»Hallo Erdling! Dieses, wenn auch unregelmäßig fortgeführte, so doch liebevoll gepflegte Blog ist voll der Texte des Autors links, der sich PhanThomas nennt und gern in der dritten Person von sich redet.«

Montag, Februar 09, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Montag, Februar 09, 2015 | 3 Kommentare

Das Ende der digitalen Unschuld

Die Frühzeit des massentauglichen Internet ist eine Geschichte der Entbehrungen. Mir ist, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich so um 2000 herum vor meinem nikotinfarbenen PC vom Ausmaß eines Hochofens saß, der keuchte und stöhnte wie Darth Vader mit Schnappatmung und mit dem ich mich über ein schnarchlahmes Modem ins Netz einwählte, das ich nach hoffentlich erfolgreicher Verbindung wie einen Götzen anbeten musste, selbige bitte nicht ungefragt wieder zu trennen.

War dem Modem eh egal. Das Modem war ein Arschloch. Diese plötzlichen Verbindungstrennungen, untermalt von einem schadenfrohen »Klack« waren ein Ärgernis, weil damals jede scheiß Einwahl sagenhafte vier Pfennig kostete. Das klingt nicht teuer, aber weil ich das pro Tag vier, fünf Mal machte, so ziemlich jeden Tag im Monat natürlich, ganz davon abgesehen, dass die stehende Verbindung seinerzeit ja auch noch minütlich knapp zwei Pfennig kostete (was schon wahnsinnig günstig war) und es für angefangene Minuten hinterher nichts zurückgab, bedeutete das am Monatsende vor allem eines: »Kannst du mir mal bitte erklären, warum wir wegen dir schon wieder so eine hohe Telefonrechnung haben?« Das Für-die-Schule-Argument zog dabei in meinem Fall irgendwann auch nur noch begrenzt, weil mir bald keiner mehr abnahm, dass man für akkurate Schulnoten jeden Monat Unsummen im Internet versurfen musste. Vorher ging's schließlich auch ohne. Ja gut, vorher ging's auch ohne das Rad, und trotzdem stünde der Autofahrer von Welt heute ohne Rad irgendwie ziemlich blöd vor seiner Karre rum.

Aber ganz im Ernst: Was machten wir eigentlich im Internet? Liebe Eltern der letzten Generation, natürlich haben eure Sprösslinge dieses komische Internet nicht für die Schule benötigt. Nicht nur, jedenfalls. Solange sich die Texte für die nächste Wandzeitung eins zu eins auch vom Bertelsmanns CD-ROM-Lexikon klauen ließen, reichte uns das. War deutlich bequemer, als sich extra ins Internet einzuwählen und dabei zuzuschauen, wie die langsamsten Ladebalken der Welt sich gemütlich wie ein Hundertjähriger mit Rollator von null auf hundert Prozent hochkrebsten, während die Seite sich aufbaute, als würde sie jemand mit Papier und Prittstift von Hand zusammensetzen. Die Lehrer damals kamen außerdem nicht mal mit einem Videorekorder klar, drum war keine Hausaufgabe der Welt darauf ausgelegt, dass man irgendwas aus diesem komischen Internet heraussuchte. Nein, also wenn wir schon ins Netz gingen, dann für die wichtigen Dinge des Lebens.

Um über Napster illegal Musik zu laden beispielsweise. Das mit der gestohlenen Musik war freilich nicht neu, schließlich hatten wir CDs vorher auch schon im Laden geklaut, aber mit dem Internet hatte sich dieser Prozess digitalisiert. Künstler, Plattenfirmen und der nun nicht mehr benötigte Hausdetektiv fanden das vermutlich blöd, dafür freuten sich die Telefongesellschaft und die Verteiler von AOL-CDs. Und natürlich sämtliche Hersteller von CD-Brennern. CDs waren überhaupt prima: Im Gegensatz zu Kassetten gab's nie Bandsalat, und grundsätzlich gingen die Dinger eigentlich nur dann kaputt, wenn man sie an seine Freunde verlieh.

An und für sich war das »Saugen« von Musik in der Anfangszeit allerdings eine ziemlich zähe Angelegenheit. In einer Welt, in der eine simple Webseite ohne Bewegtbildgedöns – denn das gab es damals fast gar nicht – drei Minuten zum Laden benötigte, schaffte es auch die neuste Metallica-Single nicht schneller auf die Festplatte. Und wenn dann die Gegenseite, also der Blödmann, von dem man das Lied gerade kopierte, kurz vor Ende die Verbindung kappte, bekam man glatt Mordgelüste, denn nun musste man von vorn beginnen. Selbst machte ich mir daraus natürlich auch gerne mal einen Spaß. Hahaha, du willst dieses Lied haben, ja? Haha, nur noch vier Prozent? Drei? Zwei? Eins? Nope, Freundchen! Ein Klick, und alles war umsonst. Die Arbeit einer ganzen Stunde – verbrannte Erde aus unbrauchbaren Dateihappen.

Abgesehen von den hohen Telefonrechnungen fanden zumindest die meisten Eltern das aber ganz toll, was wir so machten. Sie kapierten nicht, was unsereiner da tat, wenn wir wie der Angestellte des Monats im professionellen Presswerk eine Silberscheibe nach der anderen im Brenner verschwinden ließen, um sie hinterher fein säuberlich mit Edding oder sogar bedruckten Labels zu verzieren und auf einen großen Stapel zu legen, der hinterher an Freunde oder andere Interessenten verteilt wurde – gegen Bares natürlich. Am Computer zu hocken war aus Elternsicht besser, als draußen heimlich eine Schachtel Kippen nach der anderen wegzuziehen. Nicht, dass dafür keine Zeit mehr gewesen wäre, aber ... Elternlogik halt.

Am Computer sitzen hieß für Eltern, wenn man nicht gerade zockte, dass man was lernte. Was für die eigene Zukunft tat. Für meine Mutter galt die für sie logische Devise: Beschäftigt der Junge sich mit dem Computer, macht er später mal was Anständiges und muss nicht am Fließband Plastikpflanzen zusammenkleben. Zwar klebe ich heute beruflich tatsächlich keine Plastikpflanzen zusammen, hätte ich mich damals beim Schwarzkopieren aber erwischen lassen, dann hätte ich vielleicht im Knast welche zusammengeklebt.

Um 2000 herum war auch an das Herunterladen von Serien und Filmen noch gar nicht zu denken. Gott, diese gigantischen Datenmengen! Ganze Filme, pah! Die passten doch gar nicht durch die Leitung. Und dann die Kosten! Einen neuen Film direkt in den USA zu kaufen – per Selbstabholung – wäre billiger gewesen. Mein Neid galt seinerzeit den paar Freunden mit teurer ISDN-Leitung. Wessen Eltern einen entsprechenden Vertrag bei der Deutschen Telekom hatten, der surfte nicht nur bedeutend schneller als ich mit meinem 56K-Miniaturpanzer, sondern durfte an gesamtdeutschen Feiertagen auch noch umsonst telefonieren und damit eben auch ... UMSONST SURFEN!!!

Ein digitales Eldorado tat sich für jene Glücklichen auf. Den Luxus nutzte einer meiner Freunde seinerzeit, um in einem fein abgestimmten Projekt über mehrere Sonntage hinweg Gina-Wild-Filme herunterzuladen. Gina Wild – die Älteren werden sich erinnern – war um die Jahrtausendwende herum neben Goethe und Schiller eine der großen deutschen Kulturfiguren (»Jetzt wird's schmutzig« – ein Drama in sieben Akten) und gehörte definitiv auf selbstgebrannte CD-ROMs, die es auf dem Schulhof zu verteilen galt, wenn man mal neue Freunde brauchte. Alle anderen mussten sich mit den unzähligen Internetseiten voller, äh, Aktbilder zufrieden geben, die einem beibrachten, was mit Körperöffnungen anatomisch gesehen noch so alles möglich ist. Ja, auch dafür brauchten wir das Internet, wenn wir uns im Zimmer einschlossen, um in Ruhe für die Schule zu lernen.

Heute kommt man an Filme und Musik viel einfacher und deutlich ungefährlicher. Es gibt tolle Online-Dienste wie Spotify. Will ich eine neue Platte anhören, kann ich das da tun. Jederzeit, immer wieder und das alles auch noch für umme und ganz legal. Ähnlich dekadent verhält es sich mit Filmen und Serien: Dank Netflix weiß ich inzwischen, dass nach »Akte X« doch nicht alle Serien Grütze waren. Dafür weiß ich auch, dass »Akte X« sehr wohl Grütze war. Ja gut, will man sich aktuelle Folgen der Serie »Game of Thrones« anschauen, dann ist's immer noch wie vor zwanzig Jahren, weil die Rechteinhaber irgendwie zu glauben scheinen, sie könnten am meisten verdienen, wenn wirklich niemand ihre Serie anschauen kann. Nicht fragen, ist halt so. Die Vertriebschefs haben vermutlich im Jahr 1850 erfolgreich BWL studiert und glauben, digitaler Vertrieb mache impotent.

