»Hallo Erdling! Dieses, wenn auch unregelmäßig fortgeführte, so doch liebevoll gepflegte Blog ist voll der Texte des Autors links, der sich PhanThomas nennt und gern in der dritten Person von sich redet.«

Donnerstag, Juli 24, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Donnerstag, Juli 24, 2014 | Keine Kommentare

Schatz, lass mal nach Urlaub gucken

»Schatz, lass mal nach Urlaub gucken«, sagt meine Freundin, als wir gerade reglos auf dem Sofa herumlümmeln wie zwei Eidechsen, die sich auf einem Stein sonnen.
    Ich heb den Kopf und schaue sie ungläubig an. Allein diese Bewegung erzeugt Niagarafälle an Schweiß, die über meine Stirn rinnen, um elegant an den Augenbrauen vorbeizuzirkeln und im Auge zu brennen wie frischer Morgenurin.
    »Urlaub?«, frage ich sicherheitshalber. Sie nickt. »Du meinst ...«, ich werfe einen Blick aufs Thermometer, das knappe 28 Grad Wohlfühltemperatur im Wohnzimmer anzeigt und inzwischen dabei ist, sich zusammenzufalten wie eine von Dalís Uhren, »... irgendwohin, wo's warm ist? Was mit ... viel Sonne?« Ich frage das nur vorsichtshalber, schließlich fühlt sich die Boxershorts an meinem Hintern inzwischen an, als hätte ich mir gebrauchte Teebeutel in die Hose gehängt.
    »Nee, muss nix mit Sonne sein«, sagt meine Freundin. »Kann ja auch irgendwas im Norden sein. Hauptsache ein bisschen raus. Mal was anderes als immer zu Hause sein.«
    Das ist ja wieder typisch, denk ich. Da gibt man tausende Euros aus, um aus dem Wohnzimmer ein Ersatzkino zu machen, definiert den Begriff »Comfort Zone« neu, indem man das schwerste Polstermobiliar des Planeten bei IKEA aus dem obersten Regal wuchtet, dann drei Tage mit dem Aufbau verbringt, davon einen mit dem Übersetzen der Anleitung und einen mit dem Reklamieren der fehlenden Teile, und dann heißt es plötzlich, Hauptsache ein bisschen raus und mal was anderes als zu Hause. Wozu hat der Mensch das Hausen in Höhlen, schließlich sogar das Aufstellen wuchtiger Anbauwände voller Kristallglas und Porzellanfiguren aus Omas Erbmasse überwunden, und so das Wohnzimmer nahezu perfektioniert, wenn es am Ende doch nur heißt, Hauptsache ein bisschen raus und mal was anderes als zu Hause? Dann hätt's statt einer teuren Couch auch ein Bierkasten als Sitzmöbel getan.
    Aber vielleicht hat sie ja Recht, meine Freundin. Für gewöhnlich hat sie das, denn das hält den Haussegen im Lot. Man lebt nur einmal und soll bekanntlich was draus machen. Wenn ich da an meine Eltern denke: Die wollten immer mal nach Ägypten fahren und die Pyramiden angucken. »Machen wir dann später mal«, sagten sie jedes Mal und kauften sich am Ende vom Erspartem doch nur 'ne neue Luxuskaffeemaschine mit nutzlosen Funktionen wie einer selbstreinigenden Brühgruppe, die einem an schlechten Tagen auch noch »No Milk Today« vorsingt. Heute sähe so ein Ägyptenurlaub mit meinen Eltern wohl so aus:
    Mama: »Was ist denn das da für'n kleiner Tempel?«
    Ich: »Das ist ein kaputter Leopard-II-Panzer. Den haben die von uns.«
    Papa: »Und wo sind jetzt die Pyramiden?«
    Ich: »Weggebombt. Ach so, und heb nicht den Fuß hoch. Du stehst auf 'ner Landmine. Hab per App schon den Notruf angefunkt. Die bringen uns aus der Wüste.«
    Papa: »Ah, da kommen sie ja schon.«
    Ich: »Wo? Ach du meinst die, die da angerast kommen? Die Bärtigen? Nee, das ist Al-Qaida. Die bringen uns eher in die Wüste und hacken uns die Rübe runter.«
    Mal im Ernst, das will man in seiner Pauschalreise ja auch nicht drin haben. Auch wenn All-Inclusive da gerade zum Schnäppchenpreis zu haben sein sollte: Lieber höre ich als letzte Worte »Pass auf, der Bus!« als irgendwas wie »Allah ist groß!« in einer Sprache, die klingt, als hätten alle Vokale sich erfolgreich vorbeigeschlichen, um in den Westen zu flüchten.
    Apropos Westen: Drüben bei Uncle Sam muss es auch nicht besser sein. Floridas Alligatoren hätte ich mir zwar schon gern mal aus der Nähe angeguckt, aber heutzutage muss man ja Angst haben, da auch nur aus dem Flugzeug zu steigen. Einmal was Falsches getwittert wie »Reise in die #USA: Bombenspaß bei #Obama!!11!«, schon gibt's die Spezialbehandlung für europäische Freunde: Tagelange Fragerunden im fensterlosen Wohnklo, und hey, sind das nicht Blutspritzer da an der Wand? Zum Einschlafen gibt's Videos von der arschwackelnden Miley Cyrus bei 200 Dezibel. Und wenn man am Ende unter Tränen immer noch versichert, noch nie was von diesem Aiman az-Zawahiri gehört zu haben, ja der einzige bekannte Aiman sei der, der diese eine Verdummungssendung »Galileo« auf ProSieben moderiere, und das sei ja wohl Terror genug, ja gerade, wenn man denkt, schlimmer kann es nicht mehr kommen, dann schlendert der nächste Kollege pfeifend zur Tür rein, in der Hand ein Hanfseil, ein durchnässtes Handtuch und 'ne randvolle Gießkanne. Waterboarding, das lernt man spätestens in der folgenden Fragerunde, ist eben doch keine Fun-Sportart, auch wenn sie das bei »Galileo« behauptet haben.
    »Schatz, wie wäre es mit Ägypten?«, frage ich also, während ich über die Angebote bei reise.com scrolle. Reise.com - der Anbieter mit dem dämlichsten Werbespruch seit dem Spot für Vagisan Feuchtcreme: »Wenn ich reise ... (Pause) ... ist es weise ... (noch mal Pause, tief durchatmen) ... buche ich auf reise.com.« Wer bei dem Spot auch nach dem zehnten Ansehen nicht wutentbrannt vom Sofa aufspringt, der sollte dringend darüber nachdenken, das Ritalin abzusetzen. Mir stellen sich ja zwei Fragen. Erstens: Warum????? Zweitens: Wenn reise.com es schafft, die Marketingabteilung ausschließlich mit Pavianen zu besetzen, weshalb müssen andere Unternehmen dann Unsummen fürs Marketing ausgeben?
    »Ägypten? Aber da ist es doch noch heißer als hier«, wirft meine Freundin ein. Berechtigterweise, denke ich, wo ich mich doch gerade frage, ob da eben eine riesige Kakerlake über meinen Rücken gelaufen ist, oder ob nur der dickste Schweißtropfen aller Zeiten zwischen meinen Arschbacken verschwunden ist. Bah! »Außerdem ist da Krieg«, schießt sie hinter.
    »Es ist überall Krieg«, erwidere ich. Ist doch so! Willst du in ein friedliches Land mit Anstand und Ordnung reisen, sagen wir, nach Nordkorea beispielsweise, dann musst du Angst haben, dass während des Überflugs eines Kriegsgebiets die vollbesetzte Boeing für einen Eurofighter gehalten und vom Himmel geballert wird. Das ist schlimm, sehr sogar. Vor allem aber hinkt auch die Argumentationskette der Angreifer. Wenn ich behaupte, Kate Moss gesehen zu haben, obwohl jeder weiß, es war Beth Ditto, dann stellt sich für alle Beteiligten automatisch die Frage, ob ich einfach einen Knick in der Optik oder schlicht nicht mehr alle Steine auf der Schleuder habe. Schlimm, schlimm. Und dann stellt sich auch noch so'n Putin da hin und behauptet, die anderen seien's gewesen. Hab ich früher auch immer gemacht, nachdem ich eine Scheibe eingeschmissen hatte und beim Wegrennen erwischt wurde. Nee, da wollen wir nicht drüberfliegen.
    »Na dann lass uns doch in den Süden reisen«, schlägt meine Freundin vor. »Wie wäre es mit Italien?«
    »Nix da. Da ist die Mafia«, sage ich. »Hast du mal den Film Gomorrha gesehen? In Italien hockst du nichtsahnend auf dem Klo, und dann bohrt plötzlich von unten einer 'ne Knarre in deinen Hintern und drückt ab, weil er dich mit dem Enkel von Don Gillette verwechselt hat!«
    Meine Freundin rollt mit den Augen. »Und was ist mit der Schweiz? Schweiz ist doch schön.«
    »Da können wir auch gleich nach Gütersloh fahren«, sag ich. »Abgelehnt! Is' nich'!«
    »Dänemark?«
    »Nope. Alles voller LEGO da. In Dänemark läufst du einmal ohne Schuhe herum, schon müssen sie dir einen Satz Hobbit-Figuren operativ aus dem Fuß entfernen.«
    »Schweden?«
    Ich schüttle den Kopf. »Billy und Benno stehen nebenan, auf Ektorp sitzen wir drauf, ansonsten gibt’s in Schweden an Kultur nur noch die Villa Kunterbunt, und wenn du die sehen willst, können wir auch 'ne Woche Besuch bei meinen Eltern ankündigen.«
    »Ja meine Fresse«, schimpft meine Freundin und springt auf, »dann sag doch gleich, dass du nicht in den Urlaub fahren willst. Geh ich halt jetzt auf den Balkon!« Sie verschwindet um die Ecke und kehrt kurz darauf mit Handfeger und Schippe zurück, die sie energisch vor sich herträgt wie ein römischer Legionär Speer und Schild. »Da kann ich wenigstens das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und das Laub runtersammeln, das da schon seit letztem Herbst liegt.«
    Find ich auch, denke ich. Warum nicht gleich so? Ich klappe das Notebook zu und lehne mich wieder entspannt zurück. Urlaub ist schon was Feines.

