»Hallo Erdling! Dieses, wenn auch unregelmäßig fortgeführte, so doch liebevoll gepflegte Blog ist voll der Texte des Autors links, der sich PhanThomas nennt und gern in der dritten Person von sich redet.«

Mittwoch, Dezember 23, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, Dezember 23, 2015 | 2 Kommentare

Kerzen auf dem Planeten der Affen

Auf der Suche nach einer Kerze (immer diese kreativen Weihnachtsgeschenke) waren meine Freundin und ich neulich – da muss ich tief durchatmen – im »Bikini Berlin«. Nicht, dass nebenan nicht auch ein Weihnachtsmarkt gewesen wäre, auf dem fünf fantastilliarden Sorten an Kerzen verkauft wurden, aber nee, irgendwie sagte uns das alles nicht zu. Wenn man schon Kerzen schenkt, dann richtig. Aber gut, zurück zum »Bikini«: Dabei handelt es sich nicht etwa um extragroße Damenbademode, die man betreten kann (obwohl man solche extravaganten Konstruktionen den Berliner Stadtplanern mit ihrem Stahlbetonfetisch ja durchaus zutraut), sondern um ein Einkaufszentrum. Na ja, oder um so etwas Ähnliches.

Genau genommen habe ich noch nicht verstanden, was das »Bikini« eigentlich genau sein möchte. Laut Webseite eine »Concept Mall«. Und damit fängt der Irrsinn auch schon an. Optisch schaut das Ding von innen aus wie das »Alexa« am Alexanderplatz von außen: grausig! Alles hat diese Warenlageratmosphäre: Die Decke voller Rohre und wirr verlaufender Kabelkonstruktionen, die Wände nicht verkleidet, also ziemlich genau so, wie der BER anno 2015. Überall stehen Kisten im Weg, von denen man eigentlich meinen möchte, jemand hätte sie beim Einräumen vergessen, aber dann sitzt eben doch schon wieder ein komisch anmutender Berliner drauf und schlürft sein Tässchen Was-auch-immer-mit-Biosojamilch. Geschäfte gibt es dort natürlich auch. Alles wirkt ein bisschen wie in »Mad Max«, nachdem da einmal feucht durchgewischt wurde: Zusammenimprovisierte Miniboutiquen aus Bretterzäunen, Baupaletten und Maschendraht zusammengefriemelt, und drinnen oder daneben steht eine gelangweilte Verkaufskraft, die sich aufgrund des mageren Warenangebots so wenig bewegen muss, dass man sie auch für eine Schaufensterpuppe halten könnte. Aber ich weiß schon, das muss so, das gehört zum Konzept.

Apropos Konzept: Das erschließt sich mir nämlich nicht wirklich. In den größeren Geschäften mit dekadent üppiger Verkaufsfläche stehen lediglich zwei, drei Tischlein, auf denen ... Dinge platziert wurden, die entweder Verkaufsartikel oder Deko sind oder beides. Meist sieht das, was da an potenzielle Kundschaft mit ausgeleiertem Geldbeutel vertickt werden soll, so aus, als hätte man zwei willkürliche Gegenstände in einen Teilchenbeschleuniger geschmissen, um sie kollidieren zu lassen und das verknäulte Ergebnis dann als Kunst auszugeben. Zumeist haben wir das nur vom Schaufenster aus festgestellt, weil wir uns nicht wirklich trauten, die Läden zu betreten, denn merke: Ein leeres Geschäft und ein gelangweilter Verkäufer bergen immer die Gefahr, dass man mit Beratungsgesprächen vollgeballert wird, sobald man auch nur einen Viertelfuß in den Laden setzt. Der Traum eines jeden, der lieber online bestellt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Geschäfte ihr ach so individuelles Konzept schon am Namen herausstellen wollen, der dann auch so gar nichts darüber aussagt, was einem drinnen eigentlich angedreht wird. Das alles geht so weit, dass ich mich fast nicht traute, aufs Klo zu gehen, weil ich nicht sicher war, ob sich hinter der Tür mit den goldenen Lettern »WC« tatsächlich ein Lokus oder doch wieder nur ein Klamottenladen verbarg.

Aber wie gesagt, gehört eben alles zum Konzept. Man kann sich schließlich schlecht »Concept Mall« nennen, wenn dann hinter der Tür doch nur Kik und Lidl warten. Ich will das »Bikini« auch gar nicht zerreden, auch wenn das hier eventuell, also nur vielleicht, ein kleines bisschen so wirken könnte. Das Ding war brechend voll, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass da irgendwer tatsächlich mal eine Lampe aus rostigem Stacheldraht und ein paar Glasscherben für tausend Euro kauft. Das Ding ist quasi der Gegenentwurf zu den Ikeas und H&Ms dieser Welt: Hier ist alles und jeder so fürchterlich individuell, dass man eigentlich nur dann auffällt, wenn man bei Ikea und H&M einkaufen geht. Alles ist so hip, hipster wird's definitiv nicht. Anders ausgedrückt: Wir sind einfach die falsche Klientel. Zu einfach, zu provinziell, zu Kassengestell. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Salz und Pfeffer im Essen das höchste aller kulinarischen Gefühle waren. In einem solchen Shoppingtempel fühle ich mich wie Charlton Heston auf dem Planeten der Affen (die übrigens ihr Gehege – kein Witz – direkt nebenan haben), und das fasst für mich auch alles zusammen, was man darüber sagen kann.

Ach ja, Kerzen gab's dort übrigens keine.

Montag, November 02, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Montag, November 02, 2015 | 6 Kommentare

Wird mal gut


Um dich her, da sitzen Leute,
jeder tut, was er so tut.
Am Monatsende, »fette« Beute
für die Arbeit. Für dein Blut.

Bis hierher! Du möchtest schreien:
Fickt euch doch und euren Mist!
Du willst dich aus dem Schlund befreien,
der dich täglich mehr zerfrisst.

Schaust du dir mal in die Augen?
Siehst im Spiegel dich aus Glas.
Erkennst du, wie die Jahre saugen?
Stück für Stück beißt du ins Gras.

Wär's nicht leicht, jetzt fortzugehen?
Führt der Weg doch durch die Tür.
Bevor du losgehst, bleibst du stehen.
»Erst mal sehen.« – Nur wofür?

Deine Zeit hört auf zu geben,
da sie auch mal nehmen muss.
Doch c'est la vie, du gibst dem Leben
einen schweren Sehnsuchtskuss.