Aber gut, es waren unschuldige Zeiten damals, als man noch das Gefühl hatte, das ganze Internet würde von Dampfmaschinen angetrieben. Heute gibt es den Spaß fast nur noch drahtlos, ohne fiepsendes Modem, das man in die Telefondose stöpseln muss, das die Leitung blockiert und so die Familie vom Rest der dauernd anrufenden Verwandtschaft abklemmt. WLAN gab es damals ja nicht. Und als es das endlich doch gab, war es beschissen: unsicher und die Verbindung schwankte schlimmer als Johnny Depp auf 'ner Pressekonferenz. Ein sehr cooler Trick war, zur Verbesserung der Verbindung etwas Alufolie um die Antenne des Routers zu wickeln. Das sah ziemlich nerdig aus und half kein bisschen. Leider.

Wie sich das geändert hat! Heute besteht die Luft zum Atmen wahrscheinlich zu fünfzig Prozent allein aus WLAN. Einmal zu tief Luft geholt, schon hat man vielleicht den viel versprechenden Online-Flirt des Nachbarn verschluckt. So ändern sich die Zeiten: Früher bekam man beim Einzug in eine WG zuerst den Schlüssel, heute fragt man nach dem WLAN-Passwort. Alles kein Thema mehr. Wer heute online sein will, kann das problemlos auch auf dem Klo sitzend tun, ohne den PC auf einem Rollwagen ins Bad karren und sich überlegen zu müssen, wie er die Verlängerungsschnüre durch die Bude legen soll. Früher druckte ich mir interessante Webseiten aus und nahm sie zum Lesen mit aufs Örtchen, heute machen das nur noch CDU-Politiker. Sorgenfrei auf dem Lokus hocken und die Zeit versurfen, während der eigene Hintern allmählich mit der Klobrille fusioniert, das wäre damals undenkbar gewesen.

Und auch der Begriff des Surfens an sich hat sich verändert: Erkundete man früher noch mutig auch die finstersten Ecken des World Wide Web (Ja, natürlich möchte ich den Sexy-Teens-Newsletter täglich kostenlos an meine Mailadresse geschickt bekommen, schließlich ist er KOSTENLOS!), besteht dieser Mut heute weitestgehend darin, nicht nur die Facebook-Timeline rauf und runter zu scrollen, sondern auch mal auf das Profil von Leuten zu klicken, die noch nicht in der eigenen Freundesliste vor sich hin gammeln.

Aus dem harten Scrollrad früher Tage ist eine verweichlichte Wischgeste geworden. Was uns früher beim Schleppen kaputte Knie und Rückenschmerzen bescherte, stecken wir nun in bunte Hüllen und werfen es in die Handtasche. Smartphones mit Dauer-Online-Zugang sind allgegenwärtig. Wir haben unsere digitale Unschuld verloren, unseren Entdeckergeist an Steve Jobs und Mark Zuckerberg verkauft. Man könnte weinen, wäre das nicht alles so ungemein praktisch. So schön bequem. Die Welt steht uns so viel offener als früher, es gibt keine Grenzen mehr. Wer braucht digitalen Survivalurlaub wie früher, wenn er all inclusive mit Klimaanlage haben kann? Ich muss nur mein Telefon in die Hand nehmen, den Browser öffnen und ... oh ... Mist, Datenvolumen ist aufgebraucht.

Mittwoch, Januar 28, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, Januar 28, 2015 | 2 Kommentare

Die Egaligkeit des Seins

Falls irgendwer sich fragen sollte, was ich treibe ... okay, ich erzähl's trotzdem. Ich sitze unter meinem Stein. Es ist schön hier, echt. Glaubt einem ja keiner, wie gemütlich es unter so einem Stein sein kann, bis er selbst mal druntergessen hat. Ich hab's nämlich aufgegeben, mich um das zu scheren, was draußen so vor sich geht und schaue mir stattdessen zum Beispiel Katzen-GIFs an. Das ist zwar wenig gehaltvoll, aber das sind Chickennuggets auch, und trotzdem rennt keiner draußen rum und brüllt: »Igitt, Chickennuggets!«

Ganz im Ernst, was könnte ich denn großartig verpassen, wenn ich statt Tagesschau und Spiegel Online lieber Bilder von Colonel Meow, Grumpy Cat und Bob dem Streuner anschaue? Ich meine, der Colonel hat es ins Guinessbuch der Rekorde geschafft, von Grumpy Cats berühmtestem Foto gibt es sehr wahrscheinlich mehr Kopien als von der Mona Lisa und Bob der Streuner hat sogar eigene Romane. Jede dieser Katzen hat es weiter gebracht als jeder in meiner Familie zusammengerechnet. Was zugegenermaßen nicht schwer ist, aber das ist eine andere leidvolle Geschichte.

Ich brauche keine Zeitung mehr, keine Nachrichten. Ich weiß, da draußen rennen immer noch Verrückte mit ans Kinn geklebten Schamhaaren rum und hauen unbescholtenen Bürgern die Rübe runter, die Ukraine wird immer noch großflächig von militanten Hobbygärtnern umgepflügt, wahrscheinlich geht just in diesem Moment Griechenland einmal mehr pleite, und die Amerikaner versuchen, ekliges Chlorhühnchen unter meinen Kartoffelbrei zu mogeln. Ihr seht also, ich bin bestens im Bilde. Hab viel besseren Stuhl, seit ich mir nicht mehr den Irrsinn der Welt auf die Schultern lade. Zum Beweis könnte ich freilich versuchen, eine Fotodokumentation draus zu machen, aber dann würde den NSA-Kollegen beim Durchschauen meiner Aufnahmen vermutlich schlecht werden, und jeglicher USA-Urlaub wäre dann für immer hinfällig.

Nee nee, ich hab meinen Frieden gefunden. Ich habe einfach keine Lust mehr auf diese gebündelte Blödheit da draußen. Wenn ich mich zu sehr aufrege, werde ich bloß zynisch. Am Ende kommt vor lauter Meckerei noch 'ne Mohammed-Karrikatur heraus, und dann zerballern mir irgendwelche bekloppten Islamisten die Wohnzimmereinrichtung mit freundlicher Unterstützung von Heckler & Koch. Und am Ende stellt sich wieder irgendein blöder Politiker hin und meint, der Islam gehöre zu Deutschland. Ha ja, von mir aus … Und demnächst macht der Sigmar Gabriel in Mekka 'ne Currywurstbude auf, oder was? Auge um Auge, Freunde der Sonne. Aber was schert das mich?

Außerdem bin ich gar nicht islamfeindlich oder so. Ich finde Christen genauso scheiße. Habe mal in Bonn gesehen, wie sechs vollverschleierte Frauen – eben diesem Islam angehörend, von dem jetzt alle reden – an einem Tisch saßen und Eisbecher mampften. Wer das gesehen hat, den kann eh nichts mehr überraschen. Da kann man auch gar nicht wütend über mangelhafte Integration oder was auch immer sein, wenn man dabei zuschaut, wie sechs vollbeladene Löffel abwechselnd unter schwarzem Tuch verschwinden. Wichtig ist, der einzige Gedanke, der mir in dem Moment durch den Kopf ging, war: Mensch, wenn das mal keine Flecken gibt. Tja, da soll einer behaupten, ich sei vorurteilsbehaftet oder weltfremd.

Das gilt übrigens so ganz allgemein für den Brandenburger an sich, denn aus Brandenburg komme ich ja. Wir Brandenburger sind offener, als allgemein angenommen. Also nicht alle, klar. Die wenigen Betonköpfe können aber nichts dafür, schließlich waren sie jahrelang eingesperrt, und beim Urlaub aufm staatseigenen Campingplatz steppt jetzt eher nicht so der Kulturbär. Ansonsten ist er aber sehr weltoffen, der Brandenburger an sich. Da haut man nicht nur den Schwarz- und Gelbhäuten was aufs Maul, sondern auch dem Landsmann, wenn er komisch guckt. Ich weiß das. Ich guck immer komisch.

Nee, Scherz. Schon schlimm, diese Nazibrut, vor allem im ehemaligen Ostdeutschland. Hocken da noch immer in ihren Kneipen vorm Köstritzer, verbreiten ihre dummen Deutschland-den-Deutschen-Parolen über ihre koreanischen Smartphones, tragen immer noch dieselben alten Klamotten – dieselben, nicht die gleichen – und schmoren überhaupt dermaßen im eigenen Saft, dass man meinen könnte, auf ihren Glatzen müsste sich längst 'ne knusprige Panade gebildet haben. Ich schäme mich schon so'n bisschen, von dort zu kommen. Letztens habe ich zum Beispiel auf Facebook in so 'ner Gruppe zu meiner Heimatstadt wieder was Fremdenfeindliches gelesen. Meine Güte, das kann ich gar nicht wiedergeben, so schlimm war das, also vor allem der Satzbau, aber auf groteske Art faszinierend ist es schon: Ganz egal, was einer postet, nach spätestens sechs, sieben Beiträgen meint irgendwer, was über diese fiesen Ausländer palavern zu müssen. Ich nenne das Phänomen den Braunen Brandenburger Senfautomaten. Dabei sind die einzigen Ausländer, die diese geistigen Napfkuchen je gesehen haben, die Quotentürken aus dem nachmittäglichen Hartz-IV-Schrottprogramm. Sonst gehen die doch gar nicht mehr vor die Tür, seit bei denen nach der Wende die Treuhand wohl versehentlich auch das Hirn abgewickelt hat.

