeo durch die absurde deutsche Grammatik reiten, ich krieg das hin. Das ist quasi die Inselbegabung eines Typen, der sonst eigentlich nicht so richtig viel kann. Jetzt braucht mir auch keiner mit »Ach komm, sei doch nicht so hart zu dir selbst« kommen. Die Tatsache, dass ich auch anno 2015 noch immer nicht reich und berühmt bin, ist Indiz genug dafür, dass ich es wohl auch innerhalb der nächsten dreißig Jahre meiner irdischen Daseinsberechtigung zu nichts gebracht haben werde. Uh, Futur II!

Früher, da wäre ich gern Rockstar geworden. Nicht, dass ich Ahnung gehabt hätte, wie man so was überhaupt anfängt, aber auf MTV sah das schon sehr lässig aus, wenn die Superduperstars den Kameraleuten grinsend ihre dekadenten Häuser zeigten und die goldenen Wasserhähne ihrer stadtstaatgroßen Bäder sich in ihren Goldzähnen spiegelten, das Ganze brillant reflektiert von den polierten Türklinken aus Gold. Und dann das mit der Musik erst! Woah, so wie mancher Klampfengott wollte ich auch Gitarre spielen können. Machte im Musikfernsehen schon was her. Aber das war damals. Heute sieht man, wenn man so was wie Musikfernsehen überhaupt noch irgendwo auf Kanal drölftausend beim Sendersuchlauf findet, allenfalls, wie Helene Fischer im ultrakurzen Glitzerhöschen nachts nach ihrem Atem sucht. Nee, das … also das will ich dann ja doch nicht. Dieser Würfelhusten von Musik heutzutage ist von Coolness so weit entfernt wie Hitler im April 1945 vom Endsieg. Egal, das Gitarrespielen brachte ich mir vor knapp zehn Jahren dann trotzdem bei. Ich wusste nicht, wie Slash und Co. das so grandios hinbekamen, ich wusste nur, ich wollte das auch. Was brauchte ich dafür schon mehr als eine Gitarre, mich, meinen Elan und funktionierende Finger? Und hier die Antwort darauf: Talent. Heute weiß ich immerhin, dass eine Gitarre möglichst mindestens sechs Saiten haben sollte, angesichts der menschlichen Hand mit nur fünf Fingern übrigens eine blöde Idee, wie ich finde. Und wenn ich was auf der Klampfe spiele, ist es wahrscheinlich, dass man ein von mir virtuos vorgetragenes »Alle meine Entchen« auch für ein solches hält und nicht für das viel weniger anspruchsvolle »Laterne, Laterne – Sonne, Mond und Sterne«. Für MTV, goldene Wasserhähne und mit Koks panierte Playboy-Bunnys reichte das alles letztlich aber nicht, doch wenn’s so wäre, hätte ich diesen Text ja auch ganz anders begonnen.

Noch viele Jahre, bevor ich die Musik für mich entdeckte, zeichnete ich viel und gerne. Ich konnte das auch ganz gut, was verwunderlich ist, sagte doch meine Mutter gerne Sachen wie: »Also wenn ich was male, kann man hinterher nicht sagen, ob’s eine Kuh oder ein Schwein sein soll.« Weshalb sie immer nur Kühe und Schweine malen wollte, erschloss sich mir nicht, klar war aber, die genetischen Grundlagen für eine Malerkarriere waren, was mich anging, nicht gerade Faber-Castell, sondern eher so was wie minderwertige Billigstifte aus China, deren Spitzen nach dem ersten Aufsetzen aufs Papier mehrfach brachen, sodass man sie zu kleinen Stummeln zurechtspitzen musste. Genau so war es auch immer mit meinen echten Stiften. Ja, abbrechende Stifte wären die rote Linie meiner Zeichenkarriere gewesen, wenn man mit den Dingern denn überhaupt Linien hätte zeichnen können – ohne dass sie abbrachen. Mit der Zeichnerei wurde ich übrigens – oh Wunder – nicht reich und berühmt. Ich schickte während meiner Grundschuljahre ein paar Zeichnungen zu Wettbewerben, aber das Einzige, was ich damit jemals gewann, war der Besuch eines aalglatten Schlipsträgers bei uns zu Hause, der uns ‘ne überteuerte Bertelsmann-Enzyklopädie andrehen wollte. Toll! Für die Jüngeren unter uns: Das war so was wie Wikipedia, nur ohne Suchfeld und ohne Artikel über eure Lieblings-YouTube-Stars.

