<?xml version='1.0' encoding='UTF-8'?><?xml-stylesheet href="http://www.blogger.com/styles/atom.css" type="text/css"?><feed xmlns='http://www.w3.org/2005/Atom' xmlns:openSearch='http://a9.com/-/spec/opensearchrss/1.0/' xmlns:georss='http://www.georss.org/georss' xmlns:gd='http://schemas.google.com/g/2005' xmlns:thr='http://purl.org/syndication/thread/1.0'><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836</id><updated>2012-01-30T21:30:40.978+01:00</updated><category term='Herzschmerz'/><category term='Satire'/><category term='Romantik'/><category term='Gedanken'/><category term='Gedichte'/><category term='Gesellschaft'/><category term='Spannung'/><category term='Unheimliches'/><category term='Humor'/><category term='Zeichnungen'/><category term='Kurzgeschichten'/><category term='Düsteres'/><category term='Experimentelles'/><category term='Romane'/><category term='Erzählungen'/><title type='text'>Geist-Reich</title><subtitle type='html'>Phantastisches des PhanThomas</subtitle><link rel='http://schemas.google.com/g/2005#feed' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/posts/default'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default?max-results=100'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/'/><link rel='hub' href='http://pubsubhubbub.appspot.com/'/><link rel='next' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default?start-index=101&amp;max-results=100'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><generator version='7.00' uri='http://www.blogger.com'>Blogger</generator><openSearch:totalResults>212</openSearch:totalResults><openSearch:startIndex>1</openSearch:startIndex><openSearch:itemsPerPage>100</openSearch:itemsPerPage><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-1552415438337721085</id><published>2012-01-28T23:11:00.002+01:00</published><updated>2012-01-30T21:30:40.986+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Erzählungen'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Die Welt der geschäftlichen E-Mails</title><content type='html'>Für geschäftliche E-Mails, die als ausgesprochen wild gelten, scheint sich über die Jahre ein reges Ökosystem herausgebildet zu haben, dessen sich der Berufskaffeetrinker von heute durchaus bewusst sein sollte. Es fällt auf, dass geschäftliche Mails immer im Rudel auftreten. Während ihre privaten Vettern ins Postfach plumpsen, wann immer sie Zeit und Muße haben, flankiert von allerlei Spam rund ums männliche Geschlechtsorgan, fallen die geschäftlichen Exemplare entweder wie ein Bombenteppich ins Postfach oder gar nicht. Vorwiegend übrigens dann, wenn man gerade nicht am Platz sitzt, weil man mit dem Lieblingskollegen einen ausgedehnten Plausch in der Kaffeeküche hält und Milchschaum nuckelt oder aber wie ein gehetztes Reh von einem Meeting zum nächsten hastet. Und paradoxerweise tritt vermehrter E-Mail-Erguss vor allem vor Arbeitsbeginn und im Feierabend auf. Paradox ist das deswegen, weil die Absender gewohnheitsgemäß zu der Zeit auch nicht im Büro sind, auch wenn sie es auf die Nachfrage hin behaupten. Schon komisch, diese Sache mit dem Raum-Zeit-Gefüge.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auch interessant der Aspekt der nachträglichen Manifestation von Mails im Postfach. Klingt ein bisschen abgehoben, ist aber keineswegs bloß Business Bullshit Bingo. Kollege A fragt etwa so was wie: »Hast du denn den HR-Newsletter gar nicht gelesen?« Kollege B fühlt sich keineswegs ertappt, rührt elegant in seiner Kaffeetasse herum, hebt dann die Augenbraue und antwortet natürlich wahrheitsgemäß: »Es gab einen Newsletter dazu?« Wahrheitsgemäß ist die Aussage, weil der Newsletter erst nach der Feststellung, dass man ihn nie erhalten hat, im Postfach auftaucht. Und zwar in der Vergangenheit und frecherweise auch noch als bereits gelesen markiert ist. Ein abstruses Phänomen, das jeder kennt, mit dem man aber stets allein im Büro ist. Verständnislose Blicke der anderen Kollegen, denen die nachträgliche Manifestation von Mails sehr wohl ein Begriff ist, die sich aber gerade auf der Sonnenseite wähnen und deswegen in falschem Mitleid die E-Mail vorsichtshalber noch mal an den betroffenen Kollegen weiterleiten, sind garantiert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine Extremform der nachträglichen Manifestation tritt weniger häufig auf: die nachträgliche Manifestation einer Folgehandlung. Um das Beispiel des HR-Newsletters (Anm.: HR ist die gebräuchliche Abkürzung für Human Resources, einen Begriff, der jedem ambitionierten Betriebswirt feuchte Träume beschert und einen Menschen zum verfleischlichten Stück Kohle im Hochofen der Mikroökonomie degradiert.) noch mal herbeizuholen: Kollege B erahnt also, dass der Tatbestand der nachträglichen Manifestation einer geschäftlichen Mail vorliegen könnte. Kollege A leitet ihm, gelenkt von verborgenem Hohn, der unter dem Zuckerguss wohlwollender Kollegialität verborgen seine Sporen austreibt, die entsprechende Mail weiter und Kollege B merkt dazu an: »Aha, da steht ja tatsächlich was zur neuen Reisekostenabrechnung drin. Puh, das sieht wichtig aus. Werde ich gleich mal in den Ordner für wichtige interne Mails verschieben.