Tust, was immer du schon tatest,
Weil's auch jeder and're tut.
Du würdest gerne, doch du wartest:
»Wird mal besser, wird mal gut.«

Montag, Oktober 12, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Montag, Oktober 12, 2015 | 3 Kommentare

Bärte machen keine Männer

Ich schrieb einst einen Text über Bärte. Über Männer mit Bärten, um genau zu sein. So ganz trennscharf ist das spätestens seit Künstlerinnen mit selbstgewähltem Nachnamen eines Fleischerzeugnisses ja auch nicht mehr. Ich war und bin der Ansicht, dass es das Recht eines jeden Mannes sein sollte, sein Antlitz mit Haar zu schmücken, vor allem dann, wenn er das Pech hat, auszusehen, als sei er in Kindertagen mit dem Gesicht in einen hochschnellenden Spaten gerannt. Nicht umsonst tragen männliche Superhelden so gut wie nie Bärte: Sie haben ein Kinn. Ein richtiges Männerkinn. Ein Kinn, so ausgeprägt, dass sie damit problemlos gefrorenen Boden umpflügen könnten. Nicht-Superhelden wie ich sind da anders gebaut: Mein Kinn sieht eher aus, als hätte der Unterkiefer mal Prügel vom Oberkiefer bezogen und sich seither tief in den Schatten zurückgezogen. Das kann man schon so zur Schau tragen. Kann man machen, ja, aber dann sieht’s halt scheiße aus. Drum einfach was drüberwachsen lassen, und fertig ist die Laube.

Zusammengefasst war ich bisher also für Männer mit Bärten. Ja ganz ehrlich, ich war total dafür, einen Trend draus zu machen. Dooferweise wurde dann ... ein Trend draus. Tja, und jetzt laufen sie überall herum, diese Männer mit Bärten. Aber nicht nur mit Schnauzbärten, Kinnbärten oder extravaganten Backenbärten. Nein, Vollbärte müssen es sein. Die ganze Stadt ist voll von diesen Typen. Ich weiß nie, stehe ich einem Hipster gegenüber, einem Salafisten auf Urlaub oder doch nur einem entlaufenen Alpaka. Manchmal komme ich mir vor wie auf dem Waldmond Endor, umgeben von zu groß geratenen Ewoks mit tätowierten Unterarmen. Argh, überall diese Bärte, und ich gebe zu, ja, sie regen mich auf! Ein Haar in der Suppe stört mich nicht, aber wenn man schon dran ersticken kann, schwillt mir doch der Kamm.

Als ich klein war, gab es das nicht. Da trugen eher so Leute wie einer der Wildecker Herzbuben einen Vollbart. Und das war okay. Der hätte ohne Bart wahrscheinlich einfach nur noch dicker ausgesehen. Oder man hätte ihn mit seinem Herzbubenbruder verwechselt, was jetzt auch keine Katastrophe gewesen wäre. Ansonsten trugen in meiner Kindheit genau drei Männer Vollbart. Aufsteigend geordnet nach ihrer Wichtigkeit waren das: Gott, der Weihnachtsmann und Bud Spencer. Das war eine sichere Bank, das musste so sein. Einen Weihnachtsmann ohne Vollbart hätte ja kein Mensch ins Haus gelassen. »Ein dicker, glatt rasierter Kerl mit rotweißen Klamotten und 'nem großen Sack über der Schulter? Ein Perverser! Ruft die Bullen!« Nein, so ein Vollbart vermittelte einfach auch Sicherheit und Seriosität. Bud Spencer mit seinem Bart aus Bürstendraht beispielsweise: Da konnte man immer sicher sein, dass er den Bösen ziemlich seriös eins aufs Maul gibt.

Ja, damals war die Welt eben noch in Ordnung. Niemand sonst ließ sich so das Gesicht zuwuchern. Väter, die trugen damals beispielsweise lieber Schnauzbärte. Ob von dominanten Ehefrauen verordnet oder einfach im Schatten des wandelnden Brusthaarpanzers Tom Selleck, das weiß ich nicht, aber es war halt so. Mein Vater trug einen dicken, dichten, schwarzen Schnauzbart, in dem man locker ein paar mittelgroße Zootiere hätte verstecken können. Der sah damit immer ein bisschen aus wie Josef Stalin, nur in weniger böse. Doch einen Vollbart hätte der sich nie stehen lassen, obwohl er es gekonnt hätte.

Nun, ich könnte das zwar auch so irgendwie, auch wenn das Ergebnis vermutlich löchrig wäre und eher einem viel zu lange gereiften Schweizer Käse gleichen würde. Aber das Hauptproblem wäre wohl eher, dass ich eben nicht sonderlich groß bin. Was das mit Vollbärten zu tun hat? Nun, mit Vollbart sähe ich aus wie ein verirrter Gartenzwerg auf der Suche nach seiner Mütze. Das ist jetzt nicht unbedingt, was man mit so einem Bart suggerieren will: Männlichkeit natürlich!

Und vielleicht hasse ich sie ja deswegen so, die vielen schlacksigen Typen, die in ihren Birkenstocksandalen durch Berlin schlurfen, das wallende Haar zu einem Hipster-Dutt zusammengeknödelt, die teure Markensonnenbrille auch an schattigen Tagen in der U-Bahn auf der gepeelten Nase, und unterhalb selbiger natürlich der kilometerlange schamponierte und gute geölte Naturhaarteppich: Ich kann da nicht mitmachen, weil meine Freundin mich erstens so wohl mit einem Schlafsack und 'nem Laib Brot in den Keller sperren würde und weil ich zweitens eben, wie gesagt, einfach unfassbar albern aussähe.

Aber ganz ehrlich, viel weniger albern wirken diese Fellfetischisten in derart rauen Mengen auch nicht mehr: zwei Augen, die aus einem Gewühl von Haaren ragen und sich hinter 'ner Sonnenbrille verstecken? Gab es seinerzeit, als das Fernsehen noch schwarzweiß war, bei der Addams Family schon: Vetter It hieß der haarige Zeitgenosse, der stets klang wie ein schimpfendes Eichhörnchen mit Heliumsucht. Sogar den bei Hipstern beliebten Hut trug It bereits. Herzlichen Glückwunsch also, liebe Hipster: Ihr seid nun modisch definitiv in der Addams Family angekommen.

Nein, also wenn ich genauer drüber nachdenke, wird mir die Sache doch zu haarig. Genervt bin ich von der Allgegenwärtigkeit zugewucherter Männergesichter trotzdem. Und spätestens, wenn mir einer dieser BRÖSELBESENANBETER DAS HACKFRESSENSCHAMHAAR NÄCHSTENS IN DER ÜBERFÜLLTEN U-BAHN INS GESICHT DRÜCKT, SKALPIERE ICH IHM SELBIGES OHNE BETÄUBUNG!!! Aber ich rege mich nicht auf. Drum, für den sozialen Frieden in meinem näheren Umfeld und allgemeines Ungenervtsein, und weil das nach dem letzten Barttext auch so prima geklappt hat, versuche ich es einfach noch mal ganz nett und ohne Haarspalterei: Liebe Leute ... können wir uns nicht einfach auf ’nen Dreitagebart einigen? Das wär sehr lieb, danke schön!

