Montag, April 07, 2014

Wespen! Wespen!

Gott schuf die Welt in sieben Tagen, so heißt es. Nachdem ihm am sechsten Tag die Hand ausgerutscht und der Mensch herausgekommen war, nutzte er den siebten Tag, um sich auszuruhen, XBox zu spielen, und sich über all die Perversitäten zu ärgern, die seine versehentliche Schöpfungskrone während der ihr gegeben Zeit so verzapfte: Kriege, Bausparverträge, die CSU und 'ne Menge anderen Blödsinn. Drum schuf er am achten Tag schließlich die Geißel der Menschheit: die Wespe.

Die Wespe ist das Arschloch unter den Insekten. Im Gegensatz zu ihrem achtbeinigen Mistviechkollegen, der Spinne, die zwar ihr Netz stets zielsicher dort hinstellt, wo man garantiert als nächstes hineinlaufen wird, die aber lediglich jenen Menschen besonders nah kommt, die ganz besonders viel Angst vor ihr haben, taucht die Wespe einfach überall auf, wo es was zu stechen gibt. Eingepackt in ihre auffällige schwarzgelbe Here-I-am-to-fuck-some-shit-up-Kluft wirkt sie zuerst einmal gar nicht sonderlich gefährlich. Was farbenfroh ist, das ist kindgerecht, so wird man schließlich sozialisiert. Blöd zum Ersten halt, dass die Tierwelt, was Farben angeht, da eine leicht andere Auffassung hat: je bunter, desto tödlicher nämlich. Wäre der Legostein quasi ein Tier, wir wären längst ausgestorben. Blöd zum Zweiten, dass auch heute immer noch Kinder mit der Biene Maja ruhiggestellt werden. Der leicht pummlige Heidiverschnitt mit Flügeln und ihr auf ewig in der Friendzone gefangener Sidekick mit dem Sprachfehler namens Willi flattern derart knuffig über die heimische Mattscheibe, dass man einfach so gar keine Angst vor Bienen haben kann. Womit wir bei blöd zum Dritten wären: Wespen sind keine Bienen, und Bienen sind auch gar nicht so schwarz-gelb, wie die Kinderserie es einem vorgaukelt. Die gemeine Biene ist eher so, hm, braun, während tatsächlich schwarz-gelb lediglich unbrauchbare Koalitionen und eben Wespen sind. Diese schmerzhafte Unterscheidunsglektion will erst einmal gemacht sein.

Und so kommt es, dass in meinen beiden schockierendsten Kindheitserinnerungen einmal Sexzeitschriften im Wohnzimmerzeitungsständer vorkommen und einmal, nun, Wespen. Als Dreikäsehoch versucht man ja noch irgendwie, alles zu Brei zu schlagen, was kleiner ist als man selbst - ein roter Faden, der sich bei mir übrigens bis heute durchzieht. Dazu gehörten an jenem schicksalhaften Tag auch zwei Wespen auf unserem Balkon. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: Bewaffnet nur mit dem Mut eines Löwen und einer Fliegenklatsche wagte ich mich hinaus, um den gestreiften Lolek und Bolek - Watsch! - den Garaus zu machen, holte drum aus und - Zack! - schlug gehörig daneben. Majestätisch wie zwei dicke US-Kampfhubschrauber erhob sich das Duo Infernale in die Luft, hielt zielsicher auf meinen Fuß zu und - Zack! Zack! - ballerte zwei Hellfire-Raketen in Form schmerzhafter Stachel in meinen bemitleidenswerten Fuß. Das Geschrei hinterher war größer als meine ohnehin schon große Klappe, aber nicht halb so groß wie mein zu einem Globus angeschwollener Fuß.

Okay, nun mag man zumindest diesem Stechduett noch so was wie Selbstverteidigung attestieren, aber das ändert nichts am Grundproblem: Wespen - die Plage der westlichen Welt, auf die selbst Moses so nie gekommen wäre - wurden einzig und allein zu dem Zweck erschaffen, perfekte Grillabende und Kindergeburtstage im Sommer gehörig zu vermiesen. Frech wie Oskar hocken die kleinen Giftspritzen sich auf jedes noch so kleine Stück Essen und verharren selbst dann auf ihrer unrechtmäßig besetzten Mahlzeit, wenn eine Gabel das besagte Stück allmählich zum Mund führt. Bis zum bitteren Ende, mag die Wespe da denken, wobei das Ende schlimmstenfalls ein Luftröhrenschnitt ist, denn die Wildwestwespe weiß ziemlich genau, wer im Duell den Kürzeren zieht und sein blaues Gesichtsfarbenwunder erlebt.

Sätze wie »Schlag doch nicht so wild um dich, dann tun sie dir nichts« und »Die haben viel mehr Angst vor dir als du vor ihnen« bringen übrigens auch nichts, da die Wespe die Sprüche nicht kennt. Die Wespe, die Angst vor mir hat, ist außerdem zumindest mir bisher noch nicht begegnet. Im Gegenteil: Mit Wespenstacheln ist es nicht wie mit Karate, das man lernt, um es nicht anzuwenden. Wespen haben einen Stachel, um ihn sehr wohl zu benutzen. Im Gegensatz zum Gegenentwurf, der Biene, dem Nice Guy der Stecher, der für seine Nettig- wie Nützlichkeit gerade ein mysteriöses Massensterben durchmacht, während Bad Guy Wespe zur schönsten Jahreszeit Großstädte in der Bäckereiauslage gründet, können Wespen bekanntlich mehr als einmal zustechen, ohne hinterher den Stachel wie den Löffel abzugeben. Die Drecksbiester stechen nicht, weil sie es müssen, sondern weil sie es wollen.

Ja, es macht ihnen schlicht Spaß, beschissen zu sein. Sie sind das tierische Äquivalent zu den Schlägertypen, die den bemitleidenswerten Losern in der Schule das Pausenbrot abnehmen, um es ihnen hinterher mit der Butterseite nach oben in die Unterhose zu stopfen. Wespen haben keinen erkennbaren Nutzen in der Tierwelt. Sie liefern keinen Honig, sie fressen keine Reste, sie sind einzig da, um kleine Stücken Kuchen und Bratwurst mitzunehmen und Leute mit schmerzverzerrten Gesichtern zurückzulassen, die mit frischen Zwiebelhälften an sich herumrubbeln.

Zum nervigen Problem trägt auch bei, dass die gestreiften Kackbratzen kaum natürliche Feinde haben, abgesehen von der gerollten Sonntagszeitung und einem noch viel bedrohlicheren und eigentlich verwandten Insekt, dem Crocodile Dundee der Stechbiester, dem einzigen, das zur Wespe gehen und sagen kann: »Das ist doch kein Stachel. DAS ... ist ein Stachel!« - man ahnt es: die Hornisse. Die futtert zwar die Grillabendspaßverderber gern zum Frühstück, kommt aber in freier Wildbahn nicht sonderlich oft vor, weil der Mensch sie zum Dank für ihre Nützlichkeit nahezu ausgerottet hat. Andererseits vielleicht auch zum Glück, denn wir erinnern uns: Wer dreimal von einer Hornisse gestochen wird, der stirbt. Das ist zwar Blödsinn, aber ausprobieren will ich's auch nicht, sind Hornissen doch ungefähr so groß wie ein B52-Kampfbomber. Und so was als Plage ... brrrr! Bringen wir den Alten da oben zwischen XBox und Wegschauen mal lieber nicht auf dumme Gedanken.

Mittwoch, März 26, 2014

Wo's der Spirit?

Good bye darkness, my old friend!
Im Kaffee-Käsekuchen-Trend
Folgt: Hallo, neue Spießigkeit!
Auf Terracotta-Couchbezug,
Ist alles, was ich nie ertrug,
Für unsren Sesselfurz bereit.

Stirb, Revolution von einst!
Derweil du um die Zeiten weinst,
Du parfümierter Badeschaum,
Als jeder Tag Geschichten schrieb,
Kein Sparbuchleben vorwärts trieb,
Verreckst du an dem Sehnsuchtstraum.

Haben wir's nicht schön bequem?
Sind Elektronen im System,
Mit Girokonten, wie gemalt.
Wir rasen vorwärts, fragen nicht,
Der Letzte macht die Schotten dicht,
Denn seine Raten sind bezahlt.

Während sich das Mahlwerk dreht,
Steh'n wir, wo König Mammon steht
Und bitten um das "next big thing".
Die Hände liegen brav im Schoß,
Wir fragen uns vorm Schlafen bloß,
Wo unser Spirit flöten ging.