« (Klingt so gesprochen natürlich äußerst bekloppt. Im wahren Leben klänge Kollege Bs Anmerkung eher so: »Grummel grummel nuschel, wichtig, grummel, Ordner, grummel, intern, nuschel.« Bürohengste kennen das.) Gesagt, getan und prompt stellt der gebeutelte Mitarbeiter fest, dass sich eine solche Mail bereits in seinem Ordner für wichtige interne Mails befindet. Er ist spontan Opfer der nachträglichen Manifestation einer Folgehandlung geworden. Ein Problem, das gemeinhin von den Betroffenen verschwiegen und daher nur selten thematisiert wird, das aber so nachhaltig auf Psyche und Körper wirkt, dass ein vorzeitiger Feierabend oft die direkte Folge ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein weiteres Kuriosum der geschäftlichen E-Mail-Welt ist das Verschwinden unabdingbar wichtiger Mails, sowohl in der Gattung erhaltener als auch der versendeten Mails immer wieder zu beobachten. Ein besonders tragisches Phänomen, wie jeder gewissenhafte Schreibtischknecht bestätigen kann, besteht doch das gesamte Fundament eines vermeintlich sicheren Arbeitsplatzes aus dem Archivieren von Mails, die zur richtigen Zeit an die richtigen Leute versandt wurden, um sie im Eskalationsfall wie Jokerkarten aus der Mailbox popeln und mit einem selbstgefälligen Lächeln vorweisen zu können. In Kürze: Cover your ass! Das zentrale Erfahrungselement eines jeden Berufslebens. Vielleicht auch ein Grund, weshalb alteingesessene Bürostuhlakrobaten dazu neigen, ihre E-Mails auszudrucken, um sie anschließend noch einmal zu lesen, zu bügeln und fein säuberlich im schwarzen Loch für Dokumente namens Leitz-Ordner abzuheften. Derart angekettete Mails wirken vermutlich beruhigend auf den Mailausdrucker, kann der sich doch einreden, im Kriegsfall alles schriftlich archiviert zu haben. Der Toner ist eben doch mächtiger als das Schwert und vor allem weniger unbeherrschbar als das Ökosystem der wilden geschäftlichen E-Mails.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-1552415438337721085?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/1552415438337721085/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=1552415438337721085&amp;isPopup=true' title='2 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/1552415438337721085'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/1552415438337721085'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2012/01/die-welt-der-geschaftlichen-e-mails.html' title='Die Welt der geschäftlichen E-Mails'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>2</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-458827471828703444</id><published>2012-01-22T20:54:00.003+01:00</published><updated>2012-01-23T00:21:59.872+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Satire'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Von Enten und Schwänen</title><content type='html'>Auf dem Ozean, unweit der Küste einer kaum bekannten Insel namens Gigolo, schwammen zwei Enten, umschifften hohe Klippen und versuchten vergeblich, sich zu orientieren.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Du Idiot, wegen dir haben wir uns völlig verirrt. Das hier ist doch kein See, das ist ein Meer. Hast du Trottel noch niemals ein Meer gesehen, nak nak?«, schnatterte Ente Eins aufgebracht.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ruhig Blut, Bruder. Wo ist der Unterschied, Mann? Wasser ist Wasser. Stell dir einfach vor, das hier wäre ein großer See. Bestimmt ist es sogar einer, nak nak«, antwortete Ente Zwei gelassen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Wo der Unterschied ist, nak, kann ich dir sagen. Hast du das Wasser mal gekostet? Wenn du’s einmal probiert hast, willst du’s immer wieder und ich muss mich echt anstrengen, mich zurückzuhalten. Mein Hals ist schon ganz trocken, weil das hier, worauf wir schwimmen, Salzwasser ist! Du hast gesagt, hier gäbe es das beste Futter überhaupt, dabei kann das wohl kaum stimmen, wo hier doch alles nach verdammtem Salz schmeckt, nak nak. Meine Füße sind schon ganz verkrustet, Fahrenheit.