Freitag, September 25, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Freitag, September 25, 2015 | 12 Kommentare

Des Monsters Scheiß


Es wohnt ein Monster an der Spree,
macht (re)publik
wohl Politik.
Spielt Spiele, die ich nicht versteh,
von Geld und Krieg
und Markt und Sieg.

Weil Monsters Säen Wellen macht,
verbricht sein Wind
ein totes Kind
und tote Mütter - schwarze Nacht!
Weil Leichen blind
und freudlos sind

zieh'n Lebende vor uns're Tür,
aus Monsters Brand
verheertem Land.
Mit krummem Rücken steh'n sie hier
zur kahlen Wand
mit leerer Hand.

Der Kleingeist flucht, das Monster schreit:
»Die Welle rollt
nicht wie gesollt!
Wir sind für euch hier nicht bereit!
Noch nicht mal zollt
ihr Schwarzrotgold!«

Wer Wind erst sät, der erntet Sturm.
Der Kluge weiß
um diesen Preis
für Kriegsspiel aus dem Herrscherturm.
Ein ewig' Kreis,
des Monsters Scheiß!

Mittwoch, Juli 22, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, Juli 22, 2015 | 3 Kommentare

Muss man wissen

Meine allererste Vorlesung während meines Studiums war allgemeine Betriebswirtschaftslehre, kurz ABWL. Der Dozent, ein schneidiger, wahnsinnig beschwingter, hundert-Euro-Kurzhaarfrisur-tragender Mann von höchstens vierzig Jahren, spazierte in seinem königsblauen Honecker-Gedächtnis-Anzug zur Tür herein und grüßte freundlich in die Runde. In den Händen trug er einen großen Karton. »Da ist doch hoffentlich Ihr Frühstück drin«, witzelte ich. Er guckte mich kurz erstaunt an, grinste dann und sagte: »Oh ja, geistiges Frühstück!« Darauf lachte er, wie damals nur Leute lachten, die ein FDP-Parteibuch besaßen. Das Skript zur Vorlesung, das in n-facher Ausführung in diesem Karton lag, war fürchterlich dick, und ich ahnte, bis zur Prüfung am Semesterende würde ich all diesen Kram irgendwie in mich hineinfressen müssen. Tipp: Keine Angst vorm Lernen! Das In-sich-hineinfressen von Wissen führt keinesfalls zu akuten Kotzanfällen, selbst dann nicht, wenn die halbe Nacht durchgepaukt wird. Sollte der lernende Proband wider Erwarten doch anschließend mittels Brüllen in die Kloschüssel die Nachtruhe stören, war einfach nur die zehnte Tasse Kaffee eine zu viel.

Der Mensch hat ja keine Ahnung, wie viel Kram er tatsächlich lernen kann, bis er es einmal tun muss. Man stellt sich das menschliche Lernvermögen ja immer – Al Bundy-Fans werden sich erinnern – ganz gern wie das Abstellen von Gegenständen auf einem Regal vor: Hier ein Büchlein mit BWL-Stoff, da das Schächtelchen mit dem Grundlagenwissen zur VWL, dann ganz vorsichtig noch die Finanzsbuchhalt... verdammt, jetzt ist doch glatt die Ming-Vase mit den kostbaren Actionfilmzitaten vom Regalbrett runtergefallen, direkt auf das eingestaubte Fabergé-Ei mit den von Omi überlieferten Plätzchenrezepten. Beides futsch, alles vergessen. Mist! Aber so ist es eben nicht. Der Mensch ist in der Lage, unendlich viel nützliches wie unnützes Zeug zu lernen. Das meiste davon braucht man nie wieder wirklich, höchstens, um sich auf Partys unbeliebt zu machen. Einfach mal in illustrer Runde ein Bier öffnen und direkt nach dem ersten Schluck das Gossensche Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen herbeten, schon wird man für den Rest des Abends gehasst wie Fußpilz im Wohnheimklo. Mein Tipp an dieser Stelle: nicht ausprobieren! Zack, und schon wieder hat jeder was gelernt, ohne was anderes vergessen zu müssen. Wer das nicht glaubt, möge sein Sammelsurium an Filmzitaten ruhig durchgehen. Alles noch da, richtig? Na also. Yippie-Ya-Yeah, Schweine...priester.

All das Wissen, das man in seinem Leben hortet, kann eine ziemliche Last sein. Nicht nur, weil man damit längst zu »Wer wird Millionär?« gehen könnte, es aber nicht tut, aus Angst, direkt bei der Fünfzig-Euro-Frage abzustinken – was, wie inzwischen bewiesen wurde, durchaus möglich ist. Nein, auch deswegen, weil man all den gesammelten Kram nicht mitnehmen kann, wenn irgendwann einmal der dürre, schwarzgekleidete Mann vor der Tür steht, der nicht über Gott sprechen möchte, dafür aber eine Sense mitbringt. Noch schlimmer: Im Alter verkalken, sodass zwar all das Wissen noch im Hirn steckt, der Zugang dorthin aber unwiderbringlich verlorengegangen ist. Wie Kleingeld, von dem man ganz genau weiß, dass es irgendwo in diesem verdammten Sparschwein noch drinstecken muss, das aber festklemmt, sodass man es mit einem spitzen Haken herausnesteln muss. Tipp an dieser Stelle: Dies war nur ein Vergleich. Das mit dem Haken sollte keinesfalls aufs menschliche Gehirn und das dort vergrabene Wissen übertragen werden. Derart gequirlten Blödsinn haben zuletzt die alten Ägypter mit ihren Pharaonen veranstaltet, mit der direkten Folge, dass diese zweitausend Jahre später nicht, wie verdient, in Frieden ruhen dürfen, sondern seit jeher in irgendwelchen Museen herumstehen und einstauben. Hier werden sie zu allem Überfluss von Bazillionen an gelangweilten Schulkindern begafft, die, statt sich in Klopapier eingewickelte Leichen anzugucken, vermutlich viel lieber Pokémon zocken würden. »Shiggy greift Tutanchamun mit Aquaknarre an. Es ist sehr effektiv.« Will man denn so enden? Ich glaube ja nicht.

