Sonntag, Januar 22, 2012

Von Enten und Schwänen

Auf dem Ozean, unweit der Küste einer kaum bekannten Insel namens Gigolo, schwammen zwei Enten, umschifften hohe Klippen und versuchten vergeblich, sich zu orientieren.
    »Du Idiot, wegen dir haben wir uns völlig verirrt. Das hier ist doch kein See, das ist ein Meer. Hast du Trottel noch niemals ein Meer gesehen, nak nak?«, schnatterte Ente Eins aufgebracht.
    »Ruhig Blut, Bruder. Wo ist der Unterschied, Mann? Wasser ist Wasser. Stell dir einfach vor, das hier wäre ein großer See. Bestimmt ist es sogar einer, nak nak«, antwortete Ente Zwei gelassen.
    »Wo der Unterschied ist, nak, kann ich dir sagen. Hast du das Wasser mal gekostet? Wenn du’s einmal probiert hast, willst du’s immer wieder und ich muss mich echt anstrengen, mich zurückzuhalten. Mein Hals ist schon ganz trocken, weil das hier, worauf wir schwimmen, Salzwasser ist! Du hast gesagt, hier gäbe es das beste Futter überhaupt, dabei kann das wohl kaum stimmen, wo hier doch alles nach verdammtem Salz schmeckt, nak nak. Meine Füße sind schon ganz verkrustet, Fahrenheit.«
    »Nak, na gut, ich habe mich vielleicht verflogen. Mag ja sein, dass ich irgendwo rechts statt links abgebogen bin oder so. Aber von da oben sieht eben alles gleich aus. Ist ja nicht so, als hätte irgendwer Wegweiser aufgestellt«, gab Ente Fahrenheit zu. »Aber wenn das hier tatsächlich ein Meer ist, nak nak, dann gibt es hier doch bestimmt ziemlich große Fische. Ich habe mal gehört, wie Möwen darüber geredet haben. Sie nennen diese Biester Wahrle oder so und die sollen große Wasserkanonen auf dem Rücken haben, mit denen sie Vögel ärgern können. Was sagst du dazu, Kolben, nak nak?«
    »Was ich dazu sage, nak nak? Nichts sage ich dazu, Fahrenheit. Wir sind Enten, wir fressen keine Fische. Nicht mal die kleinen.«
    »Oh. Wusste ich doch, das da jetzt was nicht passte. Nun gut, aber was ist mit großen Enten? Wo es große Fische gibt, da muss es auch große Enten geben. Hast du schon mal was mit einer großen Ente gehabt, Kolben? Mit so einem richtigen Prachtvogel, nak nak? Oder ... oder mit einem Schwan? So eine Nummer kannst du ...«
    »Nak nak nak, hör auf mit deinen blöden Geschichten. Immer erzählst du deine Nestlügenmärchen, die dir dann ja doch keiner glaubt. Wie letztens diese Sache mit der Reitgerte und dem Glühdraht. Ich will gar nicht wissen, wie du auf so perverses Zeug kommst.«
    »Alles erlebt, Kolben, alles erlebt, nak nak«, schnatterte Fahrenheit und plusterte sich selbstzufrieden auf.
    »Pah, wer’s glaubt«, grummelte Kolben und schlürfte unbewusst einen Schluck Meerwasser.
    »Na komm nur«, quakte Fahrenheit und schwamm energisch um einen gigantischen Felsen herum, der wie eine steinerne Faust aus dem Meer ragte. »Wir werden hier irgendwo ganz bestimmt ein paar ziemlich große Enten oder sogar Schwäne finden und dann zeige ich dir, ...«
    »Ach du ...«
    »... wie das mit der Paarung ...«
    »... dickes Ei! Sieh sich einer das an, nak naaak!«, quakte Kolben und erstarrte mitten in seiner Schwimmbewegung. Fahrenheit folgte dem Flügelzeig seines Kameraden und vergaß für den Augenblick, dass Schnäbel im Gegensatz zu Kinnladen eigentlich nicht einfach so herunterklappen sollten.