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Nak, na gut, ich habe mich vielleicht verflogen. Mag ja sein, dass ich irgendwo rechts statt links abgebogen bin oder so. Aber von da oben sieht eben alles gleich aus. Ist ja nicht so, als hätte irgendwer Wegweiser aufgestellt«, gab Ente Fahrenheit zu. »Aber wenn das hier tatsächlich ein Meer ist, nak nak, dann gibt es hier doch bestimmt ziemlich große Fische. Ich habe mal gehört, wie Möwen darüber geredet haben. Sie nennen diese Biester Wahrle oder so und die sollen große Wasserkanonen auf dem Rücken haben, mit denen sie Vögel ärgern können. Was sagst du dazu, Kolben, nak nak?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Was ich dazu sage, nak nak? Nichts sage ich dazu, Fahrenheit. Wir sind Enten, wir fressen keine Fische. Nicht mal die kleinen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Oh. Wusste ich doch, das da jetzt was nicht passte. Nun gut, aber was ist mit großen Enten? Wo es große Fische gibt, da muss es auch große Enten geben. Hast du schon mal was mit einer großen Ente gehabt, Kolben? Mit so einem richtigen Prachtvogel, nak nak? Oder ... oder mit einem Schwan? So eine Nummer kannst du ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Nak nak nak, hör auf mit deinen blöden Geschichten. Immer erzählst du deine Nestlügenmärchen, die dir dann ja doch keiner glaubt. Wie letztens diese Sache mit der Reitgerte und dem Glühdraht. Ich will gar nicht wissen, wie du auf so perverses Zeug kommst.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Alles erlebt, Kolben, alles erlebt, nak nak«, schnatterte Fahrenheit und plusterte sich selbstzufrieden auf.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Pah, wer’s glaubt«, grummelte Kolben und schlürfte unbewusst einen Schluck Meerwasser.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Na komm nur«, quakte Fahrenheit und schwamm energisch um einen gigantischen Felsen herum, der wie eine steinerne Faust aus dem Meer ragte. »Wir werden hier irgendwo ganz bestimmt ein paar ziemlich große Enten oder sogar Schwäne finden und dann zeige ich dir, ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ach du ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »... wie das mit der Paarung ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »... dickes Ei! Sieh sich einer das an, nak naaak!«, quakte Kolben und erstarrte mitten in seiner Schwimmbewegung. Fahrenheit folgte dem Flügelzeig seines Kameraden und vergaß für den Augenblick, dass Schnäbel im Gegensatz zu Kinnladen eigentlich nicht einfach so herunterklappen sollten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kapitän Vincenzo Pellicano blickte aus dem Fenster der Schiffskombüse, in der eifrig gebrutzelt, gebacken und geschmiert wurde, und telefonierte. Aus seinem Mund ragte das Überbleibsel eines abgenagten Schaschlikspießes, das er während der Redepausen genüsslich abschleckte. Sein Schiff, die opulente Costa Brimboria, vollgestopft mit fast 2.000 Passagieren, 5.000 goldenen Türknäufen, einer Armee von Fünfsterneköchen und einem Privatharem für Kapitän Pellicano, hatte volle Fahrt aufgenommen. Eigentlich hätte Vincenzo Pellicano sich im Steuerraum befinden sollen, wo natürlich der Ausblick deutlich besser war, allerdings hielt er es für eine ausgezeichnete Idee, von der Kombüse aus zu koordinieren, wenn dort gerade gekocht wurde, damit er die besten Leckerbissen direkt als erster vom Grill naschen konnte. Nichts ging über absolute Frische, das hatte Mama Pellicano schon immer gesagt!&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ja Schatz, wenn ich’s doch sage! Es gibt hier keine schöneren Frauen als dich an Bord. Nein, wirklich nicht! Die weiblichen Passagiere sehen allesamt aus, als hätten wir Seekühe nach Taka-Tuka-Land geladen und die weiblichen Angestellten sind nicht der Rede wert. Kaum von den Männern zu unterscheiden. Frauen mit Bärten sind das.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Pellicano naschte eine Olive. Dann noch eine. Und eine dritte. Dann ging er zum Topf mit der kochenden Bolognaisesauce hinüber.