Wer nichts in der Birne hat, wird zur Not Sportler. Das geht immer. Zwar hatte ich was in der Birne (und habe hoffentlich auch heute noch nicht alles davon wegmalocht), trotzdem war ich in wenigstens einigen sportlichen Disziplinen gar nicht übel. Gut, wenn ich einen Ball warf, konnte der Sportlehrer die Weite mittels seiner Armspannweite messen, wobei ein Arm locker reichte, beim Handball versuchte ich einzig und allein, den Ball nicht in die Fresse zu kriegen, und ich schaffte tatsächlich nur einen einzigen Klimmzug, aber hey, ich konnte rennen, schnell wie der Wind. Nicht unbedingt olympiagoldverdächtig, zumindest NOCH nicht, dachte ich damals, aber es reichte immerhin, schadlos davonzukommen, wenn die Sechstklässler hinter einem her waren. Das war auch bitter nötig, denn wenn man mir eine rote Zipfelmütze aufgesetzt hätte, wäre ich vom Gartenzwerg nicht zu unterscheiden gewesen. Da hatte die Evolution ein Einsehen mit mir. Sie gab mir schnelle, wenn auch kurze Beine. Der neue Weltrekordhalter im Hundertmeterlauf wurde ich allerdings trotzdem nicht, damit also auch nicht reich und berühmt. Eine Blutgrätsche beim Fußball mit anschließender Bänderdehnung sowie später eine Knie-OP machten meine Ambitionen sowie meinen evolutionären Geschwindigkeitsvorsprung ein für allemal zu nichte: Ich blieb so langsam wie heute das Smartphone-Internet, wenn am Ende des Datenvolumens noch zu viel Monat übrig ist. Inzwischen waren aus einigen der einstigen Sechstklässler übrigens gestandene Neonazis geworden, doch glücklicherweise wäre ich im Zweifelsfall trotz kaputter Gelenke immer noch schnell genug davongekommen, weil so ein herkömmlicher Nazi naturgemäß säuft wie’n Loch und die wandelnden Fleischmützen damit so agil waren wie ein fest verbauter Kachelofen im Altbau. Half aber nix: Meine Läuferkarriere hatte sich totgelaufen.

Später, viel, viel später, da versuchte ich es mit dem Schreiben. Ich schrieb Gedichte, Kurzgeschichten, Texte wie diesen, oder eben alles, was gerade mal so raus musste. Auch hier war ich so schlecht gar nicht mal. Für einen Tausendseiter, wie er einem Stephen King beim Niesen versehentlich mal aus dem Ärmel purzelt, hätte mein Sitzfleisch während des Tippens zwar ohnehin nie gereicht, aber was hochgradig Intellektuelles, wo oft schon nach zweihundert Seiten das Ende der platonischen Fahnenstange erreicht ist, wäre theoretisch bestimmt drin gewesen. Nun funktioniert allerdings theoretisch auch der Kommunismus, drum ist es praktisch so, dass ich erstens weiß, dass man mit intellektuellem Geseiere vielleicht mäßig berühmt, keinesfalls aber reich wird, ich zweitens niemals das männliche Pendant zu Sibylle Berg hätte werden wollen, und mir drittens – ich erinnere an die nicht unterscheidbaren Kühe und Schweine aus meiner Erblinie – schlicht und einfach der Intellekt fehlt.

Nach all den Versuchen habe ich schließlich einen Trick entdeckt, mittels dem ich wenigstens so was Ähnliches wie Wohlstand anhäufen kann. Es nennt sich: arbeiten gehen. Kaum zu glauben, aber ehrliche Arbeit hilft akut gegen große Träume, hoch gesteckte Ziele und das damit meist einhergehende Arbeitslosengeld 2. Der Grad an Berühmtheit reicht beim Arbeiten zwar kaum über die Grenzen des Abteilungsmailverteilers hinaus, dafür kleckert monatlich wie von Zauberhand ein bescheidenes Salär auf mein Konto. Reichtum ist das nicht, für Bio-Eier reicht’s aber allemal. Was das Superstardasein angeht, bin ich nach dreißig Jahren unter dem Titel »Die Schwarze Null« einigermaßen geerdet. Und um, wie es der Weltliterat Sido einst so schön sagte, die Fuffis in den Club zu schmeißen, und zwar so richtig, muss man sowieso schon mindestens mal EZB-Präsident sein, kein oller Rapper aus Marzahn-Hellersdorf oder was auch immer. Ansonsten geht’s mir ja derzeit nicht anders als beispielsweise dem moralisch nicht ganz einwandfrei zu Reichtum gelangten Uli Hoeneß: Tagsüber sitze ich gezwungenermaßen in grauen Räumlichkeiten fest, schlafen darf ich aber wenigstens zu Hause. So gesehen habe ich es also doch zu was gebracht. Und falls in dreißig Jahren doch noch mal eine große Sinnkrise ansteht, erfinde ich einfach schnell vor meinem Ableben das Futur IV (Teil drei lass ich aus), ein kaum zu durchschauendes Konstrukt nicht eingetretener Möglichkeiten in einer bereits vergangenen Zukunft. Reich wird mich das posthum nicht machen, dafür aber berühmt: Generationen von Schülern werden mich gehasst haben worden hätten.

