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Dienstag, Dezember 09, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Dienstag, Dezember 09, 2014 | 3 Kommentare

Und am Ende brannten die Bücher

Und am Ende brannten die Bücher
Meine Güte, es gab nicht viele wirklich miese Schulfächer zu meiner Zeit, aber eines, das mir absolut gegen den Strich ging, war Russisch. Der Teufel weiß, was mich geritten hatte, dieses Kauderwelsch als zweite Fremdsprache zu wählen, klingt Russisch doch immer ein bisschen, als würde man eine einzige große Schimpftirade vom Stapel lassen. Ist doch so. Vielleicht ist ja der Putin in Wirklichkeit ein ganz und gar missverstandener, feinfühliger Mann, der seiner Omi regelmäßig Blumen bringt und der lediglich immer wieder über die Härte seiner eigenen Muttersprache stolpert und … nee, totaler Blödsinn! Jedenfalls wollte ich damals wahrscheinlich einfach nicht Französisch lernen, sieht doch ein französisch sprechender Mensch stets aus, als versuche er, einen Schmallippenfrosch vom anderen Ufer zu imitieren. Ja ja, ich hatte es nicht mit Vielem damals, aber wenn man bei mir die geistigen Schubladen öffnete, wurde man von einer Lawine aus Allerweltsvorurteilen überrollt. Und da sich manche Dinge ja nie ändern, machen wir weiter im Programm.

Die Krux am Russischlernen fängt beim Sprechen an. Wie, nicht das Alphabet?, mag der vielleicht kalligraphisch interessierte Leser jetzt denken, und ja, dazu komme ich noch, aber tatsächlich beginnt das Kuddelmuddel schon bei den ersten gesprochenen Worten. Ein russisches L beispielsweise erfordert, dass man versucht, den hinteren Teil seiner Zunge zu verschlucken, nur um die Verrenkung dann in einen akkuraten Laut umzulenken, der den Mund verlässt, ohne den Redner blau anlaufen zu lassen. Dann wäre da noch das X, das eigentlich kein X ist, sondern eher ein H. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit, weil es so was Sanftes wie ein H – weiß der Wodka, warum – im Russischen nicht gibt. Man gibt sich gerne hart, da ist kein Platz für Gehauchtes. Stattdessen spricht man das Ding also eher als »Chhh« aus, im Prinzip, als würde man jede Menge Spucke von, äh, ganz tief unten im Mund sammeln wollen, um sie seinem Vordermann in die Kapuze zu schleudern (alles erlebt, Freunde der Sonne, alles erlebt). Fügt man Wörter mit diesem Laut in seine erlernten Baukastensätze ein, klingt das in etwa, als würde ein Schweizer rückwärts reden. Tja, und die Königsdisziplin ist natürlich das pflichtgemäß mit der Zunge (nicht mit dem Gaumen) zu rollende R, was außerhalb Russlands niemand so meisterlich beherrscht wie Till Lindemann, die Latzhosen tragende Dampfwalze der Teutonenkombo Rammstein. Stundenlang lag ich abends im Bett und übte speichelsprühend diesen blöden Laut, der mir partout nicht gelingen wollte. Und dann, eines Morgens, flatterte er wie von Zauberhand so leichtfüßig von meiner Zunge wie ein unter Hochdruck freigesetzter frecher Wind, der sich seinen Weg durch die bebenden Gesäßbacken bahnt. Ein wahrlich erhabenes Gefühl! Also das mit der Zunge natürlich, nicht das andere!

Nun aber zum Alphabet, diesem erst mal absurd anmutenden Buchstabenwirrwarr, das einst ein Grieche namens Kyrill den Mannen und Frauen von der Wolga gebracht haben soll: Zumindest das kyrillische Alphabet ist gar nicht so schwer zu erlernen, wie man meinen könnte. Viele Buchstaben gibt es im Deutschen ja auch. Gut, manche tarnen sich als andere Buchstaben. So ist etwa ein deutsches R im Russischen ein P, während es das R zwar auch, aber nur gespiegelt gibt, was zudem als »ja« ausgesprochen wird. Ein C ist ein S, ein W ein B, und damit die Verwirrung für Zugereiste erst so richtig perfekt ist, hat der Russe nicht nur 26 Buchstaben in seinem Alphabet, sondern tischt gleich 33 derer auf. Aber wie gesagt, alles nicht so richtig schwer zu erlernen, wenn man nur will. Oder muss. Wie wir damals.

Unsere Russischlehrerin, die auch zugleich unsere Klassenlehrerin war, gab sich große Mühe, uns die Sprache mittels einfacher Situationsgespräche näher zu bringen. War leider wenig effizient. Im Gedächtnis geblieben ist mir davon eigentlich nur ein Verkaufsgespräch, sodass ich neben meinem Namen und meinem Alter heute in Russland lediglich einen einzigen Satz sagen könnte: »Ich möchte ein Tuch kaufen.« Wie weit man damit kommt, konnte ich mangels Reisefreude ins Domizil des Väterchen Frost nie herausfinden, aber ich denke, bis kurz vor Wolgograd würde ich damit schon irgendwie kommen.

Ansonsten habe ich mit Grausen das Übersetzen längerer, meist historischer Texte in Erinnerung behalten. Glücklicherweise waren zumindest wir Jungs damals bereits technisch derart versiert, dass wir ohne Probleme die entsprechenden Seiten des Russischbuches einscannen konnten, um hinterher eine Texterkennung drüberlaufen zu lassen und das Ganze dann in einen Online-Übersetzer zu schmeißen. Der halbdeutsche Wortsalat wurde vom Klassenbesten, dem Depp vom Dienst, also von mir, dann noch in eine ansprechende Form gebracht und das Ergebnis am nächsten Tag vor dem Unterricht an alle verteilt. Eine kleine logistische Meisterleistung für damalige Verhältnisse. Ein paar Jährchen später, am letzten Schultag, meine ich, steckten wir unserer Klassenlehrerin, was wir getan hatten, aber da sie uns russischen Wodka mitgebracht hatte, erinnere ich mich nicht mehr, wie sie darauf reagierte. Ist vielleicht auch besser so.

Trotz unserer technischen Superkräfte hassten wir diese blöden Russischbücher wie die Pest. Es waren lauter rot- und pausbäckige, schlecht gezeichnete Charaktere darin, die natürlich immer Olga, Tanja, Nadja, Pavel und Vladimir hießen, und die wohl davon ablenken sollten, dass die Lehrbücher von Kapitel zu Kapitel zu einem Sammelsurium von Geschichtstexten mutierten, in denen etwa eindringlich vor Wahnsinnigen wie Josef Stalin gewarnt wurde. Sonderlich interessant fanden wir das alles nicht, und so erinnere ich mich, dass ein Klassenkamerad aus Langeweile das gezeichnete Gesicht einer Lehrbuchprotagonistin feinsäuberlich mittels Radiergummi von der Seite tilgte, nur um hinterher den entstandenen weißen Fleck mit einer Totenkopffratze zu verzieren. Wir alle begutachteten das Ergebnis in der Pause und fanden es wahnsinnig lustig. Unsere Klassenlehrerin nicht so. »Das wirst du so wiederherstellen, wie es war!«, polterte sie. »Aber wie soll ich das denn machen?«, bekam sie vom verzweifelten Schüler zur Antwort, während wir anderen nur umso lauter brüllten. »Das ist mir scheißegal!«, setzte sie hinterher. Das war es, damit war die Sache für ihn gelaufen und für uns auch, denn wir hatten vor Lachen Bauchkrämpfe. Wer den Schaden nicht hat, hat eben einen guten Tag. Tja, und wenn es um den Zustand der Lehrbücher ging, legte man sich eben nicht mit unserer Klassenlehrerin an.

Womit ich auch beim traurigen Ende meiner kleinen Russischexkursion wäre. Nach fünf Jahren voller Tuchkäufe, Texte einscannen und scheußlicher Klausuren hatten wir alle derart die Schnauze voll, dass wir Russisch kollektiv abwählten. Unser Russischunterricht der frühen Nullerjahre war quasi das Äquivalent zur FDP von heute: aus und vorbei! Und weil wir den Befreiungsschlag so richtig zelebrieren wollten, trafen wir uns am Abend alle am Wasser, entfachten ein hübsches Lagerfeuer und ... verbrannten unsere Russischbücher. Unsere Lehrerin bemerkte einige Tage später, am letzten Tag des Schuljahres oder so: »Übrigens, ich bekomm noch ein paar Russischbücher zurück.« Betretenes Schweigen. Sie, deren schönstes Hobby es war, uns nicht nur den Irrsinn eines Stalin näherzubringen, sondern auch alles rund um die Nazischwachmaten, sie, deren Oberheiligstes ihre Schulbücher waren, hätte vermutlich wenig entspannt reagiert, wenn wir von unserer Bücherverbrennung erzählt hätten. Wir hatten uns an dem Abend nicht mal was Schlimmes dabei gedacht. Ratsch ratsch … wieder wanderten ein paar Seiten ins Feuer, stets unter johlendem Beifall. Streber und notorische Schwänzer Hand in Hand. Wären hinter uns Fackelträger in braunen Hemden aufmarschiert, musikalisch begleitet vom Königgrätzer Marsch, wir hätten uns wohl selbst dann nichts dabei gedacht, kackenblöd wie wir waren. Parallelen kannten wir halt nur aus der Mathematik.

Und da sieht man es wieder: Selbst etwas Harmloses wie Russischunterricht kann bei akuter Nachdenkverweigerung in einer kleinen Katastrophe enden. Frau M., falls Sie dies hier zufällig lesen: Es tut mir aufrichtig leid. Sollte ich je nach Russland reisen, bringe ich Ihnen ein Tuch mit.

