Haben Sie etwas Zeit mitgebracht? Dann setzen Sie sich doch bitte,
setzen Sie sich! Ich möchte nur eben die Gelegenheit nutzen, diese eine
Geschichte zu erzählen.
Es war einer der schöneren Herbsttage,
vielleicht sogar der schönste jenes Herbstes, den ich niemals aus meinem
Gedächtnis streichen können werde. Was war, gerät in Vergessenheit,
nicht wahr? Es wird unklar, als lege sich ein zunehmend grauer Schleier
über all die Straßen unseres Lebens, die wir gegangen sind. Die Details
lösen sich auf, was bleibt, sind nur Silhouetten, die irgendwer
irgendwann Erinnerung genannt hat. Doch dieser eine Tag, an dem der alte
Herr Zeissner verschwand, existiert außerhalb jeglicher Erinnerung. Ein
Erlebnis, das nicht verblassen mag. Ich durchlebe diesen einen Tag
wieder und wieder in meinen Gedanken, in Träumen, aus denen ich
schaudernd erwache. Manchmal glaube ich, ich habe diesen Tag niemals
ganz verlassen.
Mit Herrn Zeissner ging es bis zu jenem Tag im
Oktober kontinuierlich abwärts. Man konnte fast dabei zusehen, wie er
Dinge vergaß: War er an einem Tag noch in der Lage, die Fernsehsender
selbst zu wechseln, so wusste er schon kurze Zeit später nicht mehr, was
er mit der Fernbedienung überhaupt anfangen sollte. Auch mit dem Essen
wurde es zunehmend schlechter: Einfache Suppen schlürfte er noch ohne
größere Probleme selbst, während das Schneiden von Fleisch oder Fisch
ihm immer schwerer fiel. Seit einigen Monaten zerkleinerte ich während
meiner Schicht sein Essen und fütterte ihn. An manchen Tagen redete er
dabei über das Wetter, wobei er immer denselben Satz sagte: »Donner und
Blitz, es war doch gar kein Regen angekündigt, aber ich glaube, das gibt
heute noch einen Weltuntergang.« Er sagte das sogar, wenn draußen die
Sonne schien. Ich widersprach ihm nicht. Auch dann nicht, wenn er
begann, mir wieder und wieder wirre Geschichten zu erzählen, deren
Wortlaut ihm scheinbar ins Gedächtnis gestanzt war, während er sich
nicht daran erinnern konnte, dass er sie schon dutzende Male erzählt
hatte.
Auch an jenem Oktobertag schien die Sonne. Der Himmel war
gesättigt von unendlichem Blau und völlig wolkenfrei. Ein lauwarmer
Herbstwind trieb das kunterbunte Laub wie kleine Viehherden durch die
Straßen und Gärten. Als ich Herrn Zeissners Zimmer betrat, saß der alte
Mann auf seinem Bett und schaute mich mit einem zufriedenen Lächeln an.
Es war einer seiner besseren Tage, das erkannte ich daran, dass er
seinen weißen Haarschopf gekämmt und sauber gescheitelt hatte. Mit
seinem kantigen Gesicht und den dunkelbraunen Augen, die auch an den
schlechten Tagen noch immer Klugheit ausstrahlten, wirkte er adrett wie
ein gealterter Politiker.
»Dies ist mein Tag, Jungchen. Heute
gehen wir spazieren«, sagte er einfach, statt mich zu begrüßen. Ich
bedachte ihn mit einem gut gemeinten Lächeln, als sein Gesicht einen
beleidigten Ausdruck annahm. »Nein nein, spar dir die Nummer heute.
Schau mich nicht an wie einen Tattergreis. Ich weiß selbst, wie es um
mich steht, aber heute kannst du mich doch wohl mit ein wenig mehr Würde
behandeln.«
Mir musste wohl die Kinnlade heruntergeklappt sein,
denn plötzlich lachte Herr Zeissner laut auf. Ja, es war definitiv einer
seiner besseren Tage. »Darf ich bitten?«, sagte er höflich und zeigte
mit dem Finger auf seinen Rollstuhl, der zusammengeklappt in der
Zimmerecke stand.
»Na, wo soll es denn heute für uns hingehen,
Herr Zeissner?«, fragte ich und bemerkte zu spät, dass ich immer noch in
dem Tonfall zu ihm sprach, den sonst nur kleine Kinder zu hören
bekamen. Der alte Mann teilte mir seine Meinung dazu durch sein
Schweigen mit. »Tschuldigung«, murmelte ich.