Aber das alles lese ich jetzt auch nicht mehr mit. Ich rege mich sonst nur auf über so viel Blödheit. Und was da an Zeit draufgeht, bis ich im Kopf aus diesen grammatikalischen Kernschmelzen mal von Menschen lesbare Sätze gemacht habe … meine Fresse! Nee, muss ich mir nicht geben, echt. Ich halte es jetzt, wie schon die Ärzte in »Ignorama« singen: »Delfine im Thunfischsalat, wie gemein – Es könnt' mir nichts egaler sein.«

Unwissenheit kann auch ein Segen sein. Überhaupt, bei so vielen Katastrophenmeldungen, da muss unsereiner das Glücklichsein ja erst wieder erlernen. Reduktion aufs Wesentliche, back to basic. Manch einer muss dafür extra ins Dschungelcamp gehen, gemahlene Kakerlaken durch die Nase schlürfen und Walter Freiwalds nackten Hintern ertragen. Ich dagegen lass einfach die Glotze aus. Es kann ja so einfach sein. Wie schon Loriot sagte: Einfach nur hier sitzen. Wird man auch nicht dumm von. Dem weisen Mann vom Berg liefert sicher auch kein Abo-Service 'ne Frankfurter Allgemeine hoch. Auch nicht mit Mindestlohn.

Und schließlich lassen sich mit all der freigewordenen Zeit mal ganz neue Projekte angehen. Beispielsweise fit werden, indem man sich von Detlef D(ummschwätzer) Soost sexy-dot-com machen lässt, sofern die Werbung allein nicht schon Mordgelüste ausgelöst hat. Woah, so sehr hab ich niemandem einen Jo-Jo-Effekt gewünscht, seit mir Harry Wijnvoord mit seinem blöden Slimfast auf die Nüsse ging. Ja, manchmal werden Wünsche wahr, Detlef! Aber hey, wir wollen ja hier nicht unentspannt werden.

Apropos unentspannt: Kürzlich hab ich was über eine Initiative »bedingungsloses Grundeinkommen« gelesen – oder auch: »Wie etabliere ich als faule Sau ein Schmarotzerschneeballsystem für all jene, die auch keine Lust mehr haben, für ihren vollen Satz vorm Jobcentermitarbeiter die Unterhosen runterlassen zu müssen?« Also SO meine ich das mit dem entspannten Nichtstun natürlich nicht! Nee, da könnte ich echt ausrasten. Den Schulabschluss versemmeln, weil Kippen klauen bei Aldi und Streber verdreschen cooler ist, hinterher aber trotzdem ein dickes Stück vom Wohlstandskuchen abhaben wollen, was? Nicht mit mir, elendes Pack! GEHT GEFÄLLIGST ARBEITEN, SO WIE ANDERE LEUTE AUCH, STATT VOR DER VERDAMMTEN GLOTZE ZU VERBLÖDEN UND DIE HAND AUFZUHALTEN!!!

So, ich bin dann mal wieder unter meinem Stein. Alles ganz ruhig hier, ganz entspannt. Herrlich!

Dienstag, Dezember 30, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Dienstag, Dezember 30, 2014 | 2 Kommentare

Möge der Böller mit euch sein

Ah, das Jahresende ist da. Bald wird es wieder laut, dann fliegen die Raketen, fliegen die Böller, fliegen die Finger, und am Ende des Tages liegt man sich entweder in den Armen oder in der Notaufnahme. Silvester – an keinem anderen Tag im Jahr schafft es polnische Wertarbeit derart in die Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Der Polenböller, ein Exportschlager, das von gepresstem Klopapier umwickelte, mit Schießpulver gefüllte Äquivalent zum Mercedes Benz. So was gibt es nur am letzten Tag des Jahres.

Silvester ist ja eh ein Fest der Gegensätze. Wir freuen uns, dass endlich ein neues Jahr beginnt, versaufen aber gerne derart den Beginn, dass das frische Jahr genauso verkatert startet, wie das alte aufgehört hat. Vielleicht wollen wir ja einfach nur vergessen, schließlich wurde wieder nichts richtig fertig im alten Jahr. Was wollten wir nicht alles gemacht haben? Das Wohnzimmer streichen oder die Kinder aus dem Testament, den Partner fürs Leben finden oder wenigstens mal den eigenen Kopf. Nichts hat geklappt, und schon wieder ist ein Jahr rum. Wir blicken zurück auf das, was wir gepackt haben und sehen ... nichts. Wieder ein Jahr Lebenserwartung im Büro wegmalocht und dabei nicht mal die Hälfte der aufgelaufenen Mails abgearbeitet, geschweige denn gelesen. Und nicht, dass wir sonst was bewegt hätten. Die Welt, die blöde Sau, hat sich weitergedreht, einfach so, ohne unser Zutun. Nie wird einem bewusster, dass man dieses abgearbeitete Nichts noch höher stapeln kann als Scheiße, als am Silvesterabend, während einem der Geruch von Schießpulver in die Nase und der Sekt zu Kopf steigt. Da kann man schon mal melancholisch werden. Und besoffen.

Überhaupt Sekt: Das ist auch so ein Gesöff. Alle stehen sie da mit ihrem Gläschen, stoßen an und reichen die Pulle rum, als gäbe es nichts Besseres unter der Sonne. Ich für meinen Teil versuche ja immer, das Zeug geschickt um die Geschmacksknospen auf der Zunge herumzuzirkeln, und wenn keiner guckt, kippe ich den Rest entweder ins Becken oder vergesse mein Sektglas ganz zufällig auf irgendeinem Beistelltisch. Hups, weg isses. Mensch, der Rotkäppchen-Sekt war aber auch wieder lecker! Gibt es überhaupt irgendjemanden da draußen, dem Sekt schmeckt? Ist wahrscheinlich wie mit Tomatensaft, den man ja auch nur im Flugzeug trinkt, weil ... ja weil halt. Oder mit Popcorn, das man auch nur im Kino isst, weil zerkleinerter und karamellisierter Bauschaum außerhalb von Filmvorführsälen einfach nicht sonderlich bekömmlich ist und eine Darm-OP nach sich zieht. Na ja, einige Dinge werde ich wohl nie verstehen.

So wie das mit manchen Vorsätzen. Es ist doch jedes Jahr dasselbe: Die Raucher hören auf zu rauchen, weil sie sich das vorgenommen haben. Bis sie dann ein paar Tage später auf die Waage steigen, weil die neue Jeans nicht mehr über den Hintern rutschen will. »Wenn ich aufhöre zu rauchen, nehm ich zu«, argumentieren sie hinterher und ziehen sich den nächsten Sargnagel rein. Dabei liegt das nicht an den Kippen, sondern an der Fresserei. Teer und Nikotin haben noch keinen dünn gemacht, sag ich immer, aber auf mich hört ja keiner. Und dann, nach Neujahr, ist auch das Fitnessstudio plötzlich wieder so voll, weil all die Sportmuffel, deren Bluthochdruck sich bereits warnend auf ihren roten Pausbäckchen abzeichnet, die Fitnessgutscheine, die sie zu Weihnachten bekommen haben, einlösen wollen oder müssen. »Lieber jetzt was für den Körper machen, bevor es zu spät ist«, ist dann gerne mal zu hören, und bei so manchem, der im Vorbeigehen die Sonne verdunkelt, fragt man sich schon, wie er »zu spät« eigentlich definiert. Wäre aber schön, wenn es klappt und der eine oder andere stark bleibt, statt dass zwei Wochen später nach Feierabend Kollege Schweinehund mit einem Hefeweizen oder einer Tasse Kakao und Schokoladenkeksen um die Ecke schlendert und man den Sport eben Sport sein lässt, weil irgendwo die neue Staffel »Game of Thrones« angelaufen ist. Aber gut, mir kann's ja wurscht sein, und abgesehen davon begrüße ich das von Jahr zu Jahr zunehmende Gesundheitsbewusstsein durchaus. Haben wir ja alle was von, was auch immer das sein mag. Denn dass von Jahr zu Jahr auch die Beiträge zur Krankenversicherung steigen, wird derweil wohl ein Geheimnis gut geföhnter Versicherungsmathematiker bleiben.

Aber ich will nicht unken. Auch ich werde mir natürlich wieder ein paar Vorsätze machen. Als vitaler Mensch braucht man ja schon irgendwie ein Projekt, ein bisschen Motivation, um auch die nächsten zwölf Monate wieder ohne Leberzirrhose zu überstehen. Muss ja nichts Großes sein. Mein Vorsatz wäre da beispielsweise einfach: Überleben. Kein Scherz. So ein Jahreswechsel wird ja auch immer ein bisschen begleitet von der Angst vor dem Neuen. Das kann alles sein: neue Blutwerte, neue Zellwucherung, neue Depression. Neu ist nicht immer besser, auch wenn die Industrie einem das gern so verkauft. Und wer weiß, was die uns kommendes Jahr wieder alles ins Essen mischen, um uns abzumurksen? Da hat es schon was Zynisches, wenn man trotzdem all die Unwägbarkeiten des Alltags meistert, kerngesund zwölf Monate am Stück übersteht und sich dann am letzten Tag des Jahres ausgerechnet die Onaniehand wegböllert. Tja, Freund Blase, mit besten Grüßen aus Warschau.