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Was? Ja, ganz im Ernst. Hm? Schatz, du redest, als hätte ich einen eigenen Harem mit an Bord genommen. Ich bin hier, um zu arbeiten! Ja, ich weiß, dass ich in meiner blütenweißen Uniform besonders gut aussehe, aber die muss ich nun mal tragen. Bauarbeiter müssen ja auch Helme tragen. Ich will damit ganz sicher keine Frauen beeindrucken. Der Job hier ist kein Zuckerschlecken, weißt du?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Vincenzo Pellicano rollte mit den Augen und griff nach einem großen Löffel. Eines Tages würde der Grande Capitano diese Furie noch mal mit dem Spaten erschlagen. Wäre ihr verflixter Vater nur nicht so unsagbar reich wie er langlebig war! Pellicano tunkte den Löffel in den Saucetopf.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Hm, etwas viel Salz«, murmelte er und machte sich auf zum Weinregal. »Nein ich hab nicht gesagt, ich hätte schon einen Hals. Einen Moment, meine Perle, ich muss eben eine sehr wichtige Anweisung erteilen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Pellicano drängelte sich an zwei eifrigen Küchenjungen vorbei und nahm einen Lambrusco vom Regal, den er flugs entkorkte. Kein wirklich guter Jahrgang, dachte er und ging mit der Flasche zurück zum Fenster. Das Handy am Ohr, genoss er die Aussicht auf die Insel Gigolo, der sich die Costa Brimboria nun zügig näherte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ja, ich bin noch dran. Wir nähern uns gerade einer Insel und diesmal werden wir ziemlich dicht daran vorbeifahren. He he, die werden Augen machen! Ich werde ein Foto mit der Handykamera davon schießen und es dir schicken. Ob ich das wirklich für eine gute Idee halte? Ja selbstverständlich, was denkst du denn?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Der Kapitän hob die Weinflasche und wunderte sich über den geringen Füllstand.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Dass ich ein Draufgänger bin? Und ein Aufschneider auch noch? Aber natürlich bin ich das! Ja wie jetzt, hättest du mich denn sonst geheiratet? Eben. Ja, Schatz. Nein, Schatz. Mit Schiffen kenne ich mich bestens aus, weißt du? Ha, da vorn steht schon eine Horde Insulaner und glotzt uns an. Richtig nah sind die. Na denen werden wir’s jetzt aber zeigen, he he. Ich werde jetzt das Foto machen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Klack!&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »So, meine Perle, das Bild ist im Kasten. Ha ha, wie die alle staunen, ha ha ha. Das kleine Mädchen mit den Zöpfen kriegt den Mund gar nicht wieder zu. Man kann von hier aus sogar ihre große Zahnlücke erkennen. Und die Farbe ihrer Augen. Und ... Hm, vielleicht ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; ... waren sie doch etwas nah an die zerklüftete Insel herangefahren. Im nächsten Augenblick geschahen mehrere Dinge annähernd gleichzeitig: Die neugierigen Zuschauer wichen zurück und begannen, wegwerfende Bewegungen mit ihren Armen in Richtung des Schiffes zu machen, als wollten sie sehr große Fliegen verscheuchen. In der Kombüse ließ ein Küchenjunge ein Ei fallen. Eine Horde Seemöwen entleerte sich in den großen Schiffsschornstein. Und dann rumpelte es gewaltig, als die Costa Brimboria über einen messerscharfen Felsen donnerte, der das riesige Kreuzfahrtschiff aufschnitt wie eine herkömmliche Dose Thunfisch.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Kapitän Vincenzo Pellicano nahm sehr deutlich wahr, dass die Trennlinie zwischen Wasser und Himmel zur Insel hin nach oben wanderte, während sie auf der meergerichteten Seite nach unten verrutschte. Für gewöhnlich war das kein gutes Zeichen und so brachte Pellicano die Situation geistesgegenwärtig genau auf den Punkt: »Ach du Scheiße!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Ein lautes Keifen schrillte durchs Telefon, das der Kapitän noch immer an sein Ohr hielt. »Was das für ein Geräusch war? Ach, das ... das war nichts. Ein vorbeifliegendes Flugzeug, nehme ich an. Das ist immer so laut und klingt, als würde Metall auf Stein prallen. Ja, ganz bestimmt. Du, Schatz, wir haben hier jetzt gleich eine Lagebesprechung. Ganz ... ganz gewöhnliches Meeting, du weißt ja, wie das ist. Immer diese Arbeit.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Eine Horde Bratpfannen galoppierte durch die Kombüse, gefolgt von einem Rudel Töpfen und drei Schöpfkellen, während das Küchenpersonal in die entgegengesetzte Richtung hastete.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Das? Nein mein Engel, ich weiß nicht, was das eben wieder für ein Geräusch war. Ich ... ich muss jetzt wirklich Schluss machen. Wir telefonieren später, ja? Ach Moment ... Schatz, sag mal, die Haftpflichtversicherung, die haben wir doch noch, oder? Gut! Was? Nicht? Wie? Ich soll gesagt haben, den Scheiß brauchen wir eh nie?