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Montag, Februar 27, 2012

Geschrieben von PhanThomas am Montag, Februar 27, 2012 | Keine Kommentare

Das Sommerfest

Über Sommersheim brach die Dämmerung herein und ich konnte die spannungsgeladene Luft bereits spüren. Ich stand vor dem großen Spiegel in unserem Schlafzimmer Nummer 7 - wir hatten sie nummeriert und schließlich war Sonntag und sonntags schliefen wir immer in Nummer 7 - und versuchte, einen Knoten in meine Krawatte zu bekommen.
    »Schatz, hilfst du mir gerade mal beim Binden?«, rief ich meiner Frau zu, die ich im großen Badezimmer vermutete. Ich trug nicht oft Krawatten und wozu auch? Ich brauchte niemals jemandem zu gefallen. Hier in Sommersheim brauchte niemand irgendwem zu gefallen, waren wir hier doch alle gleich. Niemals kam jemand von außerhalb zu uns, seit es die große Grenze gab und niemals trat irgendwer von uns über diese Grenze nach außen. All die Bittsteller, die vielen Bettler, die Dreistigkeiten derer von außen, die neidvoll auf uns Sommersheimer blickten und ein Stück vom Kuchen abhaben wollten, seit die Erbschaft des Alten Generals jeden Dorfbewohner zu unsäglichem Reichtum verholfen hatte. Verholfen? Ach was, verflucht! Wenn materielle Gleichheit herrscht, verliert alles Materielle seine Bedeutung. Jedoch nicht für Außenstehende. Um all dem Neid, dem Hass, der Häme von außen Herr zu werden, hatten wir uns eingemauert. So lange ist das jetzt her und seither sind wir unter uns. Wie gesagt, hier brauchten wir niemandem zu gefallen, niemanden zu beeindrucken. Wir alle hatten alles und hatten doch nichts mehr von Bedeutung. Wenn jeder alles hat, was gibt es dann noch im Leben zu erreichen? Früher hätten wir uns das nie gefragt.
    »Du solltest wirklich häufiger Krawatten tragen, Schatz«, sagte meine Frau, als sie zu mir ins Schlafzimmer trat. In ihrem roten Abendkleid sah sie aus wie die schönste Rose von allen, das Diamantcollier, das sie trug, war Tau auf ihrer Blüte. So voller Glanz, so langweilig. Ihr blondes Haar, dessen graue Ansätze sie akribisch nachfärbte, hatte sie frech hochgesteckt. Wäre ich nach all den Jahren in der Lage gewesen, wahrhaft zu fühlen, in diesem Moment wäre in meinem Herz die Sonne aufgegangen. Ich seufzte ihr zu. Es war eine Lüge und sie wusste es. Ihr war es egal.
    Meine Frau half mir beim doppelten Windsorknoten, dann gab sie mir einen Klaps auf den Hintern, wie sie es früher, als wir noch nicht verheiratet gewesen waren, getan hatte. Früher, als wir noch in einer anderen Welt gelebt hatten. In einer anderen Zeit. Damals hatte dieser Klaps eine Bedeutung gehabt, an die ich mich erinnern konnte, die nun aber nicht mehr greifbar für mich war. Die matten Augen meiner Frau verrieten mir, dass es ihr genauso ging. Auch sie log und ich wusste es. Am Ende blieb die Macht der Gewohnheit. Es war uns egal.
    Ich zog mein Jackett an und ging in den langen Flur hinaus. »Kinder, seid ihr fertig?«
    »Also ich bin fertig«, rief Susanne und kam aus dem Kinderbadezimmer. »Weiß aber nicht, was Max schon wieder so lange treibt.«   
    »Halt die Klappe, du olle Kuh!«, hörte ich Max aus dem Badezimmer brüllen.
    »Max!«, rief meine Frau zurück. »Du sollst keine Dinge behaupten, die nicht wahr sind. Solange deine Schwester nicht mehrere Mägen hat und ein Euter durch die Gegend trägt, ist sie auch keine Kuh.« Es klang, als sollte es ein Witz sein, doch niemand lachte.