»Schon gut,
Jungchen«, sagte Herr Zeissner und lächelte warmherzig. »Ein Spaziergang
in den Wald wäre mir heute genau recht. Hast du schon mal rausgeschaut?
Donner und Blitz, es war doch ...«, begann er und brach ab. Er
schüttelte den Kopf und ich konnte deutlich erkennen, dass seine Augen
wässrig wurden. »Die Sonne scheint, Jungchen. Ich will in den Wald. Ich
muss!«, sagte er dann und sein energischer Tonfall erschreckte mich ein
wenig.
»Herr Zeissner, ich weiß nicht, ob wir so weit ...«
»Papperlapapp! Komm mir nicht mit euren Vorschriften hier. Ich weiß,
dass ihr mich für einen Pflegefall haltet, doch mein Verstand ist
messerscharf und das kann morgen schon wieder ganz anders aussehen.
Erfüll einem alten Mann seinen Wunsch! Es ist vielleicht meine letzte
Chance.«
»Ihre letzte Chance?«, hakte ich nach.
»Hmm ...«,
begann er und schloss dann hastig an: »Auf einen Waldspaziergang eben.
Los, komm schon! Du wirst schon keine Weltreise unternehmen.«
»Aber Sie unternehmen eine?«, fragte ich im Scherz, bekam jedoch keine Antwort.
Nun gut, tatsächlich hätte ich die Heimleitung fragen müssen, da die
Bewohner aus Sicherheitsgründen nicht einfach das Gelände verlassen
sollten. Aus der Müßigkeit, mich nicht herumstreiten zu wollen und auf
die Gewissheit hin, dass unser Leiter ohnehin nein gesagt hätte,
beschloss ich, dass Herr Zeissner wenigstens heute zurechnungsfähig
genug für einen kurzen Ausflug in den Wald sein würde. Diesem warmherzig
lächelnden Mann seine Bitte zu verweigern, hätte nicht nur ihm,
sondern auch mir selbst das Herz gebrochen. So hob ich ihn also in
seinen Rollstuhl, schob ihn über den langen Flur und verließ das Gebäude
zusammen mit ihm durch den Seitenausgang, für den ich als Dienst
habende Pflegekraft einen Schlüssel besaß und der zumindest meines
Wissens nach nicht überwacht wurde.
»Nicht übel, Jungchen«, sagte
Herr Zeissner anerkennend, als ich seinen Rollstuhl durch das große Tor
nach draußen geschoben hatte, ohne dass uns irgendwer bemerkt hatte.
»So sieht also diese geheimnisvolle Außenwelt aus, die ihr hier vor uns
schützen wollt.« Ich sagte nichts dazu.
»Wo soll’s denn hingehen?«, fragte ich stattdessen.
»Immer meinem Zeigefinger nach. Die Straße runter, dann links über die
Bahnschranken und dann wieder rechts das holprige Kopfsteinpflaster
entlang, bis schließlich der Waldweg anfängt. Los los, ich sage dir
schon, wohin du zu gehen hast!« Ich war zu baff, um darauf zu antworten.
Mit dieser genauen Wegbeschreibung von einem Mann, der sich an manchen
Tagen nicht daran erinnerte, dass es in seinem eigenen Zimmer eine Tür
zum Bad gab, hatte ich nicht gerechnet. Fast fürchtete ich mich ein
wenig vor dem Verstand des Alten, der heute so klar war, wie ich ihn
bisher nicht erlebt hatte. Als hätte sich der Nebelschleier auf seinem
Verstand heute gemeinsam mit den Wolken am Himmel verzogen. Seine Stimme
klang für mich fast, als heckte er etwas aus, was ich natürlich als
Einbildung abtat.