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Während von der zur Seite kippenden Costa Brimboria die Rettungsboote purzelten wie dicke Schuppen von einem riesigen weißen Haupt und die Passagiere über das in Schräglage geratene Deck wuselten wie Fußballspieler, denen man zu viele Bälle zugeworfen hat, gab es einen Ort, an dem die Evakuierung bereits vorüber und Ruhe eingekehrt war. Dieser Ort war eine Tür.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Eine Tür, die auf dem Meer schwamm. Auf ihr lag ein Mann bäuchlings wie auf einer hölzernen Luftmatratze. Seine Hände hielten die Hände einer Frau, die sich im Wasser befand, weil auf der Tür offenbar nur Platz für eine Person war.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Elisa!«, hauchte der Mann.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Gottfried!«, sagte die Frau.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Elisa!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Gottfried, verdammt, wie oft willst du noch meinen Namen wiederholen?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ich weiß es nicht, Blüte meiner aufkeimenden Lebenskrise. Um mich an deinen Namen zu erinnern vielleicht, denn aus irgendwelchen Gründen habe ich ständig das Bedürfnis, dich Jack zu nennen. Außerdem lenkt es mich ein wenig von dem schlechten Gewissen ab, das mich plagt, weil ich auf dieser wirklich hervorragend isolierten Tür schwimme, während du im Wasser frierst.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Gottfried, ich friere nicht. Das da hinten ist eine Südseeinsel, wir sind also in der Südsee. Und das Wasser hat bestimmt dreißig Grad, wenn nicht mehr.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Aber du hast eben so fürchterlich gebibbert, mein kostbarstes aller Fabergé-Eier.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Die Frau errötete wie ein Hummer im Schnellkochtopf. »Na ja, ich habe eben ins Wasser gemacht.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Igitt! Warum tust du so etwas Schreckliches?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Weil hier niemand eine Gästetoilette aufgestellt hat, Gottfried. Und beschwer dich nicht, du liegst schließlich sehr bequem auf dieser verdammten Tür.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Bequem? Elisa, ewige Freude meines Lendenapparates, die Tür mag gut isoliert sein, wie ich anmerkte, doch das ändert nichts daran, dass sie aus Holz ist. Diese Tür ist alles andere als bequem. Und überhaupt frage ich mich, wo sie herkommt.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Oh Gottfried, sollen wir nicht an Land schwimmen, wie all die anderen Leute in ihren Rettungsboten? Ich kriege allmählich Hunger und meine Haut ist schon ganz schrumpelig.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Eine hervorragende Idee, Elisa, höchste aller Sparkontenschmälerungen. Sonst wirst du in diesem ekligen Wasser noch krank. Widerlich, es ist ja voller Rost!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Gottfried, du Hornochse, das ist kein Rost!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Eine Minute zog stillschweigend ins Land.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Bah! Elisa!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Gottfried!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Jack!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »GOTTFRIED!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Im Hintergrund der durchaus romantischen Szenerie begann die Sonne ihren malerischen Abstieg hinter den Horizont. Derweil schwammen zwei Enten recht nah an der Rettungstür vorüber, wobei die vorausschwimmende geradezu wirkte, als hätte sie einen Plan. Gleichzeitig entfernte sich ein kleines Motorboot auffällig schnell vom Ort des Geschehens. Der Bootsführer schien ein wenig irre zu sein, hatte er sich doch für seine Spritztour extra in die Uniform eines Kreuzfahrtschiffkapitäns geworfen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fahrenheit schwamm inzwischen zügig in Richtung der havarierten Costa Brimboria. &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Los los, Kolben, nur keine Müdigkeit vorschützen, nak nak!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Nak, ich weiß ja nicht, Fahrenheit. Hältst du das wirklich für eine gute Idee? Ich meine, er sieht aus, als wäre er gerade anderweitig beschäftigt.