    »Aber sie hat mich eine Seegurke genannt.«
    »Das ist kein Grund, Max«, mahnte meine Frau. »Der Klügere gibt immer nach.«
    »Ist mir egal, ob ich klüger bin. Hauptsache ist, dass sie eine Kuh ist.«
    »Schnauze, Max!«, mischte Susanne sich ein.
    »Schluss jetzt, Kinder!«, rief ich. »Wir müssen los. Es ist zehn vor acht und gleich treffen sich alle auf dem Marktplatz. Da wollen wir doch nicht zu spät kommen, oder? Das wäre Onkel Marcel gegenüber auch nicht fein.«
    »Was ist schon fein? Interessiert mich doch nicht«, murmelte Susanne, als sie sich in ihrem hübschen kleinen Seidenkleid an mir vorbeidrängelte.
    Für die Kinder in Sommersheim waren alle Erwachsenen, abgesehen von den eigenen Eltern, Onkel und Tanten. Und warum auch nicht? Seit wir nur noch unter uns waren und materielle Dinge keine Rolle mehr spielten, waren wir doch so etwas wie eine große Familie geworden. Nicht, dass wir uns etwas bedeutet hätte, oh nein. Doch Unfrieden in der Nachbarschaft gab es eben nicht. Wer sich ein Segelschiff kauft, kann damit niemanden neidisch machen, solange derjenige sich auch eines bestellen kann, wann immer er möchte. Aber wo man nicht beeindrucken kann, wo kein Neid mehr herrscht, wo sich niemand über den anderen stellen kann, da kann auch keine Freude existieren, nicht wahr? Menschen finden das anderswo unmoralisch, doch das ändert nichts daran, dass es wahr ist. Wenn die Freude versiegt, dann geht auch alles andere langsam dahin.
    »Vergiss den Rosinenkuchen nicht«, sagte ich zu meiner Frau, als wir schon an der Haustür standen. »Und die Blumen.«
    Sie ging noch einmal in die Küche und holte beides. »Das mit dem Kuchen ist doch jedes Mal eine Verschwendung. Da könnte man ihn ja gleich in die Mülltonne werfen«, sagte sie. Ich gab ihr recht. Aber der Kuchen gehörte nun mal zum Fest dazu, auch wenn ihn letztlich niemand aß. Alle machten es so und darauf kam es schließlich an.
    Ich nahm meiner Frau den Kuchen ab. Die Blumen drückte sie Susanne in die Hand, dann verließen wir die Villa. Auf der Straße vor unserem Grundstück war bereits ein Menschenstrom in Richtung Dorfplatz unterwegs - ein Bild, das so in Sommersheim nur am 31. August eines jeden Jahres zu sehen war. Sonst war hier niemals viel los - nicht außerhalb der vielen Baukastenvillen.
    Ich erwähnte bereits eingangs, dass die Spannung des Abends regelrecht spürbar war. Das war die Wahrheit. So war es immer. Auch wenn wir Sommersheimer Gefühl gegen Reichtum getauscht hatten, diese eine kostbare Emotion, die an jedem 31. August zum Leben erwachte, fühlten wir alle. Ganz besonders der Auserwählte, in diesem Jahr Onkel Marcel.
    Auf der Dorfstraße trafen wir auf die Meißners, unsere direkten Nachbarn. Den alten Karl und Isolde und ihre Kinder, die Mark und Lisa hießen, glaube ich, und die ein paar Jahre älter als unsere eigenen Kinder waren. Wir redeten nicht viel. Was gab es auch zu reden? Es gab nie viele Neuigkeiten in Sommersheim und so beschränkte sich unsere Unterhaltung im Wesentlichen auf die Vorfreude, was den heutigen Abend betraf. Nur Max und Susanne stritten sich auf dem Weg immer wieder. Doch auch das würde bald aufhören, wenn sie erwachsener wurden.