Samstag, März 01, 2014

Wie Strumpfmasken meine Kindheit zerstörten

Es gibt viele Gruselfilmfiguren. Dracula, Frankensteins namenloses Monster, Alice Schwarzer, Freddy Krueger, um nur einige zu nennen. Doch meine fürchterlichste Gruselfilmfigur war nicht einmal wirklich gruselig. Sie trug keine angsteinflößende Maske, keine zerlumpte, mit Blut bekleckerte Kleidung, schwang keine Axt und tat auch sonst nichts wirklich Schauriges. Sie trug einen piefigen Anzug, dazu eine dicke Hornbrille, das Haar war immer konservativ gut frisiert. Sie tat also niemandem direkt weh, und doch löst schon ihr Name Angstschweißausbrüche bei mir aus: Eduard Zimmermann! Zimmermanns Kabinett des Grauens lief alle paar Wochen im ZDF, ein Schauergeschichtensammelsurium namens »Aktenzeichen XY ... ungelöst«. In dieser Abendsendung, die bei uns zu Hause eigentlich immer nur »Aktenzeichen« genannt wurde, brachten in nachgestellten Szenen vermeintlich echte Verbrecher ebenso vermeintlich echte ahnungslose Opfer entweder um Geld und Klunker oder einfach um.

»Aktenzeichen« - eine Sendung, die mich kleinen Hosenscheißer auf der durchgesessenen Couch in unserem Wohnzimmer hockend wie gebannt auf den dicken Röhrenfernseher starren ließ und mich eines lehrte: Egal, was Mama und Papa auch erzählten und versprachen, man war nirgends sicher, wenn erst das Verbrecherduo mit übergezogener Strumpfmaske an der Tür klingelte und um Einlass bat, weil, äh, angeblich die Milch bei ihnen alle war oder sie nachts um zwo einfach mal nach dem Weg zur nächsten Tankstelle fragen wollten.

»Aktenzeichen« trug maßgeblich dazu bei, dass ich mein Leben lang Angstzustände in Wohnungen erleiden werde, deren Haustür eine Glasscheibe hat und sich nicht mittels mindestens dreier Schlösser verriegeln lässt. Als Kind half da auch nicht das ansonsten sichere Bett. Jedes Kind weiß, und das ist wissenschaftlich erwiesen, dass Buhmänner und andere Monster keine Chance haben, solange Hände und Füße sicher unter der Bettdecke versteckt bleiben. Aber wenn sich erst die maskierten Räuber Einlass verschafft haben und sich mit Seil und Paketband oder schlimmer, mit dem dicken Küchenmesser dem Bett nähern, dann hilft auch dieses Bollwerk der Kinderzimmeridylle nicht weiter, dann ist man, nun, ziemlich gearscht. Während die Angst vor tödlichen Gefahren wie schlimmen Krankheiten und den Jungs aus der sechsten Klasse an mir vorüberging, sorgte »Aktenzeichen« dafür, dass ich es mir mental nie allzu behaglich in meiner Kindheit einrichtete. Männer mit übergezogenen Strumpfmasken warteten theoretisch überall und konnten jederzeit an der Tür läuten.

Dabei lief so eine Sendung ziemlich unspektakulär ab: Eduard Zimmermann erklärte kurz, was sich zugetragen hatte, dann folgte ein Einspieler mit Laienschauspielern aus der Fußgängerzone. Hier saßen meist Leute wie Hubert und Traute Mustergültig in ihrem Wohnzimmer und genossen die bedrohliche Stille des Abends. Traute strickte Socken, während Hubert ein Buch las oder Bundesliga schaute. Auf dem Wohnzimmertisch lag ein besticktes Deckchen. Beide hatten natürlich ihr Leben lang schwer im VW-Werk oder bei Audi geschuftet und wollten eigentlich ihren Lebensabend genießen. Eine Weltreise, ein neues Auto noch mal, vielleicht auch eine Anmeldung im Swinger-Club. Wollten ... Eiiigentlich ... Denn plötzlich, so gegen 22 Uhr, fuhr eine dunkle BMW-Limousine vor, aus der zwei zwielichtige Gestalten stiegen, um das Grundstück der Mustergültigs zu betreten und an der Tür zu klingeln. Eine pseudohippe Bildüberblende, der biedere Bruder der Überblenden aus »Star Wars«, führte zurück ins Wohnzimmer der Mustergültigs, wo Traute das Strickzeug zur Seite legte, auf die schwere Wanduhr guckte und mit ihrem Mann verdutzte Blicke tauschte. »So spät? Wer kann das denn wohl noch sein?«, plapperte Traute dann übermäßig betont das Drehbuch nach, und noch während ich dachte, neiiiin, geh nicht zur Tür, das sind doch die Mööörder, ging Hubert natürlich zur Tür, die er ebenso natürlich auch noch öffnete. Warum all diese Deppen am späten Abend fremden Leuten einfach die Tür aufmachten, war mir immer ein Rätsel. Erwachsene machten das offenbar so, und da meine Eltern Erwachsene waren, war auf die kein Verlass. Ich dagegen bin - »Aktenzeichen« sei dank - so bescheuert heute nicht mal am helllichten Tag, es sei denn, der ungebetene Gast trägt was Gelbes, hat einen DHL-Aufdruck auf der Jacke und einen Karton in der Hand. Jedenfalls verschafften sich die maskierten Einbrecher im Einspieler flugs Zugang zum Wohnraum der Mustergültigs - schließlich hatte der blöde Opi die Tür ja schon aufgemacht - klauten dann zentnerweise Schmuck, den alte Leute offenbar horten wie Drachen einen Goldschatz und den sie selbstverständlich immer in großen abgeschlossenen Stahlkassetten aufbewahren, und wenn bei den armen Rentnern zu allem Unglück noch ein bisschen Pech dazukam, wurden sie - zack zack - hinterher umgebracht. Meine Mutter kommentierte das gerne mit Sätzen wie: »Das ist aber auch eine Sauerei!«, so als hätte es sich um die Verkündung einer Mehrwertsteueranhebung gehandelt.

Weiter ging es in etwa so: Am Morgen nach der Nacht des Grauens wollte die freundliche Nachbarin Erna B. ein Körbchen frische Erdbeeren vorbeibringen, wie man das als fürsorglicher Nachbar wohl so tut, als keiner die Tür öffnete. »Wenn da mal nichts passiert ist«, las Erna dann von ihrem Merkzettel ab, ging den Zweitschlüssel holen, den sie natürlich besaß, und fand anschließend das niedergemetzelte Rentnerpärchen in einer Ecke des Gästezimmers. Zurück ging es zu Eduard Zimmermann, der ein betretenes Gesicht machte, und dann saß ich da, ebenfalls mit betretenem Gesicht, geschockt von dieser eigentlich unspektakulären Geschichte über ein Verbrechen an einem unspektakulären Rentnerpaar. Scheiße auch, wir waren doch selber eine unspektakuläre Familie! Unsere Tage waren für mich nach einer solchen Sendung jedenfalls gezählt. Jeden Moment konnte es klingeln! Ach was, eigentlich fing es schon mit dem Beginn der Sendung an. Allein diese Titelmusik: bäbäbäbäm bäbäbäbäm ... Das klang, als wäre der Axtmörder längst im Haus.

Die ganz fiesen Verbrecher wurden zumindest in meiner Erinnerung auch nie gefunden. Wahrscheinlich waren die anderen Zuschauer vom Zwischengeplänkel der Sendung genauso gelangweilt wie ich, sodass keiner mehr aufpasste und keine wichtigen Hinweise eingingen. Die Macher der Sendung gaben sich aber auch alle Mühe, die ödeste Präsentation des Universums zu finden, und sie waren erfolgreich: Eduard Zimmermann saß in einem braunen Studio an seinem braunen Tisch. Der Hintergrund war braun, das Logo sowieso, und wenn man nicht gerade stümperhaft angefertigte Phantombilder zeigte, die eher wie schlecht rasierte Disneyfiguren statt wie Verbrecher aussahen, oder der in die Sendung eingeladene und unter Valium stehende Oberwachtmeister Gümpelstein von Ziegenbrecht mit monotoner Stimme in süddeutscher Einfärbung die Zuschauer zur Mithilfe aufrief, dann wurden potenzielle Spuren und Beweise gezeigt: die Geldbörse des Opfers aus braunem Leder, das handgeschliffene Mordmesser mit braunem Holzimitatgriff, ein braunes Stück Stoff oder die am Tatort zurückgelassene C&A-Lederjacke des Täters in brauner Ausführung. Herrgott, die Sendung war brauner als jeder NPD-Ortsverein! In meinem ganzen Leben sind mir seither nur drei Dinge begegnet, die ähnlich braun waren: die massive DDR-Schrankwand meiner Großeltern, ein Eimer brauner Farbe und Bonn.

Und trotz der tristen Farbgebung hat »Aktenzeichen« mich nachhaltiger geprägt als die konventionelle Erziehung meiner sozialistischen Kindergärtnerin. Die Haustür öffne ich heute überhaupt nicht mehr, was mir nebenbei auch Rundfunkbeauftragte, Zeugen Jehovas und andere Kackspaten vom Hals hält, allerdings einmal auch die Feuerwehr, die mich nachts laut klopfend aus dem brennenden Haus retten wollte. Auch gibt es bei mir keinerlei Schmuck zu klauen. Was das angeht, biete ich wenig Angriffsfläche. Potenzielle Einbrecher fänden bei mir allenfalls eine Videospielesammlung von zweifelhaftem Wert, einige Zauberer-von-Oz-Comics und eine Packung abgelaufenes Müsli. Und in meiner mit Wrestling-Stickern aus den 90ern beklebten Geldkassette liegen lediglich alte Glückwunschkarten von meiner Jugendweihe. Da lohnt sich definitiv kein Hammermord der Welt! Ich bin vorsichtig geworden seit meinen Kindheitstagen.