Aber Spaß beiseite. Passt auf euch auf, seid lieb zueinander, scheut euch aber auch nicht davor, den blöden Nachbarn mit der 5000-Watt-Anlage bei der Hausverwaltung anzuscheißen. Lasst die Finger von Drogen, vor allem aber von künstlichen Fingernägeln. Baut auch sonst keinen Mist, vor allem keine Homepages mit Comic Sans, und wenn dann endlich auch der Letzte von euch verstanden hat, dass man im Deutschen so gut wie niemals ein Apostroph benutzt, dann habt ihr einen kleinen Wahlberliner sehr glücklich gemacht. In diesem Sinne: Möge der Böller mit euch sein. Einen guten Rutsch und vorab schon mal ein frohes neues Jahr. Wir werden es öfter hören, als uns lieb sein kann.

Dienstag, Dezember 09, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Dienstag, Dezember 09, 2014 | 4 Kommentare

Und am Ende brannten die Bücher

Und am Ende brannten die Bücher
Meine Güte, es gab nicht viele wirklich miese Schulfächer zu meiner Zeit, aber eines, das mir absolut gegen den Strich ging, war Russisch. Der Teufel weiß, was mich geritten hatte, dieses Kauderwelsch als zweite Fremdsprache zu wählen, klingt Russisch doch immer ein bisschen, als würde man eine einzige große Schimpftirade vom Stapel lassen. Ist doch so. Vielleicht ist ja der Putin in Wirklichkeit ein ganz und gar missverstandener, feinfühliger Mann, der seiner Omi regelmäßig Blumen bringt und der lediglich immer wieder über die Härte seiner eigenen Muttersprache stolpert und … nee, totaler Blödsinn! Jedenfalls wollte ich damals wahrscheinlich einfach nicht Französisch lernen, sieht doch ein französisch sprechender Mensch stets aus, als versuche er, einen Schmallippenfrosch vom anderen Ufer zu imitieren. Ja ja, ich hatte es nicht mit Vielem damals, aber wenn man bei mir die geistigen Schubladen öffnete, wurde man von einer Lawine aus Allerweltsvorurteilen überrollt. Und da sich manche Dinge ja nie ändern, machen wir weiter im Programm.

Die Krux am Russischlernen fängt beim Sprechen an. Wie, nicht das Alphabet?, mag der vielleicht kalligraphisch interessierte Leser jetzt denken, und ja, dazu komme ich noch, aber tatsächlich beginnt das Kuddelmuddel schon bei den ersten gesprochenen Worten. Ein russisches L beispielsweise erfordert, dass man versucht, den hinteren Teil seiner Zunge zu verschlucken, nur um die Verrenkung dann in einen akkuraten Laut umzulenken, der den Mund verlässt, ohne den Redner blau anlaufen zu lassen. Dann wäre da noch das X, das eigentlich kein X ist, sondern eher ein H. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit, weil es so was Sanftes wie ein H – weiß der Wodka, warum – im Russischen nicht gibt. Man gibt sich gerne hart, da ist kein Platz für Gehauchtes. Stattdessen spricht man das Ding also eher als »Chhh« aus, im Prinzip, als würde man jede Menge Spucke von, äh, ganz tief unten im Mund sammeln wollen, um sie seinem Vordermann in die Kapuze zu schleudern (alles erlebt, Freunde der Sonne, alles erlebt). Fügt man Wörter mit diesem Laut in seine erlernten Baukastensätze ein, klingt das in etwa, als würde ein Schweizer rückwärts reden. Tja, und die Königsdisziplin ist natürlich das pflichtgemäß mit der Zunge (nicht mit dem Gaumen) zu rollende R, was außerhalb Russlands niemand so meisterlich beherrscht wie Till Lindemann, die Latzhosen tragende Dampfwalze der Teutonenkombo Rammstein. Stundenlang lag ich abends im Bett und übte speichelsprühend diesen blöden Laut, der mir partout nicht gelingen wollte. Und dann, eines Morgens, flatterte er wie von Zauberhand so leichtfüßig von meiner Zunge wie ein unter Hochdruck freigesetzter frecher Wind, der sich seinen Weg durch die bebenden Gesäßbacken bahnt. Ein wahrlich erhabenes Gefühl! Also das mit der Zunge natürlich, nicht das andere!

Nun aber zum Alphabet, diesem erst mal absurd anmutenden Buchstabenwirrwarr, das einst ein Grieche namens Kyrill den Mannen und Frauen von der Wolga gebracht haben soll: Zumindest das kyrillische Alphabet ist gar nicht so schwer zu erlernen, wie man meinen könnte. Viele Buchstaben gibt es im Deutschen ja auch. Gut, manche tarnen sich als andere Buchstaben. So ist etwa ein deutsches R im Russischen ein P, während es das R zwar auch, aber nur gespiegelt gibt, was zudem als »ja« ausgesprochen wird. Ein C ist ein S, ein W ein B, und damit die Verwirrung für Zugereiste erst so richtig perfekt ist, hat der Russe nicht nur 26 Buchstaben in seinem Alphabet, sondern tischt gleich 33 derer auf. Aber wie gesagt, alles nicht so richtig schwer zu erlernen, wenn man nur will. Oder muss. Wie wir damals.

Unsere Russischlehrerin, die auch zugleich unsere Klassenlehrerin war, gab sich große Mühe, uns die Sprache mittels einfacher Situationsgespräche näher zu bringen. War leider wenig effizient. Im Gedächtnis geblieben ist mir davon eigentlich nur ein Verkaufsgespräch, sodass ich neben meinem Namen und meinem Alter heute in Russland lediglich einen einzigen Satz sagen könnte: »Ich möchte ein Tuch kaufen.« Wie weit man damit kommt, konnte ich mangels Reisefreude ins Domizil des Väterchen Frost nie herausfinden, aber ich denke, bis kurz vor Wolgograd würde ich damit schon irgendwie kommen.

Ansonsten habe ich mit Grausen das Übersetzen längerer, meist historischer Texte in Erinnerung behalten. Glücklicherweise waren zumindest wir Jungs damals bereits technisch derart versiert, dass wir ohne Probleme die entsprechenden Seiten des Russischbuches einscannen konnten, um hinterher eine Texterkennung drüberlaufen zu lassen und das Ganze dann in einen Online-Übersetzer zu schmeißen. Der halbdeutsche Wortsalat wurde vom Klassenbesten, dem Depp vom Dienst, also von mir, dann noch in eine ansprechende Form gebracht und das Ergebnis am nächsten Tag vor dem Unterricht an alle verteilt. Eine kleine logistische Meisterleistung für damalige Verhältnisse. Ein paar Jährchen später, am letzten Schultag, meine ich, steckten wir unserer Klassenlehrerin, was wir getan hatten, aber da sie uns russischen Wodka mitgebracht hatte, erinnere ich mich nicht mehr, wie sie darauf reagierte. Ist vielleicht auch besser so.

Trotz unserer technischen Superkräfte hassten wir diese blöden Russischbücher wie die Pest. Es waren lauter rot- und pausbäckige, schlecht gezeichnete Charaktere darin, die natürlich immer Olga, Tanja, Nadja, Pavel und Vladimir hießen, und die wohl davon ablenken sollten, dass die Lehrbücher von Kapitel zu Kapitel zu einem Sammelsurium von Geschichtstexten mutierten, in denen etwa eindringlich vor Wahnsinnigen wie Josef Stalin gewarnt wurde. Sonderlich interessant fanden wir das alles nicht, und so erinnere ich mich, dass ein Klassenkamerad aus Langeweile das gezeichnete Gesicht einer Lehrbuchprotagonistin feinsäuberlich mittels Radiergummi von der Seite tilgte, nur um hinterher den entstandenen weißen Fleck mit einer Totenkopffratze zu verzieren. Wir alle begutachteten das Ergebnis in der Pause und fanden es wahnsinnig lustig. Unsere Klassenlehrerin nicht so. »Das wirst du so wiederherstellen, wie es war!«, polterte sie. »Aber wie soll ich das denn machen?«, bekam sie vom verzweifelten Schüler zur Antwort, während wir anderen nur umso lauter brüllten. »Das ist mir scheißegal!«, setzte sie hinterher. Das war es, damit war die Sache für ihn gelaufen und für uns auch, denn wir hatten vor Lachen Bauchkrämpfe. Wer den Schaden nicht hat, hat eben einen guten Tag. Tja, und wenn es um den Zustand der Lehrbücher ging, legte man sich eben nicht mit unserer Klassenlehrerin an.