    Wie ein Trauerzug bewegten wir uns gleichmäßig voran. Die Männer trugen schwarze Anzüge, einige mit Krawatten behangen wie ich, andere mit Fliegen. Wir sahen aus wie Pinguine auf Wanderschaft. Anderswo hätte man vielleicht über uns gelacht. Manche von uns trugen sogar einen Zylinder und wieder andere führten einen aufwändig gearbeiteten Gehstock bei sich. Die Frauen trugen Abendkleider in allen erdenklichen Farben und die Kinder waren kleine Abziehbilder der Erwachsenen, bald schon würden sie sein wie wir. Ein Strom aus feinster Mode floss durch unser Dorf. All das gab es nur am 31. August. Am Tag des Sommerfestes.
    Wie es traditionell üblich war, gingen wir alle den Umweg über die frühere Spielzeugfabrik, die dem Alten General gehört hatte und die er uns mitsamt seinem Reichtum vor vielen Jahren hinterlassen hatte. Längst war die einst eindrucksvolle Fabrik nur noch eine Ruine, ein verblichener Schatten aus alter Zeit. Verblasste Schilder und kaputte Neonleuchtreklamen deuteten nur noch vage an, dass hier einmal Spielzeug für die ganze Welt hergestellt wurde, Spielzeug, das Kinderaugen leuchten lassen hatte. Nun gab es kein Leuchten mehr und auch kein Spielzeug. Keine Schilder, keine Leuchtreklamen, keine Förderbänder, nichts. Nur noch die riesige Ruine, die wie eine aufgedunsene Leiche auf ihrem Hügel lag und mit toten Fenstern auf unser Dorf herabblickte.
    Vor dem eingestürzten Eingang zur Fabrik machte die alte, rissige Zufahrtsstraße eine Kehre. Wie jedes Jahr legten wir hier unsere Gaben nieder: die Kuchen und die Blumen. Sie sollten ein Symbol sein, unser jährlich wiederkehrender Dank an den Alten General, dessen Erbe an uns ein Geschenk hätte sein sollen. Die Präsente würden einige Tage dort liegen bleiben, dann würde der Überrest weggeräumt werden. So war es immer. Auf mich machten all die Kuchen und Blumensträuße eher den Eindruck, als wollte man die Tristesse dieses Überbleibsels aus glorreicher Zeit in einem Meer aus Farben ertränken. Wäre es mir nicht so egal gewesen, so hätte mich dieser Teil des Rituals geärgert.
    Der zurückmarschierende Menschenstrom bewegte sich zügiger direkt zum Marktplatz im Dorfzentrum. Hier war bereits während der letzten Tage die Bühne aufgebaut worden, um die sich nun die Menschen scharten. Meine Frau, unsere Kinder und ich hatten einen guten Platz ergattert, von dem wir einen wunderbaren Blick auf das Geschehen haben würden. In einer anderen Zeit hätte es heute sicher Musik, Tanz und ein großes Gelage gegeben, doch wer hätte an solchen Dingen jetzt noch Interesse gehabt? Wir alle warteten ja doch nur darauf, dass unser symbolischer Bürgermeister, der soeben vor die Menge getreten war, Onkel Marcel ankündigen würde. Das war es, was uns interessierte.