Montag, Februar 09, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Montag, Februar 09, 2015 | 3 Kommentare

Das Ende der digitalen Unschuld

Die Frühzeit des massentauglichen Internet ist eine Geschichte der Entbehrungen. Mir ist, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich so um 2000 herum vor meinem nikotinfarbenen PC vom Ausmaß eines Hochofens saß, der keuchte und stöhnte wie Darth Vader mit Schnappatmung und mit dem ich mich über ein schnarchlahmes Modem ins Netz einwählte, das ich nach hoffentlich erfolgreicher Verbindung wie einen Götzen anbeten musste, selbige bitte nicht ungefragt wieder zu trennen.

War dem Modem eh egal. Das Modem war ein Arschloch. Diese plötzlichen Verbindungstrennungen, untermalt von einem schadenfrohen »Klack« waren ein Ärgernis, weil damals jede scheiß Einwahl sagenhafte vier Pfennig kostete. Das klingt nicht teuer, aber weil ich das pro Tag vier, fünf Mal machte, so ziemlich jeden Tag im Monat natürlich, ganz davon abgesehen, dass die stehende Verbindung seinerzeit ja auch noch minütlich knapp zwei Pfennig kostete (was schon wahnsinnig günstig war) und es für angefangene Minuten hinterher nichts zurückgab, bedeutete das am Monatsende vor allem eines: »Kannst du mir mal bitte erklären, warum wir wegen dir schon wieder so eine hohe Telefonrechnung haben?« Das Für-die-Schule-Argument zog dabei in meinem Fall irgendwann auch nur noch begrenzt, weil mir bald keiner mehr abnahm, dass man für akkurate Schulnoten jeden Monat Unsummen im Internet versurfen musste. Vorher ging's schließlich auch ohne. Ja gut, vorher ging's auch ohne das Rad, und trotzdem stünde der Autofahrer von Welt heute ohne Rad irgendwie ziemlich blöd vor seiner Karre rum.

Aber ganz im Ernst: Was machten wir eigentlich im Internet? Liebe Eltern der letzten Generation, natürlich haben eure Sprösslinge dieses komische Internet nicht für die Schule benötigt. Nicht nur, jedenfalls. Solange sich die Texte für die nächste Wandzeitung eins zu eins auch vom Bertelsmanns CD-ROM-Lexikon klauen ließen, reichte uns das. War deutlich bequemer, als sich extra ins Internet einzuwählen und dabei zuzuschauen, wie die langsamsten Ladebalken der Welt sich gemütlich wie ein Hundertjähriger mit Rollator von null auf hundert Prozent hochkrebsten, während die Seite sich aufbaute, als würde sie jemand mit Papier und Prittstift von Hand zusammensetzen. Die Lehrer damals kamen außerdem nicht mal mit einem Videorekorder klar, drum war keine Hausaufgabe der Welt darauf ausgelegt, dass man irgendwas aus diesem komischen Internet heraussuchte. Nein, also wenn wir schon ins Netz gingen, dann für die wichtigen Dinge des Lebens.

Um über Napster illegal Musik zu laden beispielsweise. Das mit der gestohlenen Musik war freilich nicht neu, schließlich hatten wir CDs vorher auch schon im Laden geklaut, aber mit dem Internet hatte sich dieser Prozess digitalisiert. Künstler, Plattenfirmen und der nun nicht mehr benötigte Hausdetektiv fanden das vermutlich blöd, dafür freuten sich die Telefongesellschaft und die Verteiler von AOL-CDs. Und natürlich sämtliche Hersteller von CD-Brennern. CDs waren überhaupt prima: Im Gegensatz zu Kassetten gab's nie Bandsalat, und grundsätzlich gingen die Dinger eigentlich nur dann kaputt, wenn man sie an seine Freunde verlieh.

An und für sich war das »Saugen« von Musik in der Anfangszeit allerdings eine ziemlich zähe Angelegenheit. In einer Welt, in der eine simple Webseite ohne Bewegtbildgedöns – denn das gab es damals fast gar nicht – drei Minuten zum Laden benötigte, schaffte es auch die neuste Metallica-Single nicht schneller auf die Festplatte. Und wenn dann die Gegenseite, also der Blödmann, von dem man das Lied gerade kopierte, kurz vor Ende die Verbindung kappte, bekam man glatt Mordgelüste, denn nun musste man von vorn beginnen. Selbst machte ich mir daraus natürlich auch gerne mal einen Spaß. Hahaha, du willst dieses Lied haben, ja? Haha, nur noch vier Prozent? Drei? Zwei? Eins? Nope, Freundchen! Ein Klick, und alles war umsonst. Die Arbeit einer ganzen Stunde – verbrannte Erde aus unbrauchbaren Dateihappen.