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Du musst noch viel lernen, mein Freund, sehr viel. Eben die Tatsache, dass er nicht aufpasst und den Kopf ins Wasser gesteckt hat, ist unsere Chance, zum Zug zu kommen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Kolben blickte sehr skeptisch in Richtung des sich noch immer neigenden Schiffes.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie du das anstellen willst«, quakte er.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Nak, Kolben, manche Dinge im Leben sollte man nicht hinterfragen, man muss sie einfach tun. Du wolltest mir nicht glauben, dass ich Liebe mit einem Schwan gemacht habe. Jetzt, mein Freund, nak nak, werde ich dir zeigen, wie man Liebe mit dem, verdammt noch mal, größten Schwan der Welt macht! Glaub mir, mit Schwänen kenne ich mich aus.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Kolbens Blick wurde nicht weniger skeptisch. »Na wie du meinst«, quakte er, trank einen Schluck Meerwasser und folgte Fahrenheit in Richtung Costa Brimboria.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-458827471828703444?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/458827471828703444/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=458827471828703444&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/458827471828703444'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/458827471828703444'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2012/01/von-enten-und-schwanen.html' title='Von Enten und Schwänen'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-7853119761460745331</id><published>2012-01-14T17:31:00.003+01:00</published><updated>2012-01-15T01:51:43.710+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Kaffeeklatsch</title><content type='html'>»Das soll noch einer verstehen«, murmelte Paul von Hindenburg und schüttelte verärgert den Kopf. Er legte die Zeitung zur Seite, die auf dem Titel einen verkniffen dreinblickenden Christian Wulff zeigte und den Leser in mannshohen Lettern fragte, wann dieser uuunbeliebteste Bundespräsident aaaller Zeiten denn nun endlich zurücktreten würde.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Zu meiner Zeit«, begann Hindenburg, nahm sich noch ein Stück von der Käsetorte und gab Schlagsahne oben drauf, »da konnte ich Millionen von Männern im Krieg verheizen und wurde anschließend zum Dank Präsident. Da musste man nichts vertuschen, da reichte es, einen dicken Schnauzbart zu tragen, sich in einen teuren Mantel zu hüllen und immer einen opulenten Gehstock bei sich zu haben. Und es trat auch keiner zurück, man dankte ab!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Der unscheinbare blasse Mann mit Bart und gescheiteltem Haar, der zusammengesunken neben dem dicklicheren Hindenburg auf seinem Stuhl hing, zuckte die Schultern. »Mir brauchst du das nicht sagen, ich hatte damals völlig andere Probleme«, sagte er.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Du hättest überhaupt keine Probleme haben müssen. Deine waren alle hausgemacht. Versaut hast du’s ganz allein«, grummelte Hindenburg. »Aber dieser Wulff, schau dir den Milchbubi an! Der trägt nicht mal einen Bart. Also nicht, dass Bärte allen Männern gut zu Gesicht stünden«, er warf einen offensichtlichen Blick auf den Mann mit Bart, »aber ein Präsident ganz ohne Gesichtsbehaarung, das kann doch nichts werden. Wo ist denn da die Eleganz? Zu meiner Zeit hätte diesen Strolch niemand von seiner eigenen Ehefrau unterscheiden können.»&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Marlon Brando schob seinen immensen Bauch durch die Tür, die zur Küche führte, ein Tablett mit Kanne und Tassen balancierend. »Kaffee ist fertig!«, rief er. Er stellte das Tablett auf den Tisch und sog den Duft des frisch gebrühten Getränks tief in die Nase. »Ahh, ich liebe den Duft von Kaffee am Morgen!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Hindenburg schaute auf seine Armbanduhr. »Morgen? Es ist sechzehn Uhr!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »In deinem Land vielleicht«, erwiderte Marlon.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Und auf meiner Uhr!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Egal. Irgendwo wird wohl gerade Morgen sein. Und an diesem Ort wird irgendein glücklicher Hund gerade eine Tasse hervorragenden Kaffee genießen. Ach, könnte ich doch mit ihm tauschen, nur einmal wieder den Sonnenaufgang von unten aus genießen, mit einer Tasse Bohnenkaffee in der Hand. Ich würde ihm ein Angebot machen, das er nicht ablehnen könnte. Soll ich euch Kaffee einschenken oder macht ihr’s selbst?