Das Wissen an sich hat also schon mal nur eine begrenzte Lebensdauer, deren Ende spätestens dann erreicht ist, wenn nach dem Ableben aus dem einstmals prachtvollen Hirn ein schrumpliges Würmergulasch wird (sofern es eben nicht von Altägyptern per Pürierstab zu Maggi-Fix-Rahmsauce verarbeitet wurde). Davon abgesehen spricht man leider auch noch von der Halbwertzeit des Wissens. Die hat nichts mit der Güte des eigenen Denkapparats zu tun, sondern ist daran gebunden, wann ein Wissen seinen Nutzen verliert. Ein einfaches und allseits bekanntes Beispiel ist das Wissen um den Eisengehalt des Spinats. Dass Spinat sehr viel Eisen enthielt, war so lange gut zu wissen, bis es schlicht und ergreifend nicht mehr stimmte. Millionen unter Eisenmangel leidende Kinder, denen der von Mutti aufgezwungene Spinat noch aus den Mundwinkeln hing, konnten aufatmen. Okay, blödes Beispiel. Hier ein akkurateres: Angenommen, ich hätte irgendwann einmal gelernt, wie ein Röhrenmonitor funktioniert – und ja, das habe ich –, dann wäre die Halbwertzeit dieses Wissens inzwischen überschritten. Die Dinger findet man heute höchstens noch in Museen oder in den Büros von Einwohnermeldeämtern. Es war schön zu wissen, wie die dicken Kisten funktionierten, bis eben der Tag gekommen war, an dem keine Sau mehr so ein Ding besaß. Zusätzlicher Tipp an dieser Stelle: Partygäste, denen der Gossensche Grenznutzen schon nicht gefällt, sind auch wirklich nur äußerst selten daran interessiert zu erfahren, wie ein Röhrenmonitor funktioniert. Das Feststellen derartiger Zusammenhänge bezeichnet man als Datamining, aber auch hier gilt: Trägt der potenzielle Party-Kommunikationspartner nicht gerade ein Warhammer-40,000-Shirt und balanciert eine Brille aus zusammengezurrten Flaschenböden auf der Nase, wird er sich kaum für die Vorzüge von Datamining interessieren. Und DAS nennt man übrigens Vorurteil.

Leute, die sich einen gut gepflegten Garten aus Vorurteilen halten, meinen meist auch, das Wissen insgesamt gepachtet zu haben. Klar, auf irgendwas muss das Unkraut aus Klischees und Ignoranz ja auch wachsen, das sie für ein hübsches Blumenbeet halten. Mitunter sind solche Menschen leicht zu erkennen: Tragen sie beispielsweise absichtlich kein Haupthaar und haben eine chronische Starre im rechten Arm, dann erübrigt sich ein intellektueller Diskurs mit ihnen zumeist. Mein Tipp: Führen diese Leute Argumentationshilfen in Form nordamerikanischer Sportschlaggeräte bei sich, dann gilt: Maul halten und rennen, was das Zeug hält! Schon schwerer zu erkennen ist eine andere Kategorie von Menschen: nämlich jene, die erst mal völlig gewöhnlich aussehen, mit einem ziemlich normalen Gesprächsthema einsteigen, nur um dann ganz fix darauf umzuschwenken, dass sie ziemlich genau wissen, wie der Hase läuft und wie wir von »denen da oben« ferngesteuert werden. Plötzlich werden wir reihenweise von der Lebensmittelindustrie vergiftet, von der Pharmaindustrie sowieso, und bei allem Blabla denkt man unweigerlich: Freund Blase, wenn du ganz genau weißt, dass uns jeder vergiftet, weshalb klappt es dann bei dir nicht? Solche Menschen meinen gerne, alles zu wissen, sind aber in erster Linie vor allem eines: saublöd! Drum hier mein abschließender Tipp: Jedes Gespräch vermeiden und lieber noch einen Schluck nehmen, solange das Bier kalt ist. Schlauer wird man davon zwar auch nicht, mehr Spaß bringt es aber allemal. Muss man wissen.

Donnerstag, Juni 18, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Donnerstag, Juni 18, 2015 | 3 Kommentare

Die Frage, deren Antwort man kennt


Ich saß im Büro, war im Alltag ersoffen,
da hatte ich dich in 'nem Tagtraum getroffen:
Wir zwei an der Ampel, sie gab grünes Licht,
und ich ging auf dich zu, doch du regtest dich nicht.

Zog Kreise um dich wie die Sonne ums Heute,
ich winkte und rief dich, es starrten die Leute
auf uns und sie wünschten, es würde gescheh'n,
denn sie sagten: Mensch Mädchen, du musst ihn doch seh'n!

Doch hatte mein Traum dir die Augen genommen.
Du bliebst wie erstarrt, ich lud tränenverschwommen
die Schuld auf den Traum, denn du sahst mich ja nicht,
mit zwei tiefschwarzen Löchern in deinem Gesicht.

So wachte ich auf, mir war heiß und es brannte
die Frage im Kopf, deren Antwort ich kannte:
Weshalb du nichts sagtest – sie sei mir erlaubt.
Denn wenngleich du auch blind warst, du warst nicht ertaubt.

Mittwoch, Juni 03, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, Juni 03, 2015 | Keine Kommentare

Lern du später was Anständiges ...

»Lern du später was Anständiges, dann hast du es mal besser als wir!«, war so ein Satz, den meine Mutter gern vom Stapel ließ, wenn sie mal wieder die Spinnweben aus der Brieftasche wedelte. Nun, ich nahm sie beim Wort und studierte Wirtschaftsinformatik. Die Wirtschaft bringt seit jeher die Kohle, Computer sind die Zukunft, da konnte ich ja gar nichts verkehrt machen!

Neulich dann im Baumarkt ...

Eigentlich hätte es schon ein schlechtes Omen sein müssen, als ich die U-Bahn-Station hochstiefelte und mir die in Moll gehaltenen, dramatisch interpretierten Akkordeonklänge eines Straßenmusikanten hinterherdudelten. Hätte man dem guten Herrn stattdessen eine dicke Orgel hingestellt und das eigentlich ganz nette Frühlingswetter durch grollendes Gewitter ersetzt, der vor mir aufragende Baumarkt hätte dann auch gut und gern das düstere Schloss eines stereotypen Vampirfürsten in einem Horror-B-Movie sein können. Baumärkte und ich, wir verhalten uns äquivalent zu Pizza und Mikrowellen: Wir gehen cool rein und kommen nach viel zu vielen gedrehten Runden im Inneren ziemlich labbrig und aufgeheizt wieder raus, ohne dass das Resultat für irgendwen sonderlich zufriedenstellend wäre.

Dabei mochte ich Baumärkte als Kind noch ganz gerne. Also eigentlich waren es nur diese ganz speziellen Häuslebauabteilungen mit den ausgestellten Türen in mehr oder weniger freistehenden Rahmen, die ich gern mochte. Keine Ahnung warum, aber ich ging als Dreikäsehoch eben gern durch Türen, auch wenn nichts dahinter lag. Vielleicht war das unbewusst der frühe Ausgleich dafür, dass ich im späteren Leben ständig gegen Wände, statt durch Türen rennen sollte. Für das ganze andere Brimborium, das Baumärkte dem Heimwerker von Welt so boten, interessierte ich mich damals dagegen nicht. Das lag in der Natur der Sache, was mich anging: Heimwerken und ich, das verhielt sich immer schon äquivalent zu Pizza und ... ach nee, das hatten wir schon. Jedenfalls ist es seit jeher so, dass ein Versuch meinerseits, einen Nagel in eine x-beliebige Wand zu treiben, eher den Gebäudestatiker auf den Plan rufen würde, als dass der Nagel tatsächlich fachgerecht in der Wand landet.