Sonntag, Juli 20, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Sonntag, Juli 20, 2014 | Keine Kommentare

Shades of Brown

Ich sitze auf dem Klo und ... kacke. Scheiße noch mal, was soll ich auch groß drum herum reden? Legt man einem großen Haufen einen Blumenkranz aufs dampfende Haupt, wird nicht plötzlich eine wohlgeformte Hula-Tänzerin draus. Ich habe noch nie viel davon gehalten, um den heißen Brei herumzureden, oder in diesem Fall um den heißen, wohlgeformten Stuhl. Das heißt, mit wohlgeformt hat das ganze Geschäft hier eigentlich nichts zu tun, denn ich hatte Mittagessen im kleinen asiatischen Restaurant um die Ecke. Dort ist man immer freundlich, immer bemüht, die Portionen sind ach so riesig, die Preissteigerungen moderat, das Glutamat mundet ganz wunderbar, und weil mir die Schärfe des Dargebotenen meistens nicht reicht, lege ich noch ordentlich nach. Wofür sonst stehen da diese kleinen Gläschen mit dem roten Zeug auf jedem Tisch? Tischschmuck gäbe es ja wohl besseren.   
    Teufel noch mal, brennt das! Man weiß es zwar vorher, aber was interessiert es mich, während es oben so gut schmeckend reingeht, was später mal hinten wieder rauskommt? Wäre das Batmobil ein Lebewesen, es würde, wenn jemand auf die Nachbrennertaste drückt, ähnlich dreinschauen wie ich, der ich gemartert auf dem Lokus hocke.
    Aber bei allem Brennen, es ist doch so herrlich ruhig hier. Es gibt nicht viele Orte auf der Welt, die so ruhig sind. Bei Waldspaziergängen etwa nerven die Vögel, und ist es doch mal ruhig, dann rennt man früher oder später in ein Spinnennetz. Zumindest ich schlage dann wild um mich und keife, als hätte jemand meine Testikel zwischen zwei Backsteinen zerquetscht. Bei Kamelen macht man das, hab ich mal gehört, wirklich: Die armen Tiere werden an den Wassertrog gelockt, und während sie sich nichtsahnend erfrischen, befördert der Kamelzüchter ihre wehrlosen Fortpflanzungsmitbringsel in den siebten Kamelhimmel. Den Gedanken, ob das etwas über das traurige Leben eines Kamels aussagt oder über die Perversion des Menschen, habe ich bisher nie zu Ende gedacht. Und auch nicht, ob es Dromedaren wohl genauso ergeht. Aber hier, jetzt und hier, wäre doch ein guter Ort fürs Nachdenken, wo es gerade so schön ruhig ist. Nur im Sarg kann es stiller sein. Oder vielleicht in einer Bibliothek, wenn mal niemand da ist, der sich dauernd räuspern muss oder der nie gelernt hat, leise umzublättern. Diese Leute, die ihren Finger befeuchten, bevor sie penetrant laut umblättern, ich hasse sie! Die schlürfen auch laut Suppe, beißen mit hundert Dezibel in einen Apfel und zünden Katzenbabys an. Ich möchte die Spucke dieser Menschen nicht an meinen Fingern haben, wenn ich ein Buch lese! Und nehme mir deshalb jedes Mal vor, öffentlich ausliegende Bücher nur noch mit ungewaschenen Fingern zu lesen, einfach aus Rachegelüsten. Ha!
    Doch immer mit der Ruhe ... Jetzt würde ich ja gern was lesen. Hab aber mein Buch vergessen und unterhaltsam bedrucktes Klopapier hat irgendwie selbst anno 2014 noch niemand erfunden. Dabei wären manche Machwerke prädestiniert dafür: »Shades of Grey« beispielsweise. Die Bücher sind eh für den Arsch. Zeitungen gibt es hier auch nicht, weil ich keine lese. Diese unsäglich großen Druckerzeugnisse, die laut rascheln, die man nicht gescheit halten kann, ohne dass einem beide Arme einschlafen, man seinen Nebensitzer ärgert oder man hässliche Knicke ins Papier macht - oder alles drei gleichzeitig. Wer hat diesen Mist, der allenfalls als Unterlage für schmutzige Handwerker taugt, überhaupt erfunden?
    Nun, aller Ärger hilft ja nichts, ich sitze schließlich hier und habe lediglich nichts zu lesen, es gibt also nichts, über das ich mich aufregen bräuchte. Alles gut. Nur Stille. Glückseligkeit. Ich starre auf den Fußboden und versuche, das Brennen an meinem verlängerten Rücken zu ignorieren, das sich anfühlt, als würde mir jemand einen glühenden Speer in den Allerwertesten treiben. Gibt ja Schlimmeres. Man denke an die Kamele.
    Manchmal wünsche ich mir in diesen Momenten der Ruhe, die Sonne würde in dieses Badezimmer hineinscheinen, um den Augenblick perfekt zu machen. Ein göttlicher Strahl, der mich in warmes Licht hüllt, den Schmerzschweiß auf meiner Stirn funkeln lässt wie kleine Diamanten, während ich dem natürlichsten aller Bedürfnisse nachgehe. Stattdessen sind die meisten Bäder in Städten fensterlos - wie auch dieses. Wie dumm ist das eigentlich? Man kann nicht lüften, und hat man während eines Geschäftes wie meinem Gäste im Haus, dann muss man hoffen, dass nach einem niemand zur Toilette möchte. Was würden die denn bitte denken, wenn ihnen beim Betreten des Bades eine Welle aus bestialischem Gestank entgegenschlägt, gefolgt von unkontrollierten Würgereizen? Peinlich! Badezimmer mit Fenstern sollten ein Grundrecht sein, jawohl! Ins Grundgesetz gehört das: »Artikel 1 (4): An Badezimmern mit Fenstern soll es niemandem mangeln.« Klingt jetzt eher nach Bibel, obwohl ich den Wälzer - auch ideal fürs Klopapier eigentlich - nie in der Hand hatte, aber immerhin klingt es vernünftig. Stattdessen sind Leute wie ich verpflichtet, ihre Hinterlassenschaften mit Raumspray zu übertünchen. Als würde das Verteilen künstlicher Fliederaromen irgendwas besser machen. Das ist so, als würde man sagen: »Hey, falls du jetzt echt ins Bad gehst, also da stinkt es erbärmlich nach Scheiße, aber mach dir keine Sorgen, ich hab den Mief mit Kunstfliederaroma veredelt, sodass du gar nichts merken wirst.« Bullshit ist das!
    Aber darin sind wir eben besonders gut, wir Menschen: im Übertünchen, im Verneinen, im Verweigern, im Wegschauen. Nicht aber im Wegriechen, dabei wäre die Welt, wäre all das genau umgekehrt, doch so viel besser. Alle Probleme wären längst gelöst, weil jeder sich um den anderen kümmern würde, und entfleuchte doch mal jemandem ein frecher Wind, dann röche jeder brav weg. Röche, auch so ein Wort. Wer hat sich diese blöden Konjunktive ausgedacht? Flieder drauf, echt!
    »Was machst du denn da drin?«, höre ich meine Freundin vor der Tür rufen. Oder dahinter - alles eine Frage der Perspektive. Früher hatte sie noch gefragt: »Alles okay?« Voller Sorge, als hätte ich auf dem Porzellanthron einen Infarkt erlitten. Männer sterben ja bekanntlich früher, und man weiß schließlich nie. Heute fragt sie dagegen, was ich mache. Ja was? Dasselbe wie immer eben. Sie will nicht wahrhaben, dass ein Mensch aus Fleisch und Blut derart lange auf der Klobrille hocken kann. So als könne es einfach nicht stimmen, als würde ich in Wahrheit eine wilde Party mit Freunden und Flieder feiern und hätte sie nicht eingeladen.
    »Na was denn, ich bin aufm Klo!«, rufe ich energisch im Tonfall der aufgeklärten Zweisamkeit, überzogen mit einer Zuckerglasur aus Liebe, zurück. Eine so laute Stimme in diesem bisher so stillen Zimmer. Fast befürchte ich, die Fliesen könnten vor Schreck erzittern und klappern. Vermutlich hallt meine Antwort diese komische, nicht funktionierende Automatiklüftung hinauf, sodass die Bewohner über uns nun auch wissen, was ich treibe. Aber die NSA weiß ja eh alles. Miese Schweine! Dreckssystem!
    »Aha«, sagt meine Freundin und zieht von dannen. Aha - nur ein Wort und doch ein Universum des Wertens. Ich höre ihre besockten Füße übers Laminat schleichen, dann geht die Wohnzimmertür zu. Ich bin wieder allein. Allein mit mir. Und der Stille. Wo war ich? Ach ja, die Welt, und wie viel besser sie doch sein könnte, wenn manches umgekehrt wäre. Ein so greifbarer und doch so ferner Gedanke. Manchmal denke ich, herrschte überall Frieden, dann gäbe es nur noch mehr Menschen als jetzt. Wir müssten noch mehr Tiere töten und essen, noch mehr Wälder roden und Ackerbau zu betreiben, noch mehr Schindluder mit diesen ekligen Genen treiben, die jetzt schon überall drin sind, und am Ende würden nur noch mehr Menschen verhungern. Und dann wäre die Welt wieder schlecht. Schlecht, schwarz und voller Blut, voller verhungerter Menschen und voller Gene.
    Ich seufze. Und als wäre das ein Zeichen, huscht ein Silberfischchen über den Fußboden. Kruzifix, denke ich, ich hab doch erst gestern gewischt! Wieder einmal fällt mir auf, dass es immer nur ein Silberfischchen pro Badezimmer zu geben scheint. Knallharte Revierpolitik ist das. Vielleicht sind die Silberfische aber auch einfach nur gern allein im Bad. Vielleicht geht es ihnen da wie mir. Ich schaue dem kleinen, über die Fugen zwischen den Bodenfliesen huschenden Tier zu, als es plötzlich innehält. Vielleicht fragt es sich, weshalb ich es so anstarre, vielleicht hat es aber auch gar keine Augen, kein Gehirn, nicht mal etwas Vergleichbares und kann sich schlicht nichts fragen. Vielleicht fühlt es sich jetzt gerade wahnsinnig groß, wo es ja ganz allein auf weiter Flur ist und über den Fußboden huschen kann, wie es ihm beliebt. Vielleicht fühlt es sich aber auch ganz klein und einsam. Denn es ist doch so winzig, so winzig, wie auch ich, obwohl ich zumindest im Augenblick der König des Porzellanthrons bin. Mein ganzes Leben ist nicht einmal ein Wimpernschlag in der Geschichte des Universums. Dass ich jetzt hier sitze, ist im Kontext von Raum und Zeit gar nicht wahrnehmbar. Irgendwann werde ich verschwunden sein, es wird sein, als hätte es mich nie gegeben. Nichts bleibt zurück, nichts von dem, was ich je getan habe und noch tun werde, sofern nicht wirklich gleich einen Infarkt erleide. Und das, wo es doch im Moment so essenziell ist, dass ich hier sitze. Mir fällt »Dust In The Wind« von Kansas ein. »I close my eyes, only for a moment, and the moment's gone.« Da könnte man schon verzweifeln, wenn man drüber nachdenkt. In hundert Jahren wird die Welt mehr über den Anfang und das Ende des Universums wissen als über mich. Und der Anfang war ein Nichts, während ich ein Jemand bin. Das muss man sich mal vorstellen, obwohl da ja schon der größte Fehler beginnt: sich das vorstellen, das Nichts, so als wäre es ein Etwas. Ach ... »Duuuuust in the wind ...«
    Jetzt fällt auch mir auf, dass ich zu singen begonnen habe. Ganz leise nur. Als ich noch allein lebte, sang ich voller Inbrunst. Mir doch egal, ob die Nachbarn zuhörten. Im Badezimmer singt jeder begnadet, textsicher oder nicht.
    Mir fällt Kollege Silberfisch wieder ein. Wir sind ja irgendwie zwei Buddys, wir beide, so richtig dicke. Ich denke, ich sollte ihn Jochen nennen. Ich schaue mich um, doch er ist verschwunden. Einfach weg. »All we are is dust in the wind. Oh, ho, hooooo ...«
    »Singst du da jetzt auch noch?«, höre ich meine Freundin aus dem Flur rufen. Sind das eigentlich alles immer nur rhetorische Fragen? Wer sollte denn sonst hier singen? Jochen etwa? Weiber, denke ich und schüttle ganz machomäßig den Kopf, während ich zwei Blatt vom Klopapierhalter löse und sorgsam falte. »Komm mal langsam raus da!«, setzt sie nach. Das Misstrauen in ihrer Stimme trieft durch die Türritzen wie ranziges Frittenfett. Sie denkt noch immer, ich würde hier eine Feier schmeißen, und nur die besten DJs legten auf, und die Nebelmaschinen schössen Fliederaroma durch den Raum. Schössen, auch so'n ... ach, lassen wir das.
    Ich stehe auf, begutachte den Unfall in der Schüssel für einen Moment, »Shades of Brown«, denke ich, dann drücke ich auf die Spülung und greife zur Bürste. Mein Universum der Ruhe endet im satten Rauschen des herabstürzenden Spülwassers. Ein umgekehrter Urknall, der Moment, in dem aus dem Nichts ein Etwas wurde, und fast spüre ich so etwas wie Bedauern. Jochen würde mich verstehen, denke ich.
    »Komme ja schon«, rufe ich prophylaktisch, während ich die fensterlose Kammer der schweifenden Gedanken mit künstlichem Fliederaroma verpeste. Flieder ... Warum eigentlich Flieder und nicht Banane?