Dienstag, November 25, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Dienstag, November 25, 2014 | 3 Kommentare

Das Brillendilemma

Das Brilletragen kann einem gehörig auf die Nerven gehen. Hin und wieder stehe ich morgens an der Bushaltestelle, starre mit verkniffenen Augen auf die dort angebrachte Uhr und wenn die Zeiger sich partout nicht scharf stellen wollen, merke ich, dass ich meine Brille auf dem Nachttisch liegen lassen habe. Kann einem das Ding nicht einfach überallhin folgen, wie es die Katze tut? Wenn es darum geht, die Ersatzaugen zu suchen und sie schließlich an den unmöglichsten Stellen zu finden, klappt es ja auch schon ganz gut, was das Imitieren unseres Stubentigers angeht. Nicht, dass ich sie je dorthin gelegt hätte, nee nee, die wandert schon von ganz allein durch die Gegend und versteckt sich. Einfach, um mich zu ärgern. Ähnlich wie die Butter im Kühlschrank mit ihrem Tarnschild, den nur Frauenaugen durchblicken können.

Dann ist da diese Sache mit den Krümeln. Ich nehme also die Brille aus dem Etui, wische mit dem Mikrofasertuch über die Gläser und setze sie auf. Es dauert keine zwei Minuten, dann macht sich der erste seltsam unscharfe Fleck in meinem Sichtfeld bemerkbar. Ich nehme die Brille ab und betrachte die Gläser, die aussehen, als hätte jemand einen Miniaturstaubsaugerbeutel auf ihnen entleert. Dabei habe ich sie gerade eben erst geputzt. Was soll das? Wo kommt das Zeug her? Ist mein Kopf eine dieser Schneekugeln, die man Leuten schenkt, an die man zufällig am Abreisetag im Souvenirgeschäft noch gedacht hat? Und nicht, dass ich diese Nanokekskrümel einfach von den Brillengläsern wischen könnte, oh nein, die verschmieren natürlich ganz gerne auch noch, sodass inzwischen ein nicht ganz unbeträchtlicher Teil meines Tagesablaufs daraus besteht, zwei kleine, geschwungene Gläser zu polieren. Auftragen, polieren. Auftragen, polieren ... Mister Miyagi fände das vielleicht toll, aber für mich ist diese Putzerei fast noch unbefriedigender als das Abspülen von Geschirrbergen: Gerade ist man fertig mit dem Abwasch, wobei man trotz angeblich pH-neutralem Spülmittel die Haut an den Händen nachhaltig geschädigt hat, dann dreht man sich einmal kurz weg, schon stehen mindestens vier schmutzige Teller sowie drei Töpfe mit angebranntem Boden da, lachen fies und drohen damit, unangenehm zu müffeln, wenn man sich nicht umgehend an die Reinigung macht. Das! Ist! Ätzend!

Ich weiß, ich jammere auf hohem Niveau. Früher wogen Brillen fünf Kilogramm, weil die Gläser Vollmantelgeschosse abwehren konnten und die Rahmen aus Kruppstahl waren. Heute sind die Gläser nicht mal mehr aus Glas, angeblich schmutzabweisend, aus dem Gestell ohne messbares Eigengewicht lassen sich bei Bedarf lustige Luftballontiere knoten, ohne dass was kaputt geht, und würde ich die Anleitung lesen (was ich als Mann natürlich niemals tue), erführe ich bestimmt, dass so eine Brille auch ganz passabel Schach spielt. Trotzdem: Es nervt! Und klar, natürlich könnte ich mir Kontaktlinsen in die Augen drücken, wäre da nicht meine Panik davor, mit den Fingern auf der Hornhaut herumzufuhrwerken. Ich habe zwei Horrorvorstellungen: Die erste ist, von einer Kobra gebissen zu werden (Ich träume das. Ständig!), die zweite ist eine Kontaktlinse, die wegen meiner linken Hände hinters Auge rutscht, immer weiter, bis sie genüsslich den Sehnerv vom Augapfel schält. Brrr, natürlich ist das Blödsinn ... also vermutlich. Gruselgeschichten wie die Giftspinnen, die sich nachts unter der Haut alter Leute einnisten, um dort ihre Brut zu verstauen, was natürlich immer tödlich für den unfreiwilligen Vermieter endet. Alles ausgedacht, schon klar. Aber Tote erzählen keine Geschichten. Wer weiß also, wie viel grusliges Zeug abseits urbaner Horrormärchen tatsächlich passiert? Zu mörderischen Kontaktlinsen ist mir keine urbane Legende bekannt, was im Umkehrschluss die Wahrscheinlichkeit, dass so was hier und da mal passiert, signifikant erhöht. Ähhh ...

Immerhin bleibt noch der modische Faktor, nicht wahr? Brillen sind ja heutzutage weniger Sehhilfe als viel mehr Accessoire. Der modebewusste Proband trägt gerne mal eine Brille, obwohl er gar keine benötigt. Albern finde ich das nicht. Albern wird es erst, wenn die Fashion Victims von Welt anfangen, auch Hörgeräte, Rollstühle und künstliche Darmausgänge eher so als Accessoire zu betrachten. Theoretisch gibt es nämlich nichts, das sich nicht mit Swarovski-Steinchen veredeln ließe. Aber gut, manchen Menschen steht eine Brille auch wirklich ausgesprochen gut. Macht was her, unterstreicht den Typ. Diese Menschen gibt es, die dann gleich nach mehr aussehen. Und dann gibt es Menschen wie mich: Ich sehe mit Brille im Prinzip aus wie ich mit Brille.

Insgesamt eigentlich genug Gründe, auf das Tagsichtgerät zu verzichten und ein Leben als Maulwurf zu fristen. (Auftragen, polieren ...) Wäre da nicht eine Sache, ein so positiver Aspekt, dass er all die negativen Punkte doppelt und dreifach wieder aufwiegt. Denn endlich ... endlich sehe ich genauso klug aus wie ich bin!

Montag, November 10, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Montag, November 10, 2014 | 2 Kommentare

Das Mädchen und der Wolf


Ein Mädchen liegt lauschend im heimischen Bette,
Vom Vollmond gewogen durchs Fenster geküsst.
Das Mädchen ist müde und wünschte, es hätte
Den Mut, heut' zu schlafen, wenn bloß es doch wüsst':

Dass nicht mehr der Wolf kommt, mit eisigen Klauen,
Wie oft er schon da war, sie weiß es nicht mehr.
Er packt sie am Hals, dann beginnt erst das Grauen,
Derweil sie ersehnt, dass sie anderswo wär.

Und manchmal, da macht sich die Mutter ja Sorgen,
Hat oft schon das Lachen der Tochter vermisst.
Das Mädchen jedoch hält den Schrecken verborgen,
Es weiß, dass der Wolf es sonst endgültig frisst.

Die Kindheit ist lautlos vom Kinde gegangen,
Das Spielzeug vergessen, Relikt ferner Zeit.
Der Wolf zwar verschwunden, doch niemals gefangen,
Was bleibt, ist die ewige Schlaflosigkeit.

***

Knapp fünfzehn Jahr' später: Ein Mann will nicht schlafen,
Den Schnaps gegen Träume in zittriger Hand.
Er weiß, was er tat, muss ihn ewiglich strafen,
Ein Fleck schwarzer Sünde auf seinem Verstand.

Das Klingeln am Morgen: Die Frau auf den Stufen –
Er sieht noch das Mädchen in ihrem Gesicht.
Die Augen sind's, die ihn zur Wachsamkeit rufen,
Dann löst sich ein Schuss und sein Leben zerbricht.

Der Wolf endlich tot, dieser Fluch scheint gebunden,
So lang er auch währte, verstummt ist die Pein.
Die Frau hat die Schlaflosigkeit überwunden,
Dass endlich sie ruht, spricht am Grabe ihr Stein.

Montag, Oktober 06, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Montag, Oktober 06, 2014 | 2 Kommentare

Hat sich wohl kaputt gestanden

Hat sich wohl kaputt gestanden.
Die Bundeswehr, so behaupten böse Zungen, sei nur dazu da, den Feind so lange aufzuhalten, bis die Armee anrücke. Liest man die derzeit kursierenden, besorgniserregenden Berichte über den Zustand der Ausrüstung dieser Gurkentruppe – und hey, sie sind immerhin genauso grün wie Gurken , dann scheint mir das Eingangssprüchlein doch  wie hätte Mark Twain gesagt , reichlich übertrieben. Welchen Feind will man denn mit derart ramponiertem Inventar aufhalten? Ich sage es mal so: Würde der Schweizer Kanton Appenzell Innerrhoden sich dazu entschließen, mal eben in Deutschland einzufallen, die Chancen stünden nicht schlecht. Glücklicherweise sehen die Schweizer vermutlich keinen Sinn darin, sich ein so desolates und verarmtes Land wie Deutschland einzuverleiben. Noch mal Glück gehabt!

Aber ist es denn auch ein Wunder? Wie die Bundeswehr jemals auch nur einen Ententeich verteidigen soll, habe ich mich schon immer gefragt. Schon Jahre bevor die Tatsache öffentlich wurde, dass unsere Armee ausrüstungstechnisch dem hochgezüchteten Waffenpark Nordkoreas hoffnungslos unterlegen ist, war es doch so, dass jeder Wehrdienstpflichtige, den ich so kannte, nach Abschluss seiner neun Monate vor allem mit einem wiederkam: einer ziemlichen Wampe. Wenn die körperliche Ertüchtigung im Verein der grün gemusterten Freunde des gepflegten Herumballerns tatsächlich darin bestehen sollte, einfach so fett zu werden, bis man quasi kugelsicher ist, dann erledigen die Ausbilder ihren Job wahrlich ausgezeichnet. Andernfalls ...

Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Musterung. Damals, als man Gerhard Schröder gemeinhin noch für einen Deutschen hielt, versuchte ich, mich mit aller Macht um den Wehrdienst zu drücken. Ich wollte einfach nicht fett und kurzatmig werden, außerdem wollte ich schleunigst mit dem Studium anfangen. Ich ließ mich also ausmustern, indem ich bei den Kniebeugen ein wenig ächzte, und musste hinterher noch zum Appell beim, ach was weiß ich, wie der Kerl sich nannte? Wahrscheinlich irgendwas wie BwFhKfeOegKf. Auf die völlig sinnentleerten wie berüchtigten Bundeswehr-Abkürzungen kann auch nur eine Katze kommen, die laut schnurrend einmal quer über die Tastatur trampelt. Jedenfalls saß besagter Bundeswehrangehöriger  nennen wir ihn einfach mal Generalmajor Speck  vor mir, keuchte wie Darth Vader am Ende von Episode 6 und erzählte mir was vom Storch. Was genau, daran erinnere ich mich nicht mehr, weil Generalmajor Specks Ausmaße mich schlicht erschlugen. Ihn einen Wandschrank zu nennen, wäre falsch. Ein umgekippter Wandschrank trifft es eher, wenn man die Körperform dieses Herrn bildlich umschreiben möchte. Bis zu diesem Zeitpunkt war der dickste Mensch, den ich je gesehen hatte, Yokozuna gewesen, ein Wrestler aus dem Fernsehen. Generalmajor Speck, den man in einen Hektar Uniformstoff gewickelt hatte, bevor ein Regiment Wehrdienstpflichtiger mittels Landkarte die Abzeichen an ihm verteilt haben musste, übertraf den Kampfklops aus der RTL2-Abendunterhaltung um Längen. Oder sagen wir besser, um Breiten.

Einige Jahre später  Ironie meines Lebens  arbeitete ich für die Bundeswehr. Genauer gesagt, ich erstellte und wartete Programme. Ich nenne es Programme, weil der Begriff »Software« eine maßlose Übertreibung dessen wäre, was dort mit der heißen Nadel gestrickt wurde, um das SAP-System zu umgehen, das trotz jahrelanger und unfassbar teurer Einführung und Anpassung ungefähr so gut funktionierte, wie der fertige Berliner Flughafen anno 2012. Das war 2007. Soweit ich weiß, buhlen beide Großprojekte noch immer um eine Einführung innerhalb dieses Jahrzehnts. Nun ja. Einmal baute ich eine automatisch vergebene Verwaltungsnummer in den Ausdruck eines Programms ein, damit die Kollegen die Nummern nicht mehr mit Hilfe des Stempels aufs Papier pressen mussten, für den die Abteilung mangels Budget privat zusammengelegt hatte. Ich fand das dezent beängstigend.

Tja, und nun kommt heraus, dass nicht nur Fitness und Verwaltung unserer Landesverteidiger völlig im Arsch sind, sondern dass man es nicht mal richtig krachen lassen kann, weil die Ausrüstung unserer werten Ministerin mit der Betonfrisur unterm Allerwertesten wegrostet. Das kommt davon, dass immer nur alles in der Garage herumsteht und wir nie bei irgendwelchen Kriegen mitmischen. Meine Mutter würde sagen: »Tja, also das hat sich wohl kaputt gestanden.« Kaputt gestanden, so wie sich auch unsere Soldaten in jedem Konflikt dieser Welt die Beine in den Bauch stehen? Aber was sollen sie auch machen, wenn ja nichts funktioniert? Bevor noch irgendwem auffällt, dass unsere Helikopter den Auftrieb eines toten Ozelots haben und die durchgerostete Bewaffnung der Schützenpanzer so zuverlässig ist wie die Berliner S-Bahn im Winter, macht man an der Front lieber das, was seit jeher auch einen guten deutschen Handwerker ausmacht: herumstehen und diskutieren, ab und zu mal verschwinden um zu quarzen und eine anständige Molle zu leeren und natürlich pünktlich zum Feierabend den Stift, respektive das G3, fallen lassen.

Aber so ist das, nech? Wenn man nur damit beschäftigt ist, das ganze gute Zeug an irgendwelche Ölscheichs zu verhökern, dann ist die eigene Ausrüstung von anno dunnemals eben irgendwann so löchrig wie der hiesige Netzausbau. Oder wie ein Schweizer Käse. Apropos: Wenn uns jetzt schon die Schweizer nicht überfallen wollen, dann doch vielleicht, hm, die Polen? Rein historisch gesehen wären sie ja auch mal an der Reihe.

Sonntag, September 14, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Sonntag, September 14, 2014 | 2 Kommentare

Gegen Allergien kann man doch was machen!

Ahhh, es duftet nach ... Müll?! Ich bring den mal eben raus ...
    Noch mal also: Ahhh, es duftet nach Herbst. Nicht, dass es in der Wohnung nach verrottendem Laub müffeln würde, also echt nicht, aber Herbst ist einfach, wenn überhaupt mal was nicht nach nichts riecht. Will sagen, meine Nase ist frei. Als langjähriger Pollenallergie-Erstligist ist bei mir nämlich ab Februar Schicht im Riechschacht. Mit Nebenhöhlen wie gefüllte Stangenbrote schleppe ich mich dann kraft-, lust- und luftlos bis in den September, bzw. wenn sich alle über eine Sommerverlängerung freuen, dann geht es auch mal bis in den fucking Oktober hinein. Aber dann! Hach ja, es fehlt einfach ein Buchstabe im Alphabet, um den erhabenen Vorgang genüsslichen und vollmundigen Einatmens durch einen langgezogenen Laut akkurat zu verdeutlichen.
    Meist währt die Freude über das neu gewonnene Geruchserlebnis allerdings nur kurz, weil man sich ja so schnell dran gewöhnt. Der Mensch ist bekanntlich ein Gewohnheitstier. Hat er sich erst mal an was gewöhnt, dann ist es schon gar nicht mehr schön, sondern ganz normal. Gewöhnlich eben, und was gewöhnlich ist, ist fast schon blöd. Deswegen gucken auch alle ständig so genervt, weil immer alles gleich ist. Überall Frieden im Land, am Monatsende kommt Geld aufs Konto, und immer ist man satt. So gewöhnlich, so was von blöde, also echt. Was meinen formschönen Gesichtserker angeht, ist das mit dem gewöhnlichen Leben dann eben bis Februar der Fall, ab dann schleppe ich wieder kiloweise Rotz in den Nebenhöhlen mit mir herum. Und hab ich die geschwollenen, blutunterlaufenen Augen erwähnt, die im Dunkeln rot leuchten? Ach ja, das harte Los des Allergikers.