Über zwanzig Jahre später läuft die Sendung übrigens immer noch auf jenem sagenumwobenen Sender, den meine Generation allenfalls vom versehentlichen Drüberzappen kennt. Eduard Zimmermann weilt zwar inzwischen im Reich all der Opfer, die einst in den Einspielern nachgestellt wurden, dafür versetzt die Sendung in ihrer unspektakulären Art wahrscheinlich wie gehabt ganze Generationen von Kindern mehr in Angst und Schrecken als Pennywise der Clown aus Stephen Kings »Es«. Nur eines ist »Aktenzeichen« heutzutage dann doch nicht mehr: braun. Na immerhin.

Mittwoch, Februar 19, 2014

Als Boris Becker das Internet erklärte

Ich hatte gerade einen gedanklichen Way-Back-Moment. Erinnert sich noch jemand an die Urzeiten des WWW? Nee, nicht die ganz frühen, als sich nur wahre Nerds mit Flaschenbödenbrillengläsern durch unverständliche Textwüsten klickten, sondern die, als die Telekom noch an die Börse und Manfred Krug mitging. Es war eine Zeit, in der ich gottseidank noch keine Aktien kaufen durfte und in der ich entdeckte, dass sich mit unserem 28K-Uraltmodem nicht nur Faxe verschicken ließen, sondern dass man sich mit dem Ding unter lautem Piepsgetröte auch problemlos ins Internet einwählen konnte.

Es war die Zeit, als Freischalt-Codes noch per Post kamen. Es war auch die Zeit der AOL-CDs, die jeder Klopapierrolle beilagen, jede Menge Gratisspaß im Netz versprachen und die doch immer von der Aura horrend hoher Monatsendabrechnungen umgeben waren, weil man das Kleingedruckte nicht gelesen hatte. Und es war die Zeit unsäglich peinlicher Fernsehwerbungen. Warum die besagte CD-ROM-Schleuder ausgerechnet Lispelkünstler Boris Becker für mehr Akzeptanz des eigenen Internet-Angebots werben ließ, verstehen bis heute vermutlich nur die ehemaligen AOL-Marketing-Genies, wenn sie noch mal dasselbe Kraut wie damals rauchen. »Daf if ja einfach!«, sagte der Tennisheini mit dem Zeugungsdrang im Spot und glotzte grenzdebil auf einen Röhrenmonitor. Sollte wohl so viel sagen wie: Ja also wenn sogar der blöde Becker das rafft, dann krieg ich das ja wohl auch noch gebacken!

Ich verwendete niemals eine der AOL-CDs, starrte aber dennoch immer sehnsüchtig auf die versprochenen Gratisstunden. Denn ich wählte mich seinerzeit mittels sogenannter Call-by-Call-Anbieter ein. Das waren windige Service-Provider, die meisten heute zurecht pleite und begraben, die zu mehr oder minder geringen Pfennigbeträgen kleckerweise Internet im Gehäuseschneckentempo anboten.

An meinen ersten Netzgehversuch erinnere ich mich noch ganz genau: »Mutti, ich bin im Internet!«, rief ich die Treppe hinunter. STAMPF STAMPF STAMPF, mit nicht mehr als drei ausladenden Godzilla-Schritten hatte meine Mutter die fünfzehn Stufen der Treppe genommen und stand in meinem Zimmer, noch ehe ich meinen Satz richtig beendet hatte. »Und jetzt? Müssen wir doch alles bezahlen, oder?«, schrie sie mit schreckgeweiteten Augen. Für meine Mutter war klar, sobald man ins Internet geht, passt die Endsumme der Telefonabrechnung auf keine DIN-A4-Seite mehr. Später war es dasselbe mit Internetkaufhäusern: Sobald man irgendwo was bestellte, war völlig selbstverständlich, dass hinterher das ganze Girokonto geplündert war. So war sie, meine Mutter. Und heute bestellt sie sogar ihre Topflappen bei Amazon.

»Geh nicht zu oft ins Internet«, war in der Folgezeit immer so eine Warnung meiner Mutter. Ein komplettes Verbot konnte sie nicht durchboxen. Meinem Argument »Aber ich brauch das doch für die Schule!« konnte sie nichts entgegensetzen. Gute Noten waren eben mit Geld nicht aufzuwiegen. Und so teilte ich mir meine Internetzeit gut ein. Mit einem Auge auf dem Browserfester, dessen Inhalt langsamer aufgebaut wurde, als die Hamburger Elbphilharmonie, und einem auf dem Gebührenzähler des Einwahlprogrämmchens, surfte ich maximal eine Stunde pro Tag auf den Seiten meiner Lieblingsbands vorbei, guckte mir mies aufgelöste Schweinkrambilder an und klaute Musik bei Napster. Was man für die guten Noten eben so tat.

Und all das immer mit der Angst vor diesem einen Satz im Rücken: »Thomas? Geh mal aus dem Internet raus, ich will telefonieren!« Ganz schlimm war es, wenn ich eigentlich längst schlafen sollte, dann aber doch noch dieses eine Lied fertigladen musste, und dann hörte, wie unten der Telefonhörer abgehoben wurde. So was wie »Äääaaach!« vernahm ich noch, bevor, STAMPF STAMPF STAMPF, meine Mutter im Zimmer stand. »Du sollst doch schlafen! Das bezahlst du bald alles von deinem Taschengeld!« Die Drohung verpuffte natürlich, denn so viel Taschengeld bekam ich nie und nimmer. Außerdem zog wiederum »Mir fiel eben noch ein, dass ich ja was für die Schule nachgucken muss. Bin gleich fertig.« ganz wunderbar. Mein Vater dagegen ließ sich dieses eine Mal nicht besänftigen, als er bei Minusgraden in halbtrunkenem Zustand nach der Betriebsweihnachtsfeier frierend durch die Nacht irrte und gern abgeholt worden wäre, jedoch per Telefon nicht durchkam, weil der Sohnemann die Leitung fortwährend blockierte. Ja, es waren aufregende Zeiten voller Entbehrungen. Für den einen oder anderen.

Es war auch die Geburtszeit der Wikipedia und eine Zeit, in der sich digitale Lexika und Online-Artikel noch nicht bis zu den Lehrern herumgesprochen hatten. Wir druckten ganze Artikelserien samt der Bilder aus, klebten sie auf Wandzeitungen und kassierten die guten Noten dafür, während die ärmeren Kinder ohne Computer gnadenlos auf der Strecke blieben. Tja, wer hat, der kann. Das galt auch damals schon, insbesondere für Referate und Wandzeitungen.

Und dabei war die Online-Suche noch ziemlich rudimentär: Wenn die heiligen Herren des Index gewisse Seiten nicht sorgfältig von Hand eingepflegt hatten, dann fand man die eben auch nicht. Es war ein bisschen wie das Blättern im Quelle-Katalog: Was da nicht drin war, ließ sich ja auch nicht bei Quelle bestellen. Einige Suchmaschinen- und Versandhauspleiten später hat Google sich als Synonym für die Suche im Netz natürlich längst etabliert, aber der erste Besuch auf dieser gruseligen Suchmaschine, mit der man tatsächlich alles finden konnte, war schon ein Aha-Erlebnis.

Nach einer Stunde des gepflegten Surfens war es dann in der Regel auch vorbei. Klack machte das Modem, schon war ich wieder voll und ganz offline. Musste ich mich dann doch noch mal verbinden, drückte ich gern ein Kissen auf das Modem, damit meine Mutter den verräterischen Pfeifton nicht hören konnte. Und manchmal flog man auch einfach so aus dem Netz. Ein Horror, wenn dieser blöde Green-Day-Song noch nicht fertig heruntergeladen war! Außerdem wurde allein für die Einwahl von den meisten brauchbaren Call-by-Call-Providern eine Gebühr verlangt. Wie gesagt, zurecht pleite, die Bande. Irgendwann erklärte meine Mutter, Hüterin der Hauskasse, die Internetrechnung für zu hoch. Als ich vorrechnete, dass schnelles DSL, das es inzwischen gab, genauso teuer sei und man dann einfach immer im Internet sein könne, sagte sie überraschenderweise: »Na warum haben wir denn so was nicht schon längst?« Ich hielt kurz inne, realisierte diesen Satz und dachte: Daf if ja einfach!

Freitag, Februar 14, 2014

Früher, früher, früher

Früher, ja früher, da war alles besser! Ich sag das jetzt nicht nur so, ich kann mich ja erinnern. Früher, da hatten wir zum Beispiel diese Eisdiele in der Stadt, direkt am See. Meine Mutter ging mit uns Kindern hin und ließ einen riesigen Kübel mit Softeis füllen, was dann ein paar Pfennige kostete und nicht wie heute, ein bis zwei Euro für eine Miniaturmurmel Synthetikeis. Von dem Kübeleis zehrten wir Tage, Wochen, ach was, Jahre wahrscheinlich. Und wie groß früher die Kübel waren! Gut, vielleicht war mein Kopf auch einfach kleiner als heute, aber Fakt ist, heute gibt es überhaupt keine Kübel mehr. Außer Kotzkübel, und die können bekanntlich nicht groß genug sein.

