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Samstag, August 13, 2016

Geschrieben von PhanThomas am Samstag, August 13, 2016 | Keine Kommentare

Tote Gäule traben nicht

Der Einzelhandel ist ein toter Gaul. Und während zumindest meine Generation längst abgestiegen ist, versucht die Branche noch immer, den aufgedunsenen Kadaver zum Trab zu bewegen, indem sie neue Sättel draufschnallt und liebevoll das Fell striegelt. Und ich gebe zu, hin und wieder lasse ich mich von einem besonders schönen Sattel und hübsch gebürstetem Fell auch in den Glauben versetzen, das könnte noch was werden mit dem Gaul ... und dann betrete ich doch einen Laden. Oder eben einfach dann, wenn ich dringend neue Schuhe brauche.

So letztens geschehen. Das Wetter war gut, ich hatte frei, und so machte ich mich auf nach Steglitz, wo es geschätzt fünf komma drei Schuhläden je Einwohner gibt. Und bevor ich jetzt in genervten Ton verfalle, sei diesem Prolog hinzugefügt: Ich! War! In! Jedem! Einzelnen!

Grundsätzlich scheint es erst mal zwei Arten von Schuhgeschäften zu geben. Die, in denen man jeweils nur einen Schuh im Regal findet und dann die, in denen beide Schuhe im Karton liegen.

Okay, zur ersteren Sorte: Ich hatte mich als Kind ja immer gefragt, warum Geschäfte, in denen man eigentlich VIELE Dinge kaufen kann, als »EINZELhandel« bezeichnet werden. Offenbar lautet zumindest für manche Schuhgeschäfte die simple Antwort: weil man eben nur einen einzelnen Schuh bekommt! Und da kriege ich ja einen Hals, dick wie’n Butterfass! Soll ich etwa, wenn ich – oh Wunder – einen verdammten Schuh gefunden habe, der mir gefällt, mit dem Ding durch den Laden bolzen und einen Verkäufer suchen wie ein Verdurstender in der Wüste auf der Suche nach der nächsten Oase? Und das, wo doch Menschen wie ich andere Menschen nicht leiden können – besonders dann, wenn sie Verkäufer sind, mich beobachten und dauernd fragen, ob sie helfen können. NEIN, IHR KÖNNT MIR NICHT HELFEN!!! MIR IST NICHT MEHR ZU HELFEN!!! Baumarktregel Nummer 1: Ich frage nicht nach, wo das Badezimmersilikon liegt, ich finde es selbst. Und wenn es sich nicht finden lässt, dann gehe ich eben wieder, weil es ganz offenbar nicht da ist, Punkt! Das gilt so auch in Schuhläden, verdammt noch mal! Die Urmenschen gingen doch auch nicht zum Serviceschalter, um zu fragen, wo das nächste Mammut zu finden war oder eine Aufbauanleitung fürs Lagerfeuer zu bekommen. Deshalb, liebe Einzelschuhhändler: So wird das nichts mit uns. Sagt doch schon eine alte chinesische Weisheit: Biete dem Menschen nur einen Schuh und du bietest ihm keinen Schuh.

Kategorie zwei der Schuhgeschäfte, die wenigstens nicht glaubt, jeder Kunde sei von Haus aus Kleptomane und würde mit den frisch anprobierten Tretern sogleich aus dem Laden marschieren, ist alles in allem aber auch nicht angenehmer. Zwar wäre ich während meiner Schuhsafari hier zumindest theoretisch in der Lage gewesen, auch mal BEIDE Füße in die besohlten Lederwaren zu schieben, aber immer dann, wenn die Theorie mit einem niedergeschriebenen Masterplan glänzt, kommt die Praxis fröhlich pfeifend um die Ecke und setzt einen großen Haufen drauf.

Denn das Drama fängt schon bei der Auswahl an. Ja ich weiß, die Ladenfläche ist begrenzt und man kann eben nicht so viel Zeug im Angebot haben wie Amazon oder diese Berliner Gebrauchthandyläden, die sich über Nacht in pleitegegangenen Geschäften manifestieren, aber wenn ich eben Sneakers kaufen will, und wenigstens gefühlt tragen doch die meisten Leute unter achtzig Jahren Sneakers, dann erwarte ich einfach nicht, dass das Sneakers-Regal so groß ist wie die Miniküche in Barbies scheiß Traumhaus! Es gibt deswegen auch nur so ungefähr fünf unterschiedliche Modelle, von denen gerade mal eines farblich nicht nach halb verdautem Brokkoli aussieht. Der Rest des Ladens ist dafür vollgestopft mit zehn Fantastilliarden Varianten an Lackraketen! Das sind jene Schuhe, die sich der Businesskasper von Welt über die gebügelten Socken stülpt, wenn er Kompetenz vortäuschen muss. Schuhe wie diese gibt es in genau zwei Farben: Braun und schwarz. Warum zur Hölle muss ein Laden davon also mehr Modelle haben, als es Atome im Universum gibt?

Das nächste Drama ist dann – man ahnt es – die Schuhgröße. Als Mann finde ich es ja schon schlimm genug, dass man von den guten alten Größenangaben in Zahlen wie 40, 41 und so weiter abgerückt ist, um mir jetzt eine Achteinhalb zu präsentieren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, verflixt und zugenäht, also hört auf, unsere liebgewonnenen Größen durch fünf zu teilen oder was weiß ich, was ihr da tut! Hundert Gramm Käse sind schließlich auch seit jeher hundert Gramm Käse und nicht plötzlich dreiundzwanzig komma sieben acht Metakubri. Man muss nicht aus allem eine Wissenschaft machen.

Aber das eigentliche Problem mit den Größen ist dann viel eher, dass keine der vorrätigen Schuhe passen. Okay ich weiß, ich habe kleine Füße, ich bin größentechnisch insgesamt eh nicht gerade das, was man Durchschnitt nennt, aber zumindest in meinen Augen sind alle Schuhe der Herrenabteilung, die man heute in einem Geschäft kaufen kann, lediglich in den Größen »Kindersarg« und aufwärts erhältlich. Was ist hier eigentlich passiert? Hat Tschernobyl nicht nur unsere Pilze versaut, sondern den Leuten Goofys Fußlänge beschert? Das kann doch nicht gesund sein. Wenn das so weitergeht, braucht sich zum Skifahren bald niemand mehr Bretter unter die Füße zu schnallen.