»Schneller, Junge«, rief er immer wieder,
während ich ihn durch den Ort schob. »Du keuchst ja wie eine Lok mit
kaputtem Kessel. Hätte ich in deinem Alter so wenig Ausdauer gehabt,
dann hätten die Russen mich dreimal gekriegt und ins Lager gesteckt. Die
jungen Leute haben keinen Biss mehr, seit überall Frieden herrscht.«
Ich war solche und ähnliche Sätze von dem alten Zeissner schon
gewohnt, doch normalerweise wiederholte er sich dauernd, während ihm
heute die nicht ernst gemeinten Schimpftiraden nicht auszugehen
schienen. Ich ließ mich davon nicht einschüchtern und spielte einfach
mit. »Ach was, das liegt an Ihrem Gewicht. Sie mussten im Krieg eben
niemanden vor sich herschieben.«
»Stimmt, Junge, stimmt. Nur
tonnenweise Schnee, der sich mannshoch vor uns auftürmte, als wollte er
uns nicht wieder nach Hause lassen. Von all dem haben du und deine
Zuckerwattewelt aber keine Ahnung, also werd nicht frech.«
»Von
wegen Schnee. Bei Ihrem Bauch ist das kein Wunder, dass ich schnaufe«,
schoss ich zurück. »Ich kann auch einfach Ihre Mittagsportionen
halbieren, dann geht das schon bald viel leichter.«
»Pah! Sitzt am längeren Hebel, was, Junge? Los, leg mal einen Gang zu!«
»Sie haben’s ja ganz schön eilig. Wartet jemand im Wald auf Sie, oder
was?«, witzelte ich erneut, doch diesmal blieb Zeissner ernst. »Hmmm«,
murmelte er nur.
Hätte ich gewusst, wie holprig der Waldweg
tatsächlich war, ich hätte Herrn Zeissners Wunsch wohl doch verweigert
und ihn einfach einige Runden ums Haus geschoben. Vermutlich hätte er
dann gezetert, Gift und Galle gespuckt, doch wäre alles anders gekommen.
Ja, so vieles wäre mir erspart geblieben. Der Rollstuhl schien sich
endgültig in einen Panzerwagen verwandelt zu haben, als ich ihn über den
schmalen Pfad mitten durch das stille Eichenwäldchen schob,
kontinuierlich aufwärts, so dass wir schon bald einen wunderbaren Blick
über das Städtchen haben würden, bevor ich mir Gedanken machen musste,
wie ich den alten Knacker wieder nach unten bekommen sollte.
»Halt mal an, Jungchen!«, sagte Zeissner schließlich, als wir oben
angekommen waren. ich hätte uns ohnehin eine hübsche Lichtung für eine
kurze Rast gesucht, doch jetzt stand er von selbst aus seinem Rollstuhl
auf und trottete in Richtung einiger Büsche.
»Herr Zeissner,
warten Sie auf ...«, begann ich zu protestieren, doch als ich sah, wie
sicher er durchs hohe Gras schritt, verschlug es mir die Sprache. Ich
wusste, dass er noch aufstehen konnte, doch in seinem Stadium der
Krankheit war die Muskulatur so weit zurückgebildet, dass normales Gehen
einfach nicht möglich war. Nicht möglich sein sollte!
»Komm
schon, Junge! Schau dir das an!«, rief er noch, dann verschwand er auch
schon in den dichten Büschen, noch bevor ich Einwände erheben konnte.
Ich sah mich hilflos um, doch es war weit und breit niemand zu sehen.
Was soll’s, dachte ich, und lief ihm nach. Ich wühlte mich durch die
Büsche und Panik klopfte bereits an mein Oberstübchen, weil ich den
alten Kerl aus den Augen verloren hatte, als ich auch schon auf der
anderen Seite des Wildwuchses ankam und Herrn Zeissner direkt vor mir
entdeckte. Er stand an eine alte Holzbank gelehnt, von der ich mir nicht
erklären konnte, was sie hier abseits des Weges zu suchen hatte, und
starrte in die Baumkrone einer großen, dickstämmigen Eiche.
»Schön, was?«, sagte er und strahlte mich zufrieden an. Ich blickte
mich um und staunte. Waren wir wirklich nur wenige Meter vom Weg
entfernt? Große Laubbäume, soweit ich blicken konnte, erstreckten sich
unendlich tief in den Wald hinein. Der Boden war bedeckt von buntem
Laub, das eher auf ihm zu schweben schien, und wohin man blickte, sah es
aus, als regnete es gelbe und rote Blätter. In der Ferne trällerten
Vögel ihre Lieder, als sei der Frühling unerwartet zurückgekehrt. Und
ich bildete mir ein, dass der Wald noch eben stumm gewesen war, oder
hatte ich einfach nur nicht genau hingehört?