Freitag, Juni 27, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Freitag, Juni 27, 2014 | Keine Kommentare

Als meine Mutter im Wohnzimmer tanzte

Als ich das Gartentor öffnete, das schon seit Jahren zuverlässig klemmte, weil das Holz sich verzogen hatte, und das beim Öffnen verräterisch quietschte, hörte ich laute Musik aus unserem Haus durch jede Ritze schallen. Ich brachte mein Fahrrad in den kleinen Schuppen mit den vielen Geräten, die nie jemand benutzte - aber es war ja immer gut, alles parat zu haben, man wusste schließlich nie, wann man mal was brauchte - und schloss dann vorsichtig die Haustür auf. Wenn man in meiner Familie aufgewachsen war, dann erwartete man nicht, dass laute Musik aus dem Haus dröhnte, wenn man selbst gerade nicht da war. So ging es wenigstens mir: Ich war der Einzige, der an schönen Tagen die Anlage derart aufdrehte, dass durchs offene Fenster die ganze Straße beschallt wurde. Ein Verhalten, das sich später unbemerkt abtrat wie ein Klumpen Erde unterm Schuh, was im Nachhinein ungemein hilfreich war, damit es auch langfristig mit den Nachbarn klappte.
    Als ich das Haus betrat, sah ich, dass es sich nicht um die vermuteten Einbrecher auf LSD handelte, die die elterliche Stereoanlage bis an die Belastungsgrenze peitschten. Schon die Musik - ich erinnere mich nicht mehr an das Lied, aber es wird wohl was »Schlageriges« gewesen sein - hätte Indiz genug sein müssen: Es war meine Mutter, die im Wohnzimmer stand, still mitsang und tanzte.
    Meine Mutter war immer die Korrekte. Mein ganzes Leben lang. Sie war diejenige, die meine Mathematikhausaufgaben noch mal nachrechnete, die ins Hausaufgabenheft schaute, nur um sicherzugehen, dass ich auch wirklich alles erledigt hatte, bevor ich mich an die Spielkonsole setzte oder mit dem Fußball unterm Arm aus dem Haus verschwinden wollte. Später hatte sie mir diese Korrektheit derart eingeimpft, dass sie nichts mehr kontrollieren musste. Ich war Perfektionist. Während meine Schwester an diesem Verhalten verzweifelte, war es bei mir von Erfolg gekrönt. Ich absolvierte mein Abitur fast mit Bestnote. Erst im Studium wurde ich dann wieder schludrig, was mir allerdings auch nicht schadete und damit eine der ersten großen Lebenslehren für mich wurde: einfach nach dem Min-Max-Prinzip vorgehen, also mit minimalem Aufwand maximale Ergebnisse erzielen. So blieb mehr Zeit für die vergnüglichen Dinge des Lebens. Die mit den besten Noten standen am Ende auch nicht besser da.
    Meine Mutter war immer die, die sich um den Haushalt kümmerte. Das war ganz klassisch in unserer Familie. Sie weckte uns Kinder morgens pünktlich um sechs, sie war die, die unsere Wäsche wusch, Socken sortierte und dafür sorgte, dass am Ende des Geldes nicht noch zu viel Monat übrig war. Mein Vater kümmerte sich ums eigentliche Geldverdienen, ums Putzen - was niemand auf dieser Welt so energisch konnte wie er - und zumeist um den Garten. Heute spricht man immer von Arbeitsteilung, sich vermischenden Rollen und so. Ich glaube, das Geheimnis einer, na ja, einigermaßen funktionierenden Partnerschaft ist genau das Gegenteil. Zumindest hätte meine Mutter sich niemals die Verantwortlichkeit über sorgfältig sortierte Socken entreißen lassen. Da können die Gender-Mainstreamer, und wie all diejenigen sich auch nennen mögen, die ihre Lebensfreiräume mit Sojamilch-Chai-Latte aufgießen, noch so sehr zetern.
    Als meine Mutter mich im Flur stehen sah, hörte sie natürlich sofort auf zu tanzen und sah mich ein wenig beschämt an. Auch etwas, das ich von ihr nicht gewohnt war. Sie war wie ein elektronisches Gerät mit genau zwei Zuständen: normal und wütend, weil irgendwas nicht korrekt gemacht wurde. Freude beschränkte sich zumeist aufs Monetäre, und ob hinter der inzwischen von Falten verzierten Stirn noch so etwas wie Hoffnungen und Träume schlummerten, vermochte niemand zu sagen. Sie war immer fürsorglich und wollte nur das Beste für uns Kinder, aber äußerlich wahrnehmbare Gefühlsregungen suchte man vergeblich bei ihr.
    »Was ist denn hier los?«, fragte ich, noch ganz perplex von dem Anblick meiner tanzenden Mutter. Sie drehte die Musik etwas leiser.
    »Ach lass mich doch mal tanzen«, sagte sie und lachte kurz.
    »Na von mir aus mach, was du willst«, antwortete ich hoffentlich mit einem Lächeln. Ich ging anschließend die Treppe hoch in mein Zimmer. Was hätte ich auch sagen sollen? Da war ja die Korrektheit in mir, die Dinge so hinnahm, wie sie waren, auch wenn sie nicht so recht in die Realität zu passen schienen. Was half es denn, die Gedanken und Eindrücke herumzuschwenken wie ein Glas Wein? Besser wurden sie davon jedenfalls nicht.
    Die andere Hälfte meines Denkens, die von meinem Vater genetisch und irgendwie auch erzieherisch geprägte - obwohl ich ihn immer eher als großes Kind wahrnahm, vielleicht, weil ihm jene Kontrolliertheit völlig fehlte - sah die Sache etwas anders. In diesem Teil meines Oberstübchens erkannte ich die Tragik der Situation. Meine Mutter, die Oberkorrekte, die niemals irgendwelche überbordenden Emotionen zuließ, die zwar streiten und verzeihen, die aber nicht offen leiden konnte, war eben doch ein normaler Mensch. Ich dachte später oft, dass sie sich, während sie im Wohnzimmer tanzte, in ihre eigene Jugend zurückgeträumt haben mochte. In diese eine Dorfdiskothek vielleicht, so ganz mit Ostliedquote, mit den jungen Männern, die sich scheußliche Flaumbärte wachsen ließen, wo jeder diese komische Ostmode trug, alle so individuell gleich. Und trotz des durch den Sozialismus vorgezeichneten Lebenspfades hatte jeder eine große Portion Träume vom aufregenden Ding namens Leben im Gepäck. Und dann, fast dreißig Jahre später, blieb davon nicht viel mehr übrig als ein Tanz im Wohnzimmer. Eingekerkert im Kleinbürgertum, im Leben, das meine Mutter zum Großteil selbst gewählt aber vielleicht nie gewollt hatte.
    Einige Jahre später, ich war auf dem Weg von der letzten Abiturprüfung nach Hause, war die Euphorie des Kommenden so präsent wie hinterher niemals wieder in meinem Leben. Es war ein schöner Tag, die Sonne schien auf unsere kleine Stadt herab, als versprach sie alles Glück der Welt. Während ich spazierte, schaute ich auf meine Füße. Zur mündlichen Prüfung musste man sich fein anziehen. Warum, das hätte ich damals noch nicht hinterfragt, ich war ja korrekt. Ich trug schwarze Schuhe, vermutlich aus Kunstleder. Einen Fuß setzte ich vor den anderen, schlenderte und genoss die Wärme. Bildlich im Gedächtnis geblieben sind mir vom Heimweg an jenem Tag nur die Sonne und diese voranschreitenden Schuhe. Alles andere war die pure Magie des Augenblicks.
    Ich bin sehr nach meiner Mutter geraten, nur das Familienleben, mit dem mag ich mich nicht recht anfreunden. Wenn ich an den Tag denke, an dem meine Mutter im Wohnzimmer tanzte, fällt mir auch immer der Tag meiner mündlichen Prüfung ein. Nicht, dass beides kausal zusammenzubringen wäre, oh nein. Aber ich frage mich immer, werde auch ich eines Tages mit grauen Schläfen und müden Augen im Wohnzimmer zu einem alten Lieblingslied tanzen und in meiner dreiminütigen Blase des geborgten Glücks doch begreifen, dass ich das bittere Ende einer unendlich überhöhten Aufbruchstimmung zelebriere? Heute bin ich sicher, meine Mutter war sich ihrer eigenen Lebenstragik, nie wirklich aus dem Wohnzimmer herausgekommen zu sein, immer bewusst. Vielleicht weil man sie ihr heute ein bisschen ansieht. Und das macht die Erinnerung daran, wie sie im Wohnzimmer tanzte, so traurig.

Dienstag, Juni 10, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Dienstag, Juni 10, 2014 | Keine Kommentare

Aber ohne Telefon war's auch ganz schön

Was war das Leben schön, so ganz ohne Telefon im Haus. Die ersten acht Jahre meiner Menschwerdung kam ich wunderbar ohne zurecht. Damals machte man noch keine Termine aus, man traf sich. Klappte hervorragend, und dran gestorben ist auch keiner. Unser erstes Telefon, ein bordeauxroter Klotz aus dem Hause Siemens, damals natürlich noch ganz mittelalterlich mit Schnur, kam ca. 1992 ins Haus, als die Telefonleitungen in der Post-DDR-Provinz gerade mal frisch verbuddelt waren. Die Eltern fast all meiner Freunde hatten das gleiche Telefon gekauft, nur in anderen grandiosen Farben: kotzgrün und irgendwas Pflaumenartiges. Vielleicht war’s der Zeitgeist, vielleicht war das Ding aber auch einfach nur unschlagbar billig. Ein Telefonat im Ort kostete übrigens seinerzeit laut bedrohlich hochratternder Digitalanzeige zwölf Pfennig pro, äh, Minute, Gesprächseinheit oder was auch immer. Das war auf Dauer zwar kein Pappenstiel, aber zumindest wir Preußen bekamen in einer Minute Gesprächszeit eine ganze Menge Inhalt unter.