Natürlich sind daran wie immer meine Eltern schuld. Mein Vater hätte mich mehr in die Pflicht nehmen müssen, aber das tat er ebenso wenig, wie meine Mutter mir etwa beibrachte, wie man sich was Anständiges zu essen kocht. Und so würde ich heute am liebsten bei jeder Kleinigkeit einen Handwerker engagieren, wie ich auch Maggi Fix für Nudelwasser kaufen würde.

Entsprechend fremd fühle ich mich, sobald ich einen Baumarkt betrete, so wie ich das neulich eben tat. Um ein paar Schrauben zu kaufen. Schrauben. Einfach nur ... Schrauben. Um etwas ... festzu...schrauben. Als Informatiker denke ich da vielleicht zu digital, zu sehr in Einsen und Nullen, aber wenn ich losziehe und Schrauben kaufen möchte, dann erwarte ich – verdammte Axt – dass es einfach ein Regal gibt, in dem Schrauben liegen. Und das gibt es dann ja auch, aber warum ist das vermaledeite Regal denn bitte zwanzig Meter lang und enthält hunderte Schraubensorten, die für alles Mögliche geeignet sind? Holzschrauben, Spanplattenschrauben, Bohrschrauben, Schrauben für Blech, Schrauben für Harzer Käse, und und und. Dazu passend und nicht passend natürlich alle nur erdenklichen Größen und Formen von zugehörigen Muttern, Unterlegscheiben und Dübeln, und nichts davon liegt irgendwie so beieinander, dass ein Typ wie ich, der zwar jeden Drucker zum Laufen kriegt, der aber beim Einschrauben einer Glühbirne zur Gefahr für die Allgemeinheit wird, auch nur annähernd die Teile findet, die tatsächlich zusammengehören. Meine Fresse, das kann doch nicht im Sinne des Erfinders sein, oder?

Ich habe da ja eine Theorie: Eigentlich geht es gar nicht darum, dem potenziellen Kunden ein gut sortiertes Warenangebot zu präsentieren, bei dem er beherzt zugreifen und möglichst wenig falsch machen kann. Nein, es geht in erster Linie darum, dummen Idioten wie mir den beratenden Baumarktangestellten auf den Hals zu hetzen, der mir ruhigen Gewissens nur das Beste vom Besten empfiehlt, sprich, das Teuerste vom Teuersten aufschwatzt. Das ist wie beim Taxifahren in fremden Städten: Einmal »Och, ich bin eigentlich gar nicht von hier« zum Taxifahrer gesagt, schon braucht der für fünf Kilometer zwei Stunden und berechnet am Ende hundertfünfzig Euro. Ja ja, tolles Geschäftsmodell, das auf der Unwissenheit von Menschen wie mir fußt, die zwar wissen, wie man einen Webserver aufsetzt, die aber zum akuten Psychodoktorfall werden, wenn sie mal ein Loch in eine Wand bohren sollen.

Nun, irgendwie schaffte ich es am Ende, Schrauben, Dübel und Unterlegscheiben zusammenzusuchen, ohne dass mich jemand fragte, ob er mir helfen könne, aber kompetentes Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit liegt mir eben, schließlich bin ich Berater von neun bis fünf.

Damit war das Elend allerdings noch nicht ganz überstanden, denn als Antichrist des Heimwerkens habe ich natürlich, abgesehen von einem Hammer und einem Kreuzschlitzschraubendreher nichts daheim, was sich beispielsweise auch nur annähernd für das Anbauen eines Regals nutzen lassen würde, von dem hinterher nicht alles wie von Zauberhand herunterrutscht. Sprich, mir fehlte eine Wasserwaage. Also ging ich die Regale auf und ab, auf und ab, auf und ab ... Zwar hängen an jedem der gigantischen Regale bedrohliche Schilder, die auf die Folterwerkzeuge hindeuten, die sich dort jeweils finden lassen, von Wasserwaagen stand da allerdings nichts. Falls ich je der Ansicht war, dass es nicht gut sein kann, alles über das Internet zu bestellen, ich revidierte diese Meinung augenblicklich und wünschte mir ein Suchfeld herbei. Während dieses natürlich nicht plötzlich über mir aufploppte, stolperte ich dennoch zufällig über eine kleine Palette mit Wasserwaagen in – man ahnt es – allen Formen und Größen. Inzwischen haben die Dinger LED-Anzeigen und piepsen, wenn man sie schräg hält, oder vielleicht auch, wenn man sie gerade hält, oder sie piepsen einfach immer, was weiß denn ich?! Dass man ein Stück Metall mit einem Röhrchen, in dem eine Wasserblase von links nach rechts schwappt, so verkomplizieren kann, hätte ich auch nicht für möglich gehalten. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass man für eben ein solches Stück Metall fünfzig Euro auf den Tisch legen kann.

Schnaufend packte ich also so ein völlig überteuertes High-Tech-Begradigungsdingsbums in meinen Korb und schlurfte resigniert in Richtung Kasse ... wo ich inmitten der Quengelware für den Hobbyheimwerker, der den Hals nicht voll kriegt, Wasserwaagen für unter zehn Euro fand: ein Stück Metall mit einem Röhrchen, in dem eine Wasserblase von links nach rechts schwappt. Na bitte! Also unter gut sortiert verstehe ich was anderes!

Für einen Moment überlegte ich, niedergeschlagen, wie ich inzwischen war, diese Abteilung mit den Türen zu suchen, die ... na ihr wisst schon: einfach ein paarmal hindurchgehen, nicht gegen Wände rennen, ganz wie früher, als derweil noch der Rest von Papa erledigt wurde, der sich mit dem ganzen Baumarktblödsinn auskannte, weil er das wahrscheinlich irgendwo mal gelernt hatte. Herrgott, hätte ich doch auch was Anständiges gelernt!

Freitag, April 24, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Freitag, April 24, 2015 | Keine Kommentare

Rad im Getriebe


Die Türe geht zu, er ist endlich allein
im Büro und er lockert die bunte Krawatte.
Die Sonne strahlt friedlich zum Fenster herein,
auf sein silbriges Haar fällt ihr wärmender Schein,
ein so stiller Moment, wie er lang ihn nicht hatte.

Der Blick färbt sich mild im Gesicht aus Granit,
nur ein Schutz, den er schuf, vor mentalem Ertrinken.
Sieht draußen die Welt, die er selten nur sieht,
ist fast blind vor Terminen, merkt kaum, was geschieht,
wie die Jahre für immer im Gestern versinken.

Am Schreibtisch ein Foto, vergessen, verstaubt,
eine Frau, sie war irgendwann ganz große Liebe.
Zum Schluss hatte sie ihm kein Wort mehr geglaubt,
wenn er schrieb, er sei pünktlich, verächtlich geschnaubt.
Als sie ging, blieb er reglos, ein Rad im Getriebe.