Womit ich auch beim traurigen Ende meiner kleinen Russischexkursion wäre. Nach fünf Jahren voller Tuchkäufe, Texte einscannen und scheußlicher Klausuren hatten wir alle derart die Schnauze voll, dass wir Russisch kollektiv abwählten. Unser Russischunterricht der frühen Nullerjahre war quasi das Äquivalent zur FDP von heute: aus und vorbei! Und weil wir den Befreiungsschlag so richtig zelebrieren wollten, trafen wir uns am Abend alle am Wasser, entfachten ein hübsches Lagerfeuer und ... verbrannten unsere Russischbücher. Unsere Lehrerin bemerkte einige Tage später, am letzten Tag des Schuljahres oder so: »Übrigens, ich bekomm noch ein paar Russischbücher zurück.« Betretenes Schweigen. Sie, deren schönstes Hobby es war, uns nicht nur den Irrsinn eines Stalin näherzubringen, sondern auch alles rund um die Nazischwachmaten, sie, deren Oberheiligstes ihre Schulbücher waren, hätte vermutlich wenig entspannt reagiert, wenn wir von unserer Bücherverbrennung erzählt hätten. Wir hatten uns an dem Abend nicht mal was Schlimmes dabei gedacht. Ratsch ratsch … wieder wanderten ein paar Seiten ins Feuer, stets unter johlendem Beifall. Streber und notorische Schwänzer Hand in Hand. Wären hinter uns Fackelträger in braunen Hemden aufmarschiert, musikalisch begleitet vom Königgrätzer Marsch, wir hätten uns wohl selbst dann nichts dabei gedacht, kackenblöd wie wir waren. Parallelen kannten wir halt nur aus der Mathematik.

Und da sieht man es wieder: Selbst etwas Harmloses wie Russischunterricht kann bei akuter Nachdenkverweigerung in einer kleinen Katastrophe enden. Frau M., falls Sie dies hier zufällig lesen: Es tut mir aufrichtig leid. Sollte ich je nach Russland reisen, bringe ich Ihnen ein Tuch mit.

Dienstag, November 25, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Dienstag, November 25, 2014 | 4 Kommentare

Das Brillendilemma

Das Brilletragen kann einem gehörig auf die Nerven gehen. Hin und wieder stehe ich morgens an der Bushaltestelle, starre mit verkniffenen Augen auf die dort angebrachte Uhr und wenn die Zeiger sich partout nicht scharf stellen wollen, merke ich, dass ich meine Brille auf dem Nachttisch liegen lassen habe. Kann einem das Ding nicht einfach überallhin folgen, wie es die Katze tut? Wenn es darum geht, die Ersatzaugen zu suchen und sie schließlich an den unmöglichsten Stellen zu finden, klappt es ja auch schon ganz gut, was das Imitieren unseres Stubentigers angeht. Nicht, dass ich sie je dorthin gelegt hätte, nee nee, die wandert schon von ganz allein durch die Gegend und versteckt sich. Einfach, um mich zu ärgern. Ähnlich wie die Butter im Kühlschrank mit ihrem Tarnschild, den nur Frauenaugen durchblicken können.

Dann ist da diese Sache mit den Krümeln. Ich nehme also die Brille aus dem Etui, wische mit dem Mikrofasertuch über die Gläser und setze sie auf. Es dauert keine zwei Minuten, dann macht sich der erste seltsam unscharfe Fleck in meinem Sichtfeld bemerkbar. Ich nehme die Brille ab und betrachte die Gläser, die aussehen, als hätte jemand einen Miniaturstaubsaugerbeutel auf ihnen entleert. Dabei habe ich sie gerade eben erst geputzt. Was soll das? Wo kommt das Zeug her? Ist mein Kopf eine dieser Schneekugeln, die man Leuten schenkt, an die man zufällig am Abreisetag im Souvenirgeschäft noch gedacht hat? Und nicht, dass ich diese Nanokekskrümel einfach von den Brillengläsern wischen könnte, oh nein, die verschmieren natürlich ganz gerne auch noch, sodass inzwischen ein nicht ganz unbeträchtlicher Teil meines Tagesablaufs daraus besteht, zwei kleine, geschwungene Gläser zu polieren. Auftragen, polieren. Auftragen, polieren ... Mister Miyagi fände das vielleicht toll, aber für mich ist diese Putzerei fast noch unbefriedigender als das Abspülen von Geschirrbergen: Gerade ist man fertig mit dem Abwasch, wobei man trotz angeblich pH-neutralem Spülmittel die Haut an den Händen nachhaltig geschädigt hat, dann dreht man sich einmal kurz weg, schon stehen mindestens vier schmutzige Teller sowie drei Töpfe mit angebranntem Boden da, lachen fies und drohen damit, unangenehm zu müffeln, wenn man sich nicht umgehend an die Reinigung macht. Das! Ist! Ätzend!

Ich weiß, ich jammere auf hohem Niveau. Früher wogen Brillen fünf Kilogramm, weil die Gläser Vollmantelgeschosse abwehren konnten und die Rahmen aus Kruppstahl waren. Heute sind die Gläser nicht mal mehr aus Glas, angeblich schmutzabweisend, aus dem Gestell ohne messbares Eigengewicht lassen sich bei Bedarf lustige Luftballontiere knoten, ohne dass was kaputt geht, und würde ich die Anleitung lesen (was ich als Mann natürlich niemals tue), erführe ich bestimmt, dass so eine Brille auch ganz passabel Schach spielt. Trotzdem: Es nervt! Und klar, natürlich könnte ich mir Kontaktlinsen in die Augen drücken, wäre da nicht meine Panik davor, mit den Fingern auf der Hornhaut herumzufuhrwerken. Ich habe zwei Horrorvorstellungen: Die erste ist, von einer Kobra gebissen zu werden (Ich träume das. Ständig!), die zweite ist eine Kontaktlinse, die wegen meiner linken Hände hinters Auge rutscht, immer weiter, bis sie genüsslich den Sehnerv vom Augapfel schält. Brrr, natürlich ist das Blödsinn ... also vermutlich. Gruselgeschichten wie die Giftspinnen, die sich nachts unter der Haut alter Leute einnisten, um dort ihre Brut zu verstauen, was natürlich immer tödlich für den unfreiwilligen Vermieter endet. Alles ausgedacht, schon klar. Aber Tote erzählen keine Geschichten. Wer weiß also, wie viel grusliges Zeug abseits urbaner Horrormärchen tatsächlich passiert? Zu mörderischen Kontaktlinsen ist mir keine urbane Legende bekannt, was im Umkehrschluss die Wahrscheinlichkeit, dass so was hier und da mal passiert, signifikant erhöht. Ähhh ...

Immerhin bleibt noch der modische Faktor, nicht wahr? Brillen sind ja heutzutage weniger Sehhilfe als viel mehr Accessoire. Der modebewusste Proband trägt gerne mal eine Brille, obwohl er gar keine benötigt. Albern finde ich das nicht. Albern wird es erst, wenn die Fashion Victims von Welt anfangen, auch Hörgeräte, Rollstühle und künstliche Darmausgänge eher so als Accessoire zu betrachten. Theoretisch gibt es nämlich nichts, das sich nicht mit Swarovski-Steinchen veredeln ließe. Aber gut, manchen Menschen steht eine Brille auch wirklich ausgesprochen gut. Macht was her, unterstreicht den Typ. Diese Menschen gibt es, die dann gleich nach mehr aussehen. Und dann gibt es Menschen wie mich: Ich sehe mit Brille im Prinzip aus wie ich mit Brille.

Insgesamt eigentlich genug Gründe, auf das Tagsichtgerät zu verzichten und ein Leben als Maulwurf zu fristen. (Auftragen, polieren ...) Wäre da nicht eine Sache, ein so positiver Aspekt, dass er all die negativen Punkte doppelt und dreifach wieder aufwiegt. Denn endlich ... endlich sehe ich genauso klug aus wie ich bin!

Montag, November 10, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Montag, November 10, 2014 | 2 Kommentare

Das Mädchen und der Wolf


Ein Mädchen liegt lauschend im heimischen Bette,
Vom Vollmond gewogen durchs Fenster geküsst.
Das Mädchen ist müde und wünschte, es hätte
Den Mut, heut' zu schlafen, wenn bloß es doch wüsst':

Dass nicht mehr der Wolf kommt, mit eisigen Klauen,
Wie oft er schon da war, sie weiß es nicht mehr.
Er packt sie am Hals, dann beginnt erst das Grauen,
Derweil sie ersehnt, dass sie anderswo wär.

Und manchmal, da macht sich die Mutter ja Sorgen,
Hat oft schon das Lachen der Tochter vermisst.
Das Mädchen jedoch hält den Schrecken verborgen,
Es weiß, dass der Wolf es sonst endgültig frisst.

Die Kindheit ist lautlos vom Kinde gegangen,
Das Spielzeug vergessen, Relikt ferner Zeit.
Der Wolf zwar verschwunden, doch niemals gefangen,
Was bleibt, ist die ewige Schlaflosigkeit.

***

Knapp fünfzehn Jahr' später: Ein Mann will nicht schlafen,
Den Schnaps gegen Träume in zittriger Hand.
Er weiß, was er tat, muss ihn ewiglich strafen,
Ein Fleck schwarzer Sünde auf seinem Verstand.

Das Klingeln am Morgen: Die Frau auf den Stufen –
Er sieht noch das Mädchen in ihrem Gesicht.
Die Augen sind's, die ihn zur Wachsamkeit rufen,
Dann löst sich ein Schuss und sein Leben zerbricht.

Der Wolf endlich tot, dieser Fluch scheint gebunden,
So lang er auch währte, verstummt ist die Pein.
Die Frau hat die Schlaflosigkeit überwunden,
Dass endlich sie ruht, spricht am Grabe ihr Stein.