Kapitän Vincenzo Pellicano blickte aus dem Fenster der Schiffskombüse, in der eifrig gebrutzelt, gebacken und geschmiert wurde, und telefonierte. Aus seinem Mund ragte das Überbleibsel eines abgenagten Schaschlikspießes, das er während der Redepausen genüsslich abschleckte. Sein Schiff, die opulente Costa Brimboria, vollgestopft mit fast 2.000 Passagieren, 5.000 goldenen Türknäufen, einer Armee von Fünfsterneköchen und einem Privatharem für Kapitän Pellicano, hatte volle Fahrt aufgenommen. Eigentlich hätte Vincenzo Pellicano sich im Steuerraum befinden sollen, wo natürlich der Ausblick deutlich besser war, allerdings hielt er es für eine ausgezeichnete Idee, von der Kombüse aus zu koordinieren, wenn dort gerade gekocht wurde, damit er die besten Leckerbissen direkt als erster vom Grill naschen konnte. Nichts ging über absolute Frische, das hatte Mama Pellicano schon immer gesagt!
    »Ja Schatz, wenn ich’s doch sage! Es gibt hier keine schöneren Frauen als dich an Bord. Nein, wirklich nicht! Die weiblichen Passagiere sehen allesamt aus, als hätten wir Seekühe nach Taka-Tuka-Land geladen und die weiblichen Angestellten sind nicht der Rede wert. Kaum von den Männern zu unterscheiden. Frauen mit Bärten sind das.«
    Pellicano naschte eine Olive. Dann noch eine. Und eine dritte. Dann ging er zum Topf mit der kochenden Bolognaisesauce hinüber.
    »Was? Ja, ganz im Ernst. Hm? Schatz, du redest, als hätte ich einen eigenen Harem mit an Bord genommen. Ich bin hier, um zu arbeiten! Ja, ich weiß, dass ich in meiner blütenweißen Uniform besonders gut aussehe, aber die muss ich nun mal tragen. Bauarbeiter müssen ja auch Helme tragen. Ich will damit ganz sicher keine Frauen beeindrucken. Der Job hier ist kein Zuckerschlecken, weißt du?«
    Vincenzo Pellicano rollte mit den Augen und griff nach einem großen Löffel. Eines Tages würde der Grande Capitano diese Furie noch mal mit dem Spaten erschlagen. Wäre ihr verflixter Vater nur nicht so unsagbar reich wie er langlebig war! Pellicano tunkte den Löffel in den Saucetopf.
    »Hm, etwas viel Salz«, murmelte er und machte sich auf zum Weinregal. »Nein ich hab nicht gesagt, ich hätte schon einen Hals. Einen Moment, meine Perle, ich muss eben eine sehr wichtige Anweisung erteilen.«
    Pellicano drängelte sich an zwei eifrigen Küchenjungen vorbei und nahm einen Lambrusco vom Regal, den er flugs entkorkte. Kein wirklich guter Jahrgang, dachte er und ging mit der Flasche zurück zum Fenster. Das Handy am Ohr, genoss er die Aussicht auf die Insel Gigolo, der sich die Costa Brimboria nun zügig näherte.
    »Ja, ich bin noch dran. Wir nähern uns gerade einer Insel und diesmal werden wir ziemlich dicht daran vorbeifahren. He he, die werden Augen machen! Ich werde ein Foto mit der Handykamera davon schießen und es dir schicken. Ob ich das wirklich für eine gute Idee halte? Ja selbstverständlich, was denkst du denn?«
    Der Kapitän hob die Weinflasche und wunderte sich über den geringen Füllstand.
    »Dass ich ein Draufgänger bin? Und ein Aufschneider auch noch? Aber natürlich bin ich das! Ja wie jetzt, hättest du mich denn sonst geheiratet? Eben. Ja, Schatz. Nein, Schatz. Mit Schiffen kenne ich mich bestens aus, weißt du? Ha, da vorn steht schon eine Horde Insulaner und glotzt uns an. Richtig nah sind die. Na denen werden wir’s jetzt aber zeigen, he he. Ich werde jetzt das Foto machen.«
    Klack!