»Das ... das ist ja wunderschön!«, brachte ich nur hervor.
»Nicht wahr?«, stimmte Herr Zeissner nickend zu. »Komm, setz dich kurz
zu mir«, sagte er und nahm auf der alten Bank Platz. Unsicher ging ich
zu ihm und setzte mich. Jetzt, da ich direkt neben ihm saß, hatte ich
das Gefühl, dass sich etwas an ihm verändert hatte. Es war nicht der
verschwundene Nebel in seinen dunklen Augen, auch nicht der plötzlich so
glückliche Gesichtsausdruck, der sein sonst so leblos wirkendes Antlitz
neu belebt hatte, es war etwas anderes, etwas, das ihn irgendwie
deutlich jünger wirken ließ, ohne dass ich sagen konnte, was es war.
»Das alles hier«, begann er schließlich, »ist mein Platz, weißt du?
Unser Platz. Unser beider Heiligtum. Der Beginn und das Ende. Das ist
unser Wald.«
»Unser?«, fragte ich nach.
»Oh ja«, sagte
Zeissner und lachte leise. Er sah mich an und ich erschrak, als ich
plötzlich erkannte, was ihn jünger wirken ließ: Die Falten an seinen
Augen, an den Mundwinkeln, an der Stirn, sie alle waren noch da, doch
schien sein ganzes Gesicht deutlich weniger zerfurcht zu sein. Als hätte
es sich seit dem Anblick der Bäume geglättet. So wie der alte Mann mich
jetzt ansah, schien er meine Gedanken lesen zu können, doch er ging
nicht darauf ein.
»Ich bin doch verheiratet«, sagte er
stattdessen. »Nun, ich war es.« Als ich nichts sagte, fuhr er fort:
»Wusstest du nicht, was, Jungchen? Nun, meine Frau ist ... sie ist vor,
ach herrje, ich weiß es nicht mehr, sie ist schon so lange, lange tot.
Und das hier, das alles, das war unser Ort. Schau mal nach oben!«
Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte in die Krone der Eiche
über uns. Nun erkannte ich, wonach Herr Zeissner zuvor schon Ausschau
gehalten haben musste: eine alte Aussichtsplattform.
»Früher gab
es hier natürlich eine Leiter«, sagte er. »Hier habe ich meine Rosi
wiedergetroffen. Weißt du, wie schlimm es ist, sich nicht mehr daran
erinnern zu können und zu wissen, dass es all das hier einmal gegeben
haben muss? Zu wissen, dass all das war, es jedoch nicht mehr greifbar
vor Augen zu haben? Ich könnte weinen, Tag für Tag. Wegen vieler Dinge.
Doch am meisten deswegen.«
Ich wusste nicht, was ich darauf
entgegnen sollte. Alles, was ich sagen konnte, würde dem nicht gerecht
werden, was der alte Mann, der laut Diagnose unter der
Alzheimerkrankheit litt, durchmachen musste. »Was hat es mit der
Aussichtsplattform auf sich?«, fragte ich daher stattdessen.
Herr
Zeissner seufzte. Er starrte hinauf zur der Plattform, dann begann er
zu erzählen. »Als ich in den Krieg musste, in die Sowjetunion ... ich
weiß, ich scherze deswegen gern, doch das ist leicht im Nachhinein. Der
Humor verdaut den Schrecken. Damals gab es nichts zu scherzen, denn ich
war da. Ich war wirklich da und habe vieles gesehen, das ich nur allzu
gern für immer vergessen möchte. Wenigstens in diesem Fall kann eine
Krankheit wie meine durchaus eine dankbare Sache sein, Junge.
Ich
verabschiedete mich dort oben von meiner Rosi, hielt ihre Hände in
meinen, eine ganze Nacht lang, bis die Sonne aufging und ich gehen
musste. Und ich sagte, sollte ich wiederkommen, würde ich ihr genau hier
eine Nachricht hinterlassen, so dass sie zu mir zurückkehren konnte,
falls sie tatsächlich auf mich warten sollte. Und dann würden wir
heiraten. Natürlich war das eher eine symbolische Geste, denn ich
rechnete nicht mit meiner Rückkehr. Wir beide taten das nicht. Zumindest
dachte ich das, denn ... sie kam wirklich her. Jeden Monat sah sie nach
und wartete auf ein Zeichen von mir. Sie schluckte die Enttäuschungen
wieder und wieder und freute sich, wenn auch bitter, auf das nächste
Mal, dass sie nachsehen konnte, ob ich endlich zurückgekehrt war.