    Echauffiere ich mich mal wieder über dieses wirklich, wirklich harte Los (Nicht, dass ich jammern würde, nee, ganz sicher nicht, ICH doch nicht!) bei meinen Eltern, sagen die gerne: »Ja, dann mach doch noch mal so eine Hyper... Hyper... äh ... na so eine Sensibilisierung halt.«
    Hypersensibilisierung meinen sie natürlich. Ich schrieb das Wort seinerzeit in der Grundschule mal beim Galgenraten an die Tafel. Kam keiner drauf, fand ich schön. Als Halbwüchsiger hab ich so eine Hypersensibilisierung mal mitgemacht. Hypersensibilisierung, das bedeutet kurz zusammengefasst, sich Woche für Woche den Hintern im Wartezimmer eines Arztes plattzusitzen, sich dann eine oder mehrere Spritzen, die das entsprechende Allergen enthalten, reindonnern zu lassen, wieder zu warten, um anschließend noch eine eventuelle allergische Reaktion an der Einstichstelle vermessen zu können, und dann die nächsten Tage keinen Sport treiben zu dürfen. Und dieser Spaß zieht sich entspannte drei bis fünf Jahre hin. Bei meiner Ärztin liefen seinerzeit im Wartezimmer immer dieselben Kinderfilme. Noch heute könnte ich ganze Benjamin-Blümchen-Folgen aus dem Gedächtnis nachsprechen. Nach Ende der Nadelfolter war ich jedenfalls angenehm beschwerdefrei. Bestimmt, puh, ein ganzes Jahr lang oder so. Anschließend kehrten die Allergien nämlich mit Fanfaren und Konfetti zurück. Junge, war ich begeistert! Ich schätze mal, die Behandlungsmethoden im Mittelalter waren ähnlich fortschrittlich und wirksam – sogar eher besser: Das fachgerechte Entfernen des Kopfes half garantiert auf Anhieb gegen jegliche Allergie. Allerdings gab es die damals wahrscheinlich noch gar nicht, diese elenden Überreaktionen gegen die Früchte aus Mutter Naturs Schoß. Man sagt ja, wer quasi im Schweinestall aufwächst, ist deutlich resistenter gegen Allergien aller Art. Da damals noch jeder auf die Straße kackte und pinkelte, war die ganze Welt ein Schweinestall. Die Leute mussten sich deswegen höchstens mit der Pest rumschlagen, aber die war wenigstens nicht chronisch.
    »Du weißt doch gar nicht, ob die Methoden heute nicht viel besser sind«, argumentieren meine Eltern, sobald ich mit meiner Schimpftirade auf diese Pseudobehandlung mal wieder fertig bin. Und ja, sie haben natürlich recht. Vielleicht ist heute alles viel besser, man schiebt sich ein Zäpfchen in den Hintern, und alles ist gut. Weiß ich nicht. Oder man futtert einfach ein paar Tabletten, statt sich das Spritzenmartyrium anzutun. Ausprobieren möchte ich das eher nicht. Einmal Wartezimmer, immer Wartezimmer. Noch eine Staffel »Benjamin Blümchen« könnte ich einfach nicht ertragen.
    Apropos Tabletten: Antiallergika gibt es natürlich auch. Donnert also mal wieder die geballte Pollenbrutalität auf den Allergiker von Welt herab, gibt es immer die Möglichkeit, sich ein paar Tablettchen reinzupfeifen (Na gut, die Option hat man ja quasi sowieso immer.) und so zumindest die Symptome der Allergie zu lindern. Statt mit einer Nase wie einst Harald Juhnke am Abend des Zahltages kommt man so recht unbeschwert durch den Tag. Weil man nämlich ungefähr eine halbe Stunde nach der Einnahme einpennt. Wahrscheinlich tun Bayer und Co. in die Cetirizin-Packung für Allergiker und in ihr Schlafmittel einfach dasselbe Zeug rein. Kommt kein Mensch drauf, weil ja direkt nach der Einnahme gepennt wird.
    Ach ja, und wer auf ganzheitliche Medizin abfährt, der bekommt selbstverständlich auch Globuli gegen jegliche Allergiebeschwerden. Die Dinger machen immerhin nicht müde. Dafür helfen sie allerdings auch nicht. Da Homöopathie allerdings in der Esoterikstraße wohnt, wo auch die Philosophie eine Doppelhaushälfte besitzt, sollte man nach dem Konsum von Globuli vielleicht einfach die Existenz von Allergien generell in Frage stellen. Einbildung ist schließlich auch irgendwo eine Bildung.
    Falls also jemand mal wieder altklug meinen sollte: »Also gegen Allergien, da kann man doch wohl was machen. Also jetzt reiß dich mal zusammen, das ist doch kein unheilbares Leiden!«, dann gilt es, richtigerweise zu entgegnen: »Doch, ist es.«
    Was aber hilft wirklich? Na ganz einfach: Beton! Schon als allergiegeplagtes Kind fachsimpelte ich mit leuchtenden Augen darüber, irgendwann als reicher Ölmagnat die ganzen scheiß Felder im Havelland zu kaufen und sie in einen riesigen Parkplatz zu verwandeln. Während im Sommer Ottonormalluftverbraucher bei schönstem Sonnenschein mit der Luftmatratze unterm Arm freudestrahlend den nächsten Badesee ansteuert, um zwischen Algen und Fischexkrementen Fünfe gerade sein zu lassen, bunkert der Allergiker vom Fach sich gern ein. Fenster zu – nein, auch nicht ankippen! Bloß nicht! –, auf keinen Fall an die Luft gehen – nicht mal die Zeitung reinholen, nein, nein, ganz böse Idee – ja, am besten man begibt sich in ein düsteres Kellerzimmer, damit auch sichergestellt ist, dass sich nicht doch ein paar Killerpollen durch poröse Fensterdichtungen mogeln. Beneidenswert sind diejenigen, die noch einen Luftschutzbunker aus dem Kalten Krieg übrig haben. Sowieso eigentlich, schließlich weiß man ja nicht, was dem Putin noch so alles einfällt.
    Aber alles egal, jetzt ist jedenfalls Herbst. Keine Pollen mehr, kein Gesicht wie ein handelsüblicher Klitschko-Gegner nach Runde drei. Herbst, das sind, puh, mindestens zwei Monate Lebensqualität, bevor das Gemüt wegen der nasskalten und dunkelen Winterzeit auf Tauchgang geht. Ja, herrlich! Und so muss sich ein gesunder Mensch ja quasi das ganze Jahr über fühlen. Wahnsinn! Und wenn ...
    ... uff, aber staubsaugen könnte man hier dann ja doch mal. Meine Hausstaubmilbenallergie macht sich nämlich gerade bemerkbar. Das Auge juckt, und meine Nase fühlt sich ein bisschen an, als wäre eine Nacktschnecke hineingekrochen. Und die vielen Katzenhaare hier in der Bude tun ja wohl auch nicht Not, da dreht meine Tierhaarallergie nämlich am Rad. Vorsichtshalber werfe ich mal doch eine Cetirizin ein, sonst ist der ganze Tag im Ar... chrrrrr ... pfffff ... chrrrrr ... pfffff ...