Abgesehen von den hohen Telefonrechnungen fanden zumindest die meisten Eltern das aber ganz toll, was wir so machten. Sie kapierten nicht, was unsereiner da tat, wenn wir wie der Angestellte des Monats im professionellen Presswerk eine Silberscheibe nach der anderen im Brenner verschwinden ließen, um sie hinterher fein säuberlich mit Edding oder sogar bedruckten Labels zu verzieren und auf einen großen Stapel zu legen, der hinterher an Freunde oder andere Interessenten verteilt wurde – gegen Bares natürlich. Am Computer zu hocken war aus Elternsicht besser, als draußen heimlich eine Schachtel Kippen nach der anderen wegzuziehen. Nicht, dass dafür keine Zeit mehr gewesen wäre, aber ... Elternlogik halt.

Am Computer sitzen hieß für Eltern, wenn man nicht gerade zockte, dass man was lernte. Was für die eigene Zukunft tat. Für meine Mutter galt die für sie logische Devise: Beschäftigt der Junge sich mit dem Computer, macht er später mal was Anständiges und muss nicht am Fließband Plastikpflanzen zusammenkleben. Zwar klebe ich heute beruflich tatsächlich keine Plastikpflanzen zusammen, hätte ich mich damals beim Schwarzkopieren aber erwischen lassen, dann hätte ich vielleicht im Knast welche zusammengeklebt.

Um 2000 herum war auch an das Herunterladen von Serien und Filmen noch gar nicht zu denken. Gott, diese gigantischen Datenmengen! Ganze Filme, pah! Die passten doch gar nicht durch die Leitung. Und dann die Kosten! Einen neuen Film direkt in den USA zu kaufen – per Selbstabholung – wäre billiger gewesen. Mein Neid galt seinerzeit den paar Freunden mit teurer ISDN-Leitung. Wessen Eltern einen entsprechenden Vertrag bei der Deutschen Telekom hatten, der surfte nicht nur bedeutend schneller als ich mit meinem 56K-Miniaturpanzer, sondern durfte an gesamtdeutschen Feiertagen auch noch umsonst telefonieren und damit eben auch ... UMSONST SURFEN!!!

Ein digitales Eldorado tat sich für jene Glücklichen auf. Den Luxus nutzte einer meiner Freunde seinerzeit, um in einem fein abgestimmten Projekt über mehrere Sonntage hinweg Gina-Wild-Filme herunterzuladen. Gina Wild – die Älteren werden sich erinnern – war um die Jahrtausendwende herum neben Goethe und Schiller eine der großen deutschen Kulturfiguren (»Jetzt wird's schmutzig« – ein Drama in sieben Akten) und gehörte definitiv auf selbstgebrannte CD-ROMs, die es auf dem Schulhof zu verteilen galt, wenn man mal neue Freunde brauchte. Alle anderen mussten sich mit den unzähligen Internetseiten voller, äh, Aktbilder zufrieden geben, die einem beibrachten, was mit Körperöffnungen anatomisch gesehen noch so alles möglich ist. Ja, auch dafür brauchten wir das Internet, wenn wir uns im Zimmer einschlossen, um in Ruhe für die Schule zu lernen.

Heute kommt man an Filme und Musik viel einfacher und deutlich ungefährlicher. Es gibt tolle Online-Dienste wie Spotify. Will ich eine neue Platte anhören, kann ich das da tun. Jederzeit, immer wieder und das alles auch noch für umme und ganz legal. Ähnlich dekadent verhält es sich mit Filmen und Serien: Dank Netflix weiß ich inzwischen, dass nach »Akte X« doch nicht alle Serien Grütze waren. Dafür weiß ich auch, dass »Akte X« sehr wohl Grütze war. Ja gut, will man sich aktuelle Folgen der Serie »Game of Thrones« anschauen, dann ist's immer noch wie vor zwanzig Jahren, weil die Rechteinhaber irgendwie zu glauben scheinen, sie könnten am meisten verdienen, wenn wirklich niemand ihre Serie anschauen kann. Nicht fragen, ist halt so. Die Vertriebschefs haben vermutlich im Jahr 1850 erfolgreich BWL studiert und glauben, digitaler Vertrieb mache impotent.

Aber gut, es waren unschuldige Zeiten damals, als man noch das Gefühl hatte, das ganze Internet würde von Dampfmaschinen angetrieben. Heute gibt es den Spaß fast nur noch drahtlos, ohne fiepsendes Modem, das man in die Telefondose stöpseln muss, das die Leitung blockiert und so die Familie vom Rest der dauernd anrufenden Verwandtschaft abklemmt. WLAN gab es damals ja nicht. Und als es das endlich doch gab, war es beschissen: unsicher und die Verbindung schwankte schlimmer als Johnny Depp auf 'ner Pressekonferenz. Ein sehr cooler Trick war, zur Verbesserung der Verbindung etwas Alufolie um die Antenne des Routers zu wickeln. Das sah ziemlich nerdig aus und half kein bisschen. Leider.