Um es kurz zu machen, es lief in jedem einzelnen Laden so ab: Ich suchte und fand so ziemlich genau ein Schuhmodell, das mir gefiel, probierte es an und es passte nicht. Kein! Einziges! Mal! Natürlich machte mich das immer wütender. Jedes Mal, wenn ich dann ein Schuhgeschäft verließ, stellte ich mir vor, ich sei einer dieser Superbösewichte aus den Comics und im nächsten Moment würde der Laden effektvoll explodieren, während ich ganz lässig, ohne mich umzudrehen und natürlich in Zeitlupe, weggehen würde – den rechten Mundwinkel zu einem fiesen aber zufriedenen Lächeln verzogen.

Ende der traurigen Ballade: Ich ging nach Hause, klappte das Notebook auf, rief den Schuhhändler meines Vertrauens auf, der mit »Z« anfängt und auf »alando« endet, stellte ein paar Filter ein – klick, klick, klick – schon waren drei (übrigens passende) Schuhpaare unterwegs zu mir. Zeitaufwand: ungefähr drei Minuten. Nervenersparnis: unendlich! Und so leid es mir tut: Zumindest für mich bleiben die toten Gäule jetzt tot.

Samstag, Juli 30, 2016

Geschrieben von PhanThomas am Samstag, Juli 30, 2016 | Keine Kommentare

Wie es später früher mal gewesen sein wird

Manchmal wünsche ich mir, irgendwann in ferner Zukunft Enkelkinder zu haben. Das ist natürlich völlig absurd, weil ich selbst keine Kinder haben möchte. Dennoch mag ich den Gedanken, als mit Weisheit gesegneter Opi in meinem unfassbar bequemen Ohrensessel zu sitzen, eine karierte Decke mit Goldrand über dem Schoß und ein Rudel Halbwüchsiger im Halbkreis vor mir sitzend, das staunend zu dem kahlen aber mit einem imposanten weißen Bart gesegneten Großvater aufschaut und sich elegant ausgeschmückte Geschichten von früher anhört, während die Großmutter etwas abseits sitzt und mit halbem Ohr zuhört, was der Greis jetzt schon wieder für Blödsinn verzapft.

Das wären dann Geschichten, wie sie selbst heute schon fast wie aus grauer Vorzeit klingen. Zum Beispiel, dass wir, als ich selbst noch ein Dreikäsehoch war, keine Heizung hatten, sondern nur einen wuchtigen Kohleofen, in dem ganz bestimmt kinderfressende Kobolde lebten, die nachts hervorkamen und uns schlafenden Kindern die Seele absaugten. Morgens nach dem Aufstehen war es so kalt in der Wohnung, dass wir unsere blaugefrorenen Füße in ausgehöhlte Eisblöcke steckten, um sie zu wärmen. Okay, das ist etwas weit hergeholt, klingt für unwissende Kinder, die sich den gut gepolsterten Hintern an der Fußbodenheizung wärmen, aber sicherlich ganz faszinierend.

Und dann wäre da die Geschichte, dass es ja damals kein Telefon gab, zumindest nicht bei uns auf dem Land, wo unachtsame Spaziergänger noch von riesigen Wölfen gefressen wurden. Für Kinder, deren Hände – der Evolution sei dank – vermutlich bereits allein für das Halten eines Smartphones geformt sein werden, sicherlich ein unvorstellbar barbarischer Zustand. Aber es war ja so. Wir mussten eben einfach losziehen und solange bei Freunden klingeln, bis eine ausreichend große Gruppe zusammengetrommelt war, mit der sich was Anständiges anfangen ließ: mit Spraydosen kleine Wälder abfackeln zum Beispiel. Dicke Kinder gab es deswegen nicht, schließlich wohnten alle ausreichend gut im Ort verteilt, und hin und wieder ging auch mal ein Kind auf dem Weg zu Freunden für immer verloren – zumindest erzählte man sich das, und der komische Typ, der ständig sein Auto wusch, war auf jeden Fall ein Kindermörder, der leckere Süßigkeiten anbot, wenn man zu nah heranging und zu dem man auf gar keinen Fall ins frisch gewaschene Auto steigen durfte –, aber so war das eben. Wer sozial sein wollte, musste noch ganz andere Opfer bringen als einer im Sekundentakt nervig piepsenden WhatsApp-Gruppe beizutreten oder beim gemeinsamen Pokémon-GO-Spielen in den Dorfteich zu fallen.

Außerdem würde ich in epischer Länge über das Nichtvorhandensein adäquaten Spielzeugs fabulieren. Hm, ob Kinder in 40 Jahren noch wissen werden, was nicht digitales Spielzeug ist? Sogar bei digitalem Kram wird es doch heute schon schwierig: Welches Kind weiß bei all den hochauflösenden Bildschirmen denn heutzutage noch, was ein echtes Pixel ist? Als ich jünger war, waren Pixel groß wie Grizzlybären und mindestens genauso gefährlich. Aber zurück zum Spielzeug, das wir, wie schon angedeutet, ja quasi gar nicht besaßen, weshalb wir mit Mottenkugeln und Rattenködern »Glückliche Familie« spielten. Na gut, gelogen, aber das werden die Kinder ja nicht merken. Was nicht gelogen ist: Meine Kindheit war dermaßen unschuldig, dass ich statt ausufernder Weltraumschlachten einfach nur das Märchen »Der Wolf und die sieben Geißlein« nachspielen wollte. Die Geißlein hatte ich, den Wolf sowieso, aber die Mutter fehlte mir, weshalb ich sie im Kindergarten klauen musste. Wir hatten ja nichts, hab ich das schon erwähnt? Nun gut, jedenfalls wurde ich erwischt, trotzdem nicht bestraft und hatte hinterher endlich die olle Ziegenmutter für mein Spiel. Wenn das nicht pädagogisch wertvoll war, was dann? Klauen lohnte sich offenbar voll, aber das würde ein weiser Großvater in seinem Haus voller wertvollem Kram natürlich nicht den Kindern erzählen, die ihm gebannt lauschen.