Montag, September 01, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Montag, September 01, 2014 | 6 Kommentare

Gehirne müssen draußen bleiben

Neulich war ich mal wieder in München, jenem sauberen, ordentlichen und - sagen wir’s, wie es ist - sterilen Gegenentwurf zu Berlin, wo die Coolness der Hauptstadt nur einmal im Jahr erreicht wird, nämlich im Herbst, wenn der Begriff »Maßhalten« für ungefähr zwei Wochen eine völlig neue Bedeutung erhält, die für Zugereiste gerne mal mit ausgepumptem Magen in der Notaufnahme endet.
    Die Mitarbeiterin eines Kunden beklagte sich während unserer Mittagspause, dass es in München einfach keine Möglichkeit mehr gäbe, abends anständig wegzugehen.
    »Das kenne ich«, sagte ich. Einmal war ich in der Münchener City in einem völlig überteuerten Hotel einquartiert, das dem Gast als Gegenwert vor allem einen Hauch von nichts bot – dafür aber besonders elegant – und versuchte dort gegen Abend, auszugehen, um ... eine Dönerbude zu finden. Ich war einigermaßen lange unterwegs, flanierte an haushohen Plakaten vorbei, von denen mich Horst Seehofers Konterfei wie das Auge Saurons beobachtete, doch das Einzige, was dem Anspruch »Fleisch von Brot umgeben« einigermaßen nahekam, war die »Leberkassemmel«. Die bekommt man in München nämlich an jeder Ecke. Wo man in Berlin darauf achten muss, nicht in Hundescheiße zu treten, da sollte man in München den Gehweg im Auge behalten, um seinen Fuß nicht versehentlich in eine Leberkassemmel zu bohren. Widerwärtig, das Zeug! Ein anderer Kollege grub seine Zähne gerade in ein solches Machwerk und meinte schmatzend zu mir: »Dich kriegen wir auch noch dazu!« Kleine Leberkassemmelpartikel verließen dabei seinen vollen Mund wie surrende TIE Fighter den Todesstern.
    »Nee«, sagte ich, »von Leberkäse (oder Fleischkäse, wie dieser unheilige, dekadent dick geratene Brotbelag bei uns genannt wird) hab ich mal eine ganze Nacht lang kotzen müssen. Seitdem nie wieder!«
    Der Kollege glotzte seine Semmel an, als habe er ein überfahrenes Stinktier von der Straße gepopelt und sei gerade dabei, dessen Gaumeneignung zu erproben, zuckte dann mit den Schultern und aß genüsslich weiter, als hätte ich nichts gesagt. Wohl bekomms!
    »Ich meine doch, zum Tanzen weggehen«, ergänzte die eingangs erwähnte Kollegin und guckte mich mit schiefem Grinsen an, als wollte ich sie verscheißern.
    Weggehen! Zum Tanzen! Wer wollte denn da wen verscheißern? Was das angeht, könnte ich mich ja in Rage reden. Hab ich dann natürlich auch getan. Die folgenden drei Minuten waren ein verbaler Blitzkrieg, der über Wuthausen hinwegfegte und nichts als verbrannte Gegenargumenterde zurückließ.
    Wenn ich Lust habe, abends wegzugehen, dann verlasse ich die Wohnung und stolpere in die erstbeste Kneipe mit guter, handgemachter Rockmusik. Da wird man gefragt, was man trinken möchte – Bier! – und keine fünf Minuten später kann man sich gemütlich zurücklehnen, den Alkoholpegel die Hopfenleiter raufjagen und nebenher über alternative Wirtschaftsordnungen philosophieren. Klar wäre das Bier, das ich so auch im Edeka um die Ecke kriege, daheim günstiger, die Musik aus der erlesenen Playlist noch besser und das über Jahre hinweg liebevoll durchgesessene Sofa noch bequemer, aber man ist schließlich kein Misanthrop. Die einzige philosophisch veranlagte Person im Haus wäre ansonsten die Katze, und die ist nur dann zu hitzigen Diskussionen aufgelegt, wenn der Inhalt des Futternapfes sich dem Ende zuneigt.
    Aber tanzen gehen? Warum sollte man so etwas Unsinniges tun? Tanzen, das ist Bewegung ohne Gegenwert. Wenn man so weit überhaupt kommt. Es fängt ja schon an der Tür zum Zappelschuppen an: Kann ich eine Kneipe zumindest in Berlin notfalls auch im versifften Morgenmantel und mit Plüschpantoffeln an den ungewaschenen Füßen betreten, während auf der Gesichtshaut noch die Abdrücke vom Kopfkissen zu sehen sind, und werde trotzdem nicht hinauskomplimentiert, schaffe ich es als derart optischer Schrotthaufen nicht mal über die Türschwelle eines Clubs. Schlimmer noch, es geht mitunter ja sogar so absurd zu wie folgt:
    Trägste keine schwarzen Lacktreter an den parfümierten Haxen, kommste nicht rein, weil ... ja, das kann einem auch keiner wirklich sagen. Gern hätte ich das eine oder andere Mal eine zorngetränkte Diskussion mit dem Türsteher geführt, ihn mit Molotovcocktailargumenten beworfen und Freiheit fürs Schuhwerk proklamiert. Da aber der Umfang jedes Ringfingers eines handelsüblichen Türstehers für gewöhnlich in etwa das Doppelte meines kumulierten Oberarmumfangs misst, habe ich bisher aus gesundheitlichen Gründen davon abgesehen.
    Kommste mit Freunden, alle männlich, kommste nicht rein, weil im Inneren des Ladens schon zehn Männer auf eine Frau kommen, Tanzschuppen sowieso nichts anderes sind als stickige Balzareale für Alphatiere, denen die Sexualhormone bereits zu den Ohren rausquellen. Microsoft Word schlägt als Synonym zur Diskothek nicht umsonst den Bumsschuppen vor.
    Siehste scheiße aus, kommste nicht rein. Wäre ja auch noch schöner, wenn der talentbefreite Fotograf, der für die mit Comic Sans gestaltete Homepage des Ladens diese Duckface-Fotos völlig verschwitzter Hüpfdohlen knipst, die aussehen, als hätten sie Überstunden im Puff um die Ecke geschoben, plötzlich nur noch hässliche Leute vor die Linse kriegt. Wer den ganzen Tag Nutella frisst, kriegt schließlich auch automatisch einen Arsch wie’n Brauereipferd, trotzdem schmückt der Hersteller sein Produkt in der Werbung ausschließlich mit durchtrainierten Fußballstars.
    Kommt da einer wie ich um die Ecke, die Füße in leicht angeschmuddelte Sneakers gestopft, vom Ausdruck »weibliche Begleitung« so viel Ahnung wie von Quantenmechanik und mit dem Aussehen eines Einzellers ausgestattet, der während der ersten zwanzig Jahre seines Lebens das Nerdtum perfektioniert hat und es hinterher nie wieder los geworden ist, ja dann kann er von Glück reden, wenn er nicht von einer Horde gackernder Türsteher mit einem nassen Handtuch den Arsch versohlt kriegt und in die Nacht hinausgejagt wird.
    Ist ja auch ein »Club«, nech? Schon der Begriff suggeriert, dass man hier nicht jede dahergelaufene Hackfresse reinlässt. Da wird einem immer vorgegaukelt, es sei ja egal, wie man sei und aussehe, man sei genauso viel wert wie alle anderen, und dann beginnt beim Tanzen die Apartheid schon an der Eingangstür. Und selbst, wenn man die Gesichtskontrolle gerade noch so passiert hat, aber auch nur, weil eine der fünfzehn Schwestern des, nach dem Gesichtsausdruck zu urteilen, unter Dauerverstopfung leidenden Türstehers heute geheiratet hat, dann wird man auch noch zur Kasse gebeten.
    »Ja, aber da kriegst du doch auch was für geboten«, warf die Kollegin ein, als ich mit meiner sachlichen Erörterung an eben dieser Stelle angelangt war. Was!? Bitte?! Kriege?! Ich?! Denn?! GEBOTEN?! In meinem linken Auge platzte ein Äderchen, rote Punkte des Zorns spielten in meinem Sichtfeld »Dirty Dancing« nach, mein Puls kletterte in einen Formel-eins-Boliden und gab ordentlich Gas.
    Ich stellte diese Frage lauter, als ich es eigentlich vorgehabt hatte. Kollege Leberkassemmel hielt überrascht beim Abbeißen inne, während ich die Aussage der Kollegin filigran wie ein Panzerabwehrgeschütz demontierte.
    Ja, was also kriegt man für sein Geld geboten, hat man erst einmal die heiligen Hallen eines Clubs betreten? Da wäre zuerst einmal das laute Gebollere aus den Boxen, das nur mit viel Wohlwollen und nach reichlichem Alkoholkonsum im Entferntesten als Musik ausgelegt werden kann. Da wäre weiter die schiere Dunkelheit, die vom nervigen Stroboskoplicht – optisches Waterboarding für Epileptiker – nur noch unerträglicher wird. Wo die Augen nicht viel zu tun haben, werden die restlichen Sinne geschärft, sodass die akustische Diarrhö aus den Lautsprechern nur noch weniger zu ertragen ist, während man das Gefühl nicht los wird, nicht einfach nur durch stickige Luft zu waten, sondern durch ein finsteres Becken aus gasförmigem Schweiß. Der Fußboden im Tanzbereich klebt derweil, als hätte jemand liebevoll Erdbeermarmelade darauf verstrichen, während selbiger auf dem Klo Befürchtungen weckt, aggressivere Verwandte des Fußpilzes könnten sich vom versifften Bodenbelag durch die eigenen Schuhsohlen fressen, wenn man sich mit dem Pinkeln, Koksen oder Poppen der Tussi, die ihre Unterwäsche schon vor dem Laden ins Gebüsch geschmissen hat, nicht beeilt. Und bei alldem bloß nichts anfassen! Die Hände wäscht sich hier nämlich keine Sau.
    Bleibt also der Alkohol, weil die Geschichte schließlich eines bewiesen hat, nämlich dass man sich alles und jeden schönsaufen kann, nicht wahr?
    Nope! Denn spätestens, wenn man an der Bar laut brüllend gegen die Bässe anschreit, die bis in die Unterhose hineinwummern, um ein Bier zu ordern und dann zurückgebrüllt wird, dass man für die gleiche Plörre, die es im Späti um die Ecke für ein bisschen Hartgeld gibt, ungefähr so viel zu latzen habe wie für ein Dreigängemenü im Ritz Carlton, dann verreckt spätestens an dieser Stelle das letzte bisschen Spaß im Stalingrad der Clubkultur. Nachdenken darf man über all das nicht, Gehirne müssen sowieso draußen bleiben.
    Als ich mit meinen Ausführungen zum Schluss gelangt war, schauten mich meine Zuhörer entgeistert an, einer noch am Rest der Leberkassemmel kauend.
    »Ist doch wahr!«, sagte ich und trank einen Schluck Kaffee. »Und wenn man dann denkt, schlimmer geht’s mehr, spielt der DJ Helene Fischer.« Neben mir begann der Kollege zu husten und versuchte, den letzten Bissen Leberkäse wieder aus dem Hals herauszukriegen. Endlich verstand mich einer.

Mittwoch, August 13, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, August 13, 2014 | 2 Kommentare

Eiszeit

Eiszeit - Bildquelle: http://pixabay.com/

Im Raum steh'n ungesagte Worte.
Herzen schlagen nicht im Takt.
Gedanken suchen ferne Orte,
Emotionen schwimmen nackt.

Seit Neuem sind die Kissen kühler,
Brust und Kopf allein sind heiß.
Wir sind des Schweigens beste Schüler,
Eiszeit ist sein schwarzer Preis.

Jetzt weilen wir wie alte Geister
Miteinander, seh'n uns nicht.
Wo manches brach, versagt der Kleister,
Jede matte Scherbe sticht.

Und denken wir nicht eh das gleiche?
Rede doch! - spricht dein Gesicht.
Ich wünscht', es brächen falsche Deiche.
Reden will, nur kann ich nicht.

Drum schau ich fort mit schweren Lidern.
An den Bäumen grünt noch Laub.
Sein Ende spür ich in den Gliedern,
Bald schon fällt es in den Staub.

Mittwoch, August 06, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, August 06, 2014 | 2 Kommentare

Na, wann ist es bei euch so weit?