Früher wohnte ich noch bei Mama. Und das war, obwohl ich kein Geld hatte, toll, denn zumindest der Kühlschrank war immer so prall gefüllt, dass ich vor lauter Starren auf den Warenüberschuss jedes Mal einen Anschiss bekam, ich solle die Kühlschranktür zumachen. Heute mach ich die Kühlschranktür auf, und alles, was mich anlacht, ist ein Stück Wurst, von dem immer zu Befürchten ist, dass es schreiend wegläuft, sobald meine Hand sich nähert. Und bei Mama gab es Taschengeld, das reichte hinten und vorne nicht. Die Anschaffung einer neuen Spielkonsole zum Beispiel wurde da zu einem echten Projekt. Ein Projekt, bei dem am Ende tatsächlich was rauskam, nämlich ‘ne Konsole. Heute habe ich unzählige Projekte und bekomme unverschämt viel Geld dafür. Und trotzdem kommt am Ende irgendwie immer was heraus, von dem man nicht weiß, ob man gerade ein Gesicht oder zwei Arschbacken vor sich hat. Lauter digitale Picassos, oder anders ausgedrückt, unzählige Miniaturhauptstadtflughäfen. Na Prost Mahlzeit! Da war eine Spielkonsole definitiv griffiger.

Früher hatten wir auch kein Telefon. Es gab zwar Telefonzellen, aber die waren nur zum Reinpinkeln, weil auch sonst niemand, den man kannte, ein Telefon hatte. Wer dennoch ein Telefon besaß, so wetterte mein Vater gerne, war bei der Stasi. Über die roten Socken meckert er heute noch, aber heute haben alle ein Telefon. Tragen es sogar mit sich herum und gehen trotzdem nicht vor die Tür. Früher war das anders. Da hätte selbst die NSA noch persönlich auf Kaffee und Kuchen vorbeikommen müssen. Überhaupt, wenn man was von jemandem wollte, dann musste man entweder einen Brief schreiben und für immer warten, weil keiner zurückschrieb, oder man musste zu Fuß losstiefeln. Und wenn ich dann durch den scheiß Regen marschiert war, bei einem meiner Freunde klingelte, nur um von der Mutter zu hören, der Sebastian habe leider Hausarrest, der könne darum nicht raus, weil er böse war, dann war man nicht nur angefressen, nein, man musste auch durch den besagten scheiß Regen zurückmarschieren. Immerhin bekam man vom vielen Marschieren keinen fetten Arsch.

Aber früher wurden wir ja auch noch abgehärtet. Früher hatten Mut, Ehre und Tod fürs Vaterland noch einen echten Stellenwert. Das bekamen wir zu jeder Gelegenheit von unserer Kindergärtnerin eingetrichtert, wenn sie uns Geschichten von heldenhaften Soldaten erzählte. Die Bilder dazu hingen ja an der Wand, und auf der hohen Anrichte stand ein großer Modellpanzer, den niemand anfassen durfte. So ging Pädagogik in der sterbenden DDR. Und gegen 12 ging es links-zwo-drei-vier zum Mittagessen. Überhaupt konnte man noch was ab, durch all den Kindergartendrill. Ich weiß noch ganz genau, wie ich das Titellied von »Werner – Beinhart!« summend um die Ecke rannte und plötzlich mit dem Auge auf einem Stuhlbein steckte, weil irgendwer aus Gruppe 3 unbedingt sein Sitzmöbel durch die Gegend wuchten musste. Und, hat’s mir geschadet? Pah! Ein Kübel Vanilleeis, und das Matschauge war vergessen. Heute dagegen kriegen die Leute vom Kurbeln auf ihrem MP3-Player einen iPod-Daumen. Und was die dauerkrumme Haltung der Smartphone-Jünger langfristig mit dem Genpool anstellen mag, will ich mir gar nicht erst ausmalen. Leute, denkt doch an Darwin!

Früher waren wir außerdem noch richtige Männer, obwohl wir kleine Jungs waren. Mit bloßen Händen hoben wir metertiefe Gruben im Wald aus, bedeckten sie mit Baumstämmen und Erde und verkrochen uns konspirativ darin wie Vietcong. Und unsere Buden waren reine Männersache. Wäre da ein Mädchen aufgekreuzt, hätten wir dem aber gezeigt, wo der Konstrukteurshammer so hängt. Schon deswegen, weil Mädchen natürlich per se igitt waren, bis ihnen plötzlich Brüste wuchsen. Heute dagegen lassen wir die Frauen freiwillig in unsere Wohnungen, wo sie dann ohne zu fragen dekorieren, wie es ihnen gefällt. Blumenvasen, Buchstützen, Kerzenhalter und Tischdeckchen hätte in unseren Untergrundbuden jedenfalls keiner geduldet.

Und nicht nur das, früher waren wir natürlich insgesamt auch fitter. Nichts knackte, weil Knochen Dinge waren, die nur alten Leuten passierten, und keiner musste nach Feierabend joggen gehen, schließlich hatten wir Sportlehrer – sadistische Viehtreiber, die tagsüber darauf schauten, dass bei uns Jungs der Schweiß lief und bei den Mädels die Brüste wippten, und die abends kräftig ins Glas guckten. Überhaupt war die Schule früher im Nachhinein eine ganz effiziente und korrekte Angelegenheit: Ski waren noch nicht Schi, Jogurt und Spagetti hatten ihr H noch nicht verloren, von Majonäse und Ketschup fange ich lieber gar nicht an, und immerhin lernte man hin und wieder noch was, das man wirklich gebrauchen konnte, so was wie die Tiere des Waldes statt alle Pokémon und ihre Entwicklungsstufen. Heute dagegen lerne ich jeden Tag was Neues und kann überhaupt nichts davon gebrauchen.

Dafür war ich früher in der Freizeit faul, und das war gut so. Früher musste ich nichts schreiben, kein Instrument lernen, nicht lesen und auch sonst nichts tun, um mich irgendwie selbst zu verwirklichen, bevor es zu spät war. Da wurden die Wolken von ganz alleine lila, wenn man Mist gebaut hatte und die Eltern wutentbrannt nach Hause kamen. Nicht mal Nachrichten musste man anschauen, weil ja immer alles gleich blieb: Der Kohl war seit 100 Jahren Bundeskanzler, die FDP noch kein Kleinbühnenkabarett, und in der SPD saßen noch linke Säue und keine Finanzmarktderegulierer mit lobbygesponserten Filzpantoffeln. Und so konnte ich früher einfach ungestört hinter dem Haus auf dem Rasen liegen und über die Formen der Cumuluswolken nachsinnieren, während mein bester Freund hinter mir getrocknete Hundekacke so weit warf, wie er konnte.

Und all diese Kleinigkeiten erst: Früher gab es kein Klima, sondern nur Wetter. Und das Ozonloch war zwar ‘ne blöde Sau, aber es war wenigstens wirklich da, und keiner stritt sich darüber. Vielleicht waren die Menschen früher auch einfach klüger. Früher schloss man sein Privatleben noch gut sortiert in Schreibtischschubladen ein, statt Sichtbarkeitsbeschränkungen für seine Timeline festzulegen. Früher waren sogar die Terroristen noch schlauer. Da wurde erst gebombt und dann gefordert. Heute haben die Bombenleger sogar eigene Fernsehshows und Webseiten und wundern sich dann, wenn der Obama wieder mal ‘ne flotte Drohne mit ‘nem frischen Strauß Luft-Boden-Raketen vorbeischickt. Früher hatten wir keine Bananen, dafür schmeckten die, die wir nicht hatten, himmlisch, während heute die fair gehandelten und nach EU-Norm vorsortierten Bio-Sonnenfrüchte kiloweise in den Supermarktregalen vergammeln. Früher starb nur der Wald, heute stirbt gleich der ganze Planet. Früher hatten wir keine Computer, wir hatten eine Handschrift. Wir hatten nur fünf Fernsehsender, dafür waren die genauso beschissen wie die dreihundert Sender von heute. Früher durften Menschen in Deutschland nicht gefoltert werden, heute schickt man sie ins Dschungelcamp, steckt ihnen dort Mehlwürmer in den Anus und feiert die Quote, früher, früher, früher.

Und doch … Wie sagte Uli Hoeneß, bevor er mit Alice Schwarzer in Zürich einen heben ging: Mir san mia. Genau, ich bin ich, heute wie damals und wie künftig, und in zwanzig Jahren werde ich zurückblicken, und selig an die Zeit denken, in der wir noch mittelalterlich anmutende Mobiltelefone mit Touchscreen in den Hosentaschen spazieren trugen und uns nicht mit plötzlich explodierenden Hirnimplantaten herumschlagen mussten. Der Mensch streicht seine Erinnerung mit dem goldenen Pinsel, sagt eine chinesische Weisheit, und so bekommt auch das mitunter skurril anmutende Heute ganz sicher bald schon seinen schillernden Anstrich. Damit das so bleibt, mögen wir weiterhin in interessanten Zeiten leben, und das ist übrigens ein chinesischer Fluch.