Apropos klauen: Derweil ich so darüber nachdenke, fällt mir auf, dass das ganze Prinzip meiner Gedankenspielerei von »Käpt’n Blaubär« gestohlen ist. Ach, es ist doch eine Crux: Kaum erfindet man was, hat’s schon irgendwer vorher erfunden. Aber wie gesagt, mit den brav zuhörenden Enkelkindern wird es eh nichts, also werde ich mir wohl doch lieber einen wunderschönen Krückstock kaufen, mit dem ich drohend in der Luft herumfuchteln werde, während ich unverständliches Zeug schimpfe, weil mir nicht gefällt, was die Nachbarskinder schon wieder treiben. So lässt sich der Lebensabend sicher auch gut aushalten.

Mittwoch, Dezember 23, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, Dezember 23, 2015 | 2 Kommentare

Kerzen auf dem Planeten der Affen

Auf der Suche nach einer Kerze (immer diese kreativen Weihnachtsgeschenke) waren meine Freundin und ich neulich – da muss ich tief durchatmen – im »Bikini Berlin«. Nicht, dass nebenan nicht auch ein Weihnachtsmarkt gewesen wäre, auf dem fünf fantastilliarden Sorten an Kerzen verkauft wurden, aber nee, irgendwie sagte uns das alles nicht zu. Wenn man schon Kerzen schenkt, dann richtig. Aber gut, zurück zum »Bikini«: Dabei handelt es sich nicht etwa um extragroße Damenbademode, die man betreten kann (obwohl man solche extravaganten Konstruktionen den Berliner Stadtplanern mit ihrem Stahlbetonfetisch ja durchaus zutraut), sondern um ein Einkaufszentrum. Na ja, oder um so etwas Ähnliches.

Genau genommen habe ich noch nicht verstanden, was das »Bikini« eigentlich genau sein möchte. Laut Webseite eine »Concept Mall«. Und damit fängt der Irrsinn auch schon an. Optisch schaut das Ding von innen aus wie das »Alexa« am Alexanderplatz von außen: grausig! Alles hat diese Warenlageratmosphäre: Die Decke voller Rohre und wirr verlaufender Kabelkonstruktionen, die Wände nicht verkleidet, also ziemlich genau so, wie der BER anno 2015. Überall stehen Kisten im Weg, von denen man eigentlich meinen möchte, jemand hätte sie beim Einräumen vergessen, aber dann sitzt eben doch schon wieder ein komisch anmutender Berliner drauf und schlürft sein Tässchen Was-auch-immer-mit-Biosojamilch. Geschäfte gibt es dort natürlich auch. Alles wirkt ein bisschen wie in »Mad Max«, nachdem da einmal feucht durchgewischt wurde: Zusammenimprovisierte Miniboutiquen aus Bretterzäunen, Baupaletten und Maschendraht zusammengefriemelt, und drinnen oder daneben steht eine gelangweilte Verkaufskraft, die sich aufgrund des mageren Warenangebots so wenig bewegen muss, dass man sie auch für eine Schaufensterpuppe halten könnte. Aber ich weiß schon, das muss so, das gehört zum Konzept.

Apropos Konzept: Das erschließt sich mir nämlich nicht wirklich. In den größeren Geschäften mit dekadent üppiger Verkaufsfläche stehen lediglich zwei, drei Tischlein, auf denen ... Dinge platziert wurden, die entweder Verkaufsartikel oder Deko sind oder beides. Meist sieht das, was da an potenzielle Kundschaft mit ausgeleiertem Geldbeutel vertickt werden soll, so aus, als hätte man zwei willkürliche Gegenstände in einen Teilchenbeschleuniger geschmissen, um sie kollidieren zu lassen und das verknäulte Ergebnis dann als Kunst auszugeben. Zumeist haben wir das nur vom Schaufenster aus festgestellt, weil wir uns nicht wirklich trauten, die Läden zu betreten, denn merke: Ein leeres Geschäft und ein gelangweilter Verkäufer bergen immer die Gefahr, dass man mit Beratungsgesprächen vollgeballert wird, sobald man auch nur einen Viertelfuß in den Laden setzt. Der Traum eines jeden, der lieber online bestellt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Geschäfte ihr ach so individuelles Konzept schon am Namen herausstellen wollen, der dann auch so gar nichts darüber aussagt, was einem drinnen eigentlich angedreht wird. Das alles geht so weit, dass ich mich fast nicht traute, aufs Klo zu gehen, weil ich nicht sicher war, ob sich hinter der Tür mit den goldenen Lettern »WC« tatsächlich ein Lokus oder doch wieder nur ein Klamottenladen verbarg.

Aber wie gesagt, gehört eben alles zum Konzept. Man kann sich schließlich schlecht »Concept Mall« nennen, wenn dann hinter der Tür doch nur Kik und Lidl warten. Ich will das »Bikini« auch gar nicht zerreden, auch wenn das hier eventuell, also nur vielleicht, ein kleines bisschen so wirken könnte. Das Ding war brechend voll, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass da irgendwer tatsächlich mal eine Lampe aus rostigem Stacheldraht und ein paar Glasscherben für tausend Euro kauft. Das Ding ist quasi der Gegenentwurf zu den Ikeas und H&Ms dieser Welt: Hier ist alles und jeder so fürchterlich individuell, dass man eigentlich nur dann auffällt, wenn man bei Ikea und H&M einkaufen geht. Alles ist so hip, hipster wird's definitiv nicht. Anders ausgedrückt: Wir sind einfach die falsche Klientel. Zu einfach, zu provinziell, zu Kassengestell. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Salz und Pfeffer im Essen das höchste aller kulinarischen Gefühle waren. In einem solchen Shoppingtempel fühle ich mich wie Charlton Heston auf dem Planeten der Affen (die übrigens ihr Gehege – kein Witz – direkt nebenan haben), und das fasst für mich auch alles zusammen, was man darüber sagen kann.