Knirps, der ich war, hatte das Telefon für mich damals genau zwei Funktionen. Erstens: Freunde anrufen. Das lief in etwa so ab: »Kommste raus?« - »Joa, wann denn?« - »Jetzt? Treffen am Fußballplatz?« - »Joa, bis gleich.« - »Ciao.« - »Joa.« Zehn Sekunden höchstens, schon war man durch - preußische Gesprächseffizienz in Perfektion! Zweite Funktion: Wenn die eigenen Eltern nicht daheim waren, heimlich bei der Angebeteten anrufen, warten, bis sie ranging, dann schnell auflegen und die mit Raufaser tapezierte Wand anseufzen. Ihre Nummer hatte ich natürlich längst unter Herzklopfen aus dem dicken Telefonbuch gesucht, und während des Freizeichens betete ich innerlich, sie selbst möge abheben und nicht ihre Eltern, von denen ich ja doch immer irgendwie befürchtete, sie würden durch die Stille hinweg sofort erraten, wer gerade anrief und sich offenbar einen Scherz erlaubte. Fakt ist, ich wurde nie erwischt, aber Fakt ist auch, dass ich während dieser Zeit niemals eine Freundin fand. Komisch.

Irgendwann in den ganz späten Neunzigern entdeckte ich das Telefon neu. Ein »Telefon to go« quasi, ein Handy, wie ich erfuhr. Ganz ohne Schnur und für die Hosentasche. Als Potenzvernichter der Neuzeit das funkende Gegenstück zur Viagra-Pille. Das erste Mobiltelefon, das ich in meinen Griffeln hielt, war das Nokia 3210 eines Freundes - ein für damalige Verhältnisse todchices Gerät in der Form eines Flaschenöffners, und genau dafür ließ es sich auch verwenden: zum Öffnen von Bierflaschen. In arabischen Ländern, so sagte man, würden Menschen mit Nokia-Telefonen gesteinigt, weil es schlicht nichts Härteres gab. Es war eine Zeit, als Lehrer dachten, mit dem Ende der Tamagotchis wäre die Schwemme des digitalen Irrsinns überstanden. Mitnichten, denn plötzlich machte es im Unterricht ständig: »Piep piep - piep piep«. Haufenweise Schüler hatten die Hände nur noch unterm Tisch, hielten die Köpfe gesenkt, und wer genau lauschte, konnte ein Geräusch wie das Tippeln von tausend Spinnenbeinen vernehmen. Aus den Lehrerschubladen musste es von all den einkassierten Handys bald mehr gestrahlt haben als aus dem Betonsarg in Tschernobyl.

Handys hatten seinerzeit ebenfalls zwei Funktionen. Die erste hieß »Snake« und war ein ziemlich banales Spielchen, bei dem man eine eckige Schlange über den eckigen Bildschirm steuerte, um kleine eckige Punkte einzusammeln. So aufregend wie das Behandeln von Fußpilz, und trotzdem war’s der Renner, für den man alles stehen und liegen ließ. Funktion Nummer zwei war die SMS. Hatte man in der Prä-Handy-Ära noch jede Menge Inhalt in zwölf Pfennig Telefonzeit unterbringen können, waren es jetzt nur noch 160 Zeichen in einer Kurznachricht für knapp 40 Pfennig - auch wenn abgewichste Profis Optimierung betrieben, indem sie die Leerzeichen wegließen, wasDannSoAussah. Wahnsinnig ineffizient jedenfalls und genauso bekloppt, trotzdem wurde plötzlich nur noch gesimst, statt telefoniert. Das hatte zwei Gründe. Erstens: Zwar konnte man einer Legende zufolge mit dem Handy auch telefonieren, aber die Gesprächsgebühren waren so hoch, dass es günstiger gewesen wäre, die zu übermittelnde Nachricht mit Tinte aus Einhornblut auf ein Blatt Papier mit Prägung zu kritzeln, dieses um einen Goldbarren zu wickeln und den dann mittels adliger Brieftaube zum Empfänger zu schicken. Außerdem waren die Funknetze derart mies, dass mit dem Wort Funkloch im Prinzip das ganze Land gemeint war. Empfang gab’s nur vereinzelt, wenn man das Handy lange genug hochhielt und dabei stillstand. Wie viele Menschen während dieser Pose vom Blitz getroffen wurden, ist nicht überliefert. Zweitens: Unter jüngeren Leuten grassierte offenbar eine Angst vor Eltern. Die Panik, bei einem Anruf über das Festnetz könnten die Erzieher rangehen, die man dann erst hätte fragen müssen, ob der Nachwuchs da sei und man diesen auch sprechen dürfe, war wohl so groß, dass niemand mehr telefonierte und nur noch Kurznachrichten durch die Welt geballert wurden. Diese Form der Kommunikation hatte zwar den Charme, dass man beim Kontaktieren der neuen Freundin nicht mehr befürchten musste, mit dem Vater konfrontiert zu werden, der einen über das Abreißen der Eier und das Hineinstopfen selbiger in die eigenen Augenhöhlen aufklärte, falls man seiner Tochter das Herz brach, es hatte aber auch den Nachteil, dass all jene, die kein Handy besaßen, eigentlich gar nichts mehr mitbekamen, weil niemand mehr auf dem Festnetz anrief. Genau so erging es mir.

Als im Jahr 2003 die sozialen Kontakte derart in den Keller gegangen waren, dass ich mich selbst wie der Außenseiter fühlte, der ich fast schon geworden war, rang ich mich dazu durch und kaufte auch ein Handy. Damals trug ich bei Wind und Wetter für einen Hungerlohn Zeitungen aus, sodass ich mir den kleinen Luxus leisten konnte, einen dieser blöden Nokia-Plastikbomber zu kaufen. Apropos Luxus: Seit Jahren wird geklagt, dass die Armen immer ärmer würden. Wer sich wundert, weshalb am Ende der Kohle immer noch so viel Monat übrig ist, der könnte beispielsweise mal bei Vodafone anrufen und nachfragen, woran das wohl liegen mag. Die haben sich vor nicht allzu langer Zeit für den schmalen Taler von elf Milliarden Euro Kabel Deutschland mit Schlagsahne und Schokostreuseln einverleibt. Das sind schon zwei, drei Durschnittseinkommen. Für mich diente das Handy seinerzeit nur der Erreichbarkeit. SMS-Nachrichten schrieb ich allenfalls mal nach zwei, drei Bier. Überhaupt ließ ich ziemlich viel von dem Irrsinn aus, den die Seuche namens Handy mit sich brachte, als da wären: Schalen! Seinerzeit ließ sich nicht nur der Geräteakku noch wechseln, sondern praktisch alles. Reihenweise Vietnamesen verkauften plötzlich keine geklauten Zigaretten mehr, sondern glitzernde Kunststoffschalen mit Hello-Kitty- oder pseudocoolem Blitzaufdruck fürs Mobiltelefon. Bloß nicht beim Standard bleiben, wenn man sich auf dem Schulhof nicht zum Löffel machen wollte. Ein weiteres Übel, inzwischen zum Glück nahezu in der Versenkung verschwunden, löst noch heute Kotzkrämpfe bei mir aus: Jamba! Was mit billigen Piepsklingeltönen und Furzgeräuschen für eingehende Nachrichten anfing, endete irgendwann bei Videos von singenden Elchen mit herumbaumelnden Eiern und Schlimmerem. Wer meint, die Erfinder dieser Abzockmaschinerie, auf die reihenweise Jugendliche der Generation Alkopop hereinfielen, würden verdienterweise in der Hölle Pfannen voller Angetrocknetem mit herkömmlichem Spülmittel schrubben, der irrt: Die Schlitzohren gründeten von der vielen Kohle hübsche neue Firmen, etwa den freundlichen Schuhlieferanten aus der Nachbarschaft, bei dem noch so richtig geknüppelt wird wie auf den Sklavengaleeren der alten Römer. Schrei vor Glück!

Das dritte Mal entdeckte ich das Telefon im Jahr 2007 neu. Die Firma Apple hatte es irgendwie geschafft, ein Mobiltelefon aus der Zukunft in die Gegenwart zu teleportieren. Seinerzeit gab es zwar bereits Smartphones, aber die waren so schwer zu bedienen, dass man mindestens Philosophie, höhere Mathematik und transzendentale Informatik studiert haben musste, um da durchzusteigen. Die Finnen schienen mit derlei Unbedienbarkeit besser klarzukommen, denn deren Wirtschaftsprimus sowie einstiger Reifen- und Gummistiefelfabrikant Nokia verpennte glatt den Trend zu leicht benutzbaren Mobiltelefonen. Heute existiert Nokia bekanntermaßen nur noch zum Selbstzweck und damit Finnland nicht lediglich für Exportholz, Finnen und die Band Lordi bekannt ist. Apple änderte mit seinem völlig neuen Konzept aber auch andere Dinge: Mobiltelefone, die bis zuletzt immer kleiner und kleiner werden mussten, bis die Tasten nur noch von Menschen mit angespitzten Fingern zu bedienen waren, konnten plötzlich nicht mehr groß genug sein. Heutige Mobiltelefone sind von Großbildfernsehern kaum mehr zu unterscheiden. Zudem erreichen die Preise für die digitalen Fußfesseln inzwischen ungeahnte Höhen. Dass Chantal aus Marzahn sich trotz Hartz-IV und Kippensucht jedes Jahr das neuste Bling-Bling-Gerät für satte 500 Kröten leisten kann, um alle zwei Tage ihre Duckface-Hackfresse mit möglichst viel Megapixeln fürs Facebook-Profil abknipsen zu können, zeigt immerhin, dass es um Deutschlands Wohlstand so schlecht nicht stehen kann. Ansonsten hat sich im Prinzip nicht viel geändert. Menschen, die früher morgens im Bus eine Flappe zogen, während sie aus dem Fenster starrten, tun heute dasselbe, nur sie während des Schweigens auf ihr Telefon-Display glotzen, sich die Nackenwirbel ruinieren und die Smiley-Palette via WhatsApp und Co. rauf und runter versenden. Das mag spätrömische Dekadenz sein, das oft beschworene Ende der Menschheit ist es gewiss nicht. Wenigstens nicht, bis ich demnächst das Telefon zum vierten Mal entdecken muss, weil jeder um mich herum mit seiner scheiß Armbanduhr spricht! Das sah nämlich schon in den 80ern bei David Hasselhoff in »Knight Rider« dämlich aus, und was aus dem geworden ist, wissen wir ja.

Freitag, Mai 23, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Freitag, Mai 23, 2014 | Keine Kommentare

Ich?

Ich schaue rauf zum großen Himmel,
Wolken ziehen trist vorbei.
Im Kopf vom Nichtstun alles Schimmel,
Einerlei!

Ich hätt' ja gerne was zu sagen,
Käm' ich nur mal groß herum.
Doch an den allermeisten Tagen
Bleib ich stumm!

Ich lese still, was präsentiert wird:
Wut und Mord in der Türkei.
Ich fress vom Teller, was serviert wird,
Alles Brei!

Ich bin zum Dienstschluss satt vom Heute,
Ist ja auch schon kurz nach vier.
In Afrika verhungern Leute,
Ich trink Bier!

Ich bin nicht, wer ich werden wollte,
Bier und ich, wir sind ganz schal.
Ich weiß, dass ich was ändern sollte ...
Ach, egal!