In meinem Bekanntenkreis wird jetzt geheiratet. Mein lieber Herr Gesangsverein, wird da geheiratet. Als gäb’s dabei was zu gewinnen, wenn man nur möglichst am besten noch gestern vorm Altar aufkreuzt. Und dann wird sich fortgepflanzt. Heidewitzka, wird sich da fortgepflanzt. Da war man mal zwei, drei Wochen nicht da, schon rennen einem beim Grillabend wieder ein paar Krümel mehr um die Beine. Weiß man gar nicht mehr, wo man hintreten soll. Und dann wird natürlich gebaut. Mein lieber Scholli, wird da heute gebaut. Bei den Zinsen baut man am besten gleich drei, vier Häuser. Man weiß ja nie, was die nächsten Jahre mal kommt. So’n Haus, das kommt schließlich nicht weg, kann man schon mal machen. Heirat, Kinder, Haus – nicht zwingend in der Reihenfolge, das ist heutzutage nicht mehr so wichtig, wo man nicht mehr so konservativ ist, FKK aber doch irgendwie peinlicher findet als die Leute aus der Vorgeneration. Hauptsache, man hat jedenfalls am Ende alles zusammen und kann ’nen Haken druntersetzen.
    Ich bin da irgendwie noch nicht so weit. Meine Freundin und ich, also wenn wir irgendwohin kommen, dann wird schon zunehmend nachgefragt. Das mit dem Haus und der Hochzeit – geschenkt. Aber diese Kinderfrage, puh! »Na, wann ist es bei euch so weit?« Das ist so ziemlich die Standardfrage, und was soll man darauf antworten, bitte? »Warte, ich guck mal eben in die Flasche«, fiele mir dazu spontan ein.
    Das mit den Kindern ist echt so ’ne heikle Angelegenheit. Wir haben ja jetzt ’ne Katze zu Hause, und schon deswegen kann man das eigentlich gar nicht bringen, auch noch ein Kind, äh, dazuzuholen. Ich meine, wie würde die sich denn dann fühlen, die Katze? Die hat ohnehin schon kaum zu erfüllende Aufmerksamkeitsansprüche. Wenn da jetzt zusätzlich ein kleines Quengelbündel durch die Gegend robbte, mit dem sie sich auch noch den Napf teilen müsste, also nee, das geht echt nicht. Die arme Katze, das kann man der gegenüber gar nicht verargumentieren.
    Dann wäre da noch die Sache mit dem Generationenkonflikt. Uh, Generationenkonflikt, was war das damals im Deutschunterricht ein großes Ding. Wenn es galt, einen Text zu interpretieren, dann war die Grundaussage des Textes entweder Kommunikationsproblem oder Generationenkonflikt. Riet man eines von beidem, konnte man so viel eigentlich nicht verkehrt machen. Das war eine Fifty-fifty-Chance, so durch den Unterricht zu kommen, ohne wirklich zu kapieren, was der jeweilige Autor tatsächlich von einem wollte. Na jedenfalls hätten wir mit einem Kind diesen bösen Generationenkonflikt direkt in den eigenen vier Wänden. Wie Fußpilz – hat man den erst mal an den Hacken, respektive an den Zehen ... nee, nicht schön so was.
    Solange man kinderlos ist, kann man sich irgendwie doch noch sehr jugendlich fühlen. Da ist es eigentlich wurscht, wie verschroben man auf andere wirkt, man selbst kriegt es eh nicht mit. Kommt jetzt aber ein Kind dazu und damit der Generationenkonflikt ins Haus, dann merkt man doch, wie altbacken man eigentlich ist. Wäre ich heute Kind, ich würde zu meinen Eltern kommen und so Sachen sagen, wie: »Ey Mutti, kannste mir mal schnell deine Kreditkarte geben? Ich will bei Candy Crush ein paar Micro Transactions tätigen. Komme nicht weiter und will ja nicht, dass mich morgen in der Schule alle auslachen.« Meine Mutter würde erst nur komisch gucken, dann die Stirn runzeln, dann wieder komisch gucken und schließlich mit der Autorität eines Erziehungsberechtigten schmettern: »Micro-WAS???« Na bitte, und da hätten wir schon den Generationenkonfliktsalat. Die Eltern verstehen das Kind nicht, und das Kind resigniert ob so dämlicher Eltern, die echt nix mehr raffen, die Alten, am besten gleich ins Altenheim, diese alten Säcke!
    Ich war da damals nicht anders. Da gab es natürlich noch keine Micro Transactions, keine Smartphones und so weiter. Smart waren höchstens Smarties, aber für die gab ich kein Geld aus, sondern eher für diese kleinen blauen Kaugummis, die in ebenso blaues Papier und – das war wichtig – Wrestler-Sticker eingewickelt waren. Wrestling, astreine Abendunterhaltung auf RTL2, und die muskelbepackten Kämpfer waren unsere Heroen. Einer kostete zehn Pfennig – ein Kaugummi natürlich, nicht etwa ein Wrestler – und so ging ich dann gut gekämmt zu meiner Mutter und flehte: »Mutti, krieg ich ’ne Mark?« Und Mutti guckte schon wieder so komisch und meinte: »Wofür das denn schon wieder? Du hast doch erst Taschengeld gekriegt.« Und ich dann so: »Ja, aber das ist schon alle. Ich will mir nur ein paar Kaugummis kaufen.« Dann bekam meine Mutter so ganz, ganz große Augen und schimpfte: »Du willst nur wieder diese scheiß Aufkleber. Guck mal in den Schrank, da liegen noch fünfzig von deinen ekligen Kaugummis. Iss die erst mal auf, dann kriegste neue.« Pah, als wäre es mir um die Kaugummis gegangen, die tatsächlich eklig schmeckten und immer aussahen wie gepresste Schlümpfe. Da jedenfalls war er wieder, der Generationenkonflikt. Keine Ahnung, die Alten! Aber will man selbst so einer sein, der keine Ahnung hat? Unmodern und altbacken wie ’ne Schweizer Kuckucksuhr? Also ich definitiv nicht.
    Dann wäre auch noch diese Sache mit der Erziehung, die bewerkstelligt werden will. Das Kind so weit zu kriegen, dass es später nicht in Blumentöpfe kackt und pinkelt, also das traue ich mir noch zu, aber was, um Himmels willen, sollte ich meinem Nachwuchs denn bitte beibringen? Ich komm ja aus einer Generation, die, wenn man ehrlich ist, über früher sagen muss: »Früher, also da war alles noch ganz anders. Wir, wir hatten ja ... alles.« Und so war es auch. Wir hatten echt alles. Mussten nichts lernen. Mutti hat gekocht, Vati gehämmert. Und man selbst musste quasi nie irgendwas machen oder lernen. Heute bin ich nicht mal in der Lage, einen Kühlschrank artgerecht zu füllen. Gucke ich in unseren Kühlschrank, finde ich da ein Glas Senf. Würde man diese Fernsehköche zu uns einladen, die in fremden Haushalten aus Resten tolle Gerichte kochen, die würden glatt in Tränen ausbrechen. Die Sendung könnten sie einstampfen. Keine drei Minuten ginge diese Folge. Was soll man aus Senf denn auch kochen? Das könnte ich einem Kind gerade noch beibringen, wie man Senf im Kühlschrank frisch hält, indem man dafür sorgt, dass er den ganzen Kühlschrank für sich alleine hat. Aber sonst? Schweres Thema, dieses Beibringen und Erziehen. Muss man nicht nur wollen, sondern auch können, so was.
    Und schließlich wäre da auch noch diese Sache – darf man ja eigentlich gar nicht erwähnen, so was – mit den ... na mit den Genen halt. So, nun ist es raus. Ich stelle mir vor, wie sich alle meine fulminanten Eigenschaften auf mein potenzielles Kind übertrügen. So mit knapp 20 käme die Frucht meiner Lenden dann zu mir und würde sagen: »Papa?« Und ich würde sagen: »Was ist denn, äh, KIND?« Und das Kind würde sagen: »Warum hab ich denn all diese Scheiße von dir geerbt?« Und diese Scheiße wäre (zumindest bei einem Jungen) beginnender Haarausfall mit ca. 15, eine Körpergröße an der Grenze zur Kleinwüchsigkeit, dafür aber immerhin ein beschissener Stoffwechsel und ein Blutdruck wie’n Heizkessel mit verstopftem Ventil. Ich müsste also sagen: »Kind«, müsste ich sagen, »sag das nicht mir, sag das deinen Großeltern, die sind schuld. Guck mich an, ich hab’s mir auch nicht ausgesucht. Meine Zeugung war nämlich bei deinen Großeltern, als hätten die quasi Restekochen mit Genen veranstaltet: alles in einen Topf geschmissen und dabei gehofft, dass das Resultat beim Essen zumindest nicht die Organe zersetzt.« Okay, vielleicht würde ich es weniger drastisch formulieren, aber insgesamt schon in etwa so. Im Ernst, diese Gene, die muss man jetzt nicht unbedingt weitergeben. Das wäre schon fahrlässig irgendwie.
    Wenn also Freunde fragen: »Na, wann ist es bei euch so weit?«, dann winke ich lässig ab wie John Wayne und sage: »Ach lass mal. Wir kriegen das Geld auch alleine alle.« Und so meine ich es auch, denn es ist schließlich nicht so, als müsste ich irgendwelche völlig unsinnigen Ausreden vorschieben, um mich vor der Verantwortung zu drücken oder so. Echt, also wirklich nicht.

Montag, August 04, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Montag, August 04, 2014 | 8 Kommentare