    »So, meine Perle, das Bild ist im Kasten. Ha ha, wie die alle staunen, ha ha ha. Das kleine Mädchen mit den Zöpfen kriegt den Mund gar nicht wieder zu. Man kann von hier aus sogar ihre große Zahnlücke erkennen. Und die Farbe ihrer Augen. Und ... Hm, vielleicht ...«
    ... waren sie doch etwas nah an die zerklüftete Insel herangefahren. Im nächsten Augenblick geschahen mehrere Dinge annähernd gleichzeitig: Die neugierigen Zuschauer wichen zurück und begannen, wegwerfende Bewegungen mit ihren Armen in Richtung des Schiffes zu machen, als wollten sie sehr große Fliegen verscheuchen. In der Kombüse ließ ein Küchenjunge ein Ei fallen. Eine Horde Seemöwen entleerte sich in den großen Schiffsschornstein. Und dann rumpelte es gewaltig, als die Costa Brimboria über einen messerscharfen Felsen donnerte, der das riesige Kreuzfahrtschiff aufschnitt wie eine herkömmliche Dose Thunfisch.
    Kapitän Vincenzo Pellicano nahm sehr deutlich wahr, dass die Trennlinie zwischen Wasser und Himmel zur Insel hin nach oben wanderte, während sie auf der meergerichteten Seite nach unten verrutschte. Für gewöhnlich war das kein gutes Zeichen und so brachte Pellicano die Situation geistesgegenwärtig genau auf den Punkt: »Ach du Scheiße!«
    Ein lautes Keifen schrillte durchs Telefon, das der Kapitän noch immer an sein Ohr hielt. »Was das für ein Geräusch war? Ach, das ... das war nichts. Ein vorbeifliegendes Flugzeug, nehme ich an. Das ist immer so laut und klingt, als würde Metall auf Stein prallen. Ja, ganz bestimmt. Du, Schatz, wir haben hier jetzt gleich eine Lagebesprechung. Ganz ... ganz gewöhnliches Meeting, du weißt ja, wie das ist. Immer diese Arbeit.«
    Eine Horde Bratpfannen galoppierte durch die Kombüse, gefolgt von einem Rudel Töpfen und drei Schöpfkellen, während das Küchenpersonal in die entgegengesetzte Richtung hastete.
    »Das? Nein mein Engel, ich weiß nicht, was das eben wieder für ein Geräusch war. Ich ... ich muss jetzt wirklich Schluss machen. Wir telefonieren später, ja? Ach Moment ... Schatz, sag mal, die Haftpflichtversicherung, die haben wir doch noch, oder? Gut! Was? Nicht? Wie? Ich soll gesagt haben, den Scheiß brauchen wir eh nie?«



Während von der zur Seite kippenden Costa Brimboria die Rettungsboote purzelten wie dicke Schuppen von einem riesigen weißen Haupt und die Passagiere über das in Schräglage geratene Deck wuselten wie Fußballspieler, denen man zu viele Bälle zugeworfen hat, gab es einen Ort, an dem die Evakuierung bereits vorüber und Ruhe eingekehrt war. Dieser Ort war eine Tür.
    Eine Tür, die auf dem Meer schwamm. Auf ihr lag ein Mann bäuchlings wie auf einer hölzernen Luftmatratze. Seine Hände hielten die Hände einer Frau, die sich im Wasser befand, weil auf der Tür offenbar nur Platz für eine Person war.
    »Elisa!«, hauchte der Mann.
    »Gottfried!«, sagte die Frau.