Montag, Mai 05, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Montag, Mai 05, 2014 | Keine Kommentare

Was Hans nicht misst, misst Hänschen nimmermehr

Letztens lief auf Arte, der staatlich alimentierten Spielwiese für deutschfranzösische Kulturexperimente, dieser Sender, dessen einzige glanzvolle Leistung die Ausstrahlung der US-Serie »Breaking Bad« war und den man trotzdem zu mögen verpflichtet ist, weil man sonst ein Kulturbanause und ein Idiot sowieso ist, so was wie eine Doku, in der behauptet wurde, der, äh, Penis des Mannes (muss man heutzutage ja durchaus erwähnen) sei seit der letzten, ähm, tja, Vermessung (?) geschrumpft. Also nicht der eines einzelnen bemitleidenswerten Herren versteht sich, sondern so insgesamt, im Durchschnitt halt - und zwar sowohl der erigierte Phallus als auch sein demotiviert in der Gegend herumhängendes Pendant. Ob es dabei jetzt im Speziellen um französische oder deutsche Penisse ging, weiß ich nicht mehr, aber vermutlich ist die französische Flinte von Natur aus kleiner bemessen als die teutonische Tröte. Alles andere wäre ja auch eine Frechheit seitens unseres alten Erbfeindes, die einer Kriegserklärung gleichkäme, aber ach, lassen wir das.

In besagter Sendung wurden natürlich auch Experten zum Längenschwund im Lullerland befragt, was ja klar ist, denn immer dann, wenn eine These aus dem Urschleim menschlicher Hirnwindungen ans Tageslicht kriecht, sind selbsternannte Experten nicht weit. Diese schütteln freilich prompt ein, zwei gerade veröffentlichte Bücher zum Thema aus dem Ärmel, die einem zwar nicht mehr Wissen vermitteln als eine mit Blümchen bedruckte Rolle Klopapier, dafür kosten sie aber auch nur einen Zehner und taugen zumindest dazu, dass das heimische Bücherregal nicht nur mit Schneekugeln, bedruckten Bierkrügen und Fotos vom letzten Malle-Urlaub gefüllt werden kann, sondern auch mit Dingen, die einen Buchrücken haben. Was besagte Experten zum Besten gaben, weiß ich nicht mehr, weil meine Aufmerksamkeitsspanne erstens der einer Katze gleicht, die sich ins Bällebad bei McDonald's verirrt hat und zweitens mein unfassbar schwerer Daumen auf die Kanal-plus-Taste kam. Schade aber auch!

Und nun bin ich zwar zur Recherche fähig, schließlich habe ich irgendwann mal in klassischer Bachelor-Manier fertigstudiert, ohne auch nur ein Fachbuch gelesen zu haben und meine Diplomarbeit quasi aus umgestellten Wikipedia-Formulierungen zusammengestückelt, aber eine rasche Google-Suche zur mysteriösen Gliedschrumpfkur förderte lediglich besorgte (Noch-)Geschlechtsgenossen hervor, die beim zweiten Vermessen ihres besten Stücks offenbar auf der Zentimeterskala verrutscht sind und panisch Hilfe in natürlich von Penisexperten bevölkerten Internetforen gesucht haben. Oder in Kürze: Weshalb aus der prächtigen Fleischwurst, dem Fahnenmast für die Flagge brodelnder Männlichkeit allmählich eine Schrumpfnudel wird, müssen wir uns wohl selbst erarbeiten. Akademiker, der ich bin, habe ich einfach mal ein paar wahnsinnig seriöse Thesen aufgestellt. So here we go.

These 1: Der Penis ist als Bollwerk männlicher Potenz so überflüssig wie ein Kropf geworden. Mag in Urzeiten das Gehänge noch für überbordende Schöpfungskraft gestanden haben, so lässt sich heutzutage kein It-Girl dieser Welt abschleppen, indem der Werbende seine Hosen runterlässt und ihr den Schwengel vor die Nase hält. Das Vorrecht, externe Geschlechtsmerkmale in der Öffentlichkeit zu präsentieren, ist sowieso protestierenden Frauen vorbehalten, die zu viel Zeit haben. Ein Kerl, der seinen mit »Mindestlohn für alle« beschriebenen Zuchthengst in die nächste RTL-Kamera hält, wird dafür kaum Anerkennung ernten, sondern allenfalls für immer und ewig in den dunkelsten Keller des versifftesten Gefängnisses auf diesem Planeten gesperrt und dort mit einem lebenslangen Abo der EMMA bestraft. Nee, da muss es schon was Größeres sein, um im Survival-of-the-Fittest-Spielchen bei der Stange (haha) zu bleiben. Ein 3er BMW tut es hierzulande in gewissen Milieus schon, und soll's was Höherklassiges sein, dann holt man halt einen Aston Martin oder einen Ferrari zur Probefahrt aus dem Proletenautohaus. Muss die Dame, die man abschleppen will, ja nicht wissen, dass die Karre in ein paar Stunden wieder weg ist. Tja, und wo nicht mehr Hormone, sondern Pferdestärken und Ausstattung den Ton angeben, da verhält sich der kleine Hosengallier halt umgekehrt proportional zur evolutionären Entwicklung des Giraffenhalses, um ein letztes Mal den alten Darwin zu bemühen, bevor er einen langen Bart kriegt. Irgendwann ist das arme Schwänzlein dann so nützlich wie ein Blinddarm. Andererseits baut zumindest der Franzose Autos wie Renault und Citroën und fährt, ausgestattet mit Nationalstolz bis zum Bersten, damit auch noch selbst sein Baguette durch die Gegend, was meine These von der motorisierten Schwanzverlängerung durchaus entkräften mag.

These 2: Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Keine Ahnung, wie oft der Jugendliche von heute mit Hilfe des unendlich großen Pornoarchivs namens Internet im Schnitt so Hand anlegt, aber wenn von zwei bis dreimal wöchentlich die Rede ist, dann gehe ich mal davon aus, dass sich das »wöchentlich« auch durch »täglich« substituieren ließe, ohne dass eine Lüge draus würde. Früher, also so richtig früher meine ich, da wird das anders gewesen sein, nicht nur, weil das Bewegtbild noch nicht derart exzessiv zur Darstellung fleischlicher Freuden verwendet wurde, sondern vermutlich auch, weil Onanie dumm und blind machte, das Rückenmark zerstörte, und natürlich war nach tausend Schuss grundsätzlich Schluss. Und wenn der verängstigte Max den Papa nach derartigem Aufklärungsunterricht so beobachtete, dann fiel ihm wahrscheinlich schon ein wenig auf, dass der alte Herr immer so komisch krumm ging. Die Brille vom Alten hatte auch ganz schön dicke Gläser, und so richtige helle war der Papa, der Trigonometrie für einen römischen Gott hielt, auch nicht gerade. Da ließ man die Hände schön über der Bettdecke. Doch jetzt ist das alles anders. Der junge Mann von heute lässt grundsätzlich das Internet Wahrheit sprechen, bevor er all den Scheiß glaubt, den seine Alten so vom Stapel lassen. Und wo er schon mal drin ist, kann er auch gleich noch den Rest von »Vier Fäuste in Halle-Julia« zu Ende angucken und gepflegt die Palme schütteln. So viel Zeit für Recherche muss sein. Bei all dem Gehoble in jungen Jahren wird aus dem Pflänzchen dann eben keine stolze Eiche mehr. Andererseits dürfte das auch für die beteiligte Hand gelten, und Typen mit unterschiedlich großen Händen sind mir bisher noch nicht begegnet, womit These 2 also vor allem eines sein dürfte: großer Stuss.

These 3: Reality kills the porno star. Schließt sich nahtlos an These Nummer zwo an. Wessen sexuelle Früherziehung hauptsächlich darin besteht, die Vielfältigkeit amerikanischer Hochglanzpornoproduktionen zu studieren, der wird erschüttert sein, wenn er im Alter von vermutlich zirka sechzehn die erste richtige Freundin zum ersten Mal feierlich entblättert und feststellt, dass erstens ihre Brüste nicht aussehen wie auf den Torso geklebte Kokosnusshälften und zweitens an keiner ihrer Körperöffnungen ein »Open 24/7«-Schild baumelt. Wenn der pornoverseuchte Verstand eines pubertären Eroberers derart hart auf das Miststück namens Realität prallt, dann wäre es zumindest wenig verwunderlich, wenn das Schweizer Taschenmesser hinter der Boxershorts sich nicht mehr anschickte, zum Excalibur zu gedeihen. Quasi wie bei den »Twilight«-Filmen: Wer den ersten Teil gesehen hat, der wird sich kaum bemühen, auch dem zweiten seine Aufmerksamkeit zu schenken, wenn er sich stattdessen schöneren Dingen widmen kann, etwa dem Nachholen der Steuererklärung für die letzten fünf Jahre.

These 4: It's in the water! Wer kennt sie nicht, die Horrorgeschichte vom Trinkwasser, das eigentlich nur noch aus jenen synthetischen Hormonen besteht, welche »die Pille« schluckende Frauen beim Wasserlassen in den Kreislauf des Wassers überführen? Es grenzt schon an ein Wunder, dass man beim Duschen noch nass wird, statt von tausenden zu neuen Pillen zusammengeklebten Hormonbatzen erschlagen zu werden. Futtert ein Mann Östrogene wie Tortillachips, muss er sich nicht wundern, wenn er bald nicht nur singen kann wie Mariah Carey in ihren besten Tagen, sondern aus seiner Gurke ein saures Gürkchen wird, das am liebsten ganz abfallen würde, um irgendwohin zu ziehen, wo es schöner ist. Hormongeschwängertes Trinkwasser könnte die Erklärung für so Vieles sein, vor allem natürlich für die Verweichlichung der Männerschaft. Kerle, die man früher zu Weicheiern abgestempelt hätte, weil sie nicht ohne Haargel aus dem Haus gehen, einen begehbaren Schuhschrank besitzen und immer mindestens zwei Ersatz-Labellos in der mitgeführten Tasche gebunkert haben, schmückt man heute mit dem Prädikat »metrosexuell« - besonders wertvoll. Ganz schlimm sind die armen Schweine, die freiwillig in der »Friendzone« versauern, bis sie grau oder kahl werden und am Ende ihrer Tage ganz schief gehen, weil sich zeitlebens dauernd irgendeine Frau an ihrer weichen Schulter ausheulte, die an allem interessiert war, aber gewiss nicht an ihnen. Doch mag das östrogenverseuchte Wasser nun schuld an der gesellschaftlichen Kastration des Mannes und der laut Arte voranschreitenden Miniaturisierung seines mobilen Bohrturms sein oder nicht, wer sich derart verweichlicht gibt, als sei er selbst ein Penis mit chronischer Erektionsstörung, der hat es auch nicht besser verdient, als dass ihm der Pfefferstreuer abfällt. Punkt!