Wie sich das geändert hat! Heute besteht die Luft zum Atmen wahrscheinlich zu fünfzig Prozent allein aus WLAN. Einmal zu tief Luft geholt, schon hat man vielleicht den viel versprechenden Online-Flirt des Nachbarn verschluckt. So ändern sich die Zeiten: Früher bekam man beim Einzug in eine WG zuerst den Schlüssel, heute fragt man nach dem WLAN-Passwort. Alles kein Thema mehr. Wer heute online sein will, kann das problemlos auch auf dem Klo sitzend tun, ohne den PC auf einem Rollwagen ins Bad karren und sich überlegen zu müssen, wie er die Verlängerungsschnüre durch die Bude legen soll. Früher druckte ich mir interessante Webseiten aus und nahm sie zum Lesen mit aufs Örtchen, heute machen das nur noch CDU-Politiker. Sorgenfrei auf dem Lokus hocken und die Zeit versurfen, während der eigene Hintern allmählich mit der Klobrille fusioniert, das wäre damals undenkbar gewesen.

Und auch der Begriff des Surfens an sich hat sich verändert: Erkundete man früher noch mutig auch die finstersten Ecken des World Wide Web (Ja, natürlich möchte ich den Sexy-Teens-Newsletter täglich kostenlos an meine Mailadresse geschickt bekommen, schließlich ist er KOSTENLOS!), besteht dieser Mut heute weitestgehend darin, nicht nur die Facebook-Timeline rauf und runter zu scrollen, sondern auch mal auf das Profil von Leuten zu klicken, die noch nicht in der eigenen Freundesliste vor sich hin gammeln.

Aus dem harten Scrollrad früher Tage ist eine verweichlichte Wischgeste geworden. Was uns früher beim Schleppen kaputte Knie und Rückenschmerzen bescherte, stecken wir nun in bunte Hüllen und werfen es in die Handtasche. Smartphones mit Dauer-Online-Zugang sind allgegenwärtig. Wir haben unsere digitale Unschuld verloren, unseren Entdeckergeist an Steve Jobs und Mark Zuckerberg verkauft. Man könnte weinen, wäre das nicht alles so ungemein praktisch. So schön bequem. Die Welt steht uns so viel offener als früher, es gibt keine Grenzen mehr. Wer braucht digitalen Survivalurlaub wie früher, wenn er all inclusive mit Klimaanlage haben kann? Ich muss nur mein Telefon in die Hand nehmen, den Browser öffnen und ... oh ... Mist, Datenvolumen ist aufgebraucht.

Mittwoch, Januar 28, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, Januar 28, 2015 | 2 Kommentare

Die Egaligkeit des Seins

Falls irgendwer sich fragen sollte, was ich treibe ... okay, ich erzähl's trotzdem. Ich sitze unter meinem Stein. Es ist schön hier, echt. Glaubt einem ja keiner, wie gemütlich es unter so einem Stein sein kann, bis er selbst mal druntergessen hat. Ich hab's nämlich aufgegeben, mich um das zu scheren, was draußen so vor sich geht und schaue mir stattdessen zum Beispiel Katzen-GIFs an. Das ist zwar wenig gehaltvoll, aber das sind Chickennuggets auch, und trotzdem rennt keiner draußen rum und brüllt: »Igitt, Chickennuggets!«

Ganz im Ernst, was könnte ich denn großartig verpassen, wenn ich statt Tagesschau und Spiegel Online lieber Bilder von Colonel Meow, Grumpy Cat und Bob dem Streuner anschaue? Ich meine, der Colonel hat es ins Guinessbuch der Rekorde geschafft, von Grumpy Cats berühmtestem Foto gibt es sehr wahrscheinlich mehr Kopien als von der Mona Lisa und Bob der Streuner hat sogar eigene Romane. Jede dieser Katzen hat es weiter gebracht als jeder in meiner Familie zusammengerechnet. Was zugegenermaßen nicht schwer ist, aber das ist eine andere leidvolle Geschichte.

Ich brauche keine Zeitung mehr, keine Nachrichten. Ich weiß, da draußen rennen immer noch Verrückte mit ans Kinn geklebten Schamhaaren rum und hauen unbescholtenen Bürgern die Rübe runter, die Ukraine wird immer noch großflächig von militanten Hobbygärtnern umgepflügt, wahrscheinlich geht just in diesem Moment Griechenland einmal mehr pleite, und die Amerikaner versuchen, ekliges Chlorhühnchen unter meinen Kartoffelbrei zu mogeln. Ihr seht also, ich bin bestens im Bilde. Hab viel besseren Stuhl, seit ich mir nicht mehr den Irrsinn der Welt auf die Schultern lade. Zum Beweis könnte ich freilich versuchen, eine Fotodokumentation draus zu machen, aber dann würde den NSA-Kollegen beim Durchschauen meiner Aufnahmen vermutlich schlecht werden, und jeglicher USA-Urlaub wäre dann für immer hinfällig.