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Na von mir aus«, brummte der alte Reichspräsident durch seinen Bart.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »So, bitte schön. Gebrüht nach einer Rezeptur meiner Großmutter«, sagte Marlon und lächelte stolz. »Schmeckt himmlisch zur Käsetorte.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Dank dir«, brummte Hindenburg mit bitterer Miene.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ach, doch nicht dafür. Wobei, irgendwann, möglicherweise auch nie, werde ich dich bitten, mir eine kleine Gefälligkeit dafür zu erweisen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Nun hör aber auf!«, polterte Hindenburg und ließ die Faust auf den Tisch sausen, dass die Porzellantassen auf ihren Tellern schepperten.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Was? Womit denn?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ständig irgendwas aus deinen Filmen zu zitieren. Du machst mich ganz wuschig!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Was hat er denn?« Marlon warf dem stillen Mann mit Bart einen fragenden Blick zu.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Er hat wieder in der Zeitung geblättert und ärgert sich über diese Wulff-Sache«, sagte der Mann und fuhr sich mit den Fingern durch den Bart. »Ich habe ihm schon gesagt, dass diese ganze Politik und der Ärger darüber einen nur in den Tod treiben.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Wir sind doch aber tot«, merkte Brando an.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Zu meiner Zeit wäre es dieser Wulff auch längst«, sagte Hindenburg. »Einen wie den hätte ich nicht mal in den Schützengraben schicken können. Wer über so viele Kleinigkeiten stolpert, der fliegt doch über den erstbesten Stacheldraht. Ein Präsident, der sich von seinem Volk und ein paar Zeitungen demontieren lässt, wo gibt’s denn so was?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Was ärgert dich eigentlich so sehr daran?«, fragte der blasse Mann mit Bart. »Ist doch allein sein Problem, sich mit den sinkenden Umfragewerten herumschlagen zu müssen. So ein Absturz in der Gunst der Leute ist nicht leicht zu ertragen, glaub mir. Ich hab das durch.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ach, es ist die desolate Lage des ganzen Landes, die mich ärgert«, grummelte Hindenburg und nahm einen Schluck Kaffee. »Ist noch Torte da?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Puh, ich gehe eben nachsehen«, sagte Marlon Brando und stand auf. »Übrigens, wo bleibt eigentlich Petrus?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Schiebt wahrscheinlich Überstunden«, sagte der Mann mit Bart. »Gab’s irgendeine Katastrophe auf der Erde?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Du kannst ja in der Zeitung nachsehen, aber ich fürchte, da wirst du überall nur das bartlose Grinsgesicht dieses Totalversagers finden«, ätzte Hindenburg. »Pah, dieses Käseblatt erscheint in einem Land, das in seinen eigenen Schulden zu ersaufen droht. Diese ganze so genannte Volkswirtschaft schaufelt eifrig ein Grab für Folgegenerationen. Wer da noch Kinder in die Welt setzt, muss ja schon ein schlechtes Gewissen haben. Wohlstandsmörder sind das, ein ganzes Europa in der Krise, und die Leute haben nichts anderes zu tun, als über diesen ungeschickten Kauz von einem Präsidenten zu schreiben, der von einem Malheur ins nächste stolpert. Seine Berater sollten ihm den Mund zutackern, dann könnte sich die Öffentlichkeit wieder auf das Wesentliche konzentrieren.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Auf das Dschungelcamp?«, witzelte der Mann mit Bart und erntete einen kühlen Blick des Reichspräsidenten.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Du verstehst den Ernst der Lage nicht«, sagte Hindenburg. »Aber wie sollte ich das auch erwarten von einem, der am Ende nicht einmal mehr Herr seiner selbst war?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »’Tschuldigung.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ich glaube, das Volk hat den Blick für das Wesentliche verloren und deswegen ist ihm auch egal, was diese angeblichen Volksvertreter so anstellen. Die werden wie Filmstars behandelt, lassen sich über Affären aus, aber die politischen Entscheidungen werden nur von den wenigsten tatsächlich infrage gestellt. Und dann dürfen diese Unwissenden auch noch frei wählen? Ich habe ja schon früher gesagt, der ganze Demokratiemist taugt nichts. Die Dekadenz dieser abendländischen Gesellschaft ist unerträglich!