These 5: Die Geschichte des Gliedes ist eine Geschichte voller Messfehler. Sehen wir's, wie es ist: Auch wenn Arte und Konsorten durch staatlich erzwungene Schröpfung eines jeden, der ein Dach über dem Kopf hat, sein Überleben gesichert hat, bis die Erde dereinst von der Sonne zu einem Häufchen Asche verbrannt wird, geht es am Ende des Tages wie bei diversen Boulevardmedien doch nur um eines: Aufmerksamkeit. Und womit erhascht man die am besten, wenn nicht mit einer Mär vom dahinsiechenden Lustlöffel? Eben. Hat die aufgestellte Behauptung überhaupt irgendwer von der Redaktion mal geprüft? Klar, wie auch? Dass etwa die genormte Kondomgröße falsch ist, weiß man ja schon länger. Logisch eigentlich, wenn der Durchschnittskerl angibt, seine Wumme misse mindestens fundundzwanzig Zentimeter und sei dick wie der Stamm eines ausgewachsenen Spitzahorn, dann sollte man das nicht wörtlich nehmen und das durchschnittliche Verhüterli eher so zwo Finger breit und nicht übermäßig lang konzipieren. Kleiner Tipp: Es müssen keine zehn Liter Wasser reinpassen. Vielleicht hat man also beim ersten Messvorgang, als die Welt noch in Prüderie ersoff, höflich nachgefragt und nun, wo eh jeder dauernd die Hosen runterlässt und die USA auch noch dabei zuschauen, tatsächlich mal nachgemessen. Klar, dass da kleinere oder, ähm, größere Unterschiede zu Tage kommen. Oder sagen wir es so: Die im Spiegel sichtbaren Objekte sind eben kleiner, als sie scheinen. Vielleicht hat man aber auch einfach einmal im Sommer und einmal im Winter nachgemessen. Bei minus zehn Grad reckt schließlich niemand gern den Hals in die Kälte hinaus.

So, Schluss, aus. Weshalb jetzt dieser blöde Text, der mindestens zehn Minuten an kostbarer Zeit mit Pillermannbezeichnungen aller Art verschwendet hat, mag der Leser mit Niveau und natürlich regelmäßiger Arte-Gucker vom Dienst sich fragen. Die Antwort ist so komplex wie vielschichtig: Erstens bringt die sprachlich möglichst vielfältige Erwähnung des kleinen Lendenprinzen ganz ordentliche Klickzahlen, und zweitens gibt es, Experte, der ich nun bin, demnächst für einen Zehner mein neues Buch zum Thema: »Weshalb Mann im Swinger-Club die Hosen oben lassen sollte, wenn die Heizung ausgefallen ist« (Arbeitstitel). Bis dahin viel Spaß beim Nachmessen.

Dienstag, April 29, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Dienstag, April 29, 2014 | Keine Kommentare

Das Schlumpftrauma

In der Mitte der 90er, als Spinat noch viel Eisen enthielt, niemand ernsthaft geglaubt hätte, Kanzler Helmut Kohl würde innerhalb der kommenden hundert Jahre abtreten und Nachrichtensprecher sich ungestraft mit kunterbunten Krawatten in die Tagesschau setzen konnten, da bekam ich zu Weihnachten eine Stereoanlage geschenkt. Damals, die älteren werden sich erinnern, musste man zum Musikhören noch wuchtige Geräte mit zwei ebenso wuchtigen Lautsprechern, die das Wörtchen »Stereo« rechtfertigten, auf sperrige Wohnzimmeranrichten oder in, uh, »Anbauwände« stellen. Grabsteine aus Plastik und Spanplatten waren diese Geräte, chinesische Massenware, vollgeklatscht mit blinkenden Digitalanzeigen, die allen Gästen mitteilen sollten: Hey, ich war scheißteuer, bewundere mich! Selbige Anlagen verlangten nach möglichst kratzfreien Silberscheiben, auf denen sich die Musik befand, die man hören wollte, und die noch älteren unter den Mitlesern gehörten damals ja vielleicht zu jenen Ewiggestrigen, die nicht müde wurden, darüber zu staunen, dass man die kleinen runden Scheiben gar nicht nach der Hälfte umdrehen musste. Absurde Zeiten waren das.

Aber zurück zu den wichtigen Dingen: zu mir. Ich wurde also am Abend der Bescherung mit einer von mir definitiv nicht gewünschten Musikabspielapparatur konfrontiert. Zu jener Zeit verhielten Musik und ich uns zueinander wie Öl zu Wasser. Ich weiß nicht mehr, warum das so war, aber als Knirps fand ich Musik grundsätzlich noch beschissener als Mädchen (und das wollte was heißen). Später ging mir auf, dass »Perlen« wie Dr. Alban, Haddaway, Ace of Base und das Schweizer Tanzschokobärchen DJ Bobo nicht ganz unschuldig an dieser Einstellung gewesen sein können. Ich war halt einfach zu klug für diese den Gehörgang verklebende Flitzekacke der 90er, die den künstlerischen Gehalt von aufgeweichtem Styropor besaß. Entsprechend lang war am Heiligabend mein Gesicht. Hätte in jenem Moment ein Pferd neben mir gestanden, man hätte uns nicht auseinanderhalten können. Und mein Vater hielt natürlich immer schön mit der Videokamera drauf. Auch so eine Unsitte der 90er: jedes noch so kleine Familienereignis wurde auf Videokassette gebannt. Das machten alle so, die ich kannte. Auf einem der ersten Bänder sagte der Filmende grundsätzlich etwas wie: »Das kannste mit Fotos gar nicht vergleichen. So was ist später mal unschätzbar.« Die aufgenommenen Kassetten schaute man dann einmal an, lachte sich den Podex ab, und anschließend verschwanden sie für lange Zeit in einem der Schränke, der, uh, »Anbauwand«, wo sie vor sich hin entmagnetisierten, einsortiert in nummerierte Plastikschachteln, die wie alte Bücher aussahen, bis man das irgendwann völlig ungenießbare Krisselwerk dutzendfach in Plastiksäcke steckte und wegschmiss, weil sowieso kein Mensch mehr einen Videorekorder im Haus hatte. Exkurs Videokamera Ende.

So was wie »Na, was ist denn das?«, fragte mein Vater natürlich, während er mit einem Auge durch den surrenden Camcorder glotzte und mich dabei beobachtete, wie ich vor dem Geschenk hockte wie Ludwig XVI. vor dem Schafott. Solche Fragen, die grundsätzlich jedem Kind vor laufender Kamera peinlich waren und deswegen immer nur stillschweigend und mit entnervten Blicken à la »Alter, das siehst du doch selber, was das ist, also frag nicht so blöde!« in Richtung Kamera beantwortet wurden, sollten wohl die für die Nachwelt dokumentierende Stimme aus dem Off darstellen. Quasi der Facebook-Kommentar der 90er. Derweil meine Eltern mir immer noch ein Statement zu meinem ach so tollen Geschenk entlocken wollten, hockte ich weiter ungläubig vor der Stereoanlage und fragte mich, warum meine Eltern mir nicht einfach 'nen Game Boy geschenkt hatten, wenn sie mir wirklich eine Freude machen wollten. (Ein Jahr später waren sie übrigens schlauer und schenkten mir tatsächlich einen. Entgegen der allgemeinen Annahme sind auch Eltern lernfähig.)

Aber das Elend nahm an besagtem Abend kein Ende, denn wenn man schon so einen elektronischen Backstein verschenkt, dann will man ja auch, dass der Beschenkte was damit anfangen kann. Drum offenbarte sich ein weiteres Geschenk nach dem Auspacken zu meinem Entsetzen als Musik-CD. Und nun kannte die Geschmacklosigkeit der 90er Jahre in Sachen Popmusik ja bekanntlich keine Grenzen, doch trotzdem schafften meine Eltern es, diese nicht vorhandene Grenze zu sprengen: Die Techno-Schlümpfe?!?! Falls sich jemand fragt, was das war: Ein geldgeiler wie skrupelloser Musikproduzent nahm Lieder aus dem Archiv, die jeder kannte, verdoppelte einfach deren Abspielgeschwindigkeit, bis der Gesang nach heliumsüchtigen Chorknaben klang, packte einen saudummen Bumsbuden-Beat dazu, presste den Mist auf CD und klebte hinterher die Schlümpfe drauf. Hätte im Prinzip auch mit Pumuckl funktioniert, nur dass die Interpreten dann Kreide hätten fressen müssen. In dem Moment wäre ich gern einfach durch den Boden gesickert, um es mir in der Wohnung unter uns gemütlich zu machen, aus der es immer so stank, wenn die 80jährige Bewohnerin, von der man nie wusste, ob sie überhaupt noch lebte, mal in ihre Kittelschürze gewickelt die Tür öffnete, um uns Kinder anzuschnauzen, wir sollten im Hausflur leiser sein. Aber es half ja alles nichts: Es galt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen ... NICHT! Wenn es einen Gott der undankbaren Kinder gibt, dann war er in jenem Moment sehr, sehr stolz auf mich. Kurzum: Die Freude blieb aus, und ich ging gleich zum traditionellen Kartoffelsalat über. Die Stereoanlage fristete fortan ein dem Staub ausgesetztes, ungenutztes Dasein neben meinem Freund, dem Fernseher. Und diese unsägliche CD ließ ich irgendwo hinter Bergen aus altem Spielzeug verschwinden, wo keiner meiner Freunde sie jemals zufällig finden würde, um mich zum Gespött der ganzen Schule zu machen.

Damit war mein Ausflug in musikalische Gefilde bis auf Weiteres vorüber, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte. Ich war ja so was von bedient! Die nächsten Jahre befasste ich mich mit den wichtigen Dingen des Lebens: Videospiele, Pommes rot-weiß, Cola und Oben-ohne-Sonnenanbeterinnen im Freibad, Videospiele, Cartoons auf RTL2 und, ach ja, Videospiele. Bis dann plötzlich 1999 war. Inzwischen holte ich die Kiste mit dem Lego nicht mehr vom Schrank, in mein Gesicht verirrten sich hin und wieder mal Pickel und flaumige Haare, und Mädchen fand ich zwar immer noch blöd, jedoch nur, weil ich einer von denen war, die grundsätzlich nie eine abbekamen. Aber plötzlich fand ich MTV cool. Das war, bevor die esoterische Führungsriege des Senders vor lauter Kifferei vergaß, dass das M im Namen des Senders für »Music« stand, und stattdessen die Zuschauer 24 Stunden, sieben Tage die Woche mit Paris Hiltons stumpfsinniger Hackfresse unter Dauerbeschuss setzte, bis keine Sau mehr einschaltete und aus dem verbrannten Rest des einstigen Pioniersenders ein Pay-TV-Müllkübel für hirnamputierte Sofakartoffeln wurde.

1999, das war eine Zeit, zu der eine Jennifer Lopez noch irgendwie sexy war und nicht die Verkörperung eines männerfressenden Hausdrachens mit Riesenhintern und Klunkersucht. Das Geschäftsmodell namens Backstreet Boys war bereits am Ablaufdatum angekommen, setzte sich aber immerhin noch nicht aus fettleibigen Alkoholikern zusammen. Na ja, zumindest waren sie noch nicht fettleibig. Es war eine Zeit, als die Welt noch wusste, wer Ronan Keating war, als Britney Spears solche heutzutage unvorstellbaren Dinge tat wie singen und tanzen, vor allem aber war es eine Zeit, als anständige Rockbands noch anständige Rockmusik machten. Na ja, zumindest empfand ich das so, und genau das sollte mein Ding werden. Und weil Apple die Welt von heute noch nicht erfunden und mit schlechten Akkus ausgestattet hatte und manche Songs mir wahnsinnig gut gefielen, stellte ich gerne mal ein Mikrofon an den Fernsehlautsprecher, um das Lied auf Kassette aufzunehmen. Wenn dann mitten im Lied meine Mutter ohne Vorwarnung mein Zimmer betrat und mit ihrem für sie typischen lauten Mundwerk grammatikalisch fragwürdige Dinge rief wie: »Sind das deine Socken, oder Papa seine?«, dann war meine böse ausfallende Reaktion so gerechtfertigt wie für sie unverständlich, weil sie natürlich nicht kapieren wollte, dass sie mir gerade die Aufnahme versaut hatte und ich jetzt den ganzen Tag weiter Musikfernsehen schauen musste, bis die Nummer noch mal gespielt wurde. Aber man war ja jung, und wenn man was hatte, dann war es Zeit.