Als wir Überlebenden nach dem Krieg tatsächlich wieder nach Hause
zurückkehrten, wussten viele von uns nicht, wohin sie gehen sollten. Das
Land war zerbombt, ein Zuhause hatten viele nicht mehr. Doch ich
wusste, wohin ich gehen musste! Also kam ich hierher, kletterte auf die
Plattform und hinterließ dort meine Nachricht an Rosi, dass ich
zurückgekehrt sei und dass ich jeden Abend um acht Uhr herkommen und auf
sie warten würde. Und Rosi ...« Eine Träne rollte über Herrn Zeissners
Wange. Auf seinem Gesicht waren kaum mehr Falten zu erkennen und sein
Haar schien wirklich dunkler geworden zu sein. Ich wollte etwas sagen,
doch wagte ich nicht, das Wort zu ergreifen. Angst, Faszination und
irgendetwas, das ich spüren und doch nicht erklären konnte, hielten mich
davon ab. Der alte Mann ignorierte meinen vermutlich unsicheren Blick
und sprach schließlich weiter.
»Nie hätte ich gedacht, dass sie
zurückkommen würde. Entweder würde sie geflohen sein oder einen neuen
Mann gefunden haben, so viel war klar. Dennoch kam ich Abend für Abend
genau hierher, wartete eine Stunde und ging wieder. Und dann, nach
einigen Wochen, war sie vor mir hier. Sie stand an den Baum gelehnt und
sie sah so bezaubernd in diesem langen weißen Kleid mit den roten Blumen
aus, dass ich dachte, ein Engel wäre statt ihrer zu mir herabgestiegen.
‚Wilhelm’, sagte sie nur zu mir, dann begann sie zu weinen.
Sie
hatte also gewartet, und auch ich löste mein Versprechen ein: Wir
heirateten. Dieser Wald hier mit unserer Aussichtsplattform, war der
Platz unserer Jugend und unserer jungen Liebe. Könnten wir hinauf
klettern, würde ich dir all unsere ins Holz geschnitzten Liebesschwüre
zeigen. Dort oben küsste ich Rosi das erste Mal, weißt du? Abends
stellten wir manchmal Kerzen auf und hätten uns damit mehrfach fast
selbst abgebrannt. Hier hatte alles begonnen, alles geendet und nach
meiner Rückkehr aus dem Krieg hatte schließlich wieder alles genau hier
begonnen. Hier, in unserem Wald.
Und jetzt ...«
Zeissner
sah mich an, mit Tränen in den Augen und einem festen Lächeln im
Gesicht. Der alte Mann war kein alter Mann mehr. Sein Haar war schwarz
geworden und er wirkte eher wie ein Vierzigjähriger. Es machte mir
Angst, wie er mich ansah und so fuhr ich hastig auf.
»Was ist das ... das hier?«, stammelte ich nur und ich wich einige Schritte zurück.
Zeissner bemerkte, wie ich ihn ansah. Er schaute auf seine Hände, die
nicht mehr die eines alten Mannes waren. »Jetzt beginnt alles erneut,
Junge. Ich danke dir vielmals, doch du musst jetzt sofort gehen. Und
zwar schnell, denn du bist viel zu lange hier geblieben. Lauf!« Der
letzte Satz hatte einen Befehlston, der mich augenblicklich
zusammenzucken ließ. Ich wich weiter zurück, als ich bemerkte, dass ein
leichter Nebel in der Luft lag. Die Sonne war unbemerkt verschwunden,
die Vögel verstummt.
»Lauf, Junge, schnell! Dies ist nicht dein
Wald«, rief Zeissner noch und nun lief ich wirklich. Ich rannte in den
dichter werdenden Nebel hinein, suchte nach dem Gebüsch, durch das wir
gekommen waren, doch ich konnte es nicht mehr finden. Nackte Panik
umfing mich, als dicke Nebelschwaden über mich hereinbrachen. Ich
stolperte über eine Baumwurzel und stürzte. Während ich mich
aufrappelte, sah ich mich um und erkannte undeutlich die Umrisse der
Bank, auf der ich Herrn Zeissner zurückgelassen hatte. Fast war ich mir
sicher, eine weitere Person auf der Bank zu erkennen, als der Nebel auch
dieses Bild gänzlich verschluckte und ich nichts mehr sah.