Sonntag, Januar 26, 2014

Wort zum Sonntag: Scherben

Fast 30 bin ich jetzt, und wenn ich gerade mal wieder glaube, doch erst gestern noch fürs Abitur gelernt zu haben, während iTunes dieselben alten Lieder spielt, dann muss ich nur die geteilten Fotos alter Weggefährten durchklicken, um mir selbst den Spiegel vorzuhalten: Aus Partyfotos sind oft genug gemütliche Bierrunden geworden, statt Haargel schimmert die Kopfhaut dank Blitzlicht in die Smartphone-Kamera, statt rotgeäderter Augen von zu viel Wodka-O sind da randlose Brillen und kleine Fältchen ums Lächeln herum. Die ersten bekommen Kinder und heiraten das erste Mal - oft genug in genau dieser Reihenfolge. Bei so vielen Impressionen bin ich auch gefühlt mit ganzer Wucht in meinem Alter angekommen. Ich stehe vor dem größten scheiß Scherbenhaufen, den man sich nur denken kann: Zehn Jahre seit der großen Sause, dem Verlassen des elterlichen Nests. Zehn Jahre seit Beginn der Möglichkeit, die eigenen großen Träume verwirklichen zu können, und bis auf mehr Kaffee und noch höhere Geheimratsecken scheint sich seitdem kaum was verändert zu haben. So viel Zeit, so viel Verschwendung, der Besen kann gar nicht groß genug sein.

Und so zerren wir wie die Irren an unseren zum Bersten aufgeblasenen Chancen, um noch irgendwas gebacken zu kriegen. Uns lebt kein MTV mehr vor, dass wir alle Rockstars und Supermodels sein können, wenn wir nur den Hintern hochkriegen und es auch wirklich ganz, ganz doll wollen. Es ist viel leichter: Unsere Castings finden auf dem heimischen Sofa statt. Die Jurys heißen YouTube und Co. Wir müssen nur unsere Seele verkaufen, unsere Intimsphäre offenbaren. Wir bloggen uns die Finger blutig, und schmeißen alles den Massen zum Fraß vor, während die große Chance unseres Lebens nur ein paar hundert Likes um die nächste Ecke wartet. Die ganze Welt empfängt uns mit offenen Armen, und je mehr die Zahl unserer Möglichkeiten aus allen Nähten platzt, desto mehr prokrastinieren wir stattdessen, zerkloppen bunte Bonbons in Smartphone-Spielen, wühlen uns durch Myriaden von Katzenbildern und RTL-Sendungen, weil wir unser eigenes »Next Big Thing« auch morgen noch starten können. Und kommt mir bloß nicht mit Verantwortung.

Das ist symptomatisch. Ich bin ein Kind der Generation Y. Wir sind nicht im Schatten einer globalen Hoffnungslosigkeit aufgewachsen wie unsere Vorgängergeneration. Wir haben den Grunge nicht gelebt, wir haben ihn genossen. Wir sind mit so viel westlichem Wohlstand gepampert worden, dass die meisten von uns fürs naturweiche Hinterteil unseren Lebtag lang kein Sitzkissen mehr benötigen werden. Die popkulturellen Hervorkömmlinge so viel gemütlicher Erste-Welt-Dekadenz heißen nicht Kurt Cobain, sie heißen Justin Bieber und Miley Cyrus. So sinnentleert wie deren Liedtexte über Herz und Schmerz erscheint uns unser Eloi-Dasein, und wenn uns in den ruhigen Momenten die Gedanken-Morlocks fressen, dann quält uns wieder einmal die große fette Frage nach dem Sinn des Ganzen. Die Sorgen der Sorglosen. Wir klammern uns ans Carpe diem wie an einen rettenden Strohhalm, als müssten wir sonst ersaufen - ersaufen in der Bedeutungslosigkeit unserer eigenen Zeitgeschichte. Aber ach, es ist eben alles so bequem. Die Miete ist bezahlt, der Job erlaubt keinen Höhenflug, dafür bleibt aber noch Zeit fürs Kino. Und trotzdem ist da diese Angst, dass neben der eigenen Asche nicht mal mehr ein Fußabdruck zurückbleibt. Dagegen hilft eben auch kein neues Jahrtausend.

Drum suchen wir unser Heil im Augenblick. Wenn die Leute meiner Generation sich wünschen, ganze Nächte vor Freude schreiend auf Dächern zu verbringen, »bis die Wolken wieder lila sind«, dann vergessen sie oft, dass so eine Nacht in luftiger Höhe bis zum schönsten Moment des Sonnenaufgangs beschissen kalt sein kann. Man muss die Sehnsüchte fühlen, um sie zu verstehen. Aber man muss sie sich auch ein bisschen erfüllt haben, um zu wissen, dass die Ziele aller Wünsche und Träume nicht nur weiß sind, sondern dass sie auch graustufig sein können und dass auch die Abstufungen kurz vorm Schwarz immer noch zum Grau gehören. Und dass dieselben Sehnsüchte immer wiederkehren. Wie oft habe ich mir vor den geilsten Augenblicken des Lebens einfach nur ein warmes Bett gewünscht, eine heiße Tasse Tee, ein gutes Buch und ein bisschen Ruhe? Aber solche Nebensächlichkeiten färbt hinterher die menschliche Erinnerung schön, bis nur noch der geilste Scheiß übrig bleibt. So wird Mittelmaß zur Legende. Und wofür das alles? Den Moment genießen um des Momentes willen, nur um keine Angst haben zu müssen, später nichts zu erzählen zu haben? Ach was! Wann ist denn dieses Später überhaupt? Und besteht es nur daraus, von den Dingen zu berichten, die mal waren? Wenn wir davon palavern, das Leben in vollen Zügen genießen zu wollen, solange wir jung sind, dann vergessen wir, dass dasselbe olle Leben auch in zwanzig, dreißig und vierzig Jahren noch tödlich ist und dass einem doch sonst nichts weiter bleibt. Nichts, außer dieses eine kleine Leben.

Aber was gibt es dagegen eigentlich zu sagen? Ich habe in mehreren großen Städten quer über die Republik verteilt gelebt. In der letzten Stadt, in Berlin, bin ich hängengeblieben. Hier bin ich jetzt auch zu Hause. Ich habe schon freiwillig den Job gewechselt, arbeite 40 Stunden die Woche in einem oft öden aber festen Beruf. So oft ich über diese Sesselfurzerei auch schimpfe, wenn ich ehrlich bin, dann bin ich als jemand, der den Straßenbauarbeitern vom warmen Büro aus mit einer Tasse Bauschaummilchkaffee aus dem WMF-Automaten zuschauen kann, ziemlich privilegiert. Das ist kein Rock’n’Roll, es ist aber eben auch weit ab von der Gosse. Wenn ich nach Hause komme, wartet meistens meine große Liebe auf mich, und wenn nicht, dann verlangt die Katze etwas Aufmerksamkeit. Ich habe noch niemals in meinem Leben beim Arbeitsamt anstehen müssen, und den Euro im Portmonee drehe ich nur um, wenn die mir anerzogene, provinzielle Sparsamkeit mal wieder durchscheint. Das alles sind so viele Pluspunkte, dass ich manchmal aufstehe, aus dem Fenster schaue und mich frage, ob es das jetzt war. Müsste ich jetzt abtreten, könnte ich behaupten, alle Chancen genutzt zu haben, alles richtig gemacht zu haben? Und was habe ich überhaupt erreicht? Da sind sie wieder, die Gedanken-Morlocks, die Langoliers, der Scherbenhaufen.

Die Wehwehchen lassen sich nicht abschütteln, nie ganz jedenfalls. Aber sie sind allenfalls lästig wie herumschwirrende Mücken beim Picknick im schönen Havelland. Ein vergängliches Übel. Abseits der großen Fragen blicke ich zurück und sehe alles, was mal war: Die vielen gemeinsamen Sessions vor unseren Videospielen, meine darüber schimpfenden Eltern mit ihrer Verständnislosigkeit, halbe Nächte mit genügend kaltem Bier vor der früheren Schule, wo alle lachten, wenn einer die eigenen Fürze mit dem Feuerzeug anzündete, ohne hinterher zu explodieren, gewonnene Liebe, verlorene Liebe, all die kleinen Erfolge, die großen Niederlagen, die besten Freunde und neue Bekanntschaften. Ich habe gelebt, ich habe genossen, ich habe verschwendet, und das Beste ist, ich habe genug Zeit übrig für mehr davon. Berliner Winter sind kalt. Ich bin die Generation Y. Und es lohnt sich, hier im Sommer auf die Straße zu gehen. Wenn Asphalt und Hundekacke dampfen und die Sonne brennt, dann ergibt so ein Scherbenhaufen manchmal ein wunderschönes, bunt glitzerndes Mosaik. Ganz ohne Zutun. Einfach danebenstehen und genießen. Für Angst bleibt auch später noch Zeit.