Im Waka-Waka-Land wird gejodelt

Shakira hat jetzt einhundert Millionen Freunde, hab ich gerade gelesen. Das ist eine Eins mit ganzen acht Nullen. Würde man alle Deutschen verpflichten, Shakira zu folgen, käme man nicht auf diese Zahl. Okay, nähme man alle illegalen Einwanderer und Schwarzarbeiter hinzu, dann käme man wahrscheinlich so uuungefähr auf ... das Doppelte oder so. Aber in dem Moment, in dem ich das hier schreibe, hat diese Frau vielleicht auch schon dreihundert Millionen Freunde. Da wäre es dann schon schwerer, was Repräsentatives hierzulande zu finden.
    Ich dachte ja im ersten Moment, wow, das ist echt super, dass die Shakira so viele Freunde bei Facebook hat. Bzw. sind es eher Leute, die ihr folgen, ihre Fans quasi, weil kein Mensch bei Facebook so viele Freunde haben kann, weil man maximal 5.000 Freunde oder so haben darf, und wenn irgendwer am meisten Freunde hätte, dann wäre das sowieso Mark Zuckerberg, weil der gar nicht zulassen würde, dass irgendjemand mehr Freunde hat als er. Im zweiten Moment dachte ich dann, äh, wer ist eigentlich diese Shakira? So ganz vage hatte ich da noch so eine Frau mit nassem Haar vor Augen, die im Musikvideo irgendein Liedchen trällerte, an das sich heute aber niemand mehr erinnert, weil sie die ganze Zeit hypnotisch mit dem Hintern wackelte und eh keiner woanders hinguckte, geschweige denn -hörte. Dann fiel es mir ein: Das war doch die, die im Jahr 2010 die WM musikalisch gesehen versaute. Immer, wenn dieses »Waka Waka« irgendwo lief, hatte ich plötzlich komischen Schaum vor dem Mund und wollte irgendjemandem seine Vuvuzela rückwärts in den ... also so richtig tief rein jedenfalls, bis ... na egal.
    Mann, Mann, was man mit so vielen Fans alles anstellen könnte, dachte ich dann, als ich diese Shakira erst mal richtig verortet hatte, wie man im Businesssprech so schön sagt. Zum Beispiel alle RTL-Zuschauer dazu bringen, abzuschalten. Muss man sich mal überlegen: Shakira postet, alle Leute sollen doch bitte, bitte RTL abschalten, und – klack – geht die Quote auf null runter. Da wäre dann Schluss mit »Familien im Brennpunkt« und »Die Schulermittler«. Belanglose Leute wie Jenny Elvers hätten keine Bühne mehr, da ginge eine ganze Fresskette vor die Hunde. Die wären so schnell pleite, da könnte Peter Zwegat gar nicht genug mit den Ohren schlackern. Also, sofern das überhaupt machbar wäre von der Shakira, weil bei RTL-Guckern weiß man ja nie. Erst neulich las ich was über die Seescheide. Das ist nicht etwa ein plötzlich während des Schwimmens im See unverhofft auftauchendes weibliches Geschlechtsorgan als Badeservice für angehende Männer mit Hormonüberschuss, sondern, äh, so was wie ein Tier. Und die Seescheide jedenfalls, die reist so durchs Wasser, bis sie einen tollen Platz zum Verweilen gefunden hat. Da wird sie schließlich sesshaft und ... frisst ihr Gehirn auf. Braucht sie ja auch nicht mehr, wenn sie erst mal sesshaft ist. So ähnlich ist es vermutlich auch mit RTL-Dauerguckern. Wenn man erst mal so richtig perfekt auf der Couch sitzt ... Na, und wenn dann die Kartoffelchips auch noch alle sind, dann kann man schon mal alternativ sein Hirn verputzen. Mit ein bisschen Salz geht das gut runter, und gebraucht wird es beim RTL-Gucken auch nicht mehr. Ob diese Leute dann noch auf die Shakira hören würden, das weiß ich nicht, weil ohne Hirn ist das gegebenenfalls auch etwas blöd. Aber probieren könnte man es ja mal.
    Einen eigenen Staat könnte die Shakira so natürlich auch gründen. Einfach kurz mal posten: »Leute, lasst mal Staat gründen. Hab grad nix zu lesen da, Langeweile ätzt voll!!11!« Dann gingen die los, die hundert Millionen Leute, mit Fahnen, auf denen Shakira drauf ist, und dann würden die irgendwo in der Karibik eine unbewohnte Insel besetzen, die Riesenschildkröten verscheuchen und Shakiras großes, buntes »Waka-Waka-Land« ausrufen. Da könnte diese Frau den ganzen Tag ihre Lieder runterjodeln, jeder müsste ihre CDs kaufen, und es wäre immer einer da, der ihrem durch die Gegend tanzenden Waka-Wackelhintern frische Luft zufächelt. Und wehe, einer würde ihre Musik nicht mögen, da hieße es dann: Rübe ab! So wären es zwar nur noch neunundneunzig Millionen Follower, aber das macht den Kohl ja auch nicht fett.
    Okay, nun muss ich zugeben – der eine oder andere wird es schon bemerkt haben – ich kann, was Shakira angeht, allenfalls mit Halbwissen von anno dunnemals glänzen. Und wirklich glänzen tut da auch nichts, das ist eher so matt wie ... Bonn oder so. Ja, Bonn ist doch ziemlich matt. Okay, also hier ein paar hastig recherchierte Fakten, schließlich hab ich ja quasi auch ’nen Bildungsauftrag. Shakira heißt in Wahrheit Shakira Isabel Mebarak Ripoll. Das wäre freilich viel zu lang. Wenn alle Follower das aussprechen würden, käme die kumulierte Zeit vermutlich in etwa auf das Alter des gesamten Universums, drum nur Shakira. Klingt ja auch viel besser. Fügte man hinter das erste »a« übrigens noch ein »r«, würde sogar ein prima Filmtitel fürs Abendprogramm bei Tele 5 draus, aber lassen wir das. Besagte Sha(r)kira (Ha ha ha! Okay, ich hör schon auf.) ist inzwischen 37 Jahre alt, immer noch 1,57m klein und mit Freund und Kind ausgestattet. Nach westlichen Maßstäben sieht sie blendend aus, und es soll auch Leute geben, die ihren Gesang mögen, der immer ein bisschen klingt, als hätte ein Jodler vor dem Auftritt die Nase zu tief in den Rumtopf gehalten. Aber alles Geschmackssache, klar. Hundert Millionen Leuten scheint das ja zu gefallen. Millionen Fliegen können schließlich nicht irren. Fraglich, ob das auch so wäre, wenn Shakira ein vierzigjähriger Mann wäre, sagen wir ein Bernd, genetisch gestraft mit Bierbauch und Halbglatze, gesanglich völlig talentfrei, dafür aber Choleriker vor dem Herrn und notorischer Quartalssäufer. Wenn Bernd jetzt ’ne Facebook-Seite hätte, wage ich mal zu bezweifeln, dass der auch auf hundert Millionen Fans käme. Find ich ganz schön unfair eigentlich dem armen Bernd gegenüber.
    Aber zurück zu was Konstruktivem. Shakira jedenfalls, die könnte mal eben alle ihre Fans anweisen, Kriege grundsätzlich doof zu finden. Sie könnte vorschlagen, auch mal an die armen Kinder in Afrika zu denken, die nichts zu essen haben. Ganze Schurkenstaaten könnte sie im Alleingang zu Fall bringen – nur so zum Vergleich: Angela Merkel hat nur knapp 720.000 Fans, davon ließe sich nicht mal Oliver Geissen beeindrucken, und der wirkt eigentlich immer beeindruckt. Die Welt könnte Shakira jedenfalls insgesamt zu einem besseren Ort machen. Könnte ... Wären doch nur nicht so ziemlich alle Menschen dieser Welt, die bei jedem Scheiß fleißig den eigenen Daumen auf den Like-Button pressen, so was wie Seescheiden. Zumindest in diesem Akt an sich. Von so ’nem Like-Daumen allein ist nämlich noch kein Kind satt geworden. Und wenn dem Mark Zuckerberg dann doch irgendwann mal der Kragen platzt, weil er sich im Vergleich zu Shakira doch ganz schön wie ein Bernd fühlt, dann zieht der vielleicht den Stecker und schon wird’s zappenduster im Waka-Waka-Land.