Montag, Oktober 06, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Montag, Oktober 06, 2014 | 2 Kommentare

Hat sich wohl kaputt gestanden

Hat sich wohl kaputt gestanden.
Die Bundeswehr, so behaupten böse Zungen, sei nur dazu da, den Feind so lange aufzuhalten, bis die Armee anrücke. Liest man die derzeit kursierenden, besorgniserregenden Berichte über den Zustand der Ausrüstung dieser Gurkentruppe – und hey, sie sind immerhin genauso grün wie Gurken , dann scheint mir das Eingangssprüchlein doch  wie hätte Mark Twain gesagt , reichlich übertrieben. Welchen Feind will man denn mit derart ramponiertem Inventar aufhalten? Ich sage es mal so: Würde der Schweizer Kanton Appenzell Innerrhoden sich dazu entschließen, mal eben in Deutschland einzufallen, die Chancen stünden nicht schlecht. Glücklicherweise sehen die Schweizer vermutlich keinen Sinn darin, sich ein so desolates und verarmtes Land wie Deutschland einzuverleiben. Noch mal Glück gehabt!

Aber ist es denn auch ein Wunder? Wie die Bundeswehr jemals auch nur einen Ententeich verteidigen soll, habe ich mich schon immer gefragt. Schon Jahre bevor die Tatsache öffentlich wurde, dass unsere Armee ausrüstungstechnisch dem hochgezüchteten Waffenpark Nordkoreas hoffnungslos unterlegen ist, war es doch so, dass jeder Wehrdienstpflichtige, den ich so kannte, nach Abschluss seiner neun Monate vor allem mit einem wiederkam: einer ziemlichen Wampe. Wenn die körperliche Ertüchtigung im Verein der grün gemusterten Freunde des gepflegten Herumballerns tatsächlich darin bestehen sollte, einfach so fett zu werden, bis man quasi kugelsicher ist, dann erledigen die Ausbilder ihren Job wahrlich ausgezeichnet. Andernfalls ...

Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Musterung. Damals, als man Gerhard Schröder gemeinhin noch für einen Deutschen hielt, versuchte ich, mich mit aller Macht um den Wehrdienst zu drücken. Ich wollte einfach nicht fett und kurzatmig werden, außerdem wollte ich schleunigst mit dem Studium anfangen. Ich ließ mich also ausmustern, indem ich bei den Kniebeugen ein wenig ächzte, und musste hinterher noch zum Appell beim, ach was weiß ich, wie der Kerl sich nannte? Wahrscheinlich irgendwas wie BwFhKfeOegKf. Auf die völlig sinnentleerten wie berüchtigten Bundeswehr-Abkürzungen kann auch nur eine Katze kommen, die laut schnurrend einmal quer über die Tastatur trampelt. Jedenfalls saß besagter Bundeswehrangehöriger  nennen wir ihn einfach mal Generalmajor Speck  vor mir, keuchte wie Darth Vader am Ende von Episode 6 und erzählte mir was vom Storch. Was genau, daran erinnere ich mich nicht mehr, weil Generalmajor Specks Ausmaße mich schlicht erschlugen. Ihn einen Wandschrank zu nennen, wäre falsch. Ein umgekippter Wandschrank trifft es eher, wenn man die Körperform dieses Herrn bildlich umschreiben möchte. Bis zu diesem Zeitpunkt war der dickste Mensch, den ich je gesehen hatte, Yokozuna gewesen, ein Wrestler aus dem Fernsehen. Generalmajor Speck, den man in einen Hektar Uniformstoff gewickelt hatte, bevor ein Regiment Wehrdienstpflichtiger mittels Landkarte die Abzeichen an ihm verteilt haben musste, übertraf den Kampfklops aus der RTL2-Abendunterhaltung um Längen. Oder sagen wir besser, um Breiten.

Einige Jahre später  Ironie meines Lebens  arbeitete ich für die Bundeswehr. Genauer gesagt, ich erstellte und wartete Programme. Ich nenne es Programme, weil der Begriff »Software« eine maßlose Übertreibung dessen wäre, was dort mit der heißen Nadel gestrickt wurde, um das SAP-System zu umgehen, das trotz jahrelanger und unfassbar teurer Einführung und Anpassung ungefähr so gut funktionierte, wie der fertige Berliner Flughafen anno 2012. Das war 2007. Soweit ich weiß, buhlen beide Großprojekte noch immer um eine Einführung innerhalb dieses Jahrzehnts. Nun ja. Einmal baute ich eine automatisch vergebene Verwaltungsnummer in den Ausdruck eines Programms ein, damit die Kollegen die Nummern nicht mehr mit Hilfe des Stempels aufs Papier pressen mussten, für den die Abteilung mangels Budget privat zusammengelegt hatte. Ich fand das dezent beängstigend.

Tja, und nun kommt heraus, dass nicht nur Fitness und Verwaltung unserer Landesverteidiger völlig im Arsch sind, sondern dass man es nicht mal richtig krachen lassen kann, weil die Ausrüstung unserer werten Ministerin mit der Betonfrisur unterm Allerwertesten wegrostet. Das kommt davon, dass immer nur alles in der Garage herumsteht und wir nie bei irgendwelchen Kriegen mitmischen. Meine Mutter würde sagen: »Tja, also das hat sich wohl kaputt gestanden.« Kaputt gestanden, so wie sich auch unsere Soldaten in jedem Konflikt dieser Welt die Beine in den Bauch stehen? Aber was sollen sie auch machen, wenn ja nichts funktioniert? Bevor noch irgendwem auffällt, dass unsere Helikopter den Auftrieb eines toten Ozelots haben und die durchgerostete Bewaffnung der Schützenpanzer so zuverlässig ist wie die Berliner S-Bahn im Winter, macht man an der Front lieber das, was seit jeher auch einen guten deutschen Handwerker ausmacht: herumstehen und diskutieren, ab und zu mal verschwinden um zu quarzen und eine anständige Molle zu leeren und natürlich pünktlich zum Feierabend den Stift, respektive das G3, fallen lassen.

Aber so ist das, nech? Wenn man nur damit beschäftigt ist, das ganze gute Zeug an irgendwelche Ölscheichs zu verhökern, dann ist die eigene Ausrüstung von anno dunnemals eben irgendwann so löchrig wie der hiesige Netzausbau. Oder wie ein Schweizer Käse. Apropos: Wenn uns jetzt schon die Schweizer nicht überfallen wollen, dann doch vielleicht, hm, die Polen? Rein historisch gesehen wären sie ja auch mal an der Reihe.

Sonntag, September 14, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Sonntag, September 14, 2014 | 2 Kommentare

Gegen Allergien kann man doch was machen!