Freitag, Januar 24, 2014

Rohrfrei

Seit meine Freundin und ich in derselben Wohnung leben, weiß ich den Wert eines guten Rohrreinigers zu schätzen. Nein, dieser Beitrag bleibt jugendfrei. Im Ernst, es hat zwar durchaus seine Vorteile, während des Duschens mit den Füßen in warmem Wasser zu stehen, ohne einen Stöpsel in den Abfluss der Wanne drücken zu müssen, aber wenn auch nach dem Duschen das Dreckwasser nicht ablaufen will, dann ist ein wenig aggressive Chemie, um das Haarknäuel im Rohr zu lösen, ‘ne prima Sache. Mitunter reicht es natürlich, einfach den fetten Batzen zurückgelassenen Haupthaars, der noch so halb aus dem Abfluss raushängt, beim Schopf zu packen und herauszuziehen, um ungehindertes Abfließen des Duschwassers zu gewährleisten. Und wenngleich das Gefühl, so ein richtig dickes Teil aus dem Rohr zu zerren, ähnlich erhaben und befriedigend ist, wie das Ausdrücken überreifer Pickel oder das Befreien der Zehnägel von Schmutz- und Hautresten, die nach französischem Käse riechen, so haben all diese Dinge doch eine weitere Eigenschaft gemein: Sie sind eklig.

Früher waren mir verstopfte Rohre quasi unbekannt. Mein Haupthaar begann, sich allmählich zu verflüchtigen, als es gerade zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt hatte, und was Mutti noch lange liebevoll eine Denkerstirn nannte, war für mich immer schon nur eines: ‘ne Glatze. Klingt doof, ist aber so. Das ist wie mit Leuten, die beschönigend meinen, gewisse Kleidungsmuster würden sie fett machen. Meist ist es eher ihr Fett, das sie fett macht, und so ist es auch mit der hautfarbenen Bowlingkugel, die sich allmählich durchs zunehmend spärliche Haupthaar frisst: Das ist keine Denkerstirn, nee, das ist ‘ne Glatze. So was können auch dumme Leute kriegen.

Und so nachteilig ein drittes Knie auch sein mag (nur wenige Dinge sind unangenehmer als ein sonnengerötetes Haupt im Sommer, auf dem sich Spiegeleier brutzeln ließen), stellt sich doch mit der Lebenserfahrung die Erkenntnis ein, dass Glatzen und freie Rohre unmittelbar vorteilhaft zusammenhängen. Schön.

Nicht der einzige Vorteil, heißt es doch, Glatzen machten Männer männlicher. Wen die Pubertät also nicht mit genug Männlichkeit gesegnet hat, der kann immer noch darauf hoffen, dass ihn alsbald eine geerbte Alopezie ereilt. Man denke an all die Frauen, die Männer mit Glatze viel attraktiver finden, als da wären:

Außerdem berechtigen haarlose Häupter dazu, Hüte zu tragen. Hüte, als modisches Accessoire ansonsten ähnlich sinnbefreit wie Krawatten, übergroße Armbanduhren und Goldzähne, gewinnen spürbar an Wert, sobald die Wolle nachhaltig von der Fleischmütze rieselt. Drum hier mein freundlicher Appell an alle Rohrverstopfer: Lasst den Kahlhäuptern die Hüte und tragt gefälligst euer scheiß wohlfrisiertes Haar, elendes Hipsterpack!

Doch nicht nur bringen Glatzen modische Vorteile, nein, sie haben auch etwas Spirituelles inne. 70 Prozent der Körperwärme, so heißt es, gibt der Mensch über die Rübe ab. Wer also dauerhaft ohne Haar und Hut oder Mütze durch kalte sibirische Winter tigert, der stirbt unweigerlich. Nun ist sterben doof, und solche Fehler sieht die Natur einfach nicht vor, die stets solange ausgeglichene Ökosysteme mit perfekten Lebewesen baut, bis der Mensch seinen Rüssel reinhält. Auf eine so dämliche Idee, dafür zu sorgen, dass ein Großteil der männlichen Bevölkerung sein Haupthaar abwirft, um stattdessen Körper, Nase und Ohren damit zuwuchern zu lassen, kann nur jemand kommen, der sie nicht alle hat oder einen ziemlich eigentümlichen Humor besitzt. Die Natur war’s nicht, es muss also ein Gott existieren. Arschloch!

Allen, die trotz der genannten Vorteile unverständlicherweise dennoch über ihren erblich bedingten Haarausfall fluchen, sei abschließend gesagt: Ärgert euch nicht. Zwar haben Männer mit wallender Löwenmähne mehr Erfolg im Beruf, bei den Frauen sowie in allen anderen denkbaren Bereichen der Gesellschaft, haben niedrigeren Blutdruck, sind weniger herzinfarktgefährdet und und und, dennoch wird der beglatzte Mann sich langfristig durchsetzen, denn: Bereits 80 Prozent aller Männer sind von der Seuche betroffen, und zu allem Überfluss ist es mit der Vererbung des Gendefekts auch noch wie mit verstopften Rohren: Beides bringt die Frau ins Haus. Ha!

Sonntag, Januar 19, 2014

Mein Zentrum

Dein dunkles Haar, die frechen Augen,
Warst um Worte nie verlegen.
Was konnt’ ich für dich schon taugen?
Du die Sonne, ich der Regen,
Weiß und schwarz, wie Yin und Yang,
Verschied'ne Lieder, gleicher Klang.

Als einsam ich noch Stunden zählte,
Schenktest du mir die Minuten.
Als ich schlechte Wege wählte,
Zeigtest du mir auch die guten.
Vieles machte eines klar:
Dass deine Sicht oft besser war.

Zum Ausgleich konnte ich dir schenken,
Was im Schatten du besessen:
Kraft, dich selbst ins Licht zu lenken,
Wahren Wert dir beizumessen.
Konnt' dir zeigen, wer du bist,
Und was an dir besonders ist.

So schön der Start, die Zeit, sie zeigte
Bald des zweisam Glückes Wende.
Als das Schiff im Sturm sich neigte,
Dachten beide wir ans Ende.
Nur durch Mut und Zuversicht
Entkamen wir ins Sonnenlicht.

Wenn auch wir's nie ganz einfach haben -
Mancher Glaube mag zerbrechen,
Manch Geheimnis liegt vergraben -
Gebe gern ich mein Versprechen:
Wie dein Herz an meines hält,
Bleibst du mein Zentrum, meine Welt.

2014 - Ein Blick in die Glaskugel

Januar: Das Jahr beginnt mit einem bayrischen Paukenschlag: Horst Seehofer verkündet den Untergang des Abendlandes. Armutsflüchtlinge aus Osteuropa drohen, das Land zu überrollen wie einst russische T-60-Panzer. Da die Lumpenträger mitsamt ihren je zwanzig natürlich vorbestraften Kindern zu Fuß über die Grenze stiefeln, taugt nicht mal die eilig beschlossene PKW-Maut als Bollwerk gegen den Feind mit den leeren Taschen, und Grenzgeschütze sind mit der SPD nicht zu machen. Erstes prominentes Opfer der Schnorrerschwemme ist schon Ende 2013 Michael Schumacher, der, wie schon bald ein Video verrät, nicht etwa beim Skifahren über einen Stein gestolpert ist, sondern natürlich über einen Armutsflüchtling auf dem Weg zum Sozialamt. Noch während Deutschland um den Rekordweltmeister bangt, stürzt kurz darauf auch die Kanzlerin beim Langlauf über einen eingewanderten Sozialschmarotzer, der als Stein getarnt dabei war, sein üppiges Kindergeld zu zählen. Schnell wird klar: Das Ende naht!

Februar: Nastrovje, das hat politische Sprengkraft! Edward Snowden stößt mit gut gefülltem Wodkaglas auf seinen neuen käuflich erwerbbaren Eventkalender an - ein Spaß zum Staunen, Schmunzeln und Mitraten für die ganze Familie: Jede Woche wartet hinter einem von 52 Türchen ein brandneuer NSA-Skandal, direkt aus dem satten Fundus des US-Staatsfeindes Nummer 1 entnommen. Während die meisten Bundesbürger völlig unverschlüsselt via WhatsApp, Twitter und Co. gemeinsam rätseln, was wohl demnächst im Kalender sein könnte, kann eine Person nicht mitreden, weil ihr Lakai Peter Altmey... Altmei... Altmaier vor lauter Twitterei vergessen hat, ihr einen eigenen Kalender zu schenken: Angela Merkel.