Freitag, August 01, 2014

Geschrieben von PhanThomas am Freitag, August 01, 2014 | 4 Kommentare

Ich bin ja eher so Lebenskünstler

Ich bin ja eher so Lebenskünstler
Vor ein paar Monaten auf ’ner Party in Berlin Friedrichshain – auf der fortwährenden Suche nach dem allwissenden Bierkasten grub ich mir gerade maulwurfsgleich einen Weg durch die engstehende Meute. Diese scheiß elektronische Musik ging mir allmählich wirklich auf den Zeiger, also machte ich einen Schlenker zum Zimmer, in dem die Anlage stand.
    »Jan«, sagte ich, »mach doch mal was anderes an, ja? Das klingt ja schlimmer als ’ne hängende Schallplatte.«
    Jan – das war der, der die Party schmiss – zuckte mit den Schultern. »Wat willste denn? Läuft doch gar keine Musik.«
    »Was ist das dann bitte für ein unerträgliches Geplärre?«
    »Ach das«, sagte Jan und legte eine dramatische Pause ein, indem er einen Schluck aus der Pulle nahm. »Das ist der Rauchmelder. Der hört aber bald auf. Batterien sind so gut wie alle.«
    »Na großes Kino. Hätte es dann nicht Sinn gemacht, das Ding abzuschalten, bevor ihr hier die Nebelmaschine angeschmissen habt?«
    »Wat für ’ne Nebelmaschine jetz’?«
    »Na guck dich doch mal um«, erklärte ich mit rudernden Armbewegungen. »Man kann ja die eigene Hand vor Augen nicht sehen.«
    »Nee«, sagte Jan und grinste. »Dat is’ nur, weil wieder alle in der Bude rauchen.«
    »Das ist alles Zigarettenqualm?«, staunte ich. »Macht das nicht gelbe Tapeten?«
    »Du machst gelbe Tapeten«, sagte Jan und meinte damit, dass ihn gelbe Tapeten nicht unbedingt auch nur peripher tangierten.
    »Weiß schon«, sagte ich und winkte ab. »Ist ja nicht jeder so’n Spießer wie ich, ne? Ich geh mir mal ’ne Flasche holen.« Damit war ich wieder am Anfang, nur dass ich jetzt wusste, dass es hier weder Musik, noch ’ne Nebelmaschine gab. Und bis eben hatte ich das alles noch für eine ziemlich aufwendige Party gehalten.
    Kaum bahnte ich mir unter unmenschlichen Anstrengungen wieder meinen Weg durch die Bude – der Qualm hatte inzwischen die Konsistenz von wirklich gutem Gouda angenommen – flog ich auf die Schnauze.
    »Scheiße!«, fluchte ich. »Wer hat denn die Stufe hier hingestellt?« Ich kroch näher heran und erkannte, dass ich nicht über eine Stufe, sondern über ein Bein gestolpert war. Ein Bein, mitten im Gang. Dreck, hier lag doch jetzt keine Leiche? Ich sah schon die Schlagzeilen vor mir: »Partygast in der Boxhagener Straße totgeraucht – hundertzwanzig Kettenraucher von Polizei in Gewahrsam genommen«
    »Thomas?«, fragte die Leiche mitten in meinen Druckerpressengedanken hinein. »bist du das?«
    »Matze?«, fragte ich zurück. »Das ist ja ‘n Ding. Und da sag noch einer, die Welt sei kein Dorf.«
    »Gut siehste aus«, sagte Matze, mit dem ich früher zusammen zur Schule gegangen war.
    »Du ... äh, eher nicht so«, gab ich ehrlich zu. Ich wollte nicht fies sein, aber ich hatte meinen alten Kumpel Matze doch irgendwie anders in Erinnerung: Sauber gescheitelt, und sobald der Fassonschnitt den Aufstand probte, ging es ab zum Friseur. Und jetzt? Nun saß er hier, auf seinem Kopf wucherte ein Etwas, das eher wie ein exzentrisch frisierter Orang-Utan als wie ein Haarschnitt aussah, und direkt auf diesem Etwas thronte eine Baskenmütze wie ein französisches Hundehäufchen aus Schurwolle. Das, was früher mal ein hübsches Gesicht gewesen war, sah nun aus wie ein Staublappen mit Nase, und die Augenringe mussten eine eigene Postleitzahl haben.
    »Ja, ich weiß«, sagte Matze und winkte lässig ab. »Ist bisschen stressig grade. Hab da viel am Laufen. Mal hier, mal da. Großes Projekt, kann ich aber noch nicht allzu viel drüber erzählen. Wird aber ’n großes Ding.«
    »Ach du bist arbeitslos?«, fasste ich zusammen.
    »Nee, so würde ich das nicht sagen. Ich bin ja eher so Lebenskünstler.«
    »Lebenskünstler?«, schimpfte ich. »Du meinst so was, das wir früher faule Sau genannt hätten?«
    »Ach komm, du hast doch keine Ahnung«, motzte Matze, und zumindest da hatte er recht. Als Kind hatte ich viel gemalt. Alles Mögliche halt: Totenschädel auf Friseurstühlen, ausgemergelte Körper in dunklen Verliesen, menschenfressende Aliens – was man halt so malte. Meine Mutter fand das unbedenklich, kam dann und wann in mein Zimmer, schaute sich an, was ich so kritzelte, und dann staunte sie, als müsste sie mal ganz tief Luft holen, weil es erst nächste Woche wieder Frischluft geben würde. »Du wirst doch mal Künstler«, sagte sie dann immer zu mir, oder »Der Junge wird mal Künstler«, wenn gerade Verwandte da waren. Das war klar, ich würde mal Künstler werden. Deutschland war ja immer schon das Land der Dichter und Denker gewesen, ein Land voller Künstler eben. Als Gerhard Schröder Deutschlands Künstler im Jahr 2003 mit der Agenda 2010 unter einen Hut zu bringen versuchte, beschloss ich, Wirtschaftsinformatik zu studieren und meine Künstlerlaufbahn an den Nagel zu hängen.
    »Heißt also, du lebst jetzt von der Stütze, ja?«, fragte ich mal so ganz direkt nach. Ich freute mich ja immer, wenn ich als ehrbarer Steuerzahler jenen, die sich nicht am System beteiligen wollten, und denen ich mit meiner Blödheit was Gutes tat, mal persönlich begegnete.
    »Von wegen Stütze. Ich brauch gar kein Geld«, meinte Matze. »Weißte, Thomas, ich hab vier Semester Volkswirtschaftslehre studiert. Geld und das ganze Zeug, das ist alles nur ’ne riesige Illusion. Ein Druckmittel. Damit wird das Volk von denen da oben schön dauerhaft an die Kandare genommen.« Ah ja, Volkswirtschaftslehre, dachte ich, und dann auch noch ganze vier Semester, bevor er wahrscheinlich auch die Illusion des Studiums erkannt hatte. Ich hatte mal einen Dozenten an der Hochschule, der war auch Volkswirt. Besserte sich sein Hartz IV mit der Professur auf, und einen an der Kandare hatte der auch. So langsam erschloss sich mir jener Lebensweg, der Matze dazu gebracht hatte, sich in einen Fetzen zu kleiden, der aussah wie ein übergroßer Jutebeutel, sich dann mit ’ner Flasche Billigbier in den verräucherten Flur dieser Wohnung zu packen und mir von den Bodendielen aus zuzulallen, Geld sei nur ’ne riesige Illusion.
    »Und das Bier, das du in der Hand hältst? Das ist auch ’ne Illusion? Oder wer hat das bezahlt?«, ätzte ich.
    »Das stand hier so rum«, murmelte Matze schon deutlich leiser. Ja, eindeutig Lebenskünstler, der Mann. Seine Eltern, die sich bis 1989 im Chemiefaser-Kombinat »Friedrich Engels« abgerackert hatten, waren bestimmt stolz auf ihren Sohn, den Fast-Volkswirt mit der Baskenmütze. »Außerdem ist das jetzt eh nur so ’ne Übergangsphase«, redete Matze nun wieder lauter weiter. »Demnächst machen ein paar Leute und ich ein ganz eigenes Wohnprojekt auf. Wir legen zusammen für ’ne alte, runtergewirtschaftete Villa mit Riesengrundstück in Brandenburg. Da wohnen wir dann, so mit kompletter Selbstversorgung. Einer backt Brot, ein anderer kümmert sich um den Obstgarten, und so weiter. Das volle Programm, völlig ohne Geld und ohne Sozialneid. Wirst sehen, das wird noch ganz groß.«
    »Glaub ich glatt«, log ich. »Und einmal die Woche tauscht ihr dann mit Hilfe weißer Brieftauben Keksrezepte mit Kim Jong-un aus, oder was? Matze ey, Kommunismus hat noch nie funktioniert. Auch nicht im Kleinen. Fängt doch schon damit an, dass ihr gar nicht alles herstellen könnt. Ich meine, wer von euch stellt denn die 90-Zoll-Fernseher mit 400 Hertz und gekrümmtem LED-Panel her? Soweit ich mich erinnere, hast du im Werkunterricht in der Schule nicht mal ein Gewürzregal zusammengenagelt bekommen.«
    »Fernseher brauchen wir eh nicht. Auch nur so ’ne imperialistische Propagandascheiße.«
    So einfach gab ich nicht auf. »Gut, dann was Einfacheres. Nehmen wir Zahnpasta. Woraus wollt ihr die herstellen? Aus gequetschten Raupen?«
    »Immer noch besser als das Fluorid-verseuchte Zeug aus dem Supermarkt«, giftete Matze und trank einen Schluck seines ihm nicht gehörenden, vermutlich jede Menge Vitamin C enthaltenden Bieres aus ökologisch nachhaltigem Anbau.
    »Was hast du jetzt wieder gegen Fluorid? Das hält die Zähne kariesfrei«, sagte ich.
    Matze lachte nur. Ein künstliches Ha-ha-ha-Lachen, wie kleine Backsteine an einem unsichtbaren Bindfaden aus seinem mit kariesbefallenen Zähnen gespickten Mund herausgezogen. »Kariesfrei! Du armes Opfer! Thooomas, Fluorid bringt dich um! Das reinste Gift, ein einziges Komplott der Pharmaindustrie. Das ist ’ne groß angelegte Verschwörung. Ein Genozid gigantischen Ausmaßes, alles unter Billigung dieser nicht legitimierten Regierung. Warte, ich zeig dir dazu mal ’nen Artikel, den ich verfasst hab.« Matze hob sein Becken, um besser in die Tasche seiner offenbar eingelaufenen Röhrenjeans des sozialistischen Labels »Levi’s« zu kommen, zog sein ... iPhone hervor und wischte mit seinem Finger über den Bildschirm.
    »Du Matze, lass mal stecken«, sagte ich und beendete damit den Spaß. »Ich geh mir lieber ’n Bier holen. Wünsch dir viel Erfolg mit deinen ... Projekten, alter Lebenskünstler.«
    Erschöpft von so viel Fanatismus wankte ich weiter durch den Qualm und erreichte irgendwann tatsächlich die Küche. Am offenen Kühlschrank stand gerade jemand, den ich nicht kannte. »Soll ich dir ’n Bier rausgeben?«, fragte er freundlich.
    Ich überlegte angestrengt. »Nee du, mach mir mal gleich ’n großes Glas mit Wodka voll.«
    Der Typ guckte mich mit großen Augen an. »Bist wohl fertig mit den Nerven, was?«
    »Ach was, ich kann das ab, «sagte ich. »Ich bin doch Promillekünstler.«
   
Neulich dann war ich im Supermarkt. Ich hatte das Band an der Kasse gerade vollgepackt, wühlte schon in meinem Portmonee herum, dann erst erkannte ich den Kassierer.
    »Matze?«, fragte ich. »Das ist ja ‘n Ding. Und da sag noch einer, die Welt sei kein Dorf.«
    Mein guter alter Kumpel Matze, Nachwuchsrevolutionär vom Dienst, saß im weißen Kittel vor mir. Der exzentrische Affe wohnte offensichtlich nicht mehr auf seinem Kopf, und die Baskenmütze hatte das Vieh gleich mitgenommen. Die Augenringe waren immer noch so groß wie Stadtstaaten, aber ansonsten waren Haare und Gesicht so, wie ich Matze damals gekannt hatte. Und nun saß er hier vor mir, guckte mich an, als würde er mich nicht kennen und mich trotzdem am liebsten auffressen wollen.
    »Herr Schmidt-Kiesewetter«, las ich das Schildchen auf seinem Kittel vor. »Aaaa-zuuu-biii.« Na nu? Da wollten Mama und Papa wohl das Projekt Raupenzahnpasta nicht finanzieren. Matze guckte mich immer noch an. In seinen Augen loderten Flammen, wenn auch nicht die der Revolution. »Da sitzt also der Matze hier, mein alter Kumpel Matze«, machte ich weiter. »Wie viel muss ich denn jetzt zahlen für diese ganze Imperialistenscheiße?«
    »Macht dann bitte achtunddreißig fünfzig«, sagte Matze im Tonfall eines Roboters.
    »Die Ironie bemerkste aber schon, oder?«, ärgerte ich ihn weiter. Ich konnte es einfach nicht lassen, und sei es nur wegen der Baskenmütze von neulich. »Sitzt hier und liest Illusionen von deiner Digitalanzeige ab, während du Pharmagift über den Scanner ziehst. Aber wirst es schon wissen, als Lebenskünstler und so.«
    »ACHTUNDDREISSIG FÜNFZIG BITTE!!!«