Was man dagegen so gar nicht hatte, war Geld. Trotzdem hatte ich irgendwann genug Zaster zusammen, um meine allererste CD zu kaufen: »Americana«, ein Album der, na ja, Spaß-Punk-Kapelle The Offspring. Damals klangen die noch einigermaßen ruppig und nicht nach Bierzeltrock für abgehalfterte Jeansjackenopis, die ihrer Jugend nachheulen. Ironischerweise hatten die ihre große Zeit eigentlich, als ich die oben erwähnte Strereoanlage geschenkt bekam, vor lauter musikalischen Feuchtfürzen wie »What is love? Baby don't hurt me ...« und »Eins, zwei, Polizei, drei, vier, Kölner Bier« hatte ich das aber akustisch nicht mitbekommen. Außerdem war ich da wohl definitiv zu jung für Rockmusik gewesen und meine Eltern hätten sich allenfalls gefragt, was sie in der Erziehung falsch gemacht hatten. Aber 1999 war ja alles anders. Ich kam also mit der Platte nach Hause und klaute zu allererst ein CD-Radio aus dem elterlichen Schlafzimmer, weil die alte Stereoanlage sich vor lauter Nichtnutzung längst »kaputtgestanden« hatte, quasi nicht mehr existent war. Kurze Zeit später stand dann die komplette Familie wie zum Gruppenfoto versammelt in meinem Zimmer und bestaunte meinen Einkauf, als hätte ich den heiligen Gral erbeutet. War ja klar, dass der Sohn irgendwann doch noch anfangen würde, Musik zu hören, man hatte das ja gleich gewusst, der Junge sei ja inzwischen in der Pubertät, bla bla bla. Ich schmiss also die CD ein und ließ das erste Lied laufen. Das setzte ungefähr so ein: Gitarrengeschrammel ... »Faaaaaaaalling, I'm faaaaaaaalling ...«, begleitet von mehr Gitarrengeschrammel. Man stelle sich dazu eine Stimme vor, die klang, als kämpfe eine sehr, sehr wütende Katze mit einer rostigen Kreissäge und sei dabei, zu gewinnen. Die Reaktion meiner Mutter war entsprechend: »Um Gottes Willen!!!« Meine Schwester sagte so was wie: »Ach du Scheiße!« und mein Vater, fachkundig, wie er war: »Das ist doch so 'ne Rechtsradikalenrambazambamusik, wa'?« Ja Papa, das war so 'ne Rechtsradikalenrambazambamusik, ganz genau.

Das Verhältnis in Sachen Musik zwischen mir und meinen Eltern blieb weiterhin zerrüttet, und zwar bis zum heutigen Tag. Und mit jedem neuen »Krach«, der auf Silberscheibe Einzug in mein inzwischen von Bandpostern zugepflastertes Zimmer hielt, wuchs das Unverständnis, bis es irgendwann in Gleichgültigkeit umschlug. Einzig Kurt Cobain attestierte meine Mutter beim ersten Mithören »aber eine schöne Stimme«, was sie allerdings zum Refrain hin sofort wieder revidierte. Und derweil ich weiter vor mich hin pubertierte und mein Gehör mit jeder Menge Rockmusik nachhaltig ruinierte, fragte ich mich immer wieder mal ganz kurz, in welcher düsteren Ecke wohl die CD mit den Techno-Schlümpfen abgeblieben sein mochte. Gefunden habe ich sie bis heute nicht.

Montag, April 07, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Montag, April 07, 2014 | Keine Kommentare

Wespen! Wespen!

Gott schuf die Welt in sieben Tagen, so heißt es. Nachdem ihm am sechsten Tag die Hand ausgerutscht und der Mensch herausgekommen war, nutzte er den siebten Tag, um sich auszuruhen, XBox zu spielen, und sich über all die Perversitäten zu ärgern, die seine versehentliche Schöpfungskrone während der ihr gegeben Zeit so verzapfte: Kriege, Bausparverträge, die CSU und 'ne Menge anderen Blödsinn. Drum schuf er am achten Tag schließlich die Geißel der Menschheit: die Wespe.

Die Wespe ist das Arschloch unter den Insekten. Im Gegensatz zu ihrem achtbeinigen Mistviechkollegen, der Spinne, die zwar ihr Netz stets zielsicher dort hinstellt, wo man garantiert als nächstes hineinlaufen wird, die aber lediglich jenen Menschen besonders nah kommt, die ganz besonders viel Angst vor ihr haben, taucht die Wespe einfach überall auf, wo es was zu stechen gibt. Eingepackt in ihre auffällige schwarzgelbe Here-I-am-to-fuck-some-shit-up-Kluft wirkt sie zuerst einmal gar nicht sonderlich gefährlich. Was farbenfroh ist, das ist kindgerecht, so wird man schließlich sozialisiert. Blöd zum Ersten halt, dass die Tierwelt, was Farben angeht, da eine leicht andere Auffassung hat: je bunter, desto tödlicher nämlich. Wäre der Legostein quasi ein Tier, wir wären längst ausgestorben. Blöd zum Zweiten, dass auch heute immer noch Kinder mit der Biene Maja ruhiggestellt werden. Der leicht pummlige Heidiverschnitt mit Flügeln und ihr auf ewig in der Friendzone gefangener Sidekick mit dem Sprachfehler namens Willi flattern derart knuffig über die heimische Mattscheibe, dass man einfach so gar keine Angst vor Bienen haben kann. Womit wir bei blöd zum Dritten wären: Wespen sind keine Bienen, und Bienen sind auch gar nicht so schwarz-gelb, wie die Kinderserie es einem vorgaukelt. Die gemeine Biene ist eher so, hm, braun, während tatsächlich schwarz-gelb lediglich unbrauchbare Koalitionen und eben Wespen sind. Diese schmerzhafte Unterscheidunsglektion will erst einmal gemacht sein.

Und so kommt es, dass in meinen beiden schockierendsten Kindheitserinnerungen einmal Sexzeitschriften im Wohnzimmerzeitungsständer vorkommen und einmal, nun, Wespen. Als Dreikäsehoch versucht man ja noch irgendwie, alles zu Brei zu schlagen, was kleiner ist als man selbst - ein roter Faden, der sich bei mir übrigens bis heute durchzieht. Dazu gehörten an jenem schicksalhaften Tag auch zwei Wespen auf unserem Balkon. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: Bewaffnet nur mit dem Mut eines Löwen und einer Fliegenklatsche wagte ich mich hinaus, um den gestreiften Lolek und Bolek - Watsch! - den Garaus zu machen, holte drum aus und - Zack! - schlug gehörig daneben. Majestätisch wie zwei dicke US-Kampfhubschrauber erhob sich das Duo Infernale in die Luft, hielt zielsicher auf meinen Fuß zu und - Zack! Zack! - ballerte zwei Hellfire-Raketen in Form schmerzhafter Stachel in meinen bemitleidenswerten Fuß. Das Geschrei hinterher war größer als meine ohnehin schon große Klappe, aber nicht halb so groß wie mein zu einem Globus angeschwollener Fuß.

Okay, nun mag man zumindest diesem Stechduett noch so was wie Selbstverteidigung attestieren, aber das ändert nichts am Grundproblem: Wespen - die Plage der westlichen Welt, auf die selbst Moses so nie gekommen wäre - wurden einzig und allein zu dem Zweck erschaffen, perfekte Grillabende und Kindergeburtstage im Sommer gehörig zu vermiesen. Frech wie Oskar hocken die kleinen Giftspritzen sich auf jedes noch so kleine Stück Essen und verharren selbst dann auf ihrer unrechtmäßig besetzten Mahlzeit, wenn eine Gabel das besagte Stück allmählich zum Mund führt. Bis zum bitteren Ende, mag die Wespe da denken, wobei das Ende schlimmstenfalls ein Luftröhrenschnitt ist, denn die Wildwestwespe weiß ziemlich genau, wer im Duell den Kürzeren zieht und sein blaues Gesichtsfarbenwunder erlebt.

Sätze wie »Schlag doch nicht so wild um dich, dann tun sie dir nichts« und »Die haben viel mehr Angst vor dir als du vor ihnen« bringen übrigens auch nichts, da die Wespe die Sprüche nicht kennt. Die Wespe, die Angst vor mir hat, ist außerdem zumindest mir bisher noch nicht begegnet. Im Gegenteil: Mit Wespenstacheln ist es nicht wie mit Karate, das man lernt, um es nicht anzuwenden. Wespen haben einen Stachel, um ihn sehr wohl zu benutzen. Im Gegensatz zum Gegenentwurf, der Biene, dem Nice Guy der Stecher, der für seine Nettig- wie Nützlichkeit gerade ein mysteriöses Massensterben durchmacht, während Bad Guy Wespe zur schönsten Jahreszeit Großstädte in der Bäckereiauslage gründet, können Wespen bekanntlich mehr als einmal zustechen, ohne hinterher den Stachel wie den Löffel abzugeben. Die Drecksbiester stechen nicht, weil sie es müssen, sondern weil sie es wollen.

Ja, es macht ihnen schlicht Spaß, beschissen zu sein. Sie sind das tierische Äquivalent zu den Schlägertypen, die den bemitleidenswerten Losern in der Schule das Pausenbrot abnehmen, um es ihnen hinterher mit der Butterseite nach oben in die Unterhose zu stopfen. Wespen haben keinen erkennbaren Nutzen in der Tierwelt. Sie liefern keinen Honig, sie fressen keine Reste, sie sind einzig da, um kleine Stücken Kuchen und Bratwurst mitzunehmen und Leute mit schmerzverzerrten Gesichtern zurückzulassen, die mit frischen Zwiebelhälften an sich herumrubbeln.

Zum nervigen Problem trägt auch bei, dass die gestreiften Kackbratzen kaum natürliche Feinde haben, abgesehen von der gerollten Sonntagszeitung und einem noch viel bedrohlicheren und eigentlich verwandten Insekt, dem Crocodile Dundee der Stechbiester, dem einzigen, das zur Wespe gehen und sagen kann: »Das ist doch kein Stachel. DAS ... ist ein Stachel!« - man ahnt es: die Hornisse. Die futtert zwar die Grillabendspaßverderber gern zum Frühstück, kommt aber in freier Wildbahn nicht sonderlich oft vor, weil der Mensch sie zum Dank für ihre Nützlichkeit nahezu ausgerottet hat. Andererseits vielleicht auch zum Glück, denn wir erinnern uns: Wer dreimal von einer Hornisse gestochen wird, der stirbt. Das ist zwar Blödsinn, aber ausprobieren will ich's auch nicht, sind Hornissen doch ungefähr so groß wie ein B52-Kampfbomber. Und so was als Plage ... brrrr! Bringen wir den Alten da oben zwischen XBox und Wegschauen mal lieber nicht auf dumme Gedanken.

Mittwoch, März 26, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, März 26, 2014 | Keine Kommentare

Wo's der Spirit?

Good bye darkness, my old friend!
Im Kaffee-Käsekuchen-Trend
Folgt: Hallo, neue Spießigkeit!
Auf Terracotta-Couchbezug,
Ist alles, was ich nie ertrug,
Für unsren Sesselfurz bereit.