Ach ja, Kerzen gab's dort übrigens keine.

Montag, November 02, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Montag, November 02, 2015 | 6 Kommentare

Wird mal gut


Um dich her, da sitzen Leute,
jeder tut, was er so tut.
Am Monatsende, »fette« Beute
für die Arbeit. Für dein Blut.

Bis hierher! Du möchtest schreien:
Fickt euch doch und euren Mist!
Du willst dich aus dem Schlund befreien,
der dich täglich mehr zerfrisst.

Schaust du dir mal in die Augen?
Siehst im Spiegel dich aus Glas.
Erkennst du, wie die Jahre saugen?
Stück für Stück beißt du ins Gras.

Wär's nicht leicht, jetzt fortzugehen?
Führt der Weg doch durch die Tür.
Bevor du losgehst, bleibst du stehen.
»Erst mal sehen.« – Nur wofür?

Deine Zeit hört auf zu geben,
da sie auch mal nehmen muss.
Doch c'est la vie, du gibst dem Leben
einen schweren Sehnsuchtskuss.

Tust, was immer du schon tatest,
Weil's auch jeder and're tut.
Du würdest gerne, doch du wartest:
»Wird mal besser, wird mal gut.«

Montag, Oktober 12, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Montag, Oktober 12, 2015 | 3 Kommentare

Bärte machen keine Männer

Ich schrieb einst einen Text über Bärte. Über Männer mit Bärten, um genau zu sein. So ganz trennscharf ist das spätestens seit Künstlerinnen mit selbstgewähltem Nachnamen eines Fleischerzeugnisses ja auch nicht mehr. Ich war und bin der Ansicht, dass es das Recht eines jeden Mannes sein sollte, sein Antlitz mit Haar zu schmücken, vor allem dann, wenn er das Pech hat, auszusehen, als sei er in Kindertagen mit dem Gesicht in einen hochschnellenden Spaten gerannt. Nicht umsonst tragen männliche Superhelden so gut wie nie Bärte: Sie haben ein Kinn. Ein richtiges Männerkinn. Ein Kinn, so ausgeprägt, dass sie damit problemlos gefrorenen Boden umpflügen könnten. Nicht-Superhelden wie ich sind da anders gebaut: Mein Kinn sieht eher aus, als hätte der Unterkiefer mal Prügel vom Oberkiefer bezogen und sich seither tief in den Schatten zurückgezogen. Das kann man schon so zur Schau tragen. Kann man machen, ja, aber dann sieht’s halt scheiße aus. Drum einfach was drüberwachsen lassen, und fertig ist die Laube.

Zusammengefasst war ich bisher also für Männer mit Bärten. Ja ganz ehrlich, ich war total dafür, einen Trend draus zu machen. Dooferweise wurde dann ... ein Trend draus. Tja, und jetzt laufen sie überall herum, diese Männer mit Bärten. Aber nicht nur mit Schnauzbärten, Kinnbärten oder extravaganten Backenbärten. Nein, Vollbärte müssen es sein. Die ganze Stadt ist voll von diesen Typen. Ich weiß nie, stehe ich einem Hipster gegenüber, einem Salafisten auf Urlaub oder doch nur einem entlaufenen Alpaka. Manchmal komme ich mir vor wie auf dem Waldmond Endor, umgeben von zu groß geratenen Ewoks mit tätowierten Unterarmen. Argh, überall diese Bärte, und ich gebe zu, ja, sie regen mich auf! Ein Haar in der Suppe stört mich nicht, aber wenn man schon dran ersticken kann, schwillt mir doch der Kamm.

Als ich klein war, gab es das nicht. Da trugen eher so Leute wie einer der Wildecker Herzbuben einen Vollbart. Und das war okay. Der hätte ohne Bart wahrscheinlich einfach nur noch dicker ausgesehen. Oder man hätte ihn mit seinem Herzbubenbruder verwechselt, was jetzt auch keine Katastrophe gewesen wäre. Ansonsten trugen in meiner Kindheit genau drei Männer Vollbart. Aufsteigend geordnet nach ihrer Wichtigkeit waren das: Gott, der Weihnachtsmann und Bud Spencer. Das war eine sichere Bank, das musste so sein. Einen Weihnachtsmann ohne Vollbart hätte ja kein Mensch ins Haus gelassen. »Ein dicker, glatt rasierter Kerl mit rotweißen Klamotten und 'nem großen Sack über der Schulter? Ein Perverser! Ruft die Bullen!« Nein, so ein Vollbart vermittelte einfach auch Sicherheit und Seriosität. Bud Spencer mit seinem Bart aus Bürstendraht beispielsweise: Da konnte man immer sicher sein, dass er den Bösen ziemlich seriös eins aufs Maul gibt.

Ja, damals war die Welt eben noch in Ordnung. Niemand sonst ließ sich so das Gesicht zuwuchern. Väter, die trugen damals beispielsweise lieber Schnauzbärte. Ob von dominanten Ehefrauen verordnet oder einfach im Schatten des wandelnden Brusthaarpanzers Tom Selleck, das weiß ich nicht, aber es war halt so. Mein Vater trug einen dicken, dichten, schwarzen Schnauzbart, in dem man locker ein paar mittelgroße Zootiere hätte verstecken können. Der sah damit immer ein bisschen aus wie Josef Stalin, nur in weniger böse. Doch einen Vollbart hätte der sich nie stehen lassen, obwohl er es gekonnt hätte.