    »Elisa!«
    »Gottfried, verdammt, wie oft willst du noch meinen Namen wiederholen?«
    »Ich weiß es nicht, Blüte meiner aufkeimenden Lebenskrise. Um mich an deinen Namen zu erinnern vielleicht, denn aus irgendwelchen Gründen habe ich ständig das Bedürfnis, dich Jack zu nennen. Außerdem lenkt es mich ein wenig von dem schlechten Gewissen ab, das mich plagt, weil ich auf dieser wirklich hervorragend isolierten Tür schwimme, während du im Wasser frierst.«
    »Gottfried, ich friere nicht. Das da hinten ist eine Südseeinsel, wir sind also in der Südsee. Und das Wasser hat bestimmt dreißig Grad, wenn nicht mehr.«
    »Aber du hast eben so fürchterlich gebibbert, mein kostbarstes aller Fabergé-Eier.«
    Die Frau errötete wie ein Hummer im Schnellkochtopf. »Na ja, ich habe eben ins Wasser gemacht.«
    »Igitt! Warum tust du so etwas Schreckliches?«
    »Weil hier niemand eine Gästetoilette aufgestellt hat, Gottfried. Und beschwer dich nicht, du liegst schließlich sehr bequem auf dieser verdammten Tür.
    »Bequem? Elisa, ewige Freude meines Lendenapparates, die Tür mag gut isoliert sein, wie ich anmerkte, doch das ändert nichts daran, dass sie aus Holz ist. Diese Tür ist alles andere als bequem. Und überhaupt frage ich mich, wo sie herkommt.«
    »Oh Gottfried, sollen wir nicht an Land schwimmen, wie all die anderen Leute in ihren Rettungsboten? Ich kriege allmählich Hunger und meine Haut ist schon ganz schrumpelig.«
    »Eine hervorragende Idee, Elisa, höchste aller Sparkontenschmälerungen. Sonst wirst du in diesem ekligen Wasser noch krank. Widerlich, es ist ja voller Rost!«
    »Gottfried, du Hornochse, das ist kein Rost!«
    Eine Minute zog stillschweigend ins Land.
    »Bah! Elisa!«
    »Gottfried!«
    »Jack!«
    »GOTTFRIED!«
    Im Hintergrund der durchaus romantischen Szenerie begann die Sonne ihren malerischen Abstieg hinter den Horizont. Derweil schwammen zwei Enten recht nah an der Rettungstür vorüber, wobei die vorausschwimmende geradezu wirkte, als hätte sie einen Plan. Gleichzeitig entfernte sich ein kleines Motorboot auffällig schnell vom Ort des Geschehens. Der Bootsführer schien ein wenig irre zu sein, hatte er sich doch für seine Spritztour extra in die Uniform eines Kreuzfahrtschiffkapitäns geworfen.



Fahrenheit schwamm inzwischen zügig in Richtung der havarierten Costa Brimboria.
    »Los los, Kolben, nur keine Müdigkeit vorschützen, nak nak!«
    »Nak, ich weiß ja nicht, Fahrenheit. Hältst du das wirklich für eine gute Idee? Ich meine, er sieht aus, als wäre er gerade anderweitig beschäftigt.«
    »Du musst noch viel lernen, mein Freund, sehr viel. Eben die Tatsache, dass er nicht aufpasst und den Kopf ins Wasser gesteckt hat, ist unsere Chance, zum Zug zu kommen.«
    Kolben blickte sehr skeptisch in Richtung des sich noch immer neigenden Schiffes.
    »Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie du das anstellen willst«, quakte er.
    »Nak, Kolben, manche Dinge im Leben sollte man nicht hinterfragen, man muss sie einfach tun. Du wolltest mir nicht glauben, dass ich Liebe mit einem Schwan gemacht habe. Jetzt, mein Freund, nak nak, werde ich dir zeigen, wie man Liebe mit dem, verdammt noch mal, größten Schwan der Welt macht! Glaub mir, mit Schwänen kenne ich mich aus.«
    Kolbens Blick wurde nicht weniger skeptisch. »Na wie du meinst«, quakte er, trank einen Schluck Meerwasser und folgte Fahrenheit in Richtung Costa Brimboria.