Ahhh, es duftet nach ... Müll?! Ich bring den mal eben raus ...
    Noch mal also: Ahhh, es duftet nach Herbst. Nicht, dass es in der Wohnung nach verrottendem Laub müffeln würde, also echt nicht, aber Herbst ist einfach, wenn überhaupt mal was nicht nach nichts riecht. Will sagen, meine Nase ist frei. Als langjähriger Pollenallergie-Erstligist ist bei mir nämlich ab Februar Schicht im Riechschacht. Mit Nebenhöhlen wie gefüllte Stangenbrote schleppe ich mich dann kraft-, lust- und luftlos bis in den September, bzw. wenn sich alle über eine Sommerverlängerung freuen, dann geht es auch mal bis in den fucking Oktober hinein. Aber dann! Hach ja, es fehlt einfach ein Buchstabe im Alphabet, um den erhabenen Vorgang genüsslichen und vollmundigen Einatmens durch einen langgezogenen Laut akkurat zu verdeutlichen.
    Meist währt die Freude über das neu gewonnene Geruchserlebnis allerdings nur kurz, weil man sich ja so schnell dran gewöhnt. Der Mensch ist bekanntlich ein Gewohnheitstier. Hat er sich erst mal an was gewöhnt, dann ist es schon gar nicht mehr schön, sondern ganz normal. Gewöhnlich eben, und was gewöhnlich ist, ist fast schon blöd. Deswegen gucken auch alle ständig so genervt, weil immer alles gleich ist. Überall Frieden im Land, am Monatsende kommt Geld aufs Konto, und immer ist man satt. So gewöhnlich, so was von blöde, also echt. Was meinen formschönen Gesichtserker angeht, ist das mit dem gewöhnlichen Leben dann eben bis Februar der Fall, ab dann schleppe ich wieder kiloweise Rotz in den Nebenhöhlen mit mir herum. Und hab ich die geschwollenen, blutunterlaufenen Augen erwähnt, die im Dunkeln rot leuchten? Ach ja, das harte Los des Allergikers.
    Echauffiere ich mich mal wieder über dieses wirklich, wirklich harte Los (Nicht, dass ich jammern würde, nee, ganz sicher nicht, ICH doch nicht!) bei meinen Eltern, sagen die gerne: »Ja, dann mach doch noch mal so eine Hyper... Hyper... äh ... na so eine Sensibilisierung halt.«
    Hypersensibilisierung meinen sie natürlich. Ich schrieb das Wort seinerzeit in der Grundschule mal beim Galgenraten an die Tafel. Kam keiner drauf, fand ich schön. Als Halbwüchsiger hab ich so eine Hypersensibilisierung mal mitgemacht. Hypersensibilisierung, das bedeutet kurz zusammengefasst, sich Woche für Woche den Hintern im Wartezimmer eines Arztes plattzusitzen, sich dann eine oder mehrere Spritzen, die das entsprechende Allergen enthalten, reindonnern zu lassen, wieder zu warten, um anschließend noch eine eventuelle allergische Reaktion an der Einstichstelle vermessen zu können, und dann die nächsten Tage keinen Sport treiben zu dürfen. Und dieser Spaß zieht sich entspannte drei bis fünf Jahre hin. Bei meiner Ärztin liefen seinerzeit im Wartezimmer immer dieselben Kinderfilme. Noch heute könnte ich ganze Benjamin-Blümchen-Folgen aus dem Gedächtnis nachsprechen. Nach Ende der Nadelfolter war ich jedenfalls angenehm beschwerdefrei. Bestimmt, puh, ein ganzes Jahr lang oder so. Anschließend kehrten die Allergien nämlich mit Fanfaren und Konfetti zurück. Junge, war ich begeistert! Ich schätze mal, die Behandlungsmethoden im Mittelalter waren ähnlich fortschrittlich und wirksam – sogar eher besser: Das fachgerechte Entfernen des Kopfes half garantiert auf Anhieb gegen jegliche Allergie. Allerdings gab es die damals wahrscheinlich noch gar nicht, diese elenden Überreaktionen gegen die Früchte aus Mutter Naturs Schoß. Man sagt ja, wer quasi im Schweinestall aufwächst, ist deutlich resistenter gegen Allergien aller Art. Da damals noch jeder auf die Straße kackte und pinkelte, war die ganze Welt ein Schweinestall. Die Leute mussten sich deswegen höchstens mit der Pest rumschlagen, aber die war wenigstens nicht chronisch.
    »Du weißt doch gar nicht, ob die Methoden heute nicht viel besser sind«, argumentieren meine Eltern, sobald ich mit meiner Schimpftirade auf diese Pseudobehandlung mal wieder fertig bin. Und ja, sie haben natürlich recht. Vielleicht ist heute alles viel besser, man schiebt sich ein Zäpfchen in den Hintern, und alles ist gut. Weiß ich nicht. Oder man futtert einfach ein paar Tabletten, statt sich das Spritzenmartyrium anzutun. Ausprobieren möchte ich das eher nicht. Einmal Wartezimmer, immer Wartezimmer. Noch eine Staffel »Benjamin Blümchen« könnte ich einfach nicht ertragen.
    Apropos Tabletten: Antiallergika gibt es natürlich auch. Donnert also mal wieder die geballte Pollenbrutalität auf den Allergiker von Welt herab, gibt es immer die Möglichkeit, sich ein paar Tablettchen reinzupfeifen (Na gut, die Option hat man ja quasi sowieso immer.) und so zumindest die Symptome der Allergie zu lindern. Statt mit einer Nase wie einst Harald Juhnke am Abend des Zahltages kommt man so recht unbeschwert durch den Tag. Weil man nämlich ungefähr eine halbe Stunde nach der Einnahme einpennt. Wahrscheinlich tun Bayer und Co. in die Cetirizin-Packung für Allergiker und in ihr Schlafmittel einfach dasselbe Zeug rein. Kommt kein Mensch drauf, weil ja direkt nach der Einnahme gepennt wird.
    Ach ja, und wer auf ganzheitliche Medizin abfährt, der bekommt selbstverständlich auch Globuli gegen jegliche Allergiebeschwerden. Die Dinger machen immerhin nicht müde. Dafür helfen sie allerdings auch nicht. Da Homöopathie allerdings in der Esoterikstraße wohnt, wo auch die Philosophie eine Doppelhaushälfte besitzt, sollte man nach dem Konsum von Globuli vielleicht einfach die Existenz von Allergien generell in Frage stellen. Einbildung ist schließlich auch irgendwo eine Bildung.
    Falls also jemand mal wieder altklug meinen sollte: »Also gegen Allergien, da kann man doch wohl was machen. Also jetzt reiß dich mal zusammen, das ist doch kein unheilbares Leiden!«, dann gilt es, richtigerweise zu entgegnen: »Doch, ist es.«
    Was aber hilft wirklich? Na ganz einfach: Beton! Schon als allergiegeplagtes Kind fachsimpelte ich mit leuchtenden Augen darüber, irgendwann als reicher Ölmagnat die ganzen scheiß Felder im Havelland zu kaufen und sie in einen riesigen Parkplatz zu verwandeln. Während im Sommer Ottonormalluftverbraucher bei schönstem Sonnenschein mit der Luftmatratze unterm Arm freudestrahlend den nächsten Badesee ansteuert, um zwischen Algen und Fischexkrementen Fünfe gerade sein zu lassen, bunkert der Allergiker vom Fach sich gern ein. Fenster zu – nein, auch nicht ankippen! Bloß nicht! –, auf keinen Fall an die Luft gehen – nicht mal die Zeitung reinholen, nein, nein, ganz böse Idee – ja, am besten man begibt sich in ein düsteres Kellerzimmer, damit auch sichergestellt ist, dass sich nicht doch ein paar Killerpollen durch poröse Fensterdichtungen mogeln. Beneidenswert sind diejenigen, die noch einen Luftschutzbunker aus dem Kalten Krieg übrig haben. Sowieso eigentlich, schließlich weiß man ja nicht, was dem Putin noch so alles einfällt.
    Aber alles egal, jetzt ist jedenfalls Herbst. Keine Pollen mehr, kein Gesicht wie ein handelsüblicher Klitschko-Gegner nach Runde drei. Herbst, das sind, puh, mindestens zwei Monate Lebensqualität, bevor das Gemüt wegen der nasskalten und dunkelen Winterzeit auf Tauchgang geht. Ja, herrlich! Und so muss sich ein gesunder Mensch ja quasi das ganze Jahr über fühlen. Wahnsinn! Und wenn ...
    ... uff, aber staubsaugen könnte man hier dann ja doch mal. Meine Hausstaubmilbenallergie macht sich nämlich gerade bemerkbar. Das Auge juckt, und meine Nase fühlt sich ein bisschen an, als wäre eine Nacktschnecke hineingekrochen. Und die vielen Katzenhaare hier in der Bude tun ja wohl auch nicht Not, da dreht meine Tierhaarallergie nämlich am Rad. Vorsichtshalber werfe ich mal doch eine Cetirizin ein, sonst ist der ganze Tag im Ar... chrrrrr ... pfffff ... chrrrrr ... pfffff ...

Montag, September 01, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Montag, September 01, 2014 | 6 Kommentare