Nun, ich könnte das zwar auch so irgendwie, auch wenn das Ergebnis vermutlich löchrig wäre und eher einem viel zu lange gereiften Schweizer Käse gleichen würde. Aber das Hauptproblem wäre wohl eher, dass ich eben nicht sonderlich groß bin. Was das mit Vollbärten zu tun hat? Nun, mit Vollbart sähe ich aus wie ein verirrter Gartenzwerg auf der Suche nach seiner Mütze. Das ist jetzt nicht unbedingt, was man mit so einem Bart suggerieren will: Männlichkeit natürlich!

Und vielleicht hasse ich sie ja deswegen so, die vielen schlacksigen Typen, die in ihren Birkenstocksandalen durch Berlin schlurfen, das wallende Haar zu einem Hipster-Dutt zusammengeknödelt, die teure Markensonnenbrille auch an schattigen Tagen in der U-Bahn auf der gepeelten Nase, und unterhalb selbiger natürlich der kilometerlange schamponierte und gute geölte Naturhaarteppich: Ich kann da nicht mitmachen, weil meine Freundin mich erstens so wohl mit einem Schlafsack und 'nem Laib Brot in den Keller sperren würde und weil ich zweitens eben, wie gesagt, einfach unfassbar albern aussähe.

Aber ganz ehrlich, viel weniger albern wirken diese Fellfetischisten in derart rauen Mengen auch nicht mehr: zwei Augen, die aus einem Gewühl von Haaren ragen und sich hinter 'ner Sonnenbrille verstecken? Gab es seinerzeit, als das Fernsehen noch schwarzweiß war, bei der Addams Family schon: Vetter It hieß der haarige Zeitgenosse, der stets klang wie ein schimpfendes Eichhörnchen mit Heliumsucht. Sogar den bei Hipstern beliebten Hut trug It bereits. Herzlichen Glückwunsch also, liebe Hipster: Ihr seid nun modisch definitiv in der Addams Family angekommen.

Nein, also wenn ich genauer drüber nachdenke, wird mir die Sache doch zu haarig. Genervt bin ich von der Allgegenwärtigkeit zugewucherter Männergesichter trotzdem. Und spätestens, wenn mir einer dieser BRÖSELBESENANBETER DAS HACKFRESSENSCHAMHAAR NÄCHSTENS IN DER ÜBERFÜLLTEN U-BAHN INS GESICHT DRÜCKT, SKALPIERE ICH IHM SELBIGES OHNE BETÄUBUNG!!! Aber ich rege mich nicht auf. Drum, für den sozialen Frieden in meinem näheren Umfeld und allgemeines Ungenervtsein, und weil das nach dem letzten Barttext auch so prima geklappt hat, versuche ich es einfach noch mal ganz nett und ohne Haarspalterei: Liebe Leute ... können wir uns nicht einfach auf ’nen Dreitagebart einigen? Das wär sehr lieb, danke schön!

Freitag, September 25, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Freitag, September 25, 2015 | 12 Kommentare

Des Monsters Scheiß


Es wohnt ein Monster an der Spree,
macht (re)publik
wohl Politik.
Spielt Spiele, die ich nicht versteh,
von Geld und Krieg
und Markt und Sieg.

Weil Monsters Säen Wellen macht,
verbricht sein Wind
ein totes Kind
und tote Mütter - schwarze Nacht!
Weil Leichen blind
und freudlos sind

zieh'n Lebende vor uns're Tür,
aus Monsters Brand
verheertem Land.
Mit krummem Rücken steh'n sie hier
zur kahlen Wand
mit leerer Hand.

Der Kleingeist flucht, das Monster schreit:
»Die Welle rollt
nicht wie gesollt!
Wir sind für euch hier nicht bereit!
Noch nicht mal zollt
ihr Schwarzrotgold!«

Wer Wind erst sät, der erntet Sturm.
Der Kluge weiß
um diesen Preis
für Kriegsspiel aus dem Herrscherturm.
Ein ewig' Kreis,
des Monsters Scheiß!

Mittwoch, Juli 22, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, Juli 22, 2015 | 3 Kommentare

Muss man wissen

Meine allererste Vorlesung während meines Studiums war allgemeine Betriebswirtschaftslehre, kurz ABWL. Der Dozent, ein schneidiger, wahnsinnig beschwingter, hundert-Euro-Kurzhaarfrisur-tragender Mann von höchstens vierzig Jahren, spazierte in seinem königsblauen Honecker-Gedächtnis-Anzug zur Tür herein und grüßte freundlich in die Runde. In den Händen trug er einen großen Karton. »Da ist doch hoffentlich Ihr Frühstück drin«, witzelte ich. Er guckte mich kurz erstaunt an, grinste dann und sagte: »Oh ja, geistiges Frühstück!« Darauf lachte er, wie damals nur Leute lachten, die ein FDP-Parteibuch besaßen. Das Skript zur Vorlesung, das in n-facher Ausführung in diesem Karton lag, war fürchterlich dick, und ich ahnte, bis zur Prüfung am Semesterende würde ich all diesen Kram irgendwie in mich hineinfressen müssen. Tipp: Keine Angst vorm Lernen! Das In-sich-hineinfressen von Wissen führt keinesfalls zu akuten Kotzanfällen, selbst dann nicht, wenn die halbe Nacht durchgepaukt wird. Sollte der lernende Proband wider Erwarten doch anschließend mittels Brüllen in die Kloschüssel die Nachtruhe stören, war einfach nur die zehnte Tasse Kaffee eine zu viel.