    Der Bürgermeister bat um Aufmerksamkeit, als würde ihn nicht ohnehin jeder ansehen. »Ich heiße euch alle herzlich willkommen«, schwadronierte er und hob wie ein Zauberkünstler, der einen Trick ankündigte, die Arme in die Höhe. »Ich freue mich, dass ihr auch dieses Jahr alle wieder zu unserem Sommerfest erschienen seid. Wie ihr alle wisst, ist unser liebes Gemeindemitglied Marcel Unterberg heute der Auserwählte. Dafür gilt ihm unser aller Dank.«
    Ein aufgeregtes Raunen breitete sich wie eine Lawine über die Menge aus und schwoll schließlich zu einem eindrücklichen Chor an - die Andeutung dessen, dass es sich um ein Fest handelte und nicht um ein Trauerspiel. Dann endlich trat Onkel Marcel auf die Bühne. Wie viel Zeit war vergangen, seit ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte? Wenn das aktive Leben ein stetes Gleichnis aus dem ewig Selben ist, dann wird auch die Zeit bedeutungslos. Marcel war dick geworden, was auch sein maßgeschneiderter Anzug nicht kaschieren konnte und sein graues Haar hatte er offenbar länger nicht nachgefärbt. Vor uns stand ein alter Mann. Doch er lächelte und dieses eine Mal war sein Lächeln echt und nicht nur Etikette, denn seine Augen lächelten mit. Ich mochte fast vergessen haben, wie man fühlt, doch einen solchen Blick würde ich immer deuten können. Es gibt Dinge, die gehören zum Menschsein einfach dazu. Ich freute mich für ihn. Und ich freute mich für mich selbst. Für uns alle. Für das Kribbeln, das mich durchfuhr, dafür, dass ich spürte, wie mein Herzschlag sich beschleunigte, als Marcel auf das Podest stieg und seinen Hemdkragen ein letztes Mal zurechtrückte. Er blickte von oben herab in die Menge, winkte und lachte uns zu. Wie erhaben er trotz seines veränderten Aussehens wirkte!
    »Onkel Marcel!«, riefen Max und Susanne abwechselnd.
    Aus dem Chor der Menge war ein lautes Jubeln geworden, die Kinder klatschten zu früh und als Marcel Unterberg schließlich die Schlinge um den Hals gelegt wurde, da klatschte auch ich mit. Noch einmal hob unser Bürgermeister die Arme. Seine Wangen waren von der Aufregung gerötet, auf seiner Stirn standen Schweißperlen, die die letzten Sonnenstrahlen des Tages reflektierten. Onkel Marcel warf uns einen Luftkuss zu, dann wurde das Seil festgezogen. Es straffte sich, während die elektrische Winde hinter der Bühne laut surrte. Marcel verlor den Boden unter den Füßen. Als er sich einem Engel gleich vor uns in die Luft erhob, erstarrte die Menge ehrfürchtig. Vor Spannung. Vielleicht aus Neid. Es war pure Erregung. Tausende leuchtende Augen waren auf Marcel gerichtet, dessen Gliedmaßen in der Luft wild zappelten und zuckten. Seine Augen quollen aus ihren Höhlen, während die Überlebensinstinkte seines Körpers Alarm schlugen, doch sein Mund lächelte zufrieden. Welche Zufriedenheit, so unvorstellbar, so unbeschreiblich!
    Nach fünf, vielleicht sechs Minuten, die sich dehnten wie ein ganzes Meer aus Zeit, war das Sommerfest vorüber. Onkel Marcel bewegte sich nicht mehr. Sein schlaffer Körper hing über der Bühne in der Luft. Leichtes Baumeln im seichten Wind war der Abgesang eines denkwürdigen Momentes für uns alle. Während Onkel Marcel zu einem Teil des Gestern wurde, gingen die ersten Sommersheimer wieder nach Hause in ihre Villen zurück. Zurück in ihre tristen Leben. Auch meine Familie und ich machten uns auf den Heimweg. Unterwegs schwiegen wir. Max kickte einige Steine über die Straße. Susanne sagte einmal, sie habe Hunger. Ich hatte meinen Arm um die Taille meiner Frau gelegt. Wir waren glücklich.
    Schon morgen würden wahrscheinlich die ersten Bewerbungen fürs nächste Jahr im Bürgeramt eingehen. Während wir langsam durchs Dorf schritten und die erste kühle Brise des nahenden Herbstes unsere aufgeregten Gemüter wieder auf ihr gewöhnliches Maß herunterkühlte, dachte ich an Marcel. An sein letztes Lächeln. An seine tatsächlich empfundene Freude im Moment des Ablebens. Zufriedenheit und Glückseligkeit, die ich nicht kannte. Nie kennen würde. Hätte ich doch keine Familie ... Meine Frau und ich blickten uns an. Sie lächelte und ich wusste, sie dachte dasselbe.
    Mit dem Ende des Sommerfestes war auch die Dämmerung vorüber. Es war jetzt dunkel. Es war wieder Nacht.

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