Zur Ruhe nun schleicht sich ein Quäntchen an Mut
zum Gefühl und er fühlt sich so klein und verloren.
Es war ja mal anders, es war ja mal gut,
nun ist gut, was er fürs Unternehmen so tut.
Ach wie schnell war er lebend im Leben erfroren?

So klar der Gedanke, so schnell ist er fort,
die Krawatte, der Kragen sind hastig gerichtet.
Das Telefon schrillt, es verlangt das Ressort
frische Zahlen, und bitte, wo bleibt der Report? 
Und das Pflänzchen, das keimte, ist tot und vernichtet.

Montag, April 20, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Montag, April 20, 2015 | 1 Kommentar

Auf den Schirm!

Erinnert sich irgendwer an die Zeit, als Bildtelefonie ein großes Ding war? Ich auch nicht. Deswegen sind Telefonkonferenzen, kurz Telkos, noch heute so praktisch und effizient, wie sie früher schon nie waren. Allen technischen Entwicklungen trotzen sie ähnlich standhaft, wie es Einwegfeuerzeuge und Haarschneidemaschinen seit Generationen tun. Telkos sind noch immer so unnütz und zeitraubend wie ein Anruf bei der schwerhörigen Urgroßmutter, der man zum Geburtstag gratulieren muss, weil Mutti sagt, das gehöre sich eben so. Zum Henker, in jedem halbwegs internetfähigen Toaster stecken heute eine Kamera und ein Display, ungeahnte Möglichkeiten, und keiner kommt auf die Idee, das Zeug für eine Telefonkonferenz im Unternehmen zu nutzen? Hat denn nie irgendwer Star Trek geguckt? »Auf den Schirm!«

Scheinbar nicht, oder sagen wir mal so, der deutsche Michel ist »very serious«, wenn's um Datenschutz und Privatsphäre geht, also darum, dass er sich während einer Konferenz nicht beim Popeln zusehen lassen möchte. Da können die Hersteller aktueller Notebooks noch und nöcher HD-Kameras in ihre Notebooks einbauen, dem Deutschen ist das vermeintlich allsehende Auge oberhalb seines Displays ein Dorn im, äh, Auge, weshalb man auf den Flughäfen dieser Welt reihenweise Businesskasper sieht, die ihre Webcams mit kleinen Papierfetzen abgeklebt haben, damit die böse NSA sie nicht bei ihrer virtuosen Powerpoint-Folien-Verschiebeartistik beobachten kann.

Drum sind Telkos dort stehengeblieben, wo sie begonnen haben: Menschen hocken im Büro, entweder mit dem Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt bis zum Haltungsschaden, oder neuerdings auch mit Headset - ein Zugeständnis an die Bequemlichkeit des Bürostuhlakrobaten. Wer die Hände frei hat, kann schließlich ungestört im Milchschaum herumrühren und Facebook-Nachrichten beantworten, während im akustischen Kollektiv Dinge geklärt werden, die niemanden weiter voranbringen als eine Stunde näher an den Feierabend.

Und weil man sich eben auch im Jahr 2015 während einer Konferenzschaltung trotz des Einsatzes digitaler Technik nicht sehen kann, trifft man während einer Telko immer wieder auf dieselben Teilnehmertypen, als da wären:

Der Schwänzer: Weil der Schichtsalat aus Terminen im Outlook-Kalender eines handelsüblichen Büroangestellten zumeist ähnlich übersichtlich ist wie ein Großflughafen zur Urlaubszeit, gibt es immer ein paar Nasen, die den Termin verschwitzen, weil sie mit heruntergelassener Hose auf dem Klo hocken und auf dem Firmenhandy »Candy Crush Soda Saga« spielen oder mit dem Lieblingskollegen aus dem Nachbarbüro die letzte Folge von »The Walking Dead« diskutieren müssen und so durch Abwesenheit glänzen. Das Fernbleiben fällt natürlich erst hinterher auf, wenn der Schwänzer genau jene Fragen stellt, die eigentlich abschließend während der Telko geklärt wurden.

Der Träumer: Es gibt immer ein, zwei Leute, die zwar zur Telko eingeladen sind und die auch teilnehmen, die allerdings im Wesentlichen solange mit sprachlicher Abwesenheit glänzen, bis sie direkt von irgendwem angesprochen werden, der in der Hierarchie weiter oben steht als sie selbst. Weil der Träumer vom Dienst gedanklich gerade entweder das Budget für den Sommerurlaub verplant hatte, dabei war, den Kantinenspeiseplan auswendig zu lernen oder schlicht auf dem PC-Desktop viereckige Kästen mit der Maus ziehen musste, weiß er natürlich kein Stück, worum es gerade eben ging. Den geübten Träumer ficht das freilich nicht an, wirft der doch schnell einen Blick auf das Thema des Meetings in seinem Kalender, den er zufällig noch geöffnet hat, und sagt dann Sätze wie: »Also ich finde, wir sollten erst mal grundsätzlich klären, inwiefern ...« oder »Können wir vielleicht einen Schritt zurückgehen und umreißen, was eigentlich die Kernziele sind?« Die Satzhülsen an sich müssen keinerlei Sinn ergeben, Hauptsache ist, irgendwer anders hat hinterher die Moderationsarschkarte, und der Träumer kann zu seiner Ausgangsaktivität zurückkehren.

Der mit der Technik zickt: Wenigstens ein Konferenzteilnehmer findet bereits in der Telefontechnik an sich seine Nemesis. Während alle anderen das Meeting möglichst schnell hinter sich bringen wollen, weil der Organisator ein Kollegenschwein ist und Meetings grundsätzlich über die Mittagspause hinaus plant, gibt es diesen einen Typen, der den Beginn der Diskussion hinauszögert, weil er es schlicht nicht schafft, ins Meeting zu kommen. Nachdem er versucht hat, die Hälfte der Kollegen per Mobiltelefon darüber zu informieren, dass bei ihm (wieder mal) die Technik streikt, schafft er es mit einiger Verspätung doch irgendwie, sich in die Konferenz einzuwählen, unterbricht dann aber die anderen Teilnehmer mit Zwischenrufen wie: »Hallo? Hallooo? Kann mich jemand hören?« oder »Können Sie das bitte wiederholen? Gerade war bei mir der Empfang schon wieder weg.« Nicht selten kann niemand die Hilferufe hören, weil das Technikopfer auch nach einer halben Stunde noch immer nicht gemerkt hat, dass sein Telefon auf stumm gestellt ist. Egal, hinterher ist sowieso immer die Technik schuld.