Nee nee, ich hab meinen Frieden gefunden. Ich habe einfach keine Lust mehr auf diese gebündelte Blödheit da draußen. Wenn ich mich zu sehr aufrege, werde ich bloß zynisch. Am Ende kommt vor lauter Meckerei noch 'ne Mohammed-Karrikatur heraus, und dann zerballern mir irgendwelche bekloppten Islamisten die Wohnzimmereinrichtung mit freundlicher Unterstützung von Heckler & Koch. Und am Ende stellt sich wieder irgendein blöder Politiker hin und meint, der Islam gehöre zu Deutschland. Ha ja, von mir aus … Und demnächst macht der Sigmar Gabriel in Mekka 'ne Currywurstbude auf, oder was? Auge um Auge, Freunde der Sonne. Aber was schert das mich?

Außerdem bin ich gar nicht islamfeindlich oder so. Ich finde Christen genauso scheiße. Habe mal in Bonn gesehen, wie sechs vollverschleierte Frauen – eben diesem Islam angehörend, von dem jetzt alle reden – an einem Tisch saßen und Eisbecher mampften. Wer das gesehen hat, den kann eh nichts mehr überraschen. Da kann man auch gar nicht wütend über mangelhafte Integration oder was auch immer sein, wenn man dabei zuschaut, wie sechs vollbeladene Löffel abwechselnd unter schwarzem Tuch verschwinden. Wichtig ist, der einzige Gedanke, der mir in dem Moment durch den Kopf ging, war: Mensch, wenn das mal keine Flecken gibt. Tja, da soll einer behaupten, ich sei vorurteilsbehaftet oder weltfremd.

Das gilt übrigens so ganz allgemein für den Brandenburger an sich, denn aus Brandenburg komme ich ja. Wir Brandenburger sind offener, als allgemein angenommen. Also nicht alle, klar. Die wenigen Betonköpfe können aber nichts dafür, schließlich waren sie jahrelang eingesperrt, und beim Urlaub aufm staatseigenen Campingplatz steppt jetzt eher nicht so der Kulturbär. Ansonsten ist er aber sehr weltoffen, der Brandenburger an sich. Da haut man nicht nur den Schwarz- und Gelbhäuten was aufs Maul, sondern auch dem Landsmann, wenn er komisch guckt. Ich weiß das. Ich guck immer komisch.

Nee, Scherz. Schon schlimm, diese Nazibrut, vor allem im ehemaligen Ostdeutschland. Hocken da noch immer in ihren Kneipen vorm Köstritzer, verbreiten ihre dummen Deutschland-den-Deutschen-Parolen über ihre koreanischen Smartphones, tragen immer noch dieselben alten Klamotten – dieselben, nicht die gleichen – und schmoren überhaupt dermaßen im eigenen Saft, dass man meinen könnte, auf ihren Glatzen müsste sich längst 'ne knusprige Panade gebildet haben. Ich schäme mich schon so'n bisschen, von dort zu kommen. Letztens habe ich zum Beispiel auf Facebook in so 'ner Gruppe zu meiner Heimatstadt wieder was Fremdenfeindliches gelesen. Meine Güte, das kann ich gar nicht wiedergeben, so schlimm war das, also vor allem der Satzbau, aber auf groteske Art faszinierend ist es schon: Ganz egal, was einer postet, nach spätestens sechs, sieben Beiträgen meint irgendwer, was über diese fiesen Ausländer palavern zu müssen. Ich nenne das Phänomen den Braunen Brandenburger Senfautomaten. Dabei sind die einzigen Ausländer, die diese geistigen Napfkuchen je gesehen haben, die Quotentürken aus dem nachmittäglichen Hartz-IV-Schrottprogramm. Sonst gehen die doch gar nicht mehr vor die Tür, seit bei denen nach der Wende die Treuhand wohl versehentlich auch das Hirn abgewickelt hat.