Der Mensch hat ja keine Ahnung, wie viel Kram er tatsächlich lernen kann, bis er es einmal tun muss. Man stellt sich das menschliche Lernvermögen ja immer – Al Bundy-Fans werden sich erinnern – ganz gern wie das Abstellen von Gegenständen auf einem Regal vor: Hier ein Büchlein mit BWL-Stoff, da das Schächtelchen mit dem Grundlagenwissen zur VWL, dann ganz vorsichtig noch die Finanzsbuchhalt... verdammt, jetzt ist doch glatt die Ming-Vase mit den kostbaren Actionfilmzitaten vom Regalbrett runtergefallen, direkt auf das eingestaubte Fabergé-Ei mit den von Omi überlieferten Plätzchenrezepten. Beides futsch, alles vergessen. Mist! Aber so ist es eben nicht. Der Mensch ist in der Lage, unendlich viel nützliches wie unnützes Zeug zu lernen. Das meiste davon braucht man nie wieder wirklich, höchstens, um sich auf Partys unbeliebt zu machen. Einfach mal in illustrer Runde ein Bier öffnen und direkt nach dem ersten Schluck das Gossensche Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen herbeten, schon wird man für den Rest des Abends gehasst wie Fußpilz im Wohnheimklo. Mein Tipp an dieser Stelle: nicht ausprobieren! Zack, und schon wieder hat jeder was gelernt, ohne was anderes vergessen zu müssen. Wer das nicht glaubt, möge sein Sammelsurium an Filmzitaten ruhig durchgehen. Alles noch da, richtig? Na also. Yippie-Ya-Yeah, Schweine...priester.

All das Wissen, das man in seinem Leben hortet, kann eine ziemliche Last sein. Nicht nur, weil man damit längst zu »Wer wird Millionär?« gehen könnte, es aber nicht tut, aus Angst, direkt bei der Fünfzig-Euro-Frage abzustinken – was, wie inzwischen bewiesen wurde, durchaus möglich ist. Nein, auch deswegen, weil man all den gesammelten Kram nicht mitnehmen kann, wenn irgendwann einmal der dürre, schwarzgekleidete Mann vor der Tür steht, der nicht über Gott sprechen möchte, dafür aber eine Sense mitbringt. Noch schlimmer: Im Alter verkalken, sodass zwar all das Wissen noch im Hirn steckt, der Zugang dorthin aber unwiderbringlich verlorengegangen ist. Wie Kleingeld, von dem man ganz genau weiß, dass es irgendwo in diesem verdammten Sparschwein noch drinstecken muss, das aber festklemmt, sodass man es mit einem spitzen Haken herausnesteln muss. Tipp an dieser Stelle: Dies war nur ein Vergleich. Das mit dem Haken sollte keinesfalls aufs menschliche Gehirn und das dort vergrabene Wissen übertragen werden. Derart gequirlten Blödsinn haben zuletzt die alten Ägypter mit ihren Pharaonen veranstaltet, mit der direkten Folge, dass diese zweitausend Jahre später nicht, wie verdient, in Frieden ruhen dürfen, sondern seit jeher in irgendwelchen Museen herumstehen und einstauben. Hier werden sie zu allem Überfluss von Bazillionen an gelangweilten Schulkindern begafft, die, statt sich in Klopapier eingewickelte Leichen anzugucken, vermutlich viel lieber Pokémon zocken würden. »Shiggy greift Tutanchamun mit Aquaknarre an. Es ist sehr effektiv.« Will man denn so enden? Ich glaube ja nicht.

Das Wissen an sich hat also schon mal nur eine begrenzte Lebensdauer, deren Ende spätestens dann erreicht ist, wenn nach dem Ableben aus dem einstmals prachtvollen Hirn ein schrumpliges Würmergulasch wird (sofern es eben nicht von Altägyptern per Pürierstab zu Maggi-Fix-Rahmsauce verarbeitet wurde). Davon abgesehen spricht man leider auch noch von der Halbwertzeit des Wissens. Die hat nichts mit der Güte des eigenen Denkapparats zu tun, sondern ist daran gebunden, wann ein Wissen seinen Nutzen verliert. Ein einfaches und allseits bekanntes Beispiel ist das Wissen um den Eisengehalt des Spinats. Dass Spinat sehr viel Eisen enthielt, war so lange gut zu wissen, bis es schlicht und ergreifend nicht mehr stimmte. Millionen unter Eisenmangel leidende Kinder, denen der von Mutti aufgezwungene Spinat noch aus den Mundwinkeln hing, konnten aufatmen. Okay, blödes Beispiel. Hier ein akkurateres: Angenommen, ich hätte irgendwann einmal gelernt, wie ein Röhrenmonitor funktioniert – und ja, das habe ich –, dann wäre die Halbwertzeit dieses Wissens inzwischen überschritten. Die Dinger findet man heute höchstens noch in Museen oder in den Büros von Einwohnermeldeämtern. Es war schön zu wissen, wie die dicken Kisten funktionierten, bis eben der Tag gekommen war, an dem keine Sau mehr so ein Ding besaß. Zusätzlicher Tipp an dieser Stelle: Partygäste, denen der Gossensche Grenznutzen schon nicht gefällt, sind auch wirklich nur äußerst selten daran interessiert zu erfahren, wie ein Röhrenmonitor funktioniert. Das Feststellen derartiger Zusammenhänge bezeichnet man als Datamining, aber auch hier gilt: Trägt der potenzielle Party-Kommunikationspartner nicht gerade ein Warhammer-40,000-Shirt und balanciert eine Brille aus zusammengezurrten Flaschenböden auf der Nase, wird er sich kaum für die Vorzüge von Datamining interessieren. Und DAS nennt man übrigens Vorurteil.

Leute, die sich einen gut gepflegten Garten aus Vorurteilen halten, meinen meist auch, das Wissen insgesamt gepachtet zu haben. Klar, auf irgendwas muss das Unkraut aus Klischees und Ignoranz ja auch wachsen, das sie für ein hübsches Blumenbeet halten. Mitunter sind solche Menschen leicht zu erkennen: Tragen sie beispielsweise absichtlich kein Haupthaar und haben eine chronische Starre im rechten Arm, dann erübrigt sich ein intellektueller Diskurs mit ihnen zumeist. Mein Tipp: Führen diese Leute Argumentationshilfen in Form nordamerikanischer Sportschlaggeräte bei sich, dann gilt: Maul halten und rennen, was das Zeug hält! Schon schwerer zu erkennen ist eine andere Kategorie von Menschen: nämlich jene, die erst mal völlig gewöhnlich aussehen, mit einem ziemlich normalen Gesprächsthema einsteigen, nur um dann ganz fix darauf umzuschwenken, dass sie ziemlich genau wissen, wie der Hase läuft und wie wir von »denen da oben« ferngesteuert werden. Plötzlich werden wir reihenweise von der Lebensmittelindustrie vergiftet, von der Pharmaindustrie sowieso, und bei allem Blabla denkt man unweigerlich: Freund Blase, wenn du ganz genau weißt, dass uns jeder vergiftet, weshalb klappt es dann bei dir nicht? Solche Menschen meinen gerne, alles zu wissen, sind aber in erster Linie vor allem eines: saublöd! Drum hier mein abschließender Tipp: Jedes Gespräch vermeiden und lieber noch einen Schluck nehmen, solange das Bier kalt ist. Schlauer wird man davon zwar auch nicht, mehr Spaß bringt es aber allemal. Muss man wissen.