Ich
rannte weiter, immer voran und hatte doch keine Ahnung, wohin. Unzählige
Male hätte ich mit den großen Bäumen zusammenstoßen müssen, doch
nirgends schien ein Baum zu sein. Nicht einmal das Laub spürte ich noch
unter meinen Füßen. Ich versuchte zu rufen, vielleicht um Hilfe,
vielleicht nur irgendetwas, doch die Stimme schien meinen Mund nicht
verlassen zu wollen.
Der Wald, von dem der alte Zeissner gesagt
hatte, er gehöre ihm, war verschwunden. Es war, als liefe ich in eine
völlig leere Welt hinein. Über ein unendlich großes Blatt Papier, das
noch nicht beschrieben worden war.
Wie lange ich lief, kann ich kaum
mehr ermessen, doch gefühlt waren es viele, viele Jahre, die mich die
Unendlichkeit erleben ließen. Ich konnte nichts sehen und doch sah ich
das Weiß. Ich konnte nicht atmen und bekam doch Luft. Ich lief so
schnell ich konnte und kam doch nicht vorwärts.
Und dann war
alles so schnell vorbei, wie es gekommen war, und die Welt hatte mich
wieder. Ich selbst fand mich auf dem Waldboden liegend wieder, bedeckt
von Laub, dessen Geruch mir schwer in der Nase lag. Mühsam kämpfte ich
mich hoch und sah mich um. Der Wald um mich herum war so vertraut, dass
ich sofort wieder wusste, wo ich war. Ich erkannte den Weg, der mich
hinausführen würde aus der Ewigkeit, die ich durchschritten hatte.
Als ich den Pfad zurückging, hatte ich starke Schmerzen in den
Gelenken. Ich atmete schwer, musste mich mehrfach setzen, wenn ich an
eine Sitzgelegenheit kam, ich fühlte mich unendlich schwach. Ich weiß
nicht, wo ich dann hinging, zu benommen war ich. Mein Bewusstsein kehrte
erst zurück, als ich die Gelegenheit hatte, in einen Spiegel zu
schauen. Und dann erkannte ich den Grund für die Schmerzen, für die
Schwäche: Ich war zu einem alten Mann geworden. Der junge Zeissner war
im Nebel des Waldes, der nur ihm gehörte, verschwunden und hatte mich
als alten Greis zurückgelassen.
Oft habe ich versucht, Hilfe zu
finden, habe den Leuten diese Geschichte erzählt und wenn dieser junge
Mann, dessen Name mir partout nicht einfallen will, das Zimmer betritt,
in dem ich nun lebe, dann nickt er stets und lächelt, hört mir aber doch
nicht zu. Und niemand fragt je nach Herrn Zeissner, nicht einmal, wenn
ich von ihm erzähle.
Und dann ... dann kommen diese Tage, an
denen ich aufwache und feststelle, dass ich doch nicht gealtert bin,
dass alles nur ein wirrer Traum war. Ich bin wieder jung, atme durch,
beruhige mich. Ich gehe zur Arbeit und begleite Herrn Zeissner in den
Wald, denn einem alten kranken Mann kann ich wohl kaum einen Wunsch
abschlagen. Es ist wunderschön dort und Herr Zeissner erzählt mir eine
traurig schöne Liebesgeschichte über diesen Wald, an die ich mich gerade
aber nicht mehr erinnern kann, bis ... dieser Nebel alles verschluckt.
Immer öfter durchlebe ich diesen Tag. Ich erzähle immer wieder davon, doch es hört ja niemand wirklich zu ...
Oh, hallo Herr Doktor. Haben Sie ... haben Sie vielleicht ein wenig
Zeit mitgebracht? Ich möchte gern nur diese eine Geschichte erzählen,
die mir niemand sonst glauben mag und die mir auf dem Herzen liegt.
Setzen Sie sich, guter Mann, setzen Sie sich!
Es war einer der
schöneren Herbsttage, vielleicht sogar der schönste jenes Herbstes, den
ich niemals aus meinem Gedächtnis streichen können werde ...
2 Kommentare:
Schön, wie sich der Kreis am Ende schließt.
Ui, danke fürs Lesen! :-)
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