Stirb, Revolution von einst!
Derweil du um die Zeiten weinst,
Du parfümierter Badeschaum,
Als jeder Tag Geschichten schrieb,
Kein Sparbuchleben vorwärts trieb,
Verreckst du an dem Sehnsuchtstraum.

Haben wir's nicht schön bequem?
Sind Elektronen im System,
Mit Girokonten, wie gemalt.
Wir rasen vorwärts, fragen nicht,
Der Letzte macht die Schotten dicht,
Denn seine Raten sind bezahlt.

Während sich das Mahlwerk dreht,
Steh'n wir, wo König Mammon steht
Und bitten um das "next big thing".
Die Hände liegen brav im Schoß,
Wir fragen uns vorm Schlafen bloß,
Wo unser Spirit flöten ging.

Samstag, März 01, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Samstag, März 01, 2014 | Keine Kommentare

Wie Strumpfmasken meine Kindheit zerstörten

Es gibt viele Gruselfilmfiguren. Dracula, Frankensteins namenloses Monster, Alice Schwarzer, Freddy Krueger, um nur einige zu nennen. Doch meine fürchterlichste Gruselfilmfigur war nicht einmal wirklich gruselig. Sie trug keine angsteinflößende Maske, keine zerlumpte, mit Blut bekleckerte Kleidung, schwang keine Axt und tat auch sonst nichts wirklich Schauriges. Sie trug einen piefigen Anzug, dazu eine dicke Hornbrille, das Haar war immer konservativ gut frisiert. Sie tat also niemandem direkt weh, und doch löst schon ihr Name Angstschweißausbrüche bei mir aus: Eduard Zimmermann! Zimmermanns Kabinett des Grauens lief alle paar Wochen im ZDF, ein Schauergeschichtensammelsurium namens »Aktenzeichen XY ... ungelöst«. In dieser Abendsendung, die bei uns zu Hause eigentlich immer nur »Aktenzeichen« genannt wurde, brachten in nachgestellten Szenen vermeintlich echte Verbrecher ebenso vermeintlich echte ahnungslose Opfer entweder um Geld und Klunker oder einfach um.

»Aktenzeichen« - eine Sendung, die mich kleinen Hosenscheißer auf der durchgesessenen Couch in unserem Wohnzimmer hockend wie gebannt auf den dicken Röhrenfernseher starren ließ und mich eines lehrte: Egal, was Mama und Papa auch erzählten und versprachen, man war nirgends sicher, wenn erst das Verbrecherduo mit übergezogener Strumpfmaske an der Tür klingelte und um Einlass bat, weil, äh, angeblich die Milch bei ihnen alle war oder sie nachts um zwo einfach mal nach dem Weg zur nächsten Tankstelle fragen wollten.

»Aktenzeichen« trug maßgeblich dazu bei, dass ich mein Leben lang Angstzustände in Wohnungen erleiden werde, deren Haustür eine Glasscheibe hat und sich nicht mittels mindestens dreier Schlösser verriegeln lässt. Als Kind half da auch nicht das ansonsten sichere Bett. Jedes Kind weiß, und das ist wissenschaftlich erwiesen, dass Buhmänner und andere Monster keine Chance haben, solange Hände und Füße sicher unter der Bettdecke versteckt bleiben. Aber wenn sich erst die maskierten Räuber Einlass verschafft haben und sich mit Seil und Paketband oder schlimmer, mit dem dicken Küchenmesser dem Bett nähern, dann hilft auch dieses Bollwerk der Kinderzimmeridylle nicht weiter, dann ist man, nun, ziemlich gearscht. Während die Angst vor tödlichen Gefahren wie schlimmen Krankheiten und den Jungs aus der sechsten Klasse an mir vorüberging, sorgte »Aktenzeichen« dafür, dass ich es mir mental nie allzu behaglich in meiner Kindheit einrichtete. Männer mit übergezogenen Strumpfmasken warteten theoretisch überall und konnten jederzeit an der Tür läuten.

Dabei lief so eine Sendung ziemlich unspektakulär ab: Eduard Zimmermann erklärte kurz, was sich zugetragen hatte, dann folgte ein Einspieler mit Laienschauspielern aus der Fußgängerzone. Hier saßen meist Leute wie Hubert und Traute Mustergültig in ihrem Wohnzimmer und genossen die bedrohliche Stille des Abends. Traute strickte Socken, während Hubert ein Buch las oder Bundesliga schaute. Auf dem Wohnzimmertisch lag ein besticktes Deckchen. Beide hatten natürlich ihr Leben lang schwer im VW-Werk oder bei Audi geschuftet und wollten eigentlich ihren Lebensabend genießen. Eine Weltreise, ein neues Auto noch mal, vielleicht auch eine Anmeldung im Swinger-Club. Wollten ... Eiiigentlich ... Denn plötzlich, so gegen 22 Uhr, fuhr eine dunkle BMW-Limousine vor, aus der zwei zwielichtige Gestalten stiegen, um das Grundstück der Mustergültigs zu betreten und an der Tür zu klingeln. Eine pseudohippe Bildüberblende, der biedere Bruder der Überblenden aus »Star Wars«, führte zurück ins Wohnzimmer der Mustergültigs, wo Traute das Strickzeug zur Seite legte, auf die schwere Wanduhr guckte und mit ihrem Mann verdutzte Blicke tauschte. »So spät? Wer kann das denn wohl noch sein?«, plapperte Traute dann übermäßig betont das Drehbuch nach, und noch während ich dachte, neiiiin, geh nicht zur Tür, das sind doch die Mööörder, ging Hubert natürlich zur Tür, die er ebenso natürlich auch noch öffnete. Warum all diese Deppen am späten Abend fremden Leuten einfach die Tür aufmachten, war mir immer ein Rätsel. Erwachsene machten das offenbar so, und da meine Eltern Erwachsene waren, war auf die kein Verlass. Ich dagegen bin - »Aktenzeichen« sei dank - so bescheuert heute nicht mal am helllichten Tag, es sei denn, der ungebetene Gast trägt was Gelbes, hat einen DHL-Aufdruck auf der Jacke und einen Karton in der Hand. Jedenfalls verschafften sich die maskierten Einbrecher im Einspieler flugs Zugang zum Wohnraum der Mustergültigs - schließlich hatte der blöde Opi die Tür ja schon aufgemacht - klauten dann zentnerweise Schmuck, den alte Leute offenbar horten wie Drachen einen Goldschatz und den sie selbstverständlich immer in großen abgeschlossenen Stahlkassetten aufbewahren, und wenn bei den armen Rentnern zu allem Unglück noch ein bisschen Pech dazukam, wurden sie - zack zack - hinterher umgebracht. Meine Mutter kommentierte das gerne mit Sätzen wie: »Das ist aber auch eine Sauerei!«, so als hätte es sich um die Verkündung einer Mehrwertsteueranhebung gehandelt.

Weiter ging es in etwa so: Am Morgen nach der Nacht des Grauens wollte die freundliche Nachbarin Erna B. ein Körbchen frische Erdbeeren vorbeibringen, wie man das als fürsorglicher Nachbar wohl so tut, als keiner die Tür öffnete. »Wenn da mal nichts passiert ist«, las Erna dann von ihrem Merkzettel ab, ging den Zweitschlüssel holen, den sie natürlich besaß, und fand anschließend das niedergemetzelte Rentnerpärchen in einer Ecke des Gästezimmers. Zurück ging es zu Eduard Zimmermann, der ein betretenes Gesicht machte, und dann saß ich da, ebenfalls mit betretenem Gesicht, geschockt von dieser eigentlich unspektakulären Geschichte über ein Verbrechen an einem unspektakulären Rentnerpaar. Scheiße auch, wir waren doch selber eine unspektakuläre Familie! Unsere Tage waren für mich nach einer solchen Sendung jedenfalls gezählt. Jeden Moment konnte es klingeln! Ach was, eigentlich fing es schon mit dem Beginn der Sendung an. Allein diese Titelmusik: bäbäbäbäm bäbäbäbäm ... Das klang, als wäre der Axtmörder längst im Haus.

Die ganz fiesen Verbrecher wurden zumindest in meiner Erinnerung auch nie gefunden. Wahrscheinlich waren die anderen Zuschauer vom Zwischengeplänkel der Sendung genauso gelangweilt wie ich, sodass keiner mehr aufpasste und keine wichtigen Hinweise eingingen. Die Macher der Sendung gaben sich aber auch alle Mühe, die ödeste Präsentation des Universums zu finden, und sie waren erfolgreich: Eduard Zimmermann saß in einem braunen Studio an seinem braunen Tisch. Der Hintergrund war braun, das Logo sowieso, und wenn man nicht gerade stümperhaft angefertigte Phantombilder zeigte, die eher wie schlecht rasierte Disneyfiguren statt wie Verbrecher aussahen, oder der in die Sendung eingeladene und unter Valium stehende Oberwachtmeister Gümpelstein von Ziegenbrecht mit monotoner Stimme in süddeutscher Einfärbung die Zuschauer zur Mithilfe aufrief, dann wurden potenzielle Spuren und Beweise gezeigt: die Geldbörse des Opfers aus braunem Leder, das handgeschliffene Mordmesser mit braunem Holzimitatgriff, ein braunes Stück Stoff oder die am Tatort zurückgelassene C&A-Lederjacke des Täters in brauner Ausführung. Herrgott, die Sendung war brauner als jeder NPD-Ortsverein! In meinem ganzen Leben sind mir seither nur drei Dinge begegnet, die ähnlich braun waren: die massive DDR-Schrankwand meiner Großeltern, ein Eimer brauner Farbe und Bonn.

Und trotz der tristen Farbgebung hat »Aktenzeichen« mich nachhaltiger geprägt als die konventionelle Erziehung meiner sozialistischen Kindergärtnerin. Die Haustür öffne ich heute überhaupt nicht mehr, was mir nebenbei auch Rundfunkbeauftragte, Zeugen Jehovas und andere Kackspaten vom Hals hält, allerdings einmal auch die Feuerwehr, die mich nachts laut klopfend aus dem brennenden Haus retten wollte. Auch gibt es bei mir keinerlei Schmuck zu klauen. Was das angeht, biete ich wenig Angriffsfläche. Potenzielle Einbrecher fänden bei mir allenfalls eine Videospielesammlung von zweifelhaftem Wert, einige Zauberer-von-Oz-Comics und eine Packung abgelaufenes Müsli. Und in meiner mit Wrestling-Stickern aus den 90ern beklebten Geldkassette liegen lediglich alte Glückwunschkarten von meiner Jugendweihe. Da lohnt sich definitiv kein Hammermord der Welt! Ich bin vorsichtig geworden seit meinen Kindheitstagen.

Über zwanzig Jahre später läuft die Sendung übrigens immer noch auf jenem sagenumwobenen Sender, den meine Generation allenfalls vom versehentlichen Drüberzappen kennt. Eduard Zimmermann weilt zwar inzwischen im Reich all der Opfer, die einst in den Einspielern nachgestellt wurden, dafür versetzt die Sendung in ihrer unspektakulären Art wahrscheinlich wie gehabt ganze Generationen von Kindern mehr in Angst und Schrecken als Pennywise der Clown aus Stephen Kings »Es«. Nur eines ist »Aktenzeichen« heutzutage dann doch nicht mehr: braun. Na immerhin.