Aber das alles lese ich jetzt auch nicht mehr mit. Ich rege mich sonst nur auf über so viel Blödheit. Und was da an Zeit draufgeht, bis ich im Kopf aus diesen grammatikalischen Kernschmelzen mal von Menschen lesbare Sätze gemacht habe … meine Fresse! Nee, muss ich mir nicht geben, echt. Ich halte es jetzt, wie schon die Ärzte in »Ignorama« singen: »Delfine im Thunfischsalat, wie gemein – Es könnt' mir nichts egaler sein.«

Unwissenheit kann auch ein Segen sein. Überhaupt, bei so vielen Katastrophenmeldungen, da muss unsereiner das Glücklichsein ja erst wieder erlernen. Reduktion aufs Wesentliche, back to basic. Manch einer muss dafür extra ins Dschungelcamp gehen, gemahlene Kakerlaken durch die Nase schlürfen und Walter Freiwalds nackten Hintern ertragen. Ich dagegen lass einfach die Glotze aus. Es kann ja so einfach sein. Wie schon Loriot sagte: Einfach nur hier sitzen. Wird man auch nicht dumm von. Dem weisen Mann vom Berg liefert sicher auch kein Abo-Service 'ne Frankfurter Allgemeine hoch. Auch nicht mit Mindestlohn.

Und schließlich lassen sich mit all der freigewordenen Zeit mal ganz neue Projekte angehen. Beispielsweise fit werden, indem man sich von Detlef D(ummschwätzer) Soost sexy-dot-com machen lässt, sofern die Werbung allein nicht schon Mordgelüste ausgelöst hat. Woah, so sehr hab ich niemandem einen Jo-Jo-Effekt gewünscht, seit mir Harry Wijnvoord mit seinem blöden Slimfast auf die Nüsse ging. Ja, manchmal werden Wünsche wahr, Detlef! Aber hey, wir wollen ja hier nicht unentspannt werden.

Apropos unentspannt: Kürzlich hab ich was über eine Initiative »bedingungsloses Grundeinkommen« gelesen – oder auch: »Wie etabliere ich als faule Sau ein Schmarotzerschneeballsystem für all jene, die auch keine Lust mehr haben, für ihren vollen Satz vorm Jobcentermitarbeiter die Unterhosen runterlassen zu müssen?« Also SO meine ich das mit dem entspannten Nichtstun natürlich nicht! Nee, da könnte ich echt ausrasten. Den Schulabschluss versemmeln, weil Kippen klauen bei Aldi und Streber verdreschen cooler ist, hinterher aber trotzdem ein dickes Stück vom Wohlstandskuchen abhaben wollen, was? Nicht mit mir, elendes Pack! GEHT GEFÄLLIGST ARBEITEN, SO WIE ANDERE LEUTE AUCH, STATT VOR DER VERDAMMTEN GLOTZE ZU VERBLÖDEN UND DIE HAND AUFZUHALTEN!!!

So, ich bin dann mal wieder unter meinem Stein. Alles ganz ruhig hier, ganz entspannt. Herrlich!

Dienstag, Dezember 30, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Dienstag, Dezember 30, 2014 | 2 Kommentare

Möge der Böller mit euch sein

Ah, das Jahresende ist da. Bald wird es wieder laut, dann fliegen die Raketen, fliegen die Böller, fliegen die Finger, und am Ende des Tages liegt man sich entweder in den Armen oder in der Notaufnahme. Silvester – an keinem anderen Tag im Jahr schafft es polnische Wertarbeit derart in die Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Der Polenböller, ein Exportschlager, das von gepresstem Klopapier umwickelte, mit Schießpulver gefüllte Äquivalent zum Mercedes Benz. So was gibt es nur am letzten Tag des Jahres.

Silvester ist ja eh ein Fest der Gegensätze. Wir freuen uns, dass endlich ein neues Jahr beginnt, versaufen aber gerne derart den Beginn, dass das frische Jahr genauso verkatert startet, wie das alte aufgehört hat. Vielleicht wollen wir ja einfach nur vergessen, schließlich wurde wieder nichts richtig fertig im alten Jahr. Was wollten wir nicht alles gemacht haben? Das Wohnzimmer streichen oder die Kinder aus dem Testament, den Partner fürs Leben finden oder wenigstens mal den eigenen Kopf. Nichts hat geklappt, und schon wieder ist ein Jahr rum. Wir blicken zurück auf das, was wir gepackt haben und sehen ... nichts. Wieder ein Jahr Lebenserwartung im Büro wegmalocht und dabei nicht mal die Hälfte der aufgelaufenen Mails abgearbeitet, geschweige denn gelesen. Und nicht, dass wir sonst was bewegt hätten. Die Welt, die blöde Sau, hat sich weitergedreht, einfach so, ohne unser Zutun. Nie wird einem bewusster, dass man dieses abgearbeitete Nichts noch höher stapeln kann als Scheiße, als am Silvesterabend, während einem der Geruch von Schießpulver in die Nase und der Sekt zu Kopf steigt. Da kann man schon mal melancholisch werden. Und besoffen.