März: Noch mal Angela: Die geliebte Mutti ist inzwischen genesen, bekommt für den nächsten Urlaub aber Sportverbot auferlegt. Nachdem sie sich am Jahresanfang auf Skiern trotz wirklich geringer Reformgeschwindigkeit auf den Beckenring gelegt hatte und leicht verunfallt war, ging's in Berlin drunter und drüber. Als sich zwischenzeitlich heimlich einige FDP-Mannen ins Parlament mogeln wollten, ließ Merkel sich mitsamt Bett ins Amt schieben, wo sie sich seitdem innerlich darüber ärgert, dem Grinsemann Ronald Pofalla nicht beizeiten ihr vollstes Vertrauen ausgesprochen zu haben. Dieser schaufelt derweil bekanntlich zum Unmut des deutschen Michel fleißig Kohlen bei der Bahn. Äh, scheffelt Kohle natürlich! In einem BILD-Interview schimpft der frühere Fraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach über Pofallas unverschämte Lobby-Tätigkeit: »Ich kann seine Fresse nicht mehr sehen!«

April: Tauwetter nicht nur draußen, sondern auch in der großen Koalition. Nachdem der SPD wieder eingefallen ist, dass die Agenda 2010 ja auf dem Mist eines lupenrein sozialdemokratischen Parteigenossen gewachsen ist und kein Teufelswerk der CSU-Ketzer aus Bayern war, kommen die Koalitionäre sich auch inhaltlich allmählich immer näher. Den gesetzlichen Mindestlohn koppelt man zeitlich an die Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens. Vor der nächsten Wahl werde das aber ganz bestimmt noch was, verspricht Sigmar Gabriel im Interview, der jetzt allerdings auch ganz schnell weg müsse, um seine Tochter aus der Kita abzuholen. Derweil wird im Parlament der Sozialstaat zusammengestrichen, bis der Rotstift stöhnt, während die Abgeordneten angestrengt über Kreuzworträtseln darüber brüten, wofür diese ominösen Buchstaben »S« und »C« in ihren Parteikürzeln noch mal stehen.

Mai: Völlig überraschend wird das Verbot von Mentholzigaretten vorgezogen. Das EU-Parlament lässt dazu verlauten: »Die fiesen Dinger müssen endlich weg. Als nächstes nehmen wir uns Verteilersteckdosen mit nur drei Steckplätzen, entkoffeinierten Kaffee und braune Eier vor, die überhaupt nicht gesünder sind als weiße.« Helmut Schmidt, der gerade an einem neuen Buch arbeitet, sieht's gelassen. »Wichtig ist nicht, was man raucht, sondern dass man raucht«, verkündete der Altkanzler. Weniger entspannt ist dagegen die Deutsche Bank. Diese hat sich durch riskante Spekulationen mit Mentholzigaretten mächtig verzockt. Während vor allem Die Linke einmal mehr die Casinomentalität des Geldhauses kritisiert, geben sich die Banker selbst unschuldig: Während der Ausbildung hätten sie es vom Croupier eben nicht anders gelernt. Der Vorstand derweil zeigt Reue und verspricht, künftig in weniger riskante Bereiche wie Trinkwasser, Reis und »Brot für die Welt« zu investieren.

Juni: Die Fußball-WM ist in vollem Gange und sorgt hierzulande zumindest für Reiseunlust. Klar, solange die DFB-Elf im Rennen ist, sitzt sich das fußballfanatische Volk die Hinterteile vor den LED-Riesenfernsehern der Szenekneipen platt, statt auf Malle den Kopf in den nächsten Sangriaeimer zu stecken. Als die Bahn massive Einbußen im Personenverkehr befürchtet, erklärt Neuvorstand Ronald Pofalla die Fußball-WM für beendet. Ein Machtwort mit Wirkung: Prompt wird Deutschland im Viertelfinale von Argentinien aus dem Turnier gekegelt. Das entscheidende Handtor geht als »Hand Pofallas« in die Fußballgeschichte ein. Der sichtlich zerknirschte Trainer »Jogi« Löw entschuldigt sich für die maue Leistung und versichert, die nächste WM mache er noch, dann solle aber wirklich mal ein anderer ran.

Juli: Das Sommerloch gähnt obszön wie noch im letzten Jahr FDP-Abgeordnete während eines Vortrags der Hobbystalinistin mit Schreibfehler im Vornamen, Sahra Wagenknecht. Landesweit strömen schwitzende Journalisten in die Fußgängerzonen, um dekadente Wohlstandskinder in überteuerten Eisdielen zu fragen, was sie so vom Sommer halten. Ähnlich mau schaut es im Unterhaltungsfernsehen aus: Als die Quoten ob des guten Wetters vollends einbrechen, versucht Pro7 einen Rettungswurf: Die hirnbefreite Silikonstelze Micaela Schäfer darf ihre Hupen rund um die Uhr in die Kamera halten. Als auch danach kein Hahn kräht, wird der Ruf nach einem staatlichen Rettungsschirm laut. Ganz anders das Öffentlich-rechtliche: Die hohen Mehreinnahmen erlauben dem ZDF, Jenny Elvers eine eigene Show zu spendieren. »Mein Leben nach dem dritten Glas« kommt beim Fernsehpublikum allerdings noch schlechter an als die Schäfer und wird stillschweigend wieder eingestellt.

August: Die FDP löst sich auf. Nach innerparteilichen Querelen schmeißt Hoffnungsträger Christian Lindner hin. Künftig möchte sich der ehemalige liberale Heilsbringer wieder vermehrt wichtigeren Dingen wie dem Ausfahren seines Porsche-Cabriolets widmen. Da sei man ja auch viel näher bei den Menschen, schwärmt Lindner. Auch wolle er endlich wieder Fahrtwind spüren - vor allem in der Tolle, schließlich muss sich die Haartransplantation vom Vorjahr lohnen. Als Journalisten auch FDP-Abgeordnete im Europäischen Parlament befragen wollen, treffen sie dort niemanden an, was allgemeine Verwirrung auslöst, schließlich sind die ausliegenden Anwesenheitslisten allesamt unterschrieben. Auch Altkader wie Westerwelle, Brüderle und Rösler sind aufgrund zeitintensiver Anschlussverwendungen partout nicht zu sprechen.

September: Die Welt schaut gebannt nach Amerika, während Amerika wie gehabt gebannt überallhin schaut. Dort, nämlich im schönen San Francisco, stellt der geheimniskrämerische Technikkonzern Apple der Weltöffentlichkeit einmal mehr das nächste revolutionäre Produkt vor, das natürlich wieder alles verändern wird: ein Smartphone, das sogenannte »iPhone 6«, mit dem wirklich niemand gerechnet hat. Dünner als eine Gillette-Klinge soll es sein und so leicht, dass es am Hosenbund festgemacht werden muss, damit es nicht in die Stratosphäre aufsteigt und Elektroschrottkrusten in der Erdumlaufbahn bildet. Eine kleine Auswölbung an der Rückseite des Gerätes ist, so versichert der Konzern mit dem Apfel, auf keinen Fall einem zu dick geratenen Hodenkrebs verursachenden Spionagebauteil der NSA geschuldet.

Oktober: Mit zu engen Schlitzen verkniffenen Augen, ganz als hätte er nur drei Stunden Schlaf seit der letzten Vernissage abbekommen, tritt Berlins Balu der Bär, Klaus Wowereit, vor die Presse und verkündet, Berlins Großstadtflughafen BER sei eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen suche. Während der herkömmliche Berliner sich kaum noch daran erinnert, wovon der wirre Mann da eigentlich redet, wird dieser wenige Monate später wegen unvorhersehbarer Verzögerungen bei der Ankündigung zur nächsten Ankündigung einer Eröffnungsankündigung abdanken und kommissarisch an Matthias Platzeck übergeben. Der wiederum stöhnt augenblicklich auf, zieht sich einen Bänderriss zu und bekommt zwei Jahre Bettruhe verordnet. Überraschend übernimmt Wowereit. Wird der fliegende Wechsel zumeist kritisiert, gibt es unerwartet Beifall aus Moskau: Putin findet’s klasse.

November: Apropos abdanken. So sicher wie das Amen in der Kirche ist natürlich die Ankündigung vom Ende der Scorpions. »Nach dem nächsten Album ist Schluss!«, sagt Sänger Klaus Meine und kündig schon mal eine Best-Of-Scheibe im Anschluss an. Und eine Unplugged-CD. Ah ja, und selbstverständlich die zweijährige Mega-Abschluss-Good-Bye-Tour von den Feuerland-Inseln bis Pjöngjang. Der dortige Machthaber verlangt allerdings von den Altrockern, dass zu »Wind Of Change« ausschließlich gepfiffen wird.

Dezember: Deutschland wurde im Jahr 2014 tatsächlich von Armutsflüchtlingen überrollt. War bis zum Ende des Vorjahres niemandem auch nur das Wort ein Begriff, wissen ehemalige Wohlstandsbürger vor lauter Armut inzwischen kaum mehr, wie saubere Erste-Welt-Luft made in Germany überhaupt riecht. An einem kalten Dezembertag, die Sonne ist aus Energiespargründen längst verdunkelt, der Nikolaus abgeschafft, und auf Weihnachten steht zumindest in Berlin Kreuzberg Tod durch Steinigung, verkündet die Bundeskanzlerin einmal mehr die Durchhalteparolen fürs Folgejahr. Derweil hört unter einem großen, schmutzigen Berg aus Armutszeugnissen kaum jemand dumpf die Stimme Horst Seehofers klagen: »Des Gsind'l! I hob's do glei g'sogt!«. Immerhin: Zu Silvester sind sich alle, ob arm, ob reich, einig: Was’n Jahr! Die Zeit vergeht doch wie im Fluge, wenn man sich amüsiert.