Das Gespenst: Diese Gattung ist besonders perfide. Das Gespenst wurde zwar zur Telko eingeladen und nimmt auch pflichtbewusst teil, doch niemand scheint davon zu wissen. Wie dieser eine Klassenkamerad früher, von dem nach der Party niemand wusste, ob er wirklich dabei war. Wie eine Gottesanbeterin verharrt das Gespenst in aufmerksamer Lauerhaltung in der Leitung und meldet sich fast die gesamte Zeit über nicht zu Wort, um dann gegen Ende gnadenlos zuzuschlagen und eine spitzfindige Frage zu stellen oder irgendetwas anzumerken, um überhaupt was beigetragen zu haben. Alle anderen Teilnehmer sind erschrocken und zugleich froh, während des Meetings in lockerer Runde nicht über besagte Person gelästert zu haben. Wenn aber doch mal jemandem die Zunge ausgerutscht sein sollte, tut er natürlich so, als hätte er nie was gesagt, obwohl er genau weiß, dass das Gespenst alles gehört hat, weshalb er sich insgeheim nicht mehr sicher in seiner Haut fühlt. Schlimme Bürounfälle passieren schließlich immer wieder.

Inspektor Columbo: Für die meisten Menschen sind Telefonkonferenzen eine lästige Pflicht, die sie nur allzu gern hinter sich bringen, um zum fünften Mal am selben Tag zum Kaffeevollautomaten zu pilgern oder aber, um nicht zu spät in die Kantine zu kommen und statt leckerer Currywurst nur noch das übrig gebliebene vegetarische Gulasch serviert zu bekommen, das aussieht wie Plastikkotze aus dem Scherzartikelladen. Es gibt da aber diese eine Person, die den Currywursttraum jäh zunichte macht, indem sie während des Meetings Dinge auf den Tisch bringt, die eigentlich längst hinreichend erörtert wurden, weil sie entweder nicht zugehört hat, zu doof ist, den Sachverhalt zu kapieren oder schlicht ein Klugscheißer ist. Der Columbo vom Dienst sagt statt »Schönen Tag noch!« Dinge wie »Können wir noch mal auf den zweiten Punkt zurückkommen?«, »Also eine Frage hätte ich da noch ...« oder »Habe ich das jetzt richtig verstanden, dass ...«, während alle anderen Teilnehmer schweigend auf ihre Uhren schauen, mit den Augen rollen und der eine oder andere vor Wut ob seines leeren Magens einen Bleistift zerbricht.

Der Heimscheißer: Wenigstens ein Kollege arbeitet grundsätzlich von zu Hause aus, wenn gerade eine Telko stattfindet. Der Heimscheißer ist die Sorte Mensch, die vergisst, das Telefon auf stumm zu stellen, wenn im Hintergrund das Kind anfängt zu brüllen. Mit Sätzen wie »Eugen-Justus, jetzt lass die Emily auch mal damit spielen, sonst nehm ich's euch beiden weg!« nimmt der Heimscheißer so dem wichtigsten Tagesordnungspunkt der Telko jede Ernsthaftigkeit. Und ist mal kein Kind zur Hand, ergänzt garantiert ein bellender Hund die geschäftige Geräuschkulisse um ein Stück pure Natur.

Der Genießer: Zehn Menschen hängen gerade in der Leitung, wovon fünf in der Firmenhierarchie höher angesiedelt sind? Na und, das stört doch den Genießer nicht, der penetrant laut Kaffee schlürft, während andere sich gerade verbal die Köpfe einschlagen. Und was auch immer er gerade nebenher futtert, ist ganz egal, bei ihm verursacht es mit Sicherheit laute Geräusche. Hat er selbst mal was zur Diskussion beizutragen, verschwendet er keine Zeit damit, das Stück BiFi hinunterzuschlucken, das er schon seit mehreren Minuten schmatzend von einer Backentasche in die andere schiebt. Aus Regeln wie »Mit vollem Mund spricht man nicht!« ist der Genießer schließlich längst herausgewachsen, seit Mutti ihm nicht mehr die Krawatte binden muss.

Die Liste ließe sich vermutlich noch um den einen oder anderen Stereotyp ergänzen. Ob Bildtelefonie nun Telkos effizienter machen würde, sei ehrlicherweise mal dahingestellt, seltener wären sie auf jeden Fall! Denn kaum einer der genannten Typen würde seiner Störaktivität nachgehen, wenn er davon ausgehen müsste, dass gerade ein gutes Dutzend Augen auf ihn gerichtet ist. Drum her mit dem Bildtelefon, damit man endlich mal zum Arbeiten kommt, verdammte Axt!

Dienstag, März 31, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Dienstag, März 31, 2015 | 4 Kommentare