Überhaupt Sekt: Das ist auch so ein Gesöff. Alle stehen sie da mit ihrem Gläschen, stoßen an und reichen die Pulle rum, als gäbe es nichts Besseres unter der Sonne. Ich für meinen Teil versuche ja immer, das Zeug geschickt um die Geschmacksknospen auf der Zunge herumzuzirkeln, und wenn keiner guckt, kippe ich den Rest entweder ins Becken oder vergesse mein Sektglas ganz zufällig auf irgendeinem Beistelltisch. Hups, weg isses. Mensch, der Rotkäppchen-Sekt war aber auch wieder lecker! Gibt es überhaupt irgendjemanden da draußen, dem Sekt schmeckt? Ist wahrscheinlich wie mit Tomatensaft, den man ja auch nur im Flugzeug trinkt, weil ... ja weil halt. Oder mit Popcorn, das man auch nur im Kino isst, weil zerkleinerter und karamellisierter Bauschaum außerhalb von Filmvorführsälen einfach nicht sonderlich bekömmlich ist und eine Darm-OP nach sich zieht. Na ja, einige Dinge werde ich wohl nie verstehen.

So wie das mit manchen Vorsätzen. Es ist doch jedes Jahr dasselbe: Die Raucher hören auf zu rauchen, weil sie sich das vorgenommen haben. Bis sie dann ein paar Tage später auf die Waage steigen, weil die neue Jeans nicht mehr über den Hintern rutschen will. »Wenn ich aufhöre zu rauchen, nehm ich zu«, argumentieren sie hinterher und ziehen sich den nächsten Sargnagel rein. Dabei liegt das nicht an den Kippen, sondern an der Fresserei. Teer und Nikotin haben noch keinen dünn gemacht, sag ich immer, aber auf mich hört ja keiner. Und dann, nach Neujahr, ist auch das Fitnessstudio plötzlich wieder so voll, weil all die Sportmuffel, deren Bluthochdruck sich bereits warnend auf ihren roten Pausbäckchen abzeichnet, die Fitnessgutscheine, die sie zu Weihnachten bekommen haben, einlösen wollen oder müssen. »Lieber jetzt was für den Körper machen, bevor es zu spät ist«, ist dann gerne mal zu hören, und bei so manchem, der im Vorbeigehen die Sonne verdunkelt, fragt man sich schon, wie er »zu spät« eigentlich definiert. Wäre aber schön, wenn es klappt und der eine oder andere stark bleibt, statt dass zwei Wochen später nach Feierabend Kollege Schweinehund mit einem Hefeweizen oder einer Tasse Kakao und Schokoladenkeksen um die Ecke schlendert und man den Sport eben Sport sein lässt, weil irgendwo die neue Staffel »Game of Thrones« angelaufen ist. Aber gut, mir kann's ja wurscht sein, und abgesehen davon begrüße ich das von Jahr zu Jahr zunehmende Gesundheitsbewusstsein durchaus. Haben wir ja alle was von, was auch immer das sein mag. Denn dass von Jahr zu Jahr auch die Beiträge zur Krankenversicherung steigen, wird derweil wohl ein Geheimnis gut geföhnter Versicherungsmathematiker bleiben.

Aber ich will nicht unken. Auch ich werde mir natürlich wieder ein paar Vorsätze machen. Als vitaler Mensch braucht man ja schon irgendwie ein Projekt, ein bisschen Motivation, um auch die nächsten zwölf Monate wieder ohne Leberzirrhose zu überstehen. Muss ja nichts Großes sein. Mein Vorsatz wäre da beispielsweise einfach: Überleben. Kein Scherz. So ein Jahreswechsel wird ja auch immer ein bisschen begleitet von der Angst vor dem Neuen. Das kann alles sein: neue Blutwerte, neue Zellwucherung, neue Depression. Neu ist nicht immer besser, auch wenn die Industrie einem das gern so verkauft. Und wer weiß, was die uns kommendes Jahr wieder alles ins Essen mischen, um uns abzumurksen? Da hat es schon was Zynisches, wenn man trotzdem all die Unwägbarkeiten des Alltags meistert, kerngesund zwölf Monate am Stück übersteht und sich dann am letzten Tag des Jahres ausgerechnet die Onaniehand wegböllert. Tja, Freund Blase, mit besten Grüßen aus Warschau.

Aber Spaß beiseite. Passt auf euch auf, seid lieb zueinander, scheut euch aber auch nicht davor, den blöden Nachbarn mit der 5000-Watt-Anlage bei der Hausverwaltung anzuscheißen. Lasst die Finger von Drogen, vor allem aber von künstlichen Fingernägeln. Baut auch sonst keinen Mist, vor allem keine Homepages mit Comic Sans, und wenn dann endlich auch der Letzte von euch verstanden hat, dass man im Deutschen so gut wie niemals ein Apostroph benutzt, dann habt ihr einen kleinen Wahlberliner sehr glücklich gemacht. In diesem Sinne: Möge der Böller mit euch sein. Einen guten Rutsch und vorab schon mal ein frohes neues Jahr. Wir werden es öfter hören, als uns lieb sein kann.