Montag, Dezember 16, 2013

Big Bang

Scheiße, jetzt ist es so weit: Ich bin im Raster! Ich bin so was von gerastert, ich könnte ausrastern! Nichtsahnend stehe ich heute Morgen am Flughafen Tegel, ausgestattet mit verklebten Augen und schaue aufgrund Kaffeemangels aus der Wäsche wie ein frisch aus der Hölle entschlüpfter Landurlauber, da zieht mich einer der gefühlt fünfzig Kontrolleure, die sich am Winz-Gate Nummer 11 zusammendrängen wie eine uniformierte Schafherde, zur Seite und bittet mich höflich, ihm zu folgen. Klar geht mir erst mal die Pumpe, als der aufgeweckte Herr sich mein Notebook krallt und in Richtung einer dubiosen Tür marschiert. Mit Knien aus Butter marschiere ich hinterher. Immerhin bin ich jetzt so was von wach und kann schon mal drüber nachgrübeln, was ich wohl ausgefressen haben mag: Illegale Pornos dürften keine auf der Platte liegen, also werde ich wohl beim Twittern die Klappe zu weit aufgerissen haben. Schon sehe ich Bekannte und Familie die Köpfe schütteln und einvernehmlich sagen, sie hätten ja schon immer gewusst, dass einer, der mit knapp 160 Zentimeter Körpergröße unter jedem Radar durchschlüpft, irgendwas ausgefressen haben muss.

»Keine Sorge, wenn Sie nichts zu verbergen haben, müssen Sie auch nichts befürchten«, flötet derweil der unverschämt gut gelaunte Kerl frisch aus dem Legokasten für Satzbausteine, während er noch immer mein Notebook vor sich her trägt wie einen fauligen Karpfen. Alter, weißt du, was ich alles zu verbergen habe? Zwei, drei Schokoriegel vom Arbeitgeber nicht bei der Steuer angegeben, die Tür nie geöffnet, wenn der Rundfunkspitzel auf der Matte stand, vorm Schloss Bellevue ins Gebüsch gepinkelt, und und und! Wenn sie mir jetzt nur die Finger brechen und die Nase abschneiden, kann ich wohl von Glück reden! Und dann … »Sprengstoffkontrolle« steht da auf einem kleinen Schildchen. Eine reichlich erkältete Dame schlurft röchelnd und hustend herbei, fährt mit einem Wattestäbchen über mein Notebook und gibt nach kurzer Analyse Entwarnung. Aha, kein Plutonium an Bord. Durch die Kontrolle muss ich trotzdem noch einmal, wer weiß schließlich, was ich unterwegs geklaut habe? Ist schon klar, mein klobiges Dienst-Notebook, ist natürlich eine verkappte Bombe. Einmal Strg, Alt und F6 gedrückt, schon kracht’s gewaltig im Karton. Big Bang! Und mittels weiterer Tastenkombinationen verwandelt sich das Ding wahlweise in ein Surfbrett oder ein Kilo Lembasbrot, das mich über Wochen bei Futter hält.

Wie aber auch könnte ich‘s den paranoiden Sicherheitsfanatikern hierzulande verdenken? Seit eine bärtige Bergziege namens Osama Bin Laden unbedingt New Yorks Skyline aufs Wesentliche reduzieren musste, wird aus Übersee vorgegeben, dass Terror und Verrat nicht nur vom sprengstoffgürtelbewehrten Turbanmullah ausgehen, der in krümeligen Internetvideos drohend den Wackelfinger hebt, sondern schon im heimischen Notebook anfangen.

Genau deswegen hat’s jetzt auch das Paralleluniversum World Of Warcraft erwischt. Wer die letzten zehn Jahre unter einem Stein verbracht hat, dem sei in Kürze gesagt, das ist ein Online-Computerspiel, in dem sich Nerds aus aller Welt Tag für Tag die Rübe einknüppeln, während sie vergessen, welche Jahreszeit draußen herrscht. Wie in solchen Metiers üblich, erfinden die Teilnehmer recht schnell eine, nun, etwas eigentümliche Sprache, die sich zumeist aus Abkürzungen, die niemand sonst versteht, und entsetzlichen Sprachverstümmelungen wie der hier zusammensetzt: »OMG!!!!! da war grad son mongo der hat mich gekillt als ich grad mit 5 mobs am popo grinden war!!!« Alles verstanden? Gut, ich auch nicht. Solchen Käse habe ich schon werktags von neun bis fünf um die Ohren, da brauch ich das nicht auch noch nach Feierabend. Ähnlich muss es wohl auch jedermanns Lieblingsorganisationen gleich nach dem Weihnachtsmann und seinen Wichteln, der NSA, sowie seinem kleinen britischen Wadenbeißer, dem GCHQ, gehen. Denn wie inzwischen bekannt ist, werden nicht nur Hinz und Kunz bis auf die getragenen Unterbuchsen ausgespäht, sondern auch vermeintliche Realitätsverweigerer mit defizitärem Sozialleben und minus zwanzig Dipotrien.

Man stelle sich diesen Irrsinn jetzt einfach mal vor: In der virtuellen Bar »Horki Ochsenstämmers Kartoffelküche« mitten im Zwergenstädtchen Ironforge sitzen der grimmige Blutelf Loki Latrine, der bis an die Zähne bewaffnete Zwergenpaladin Wonki Wurstgulasch sowie ein penetrant popelnder Level-70-Orc beisammen und palavern über den anstehenden 19-Uhr-Raid, die neue PlayStation, die Rolle der Frauen in Gildenführungspositionen und über dieses ominöse Real Life, von dem immer alle reden. Plötzlich ist da dieser zwielichtige Gnom am Nachbartisch, der ganz allein vor seinem Humpen hockt und versucht, nicht aufzufallen. Nicht zum ersten Mal, obwohl dem »Noob« doch erst kürzlich von dem genervten Dreier nebenan ordentlich der Arsch versohlt wurde. Der olle Gnom aber ist nicht etwa ein Loser aus der dritten Klasse, der keine Freunde hat und verzweifelt Anschluss sucht, nein, das ist James Bond. Richtig gelesen, James Bond! Der jettet nämlich gar nicht im Maßanzug um die Welt, schüttelt die Martinis und rührt die Frauen, nein, der hockt in Wahrheit als übergewichtiger Zwangsneurotiker in einem miefigen Kellerbüro ohne Fenster, quarzt den eigenen Blutdruck durch die Decke und hat nichts anderes zu tun, als jugendliche Spieler wie ehrbare Steuerzahler gleichermaßen im Feierabend zu belauschen – alles im Auftrag Ihrer königlichen Majonäse natürlich. Recht so, schließlich weiß man nie, wann aus so einer virtuellen Kriegsaxt eine ziemlich reale Kofferbombe wird. Die Übergänge sind ja durchaus fließend, wie allgemein bekannt ist. So könnte aus zünftigem Speed-Leveln in Azeroth schnell spaßiges Waterboarding auf Guantanamo werden.

So, und nun stelle man sich einfach mal den Barack Obama daneben vor, wie er da steht und nicht so recht über die ganze Sache lachen kann, weil er den Witz immer noch nicht verstanden hat. Wie war das noch? »Free at last!« … ach nee, das war ja ein anderer. Vielleicht sollte sich der erfolgreichste Afroamerikaner seit Bill Cosby und Tiger Woods von Obama in O’Brien umbenennen. Phonetisch ähnlich klingend würde Amerikas Strahlemann in korrekteres Orwellsches Licht gerückt. So betrachtet wirkt sein Amtsvorgänger, der nun in Holzfällerhemden durch Talkshows tingelt und den Portraitmaler mimt, wie der kauzige Opa, den ich nie hatte, und Nordkoreas Kim Jong-un wie ein romantisch kommunistisch verklärter Vernunftmensch mit Disney-Fimmel.

Spinne ich die Chose weiter, sehe ich schon vor mir, wie demnächst Otto Normalbürgers Webcamlämpchen aufflackert, während er gerade YouPorn schaut und die Piccoloflöte poliert, weil Übervater Uncle Sam nie weiß, wann der Rubbelmann das Zewas aus der Hand legt und stattdessen ein Dynamitstängchen dreht. Oder wie wäre es mit Spionagedrohnen im Klo, nur um sicherzustellen, dass der Eierleger vom Dienst während seines Geschäfts keine Uranzentrifugenpläne aus dem Spülkasten zerrt? Schwachsinn? Gut, das mit den Drohnen schon, aber dasselbe hätte vor ein paar Monaten für World Of Warcraft und Konsorten auch gegolten.

So geht es fröhlich weiter, während unsere geliebte Bundesregierung tut, was sie am besten kann: nämlich nichts. Bei diesem gewaltigen Ausmaß an Nichts fragt man sich unweigerlich, ob an solcherlei Kriecherattitüde eigentlich immer noch Adolf Hitler, der schnarchige Politikstil der Angela M. oder doch einfach nur der Dollar schuld ist. Das Resultat ist jedenfalls überflüssig wie ein Kropf. Könnte man auch auflösen, den desolaten Haufen. Am besten in Salzsäure.

Womit ich auch am Ende angekommen wäre, vielleicht ja ganz und gar, denn dieser Text strotzt derart vor Signalwörtern, dass ich gespannt bin, ob ich die Rückreise auch noch antreten darf oder vorsorglich lieber gleich an Ort und Stelle bei der Flughafenkontrolle gesprengt werde. Besser wäre es wahrscheinlich. Wer weiß, was ich sonst noch anstelle?