Donnerstag, Juni 18, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Donnerstag, Juni 18, 2015 | 3 Kommentare

Die Frage, deren Antwort man kennt


Ich saß im Büro, war im Alltag ersoffen,
da hatte ich dich in 'nem Tagtraum getroffen:
Wir zwei an der Ampel, sie gab grünes Licht,
und ich ging auf dich zu, doch du regtest dich nicht.

Zog Kreise um dich wie die Sonne ums Heute,
ich winkte und rief dich, es starrten die Leute
auf uns und sie wünschten, es würde gescheh'n,
denn sie sagten: Mensch Mädchen, du musst ihn doch seh'n!

Doch hatte mein Traum dir die Augen genommen.
Du bliebst wie erstarrt, ich lud tränenverschwommen
die Schuld auf den Traum, denn du sahst mich ja nicht,
mit zwei tiefschwarzen Löchern in deinem Gesicht.

So wachte ich auf, mir war heiß und es brannte
die Frage im Kopf, deren Antwort ich kannte:
Weshalb du nichts sagtest – sie sei mir erlaubt.
Denn wenngleich du auch blind warst, du warst nicht ertaubt.

Mittwoch, Juni 03, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Mittwoch, Juni 03, 2015 | Keine Kommentare

Lern du später was Anständiges ...

»Lern du später was Anständiges, dann hast du es mal besser als wir!«, war so ein Satz, den meine Mutter gern vom Stapel ließ, wenn sie mal wieder die Spinnweben aus der Brieftasche wedelte. Nun, ich nahm sie beim Wort und studierte Wirtschaftsinformatik. Die Wirtschaft bringt seit jeher die Kohle, Computer sind die Zukunft, da konnte ich ja gar nichts verkehrt machen!

Neulich dann im Baumarkt ...

Eigentlich hätte es schon ein schlechtes Omen sein müssen, als ich die U-Bahn-Station hochstiefelte und mir die in Moll gehaltenen, dramatisch interpretierten Akkordeonklänge eines Straßenmusikanten hinterherdudelten. Hätte man dem guten Herrn stattdessen eine dicke Orgel hingestellt und das eigentlich ganz nette Frühlingswetter durch grollendes Gewitter ersetzt, der vor mir aufragende Baumarkt hätte dann auch gut und gern das düstere Schloss eines stereotypen Vampirfürsten in einem Horror-B-Movie sein können. Baumärkte und ich, wir verhalten uns äquivalent zu Pizza und Mikrowellen: Wir gehen cool rein und kommen nach viel zu vielen gedrehten Runden im Inneren ziemlich labbrig und aufgeheizt wieder raus, ohne dass das Resultat für irgendwen sonderlich zufriedenstellend wäre.

Dabei mochte ich Baumärkte als Kind noch ganz gerne. Also eigentlich waren es nur diese ganz speziellen Häuslebauabteilungen mit den ausgestellten Türen in mehr oder weniger freistehenden Rahmen, die ich gern mochte. Keine Ahnung warum, aber ich ging als Dreikäsehoch eben gern durch Türen, auch wenn nichts dahinter lag. Vielleicht war das unbewusst der frühe Ausgleich dafür, dass ich im späteren Leben ständig gegen Wände, statt durch Türen rennen sollte. Für das ganze andere Brimborium, das Baumärkte dem Heimwerker von Welt so boten, interessierte ich mich damals dagegen nicht. Das lag in der Natur der Sache, was mich anging: Heimwerken und ich, das verhielt sich immer schon äquivalent zu Pizza und ... ach nee, das hatten wir schon. Jedenfalls ist es seit jeher so, dass ein Versuch meinerseits, einen Nagel in eine x-beliebige Wand zu treiben, eher den Gebäudestatiker auf den Plan rufen würde, als dass der Nagel tatsächlich fachgerecht in der Wand landet.

Natürlich sind daran wie immer meine Eltern schuld. Mein Vater hätte mich mehr in die Pflicht nehmen müssen, aber das tat er ebenso wenig, wie meine Mutter mir etwa beibrachte, wie man sich was Anständiges zu essen kocht. Und so würde ich heute am liebsten bei jeder Kleinigkeit einen Handwerker engagieren, wie ich auch Maggi Fix für Nudelwasser kaufen würde.

Entsprechend fremd fühle ich mich, sobald ich einen Baumarkt betrete, so wie ich das neulich eben tat. Um ein paar Schrauben zu kaufen. Schrauben. Einfach nur ... Schrauben. Um etwas ... festzu...schrauben. Als Informatiker denke ich da vielleicht zu digital, zu sehr in Einsen und Nullen, aber wenn ich losziehe und Schrauben kaufen möchte, dann erwarte ich – verdammte Axt – dass es einfach ein Regal gibt, in dem Schrauben liegen. Und das gibt es dann ja auch, aber warum ist das vermaledeite Regal denn bitte zwanzig Meter lang und enthält hunderte Schraubensorten, die für alles Mögliche geeignet sind? Holzschrauben, Spanplattenschrauben, Bohrschrauben, Schrauben für Blech, Schrauben für Harzer Käse, und und und. Dazu passend und nicht passend natürlich alle nur erdenklichen Größen und Formen von zugehörigen Muttern, Unterlegscheiben und Dübeln, und nichts davon liegt irgendwie so beieinander, dass ein Typ wie ich, der zwar jeden Drucker zum Laufen kriegt, der aber beim Einschrauben einer Glühbirne zur Gefahr für die Allgemeinheit wird, auch nur annähernd die Teile findet, die tatsächlich zusammengehören. Meine Fresse, das kann doch nicht im Sinne des Erfinders sein, oder?