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Und was hättest du gemacht?«, fragte Marlon Brando, der gerade mit einem Tablett aus der Küche herbeigeeilt kam. »Übrigens ist keine Torte mehr da, nur Kirschkuchen. Habe ich für Petrus gemacht. Meint, den mag er am liebsten.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Was ich gemacht hätte? Ach, ich hatte meine Zeit des Lenkens. Reicht es nicht, dass ich mich mit alldem beschäftige und mich ärgere?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Mit anderen Worten, du hast keine Ahnung. Hier, nimm noch Kirschkuchen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Manchmal glaube ich, über sechzig Jahre Frieden sind einfach zu viel für ein Land. Da sitzen die Leute aufgedunsen vor ihren immer größer werdenden Fernsehern und lassen sich lieber von der Aufregung über ihr Staatsoberhaupt besäuseln, statt mit anzupacken. Und gefallen lassen sie sich auch noch alles. Orwell ist nicht mehr weit, sag ich euch.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ein zünftiger Krieg wäre dir lieber, was?«, mischte sich der blässliche Mann mit Bart ein. »Haben wir ja mehrfach gesehen, wohin das führt.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Eine Katastrophe führt unweigerlich in die nächste«, sagte Marlon Brando und schenkte sich Kaffee nach. »Ah, das Zeug schmeckt mir in letzter Zeit tatsächlich noch besser als früher.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Früher war der Krieg die Katastrophe«, sagte Hindenburg, »heute ist es die Dekadenz. Was diese Witzfiguren aus den deutschen Tugenden, den deutschen Staatsämtern machen, das ist heute die Katastrophe. Und dann dieses Nichtstun der Leute, diese Friss-oder-stirb-Attitüde. Fürchterlich!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ach Paul«, begann der Mann mit Bart und klopfte dem Altpräsident auf die Schulter, »lass doch den ganzen Kram jetzt.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Iss lieber ein Stück Kuchen. Altes Familienrezept, so wie der Kaffee«, warf Marlon Brando ein.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ganz genau«, stimmte der Mann mit Bart zu. »Du kannst die Massen mobilisieren, sie für dich gewinnen, und glaub mir, was das angeht, kenne ich mich aus, letztlich bewirkst du dann doch nichts und zahlst am Ende den höchsten Preis. Ich habe das alles erlebt. Heute hören sie dir zu und liegen dir zu Füßen, morgen spucken sie auf dich, weil ihnen jemand sagt, dass sie das tun sollen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Grmpf«, grmpfte Hindenburg. »Ach was, wahrscheinlich ärgert sich ein alter Mann wie ich am Ende doch einfach nur über diesen Taugenichts von einem Präsidenten und die Tatsache, dass er auch noch eine Bühne dafür bekommt.« Er deutete auf den Kirschkuchen. »Marlon, das Rezept ist auch von deiner Großmutter, sagtest du?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Oh ja, probier nur. Hier, nimm das große Stück, aber lass was für ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Es klingelte an der Tür.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Na, wenn man vom Teufel spricht!« Marlon stand auf und steuerte seinen überbordenden Bauch freudig in Richtung Tür.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Petrus, du bist spät!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Petrus trat durch die Tür, zog den Mantel aus und strich seinen langen Bart glatt.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Hör bloß auf!«, sagte der neue Gast, völlig aus der Puste. »Ich habe mich ja schon beeilt. Hatten ein Strategiemeeting, von ganz oben anberaumt. Und so was am Freitagnachmittag. Darauf kommt auch nur der Boss. Aber die Jahresplanung stand halt an. Hab ich denn was verpasst?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ach«, sagte der kleine Mann mit Bart, »nur Pauls Ärger über die Deutschen und ihren Bundespräsidenten. Sonst nichts.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »So? Lohnt sich doch gar nicht, darüber zu diskutieren«, sagte Petrus. »Die Welt geht ohnehin bald unter. Das gibt zu tun, sag ich euch! Der Chef hat uns schon Urlaubssperren angekündigt.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ach, ist schon 2012?«, fragte Marlon Brando verblüfft