Gehirne müssen draußen bleiben

Neulich war ich mal wieder in München, jenem sauberen, ordentlichen und - sagen wir’s, wie es ist - sterilen Gegenentwurf zu Berlin, wo die Coolness der Hauptstadt nur einmal im Jahr erreicht wird, nämlich im Herbst, wenn der Begriff »Maßhalten« für ungefähr zwei Wochen eine völlig neue Bedeutung erhält, die für Zugereiste gerne mal mit ausgepumptem Magen in der Notaufnahme endet.
    Die Mitarbeiterin eines Kunden beklagte sich während unserer Mittagspause, dass es in München einfach keine Möglichkeit mehr gäbe, abends anständig wegzugehen.
    »Das kenne ich«, sagte ich. Einmal war ich in der Münchener City in einem völlig überteuerten Hotel einquartiert, das dem Gast als Gegenwert vor allem einen Hauch von nichts bot – dafür aber besonders elegant – und versuchte dort gegen Abend, auszugehen, um ... eine Dönerbude zu finden. Ich war einigermaßen lange unterwegs, flanierte an haushohen Plakaten vorbei, von denen mich Horst Seehofers Konterfei wie das Auge Saurons beobachtete, doch das Einzige, was dem Anspruch »Fleisch von Brot umgeben« einigermaßen nahekam, war die »Leberkassemmel«. Die bekommt man in München nämlich an jeder Ecke. Wo man in Berlin darauf achten muss, nicht in Hundescheiße zu treten, da sollte man in München den Gehweg im Auge behalten, um seinen Fuß nicht versehentlich in eine Leberkassemmel zu bohren. Widerwärtig, das Zeug! Ein anderer Kollege grub seine Zähne gerade in ein solches Machwerk und meinte schmatzend zu mir: »Dich kriegen wir auch noch dazu!« Kleine Leberkassemmelpartikel verließen dabei seinen vollen Mund wie surrende TIE Fighter den Todesstern.
    »Nee«, sagte ich, »von Leberkäse (oder Fleischkäse, wie dieser unheilige, dekadent dick geratene Brotbelag bei uns genannt wird) hab ich mal eine ganze Nacht lang kotzen müssen. Seitdem nie wieder!«
    Der Kollege glotzte seine Semmel an, als habe er ein überfahrenes Stinktier von der Straße gepopelt und sei gerade dabei, dessen Gaumeneignung zu erproben, zuckte dann mit den Schultern und aß genüsslich weiter, als hätte ich nichts gesagt. Wohl bekomms!
    »Ich meine doch, zum Tanzen weggehen«, ergänzte die eingangs erwähnte Kollegin und guckte mich mit schiefem Grinsen an, als wollte ich sie verscheißern.
    Weggehen! Zum Tanzen! Wer wollte denn da wen verscheißern? Was das angeht, könnte ich mich ja in Rage reden. Hab ich dann natürlich auch getan. Die folgenden drei Minuten waren ein verbaler Blitzkrieg, der über Wuthausen hinwegfegte und nichts als verbrannte Gegenargumenterde zurückließ.
    Wenn ich Lust habe, abends wegzugehen, dann verlasse ich die Wohnung und stolpere in die erstbeste Kneipe mit guter, handgemachter Rockmusik. Da wird man gefragt, was man trinken möchte – Bier! – und keine fünf Minuten später kann man sich gemütlich zurücklehnen, den Alkoholpegel die Hopfenleiter raufjagen und nebenher über alternative Wirtschaftsordnungen philosophieren. Klar wäre das Bier, das ich so auch im Edeka um die Ecke kriege, daheim günstiger, die Musik aus der erlesenen Playlist noch besser und das über Jahre hinweg liebevoll durchgesessene Sofa noch bequemer, aber man ist schließlich kein Misanthrop. Die einzige philosophisch veranlagte Person im Haus wäre ansonsten die Katze, und die ist nur dann zu hitzigen Diskussionen aufgelegt, wenn der Inhalt des Futternapfes sich dem Ende zuneigt.
    Aber tanzen gehen? Warum sollte man so etwas Unsinniges tun? Tanzen, das ist Bewegung ohne Gegenwert. Wenn man so weit überhaupt kommt. Es fängt ja schon an der Tür zum Zappelschuppen an: Kann ich eine Kneipe zumindest in Berlin notfalls auch im versifften Morgenmantel und mit Plüschpantoffeln an den ungewaschenen Füßen betreten, während auf der Gesichtshaut noch die Abdrücke vom Kopfkissen zu sehen sind, und werde trotzdem nicht hinauskomplimentiert, schaffe ich es als derart optischer Schrotthaufen nicht mal über die Türschwelle eines Clubs. Schlimmer noch, es geht mitunter ja sogar so absurd zu wie folgt:
    Trägste keine schwarzen Lacktreter an den parfümierten Haxen, kommste nicht rein, weil ... ja, das kann einem auch keiner wirklich sagen. Gern hätte ich das eine oder andere Mal eine zorngetränkte Diskussion mit dem Türsteher geführt, ihn mit Molotovcocktailargumenten beworfen und Freiheit fürs Schuhwerk proklamiert. Da aber der Umfang jedes Ringfingers eines handelsüblichen Türstehers für gewöhnlich in etwa das Doppelte meines kumulierten Oberarmumfangs misst, habe ich bisher aus gesundheitlichen Gründen davon abgesehen.
    Kommste mit Freunden, alle männlich, kommste nicht rein, weil im Inneren des Ladens schon zehn Männer auf eine Frau kommen, Tanzschuppen sowieso nichts anderes sind als stickige Balzareale für Alphatiere, denen die Sexualhormone bereits zu den Ohren rausquellen. Microsoft Word schlägt als Synonym zur Diskothek nicht umsonst den Bumsschuppen vor.
    Siehste scheiße aus, kommste nicht rein. Wäre ja auch noch schöner, wenn der talentbefreite Fotograf, der für die mit Comic Sans gestaltete Homepage des Ladens diese Duckface-Fotos völlig verschwitzter Hüpfdohlen knipst, die aussehen, als hätten sie Überstunden im Puff um die Ecke geschoben, plötzlich nur noch hässliche Leute vor die Linse kriegt. Wer den ganzen Tag Nutella frisst, kriegt schließlich auch automatisch einen Arsch wie’n Brauereipferd, trotzdem schmückt der Hersteller sein Produkt in der Werbung ausschließlich mit durchtrainierten Fußballstars.
    Kommt da einer wie ich um die Ecke, die Füße in leicht angeschmuddelte Sneakers gestopft, vom Ausdruck »weibliche Begleitung« so viel Ahnung wie von Quantenmechanik und mit dem Aussehen eines Einzellers ausgestattet, der während der ersten zwanzig Jahre seines Lebens das Nerdtum perfektioniert hat und es hinterher nie wieder los geworden ist, ja dann kann er von Glück reden, wenn er nicht von einer Horde gackernder Türsteher mit einem nassen Handtuch den Arsch versohlt kriegt und in die Nacht hinausgejagt wird.
    Ist ja auch ein »Club«, nech? Schon der Begriff suggeriert, dass man hier nicht jede dahergelaufene Hackfresse reinlässt. Da wird einem immer vorgegaukelt, es sei ja egal, wie man sei und aussehe, man sei genauso viel wert wie alle anderen, und dann beginnt beim Tanzen die Apartheid schon an der Eingangstür. Und selbst, wenn man die Gesichtskontrolle gerade noch so passiert hat, aber auch nur, weil eine der fünfzehn Schwestern des, nach dem Gesichtsausdruck zu urteilen, unter Dauerverstopfung leidenden Türstehers heute geheiratet hat, dann wird man auch noch zur Kasse gebeten.
    »Ja, aber da kriegst du doch auch was für geboten«, warf die Kollegin ein, als ich mit meiner sachlichen Erörterung an eben dieser Stelle angelangt war. Was!? Bitte?! Kriege?! Ich?! Denn?! GEBOTEN?! In meinem linken Auge platzte ein Äderchen, rote Punkte des Zorns spielten in meinem Sichtfeld »Dirty Dancing« nach, mein Puls kletterte in einen Formel-eins-Boliden und gab ordentlich Gas.
    Ich stellte diese Frage lauter, als ich es eigentlich vorgehabt hatte. Kollege Leberkassemmel hielt überrascht beim Abbeißen inne, während ich die Aussage der Kollegin filigran wie ein Panzerabwehrgeschütz demontierte.
    Ja, was also kriegt man für sein Geld geboten, hat man erst einmal die heiligen Hallen eines Clubs betreten? Da wäre zuerst einmal das laute Gebollere aus den Boxen, das nur mit viel Wohlwollen und nach reichlichem Alkoholkonsum im Entferntesten als Musik ausgelegt werden kann. Da wäre weiter die schiere Dunkelheit, die vom nervigen Stroboskoplicht – optisches Waterboarding für Epileptiker – nur noch unerträglicher wird. Wo die Augen nicht viel zu tun haben, werden die restlichen Sinne geschärft, sodass die akustische Diarrhö aus den Lautsprechern nur noch weniger zu ertragen ist, während man das Gefühl nicht los wird, nicht einfach nur durch stickige Luft zu waten, sondern durch ein finsteres Becken aus gasförmigem Schweiß. Der Fußboden im Tanzbereich klebt derweil, als hätte jemand liebevoll Erdbeermarmelade darauf verstrichen, während selbiger auf dem Klo Befürchtungen weckt, aggressivere Verwandte des Fußpilzes könnten sich vom versifften Bodenbelag durch die eigenen Schuhsohlen fressen, wenn man sich mit dem Pinkeln, Koksen oder Poppen der Tussi, die ihre Unterwäsche schon vor dem Laden ins Gebüsch geschmissen hat, nicht beeilt. Und bei alldem bloß nichts anfassen! Die Hände wäscht sich hier nämlich keine Sau.
    Bleibt also der Alkohol, weil die Geschichte schließlich eines bewiesen hat, nämlich dass man sich alles und jeden schönsaufen kann, nicht wahr?
    Nope! Denn spätestens, wenn man an der Bar laut brüllend gegen die Bässe anschreit, die bis in die Unterhose hineinwummern, um ein Bier zu ordern und dann zurückgebrüllt wird, dass man für die gleiche Plörre, die es im Späti um die Ecke für ein bisschen Hartgeld gibt, ungefähr so viel zu latzen habe wie für ein Dreigängemenü im Ritz Carlton, dann verreckt spätestens an dieser Stelle das letzte bisschen Spaß im Stalingrad der Clubkultur. Nachdenken darf man über all das nicht, Gehirne müssen sowieso draußen bleiben.
    Als ich mit meinen Ausführungen zum Schluss gelangt war, schauten mich meine Zuhörer entgeistert an, einer noch am Rest der Leberkassemmel kauend.
    »Ist doch wahr!«, sagte ich und trank einen Schluck Kaffee. »Und wenn man dann denkt, schlimmer geht’s mehr, spielt der DJ Helene Fischer.« Neben mir begann der Kollege zu husten und versuchte, den letzten Bissen Leberkäse wieder aus dem Hals herauszukriegen. Endlich verstand mich einer.

Mittwoch, August 13, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, August 13, 2014 | 2 Kommentare

Eiszeit

Eiszeit - Bildquelle: http://pixabay.com/

Im Raum steh'n ungesagte Worte.
Herzen schlagen nicht im Takt.
Gedanken suchen ferne Orte,
Emotionen schwimmen nackt.

Seit Neuem sind die Kissen kühler,
Brust und Kopf allein sind heiß.
Wir sind des Schweigens beste Schüler,
Eiszeit ist sein schwarzer Preis.

Jetzt weilen wir wie alte Geister
Miteinander, seh'n uns nicht.
Wo manches brach, versagt der Kleister,
Jede matte Scherbe sticht.

Und denken wir nicht eh das gleiche?
Rede doch! - spricht dein Gesicht.
Ich wünscht', es brächen falsche Deiche.
Reden will, nur kann ich nicht.

Drum schau ich fort mit schweren Lidern.
An den Bäumen grünt noch Laub.
Sein Ende spür ich in den Gliedern,
Bald schon fällt es in den Staub.