Ich habe da ja eine Theorie: Eigentlich geht es gar nicht darum, dem potenziellen Kunden ein gut sortiertes Warenangebot zu präsentieren, bei dem er beherzt zugreifen und möglichst wenig falsch machen kann. Nein, es geht in erster Linie darum, dummen Idioten wie mir den beratenden Baumarktangestellten auf den Hals zu hetzen, der mir ruhigen Gewissens nur das Beste vom Besten empfiehlt, sprich, das Teuerste vom Teuersten aufschwatzt. Das ist wie beim Taxifahren in fremden Städten: Einmal »Och, ich bin eigentlich gar nicht von hier« zum Taxifahrer gesagt, schon braucht der für fünf Kilometer zwei Stunden und berechnet am Ende hundertfünfzig Euro. Ja ja, tolles Geschäftsmodell, das auf der Unwissenheit von Menschen wie mir fußt, die zwar wissen, wie man einen Webserver aufsetzt, die aber zum akuten Psychodoktorfall werden, wenn sie mal ein Loch in eine Wand bohren sollen.

Nun, irgendwie schaffte ich es am Ende, Schrauben, Dübel und Unterlegscheiben zusammenzusuchen, ohne dass mich jemand fragte, ob er mir helfen könne, aber kompetentes Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit liegt mir eben, schließlich bin ich Berater von neun bis fünf.

Damit war das Elend allerdings noch nicht ganz überstanden, denn als Antichrist des Heimwerkens habe ich natürlich, abgesehen von einem Hammer und einem Kreuzschlitzschraubendreher nichts daheim, was sich beispielsweise auch nur annähernd für das Anbauen eines Regals nutzen lassen würde, von dem hinterher nicht alles wie von Zauberhand herunterrutscht. Sprich, mir fehlte eine Wasserwaage. Also ging ich die Regale auf und ab, auf und ab, auf und ab ... Zwar hängen an jedem der gigantischen Regale bedrohliche Schilder, die auf die Folterwerkzeuge hindeuten, die sich dort jeweils finden lassen, von Wasserwaagen stand da allerdings nichts. Falls ich je der Ansicht war, dass es nicht gut sein kann, alles über das Internet zu bestellen, ich revidierte diese Meinung augenblicklich und wünschte mir ein Suchfeld herbei. Während dieses natürlich nicht plötzlich über mir aufploppte, stolperte ich dennoch zufällig über eine kleine Palette mit Wasserwaagen in – man ahnt es – allen Formen und Größen. Inzwischen haben die Dinger LED-Anzeigen und piepsen, wenn man sie schräg hält, oder vielleicht auch, wenn man sie gerade hält, oder sie piepsen einfach immer, was weiß denn ich?! Dass man ein Stück Metall mit einem Röhrchen, in dem eine Wasserblase von links nach rechts schwappt, so verkomplizieren kann, hätte ich auch nicht für möglich gehalten. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass man für eben ein solches Stück Metall fünfzig Euro auf den Tisch legen kann.

Schnaufend packte ich also so ein völlig überteuertes High-Tech-Begradigungsdingsbums in meinen Korb und schlurfte resigniert in Richtung Kasse ... wo ich inmitten der Quengelware für den Hobbyheimwerker, der den Hals nicht voll kriegt, Wasserwaagen für unter zehn Euro fand: ein Stück Metall mit einem Röhrchen, in dem eine Wasserblase von links nach rechts schwappt. Na bitte! Also unter gut sortiert verstehe ich was anderes!

Für einen Moment überlegte ich, niedergeschlagen, wie ich inzwischen war, diese Abteilung mit den Türen zu suchen, die ... na ihr wisst schon: einfach ein paarmal hindurchgehen, nicht gegen Wände rennen, ganz wie früher, als derweil noch der Rest von Papa erledigt wurde, der sich mit dem ganzen Baumarktblödsinn auskannte, weil er das wahrscheinlich irgendwo mal gelernt hatte. Herrgott, hätte ich doch auch was Anständiges gelernt!

Freitag, April 24, 2015

Geschrieben von PhanThomas am Freitag, April 24, 2015 | Keine Kommentare

Rad im Getriebe


Die Türe geht zu, er ist endlich allein
im Büro und er lockert die bunte Krawatte.
Die Sonne strahlt friedlich zum Fenster herein,
auf sein silbriges Haar fällt ihr wärmender Schein,
ein so stiller Moment, wie er lang ihn nicht hatte.

Der Blick färbt sich mild im Gesicht aus Granit,
nur ein Schutz, den er schuf, vor mentalem Ertrinken.
Sieht draußen die Welt, die er selten nur sieht,
ist fast blind vor Terminen, merkt kaum, was geschieht,
wie die Jahre für immer im Gestern versinken.

Am Schreibtisch ein Foto, vergessen, verstaubt,
eine Frau, sie war irgendwann ganz große Liebe.
Zum Schluss hatte sie ihm kein Wort mehr geglaubt,
wenn er schrieb, er sei pünktlich, verächtlich geschnaubt.
Als sie ging, blieb er reglos, ein Rad im Getriebe.

Zur Ruhe nun schleicht sich ein Quäntchen an Mut
zum Gefühl und er fühlt sich so klein und verloren.
Es war ja mal anders, es war ja mal gut,
nun ist gut, was er fürs Unternehmen so tut.
Ach wie schnell war er lebend im Leben erfroren?

So klar der Gedanke, so schnell ist er fort,
die Krawatte, der Kragen sind hastig gerichtet.
Das Telefon schrillt, es verlangt das Ressort
frische Zahlen, und bitte, wo bleibt der Report? 
Und das Pflänzchen, das keimte, ist tot und vernichtet.