Von Glück, Cola und Inkasso Moskau

Wenn ich durch die Stadt fahre, fühle ich mich beschissen. Die Werbung, die überall herumhängt, ist schuld. »Ey Leute, da ist ’ne freie Wand, lasst uns ein Werbeplakat dranflanschen!«, sagt wahrscheinlich irgendeiner mit ’ner teuren Krawatte, und zack, hängt ’ne neue Cola-Werbung dran, die mir suggerieren soll, wie geil es doch wäre, jetzt, und zwar wirklich genau jetzt eine Flasche Cola zu trinken. Da sind dann Leute auf diesen Plakaten abgebildet, die in die Luft springen und mit weit geöffnetem Mund lachen, dass einem angst und bange wird, die Mundwinkel könnten bis zu den Ohren einreißen. Und natürlich halten die alle eine Flasche der beworbenen Colamarke in der Hand. Schwappt natürlich auch nichts aus der Flasche, während sie hochspringen und feixen, ach was, natürlich nicht. Ganz so, als wäre in der Flasche gar nichts Flüssiges. Aber so, wie die alle aus ihren individuellen Klamotten grinsen, könnte man eh meinen, die Pullen wären randvoll mit Koks, statt mit Zuckerwasser. Wenn ich an diesen Plakaten vorbeifahre, denk ich gar nicht, hey, ich hätte jetzt aber auch gerne so ’ne Cola. Nee nee, ich denke nur, boah, haben diese Leute da offenbar ein cooles Leben, wenn sie so herumspringen und lachen können. Und weil der Teufel immer auf den größten Haufen scheißt, schwappt nicht mal was aus der Flasche. Ja, das denk ich, und deswegen fühle ich mich schlecht. In meinem Leben wird nicht herumgesprungen, da wird auch nicht gelacht. Trotzdem schwappt ständig was aus der Flasche.
    Ich geh drum gar nicht mehr so gerne raus, jetzt echt. Wenn die Sonne morgens hinterm Horizont hochkommt, gehen bei mir die Rollos erst so richtig runter. Ich schlurfe dann erst mal zum Klo und kacke den Frust vom Vortag aus. Dann spül ich’s weg. Und dann sitz ich im Dunkeln und guck durch meine verschmierte Brille Internet. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist das Internetgucken auch nicht viel besser, als die vielen glücklichen Menschen auf den Plakaten draußen. Also gegen die Werbung hier im Internet hab ich mir so ’nen Werbeblocker besorgt. Jetzt versucht da keiner mehr, mir Cola zu verkaufen. Besser wird’s davon aber auch nicht. Wenn ich im Internet Porno gucke, sehen die Leute da auch immer so fürchterlich glücklich aus. Vor allem ... na ja ... hinterher. Ich mach dann manchmal ’ne Faust aus der rechten Hand. Die betrachte ich von allen Seiten und denke mir so, hmm ... nee, die sieht jetzt nicht so richtig glücklich aus.
    Das nervt mich dann schon ein bisschen. Also guck ich lieber Facebook. Aber, man könnte es schon ahnen, besser ist es da auch nicht. Überall sieht man da nur Menschen, die Spaß haben. Würde Spaß den Speichelfluss anregen, hätten die alle Schaum vorm Mund. Es wirkt immer so, als müssten all die Menschen auf Facebook gar nicht arbeiten gehen, als würden die nie ihren Kindern die stinkenden Windeln wechseln müssen oder im Streit mit dem oder der Angetrauten Omas gute Porzellanerbmasse zerschmeißen. Nee, immer grinsen nur alle von ihren Bildern, als wär das Leben ein Wettbewerb im Glücklichsein. Auf ihren Fotos stehen sie immer an mutterseelenverlassenen Stränden und lächeln in die Kamera. Alle. Dabei denk ich dann, wenn das wirklich alle machen würden, müssten die Strände ja ständig voller Leute sein, die irgendwie versuchen, noch gerade so aufs Foto zu kommen, dass es aussieht, als wären sie ganz alleine da.
    Tja, und ich so? Ich steh jetzt auf meinem Profilbild auch vor so ’nem Strand. Hab ich selbst gemacht. Mit Photoshop. Hab dabei auch versucht, so zu grinsen wie die anderen, aber immer, wenn ich einen Mundwinkel hochgezogen hab, ist der andere wieder runtergefallen. Jetzt ganz ehrlich, dieses ... dieses Grinsen, dieses Lachen und Glücklichsein, das ist nichts für mich.
    Mein Kumpel Heinz, der ist auch so einer, der von den Urlaubsfotos grinst. Der hat so viele davon online gestellt, dass die Hälfte von Facebooks Speicherplatz mit seinen Bildern vollgeknallt sein muss. Heißt ja immer, Facebook würde die Bilder von den Leuten für Werbung missbrauchen, weil man ja seine Rechte quasi abgibt und so, aber ich hab Heinz bisher noch von keiner Litfaßsäule grinsen sehen. Obwohl das ganze Facebook voll von ihm ist. Ist jetzt aber auch nicht der schönste, der Heinz. Na jedenfalls meinte Heinz mal zu mir: »Ey, warum fährst du denn nicht auch einfach mal in den Urlaub? Wird dir gut tun, wirst sehen. Das macht einen ganz neuen Menschen aus dir.«
    Ich hab dann nur mit den Schultern gezuckt. Das kann ich gut, das Schulterzucken. »Ach, was soll der Quatsch?«, sagte ich. »Urlaub machen kann ich auch mit Google Earth. Dat kost’ nix. Und wenn ich ’n Bild vom Eiffelturm brauch, dann such ich mir eins ausm Internet.«
    »Das ist doch aber nicht dasselbe«, meinte Heinz kopfschüttelnd. Der konnte das irgendwie nicht verstehen, was ich wiederum nicht verstehen konnte. Ich meine, es gibt ungefähr eine Bazilliarde Bilder von Sehenswürdigkeiten. Müssen es denn unbedingt eine Bazilliarde und eins werden, indem ich auch noch ein Bild dazu tue? Ich glaub ja nicht.
    »Du bist da echt zu pragmatisch eingestellt. Das bringt dich alles noch mal vorzeitig unter die Erde«, sagte Heinz, und vielleicht hatte er damit ja recht.
    »Außerdem kann ich mir so einen tollen Urlaub gar nicht leisten«, ergänzte ich, weil ich das Gefühl hatte, was zu ergänzen, wär nicht das Schlechteste. Außerdem mag ich es nicht, zusätzlich das Gefühl zu haben, andere Leute hätten recht.
    »Ach was! Das kannste doch mit ’nem kleinen Kredit machen«, sagte Heinz und zwinkerte so komisch, wie er das immer machte, wenn er meinte, er hätte da ’nen Trick, den kein anderer außer ihm kennt. »Klitzekleine Rate, das zahlste dann locker ab und hast dafür ’nen bombigen Urlaub.« Von wegen klitzekleine Rate. Kleinvieh macht auch Mist, sagt man. Bei Heinz hatte der Misthaufen schon ’ne eigene Gravitation. Schulden mit anderen Schulden ablösen, das ist auch ’ne Kunst. Das ist, wie aus nichts noch weniger machen und damit dann noch ruhig schlafen können. Aber so machte der Heinz das schon immer. Die ganze Welt wurde schon von Heinz bereist, ohne dass der auch nur einen ausgegebenen Euro dafür selbst verdient hätte.
    Das Problem für so Typen wie Heinz ist aber, dass die Leute von den Banken auch nicht ganz blöde sind. Man munkelt ja, dass inzwischen angehende Bankberater in Kreditrisikoschulungen zuerst Heinz’ Foto zu sehen kriegen. Also müssen so Leute wie Heinz irgendwann anderswo Kohle herbekommen. Na ja, machen wir’s kurz: Vor ein paar Monaten, da war der Heinz im Urlaub auf Maui, wo ihn allerdings Inkasso Moskau aufspürte. Die kamen wohl mit guten Argumenten und ’nem Knüppel oder so zu ihm, nahmen ihm die Hälfte seiner Kauleiste raus und meinten, wenn er nicht bald zahlt, nehmen sie auch die andere Hälfte mit und schenken ihm ein paar Adidas-Treter mit Betoneinlagen. Klar zahlte Heinz dann, wie auch immer er das wieder gemacht haben mag. Weiß halt, wie’s geht, der Heinz.
    Auf jeden Fall hab ich seitdem ein neues Hobby. Wenn ich nämlich mal wieder schlechte Laune hab, weil alle anderen um mich herum so gut drauf sind und mir die Perlweißmodels von den Werbeplakaten ihr kapitalistisches Glück auf die Glatze kotzen, dann guck ich einfach wieder Facebook, surfe bei Heinz vorbei und gucke seine Urlaubsbilder an: Heinz auf Maui – grinst auch wie ’n Honigkuchenpferd, und das geschwollene Auge ist da schon ganz gut abgeheilt, dafür sieht man allerdings einen ganzen Haufen schwarzer Löcher im Gebiss. Das sieht vielleicht aus. Herrlich! Echt nicht zu beneiden, der Kerl, und damit besser als jeder Urlaub. Darauf trink ich dann erst mal ’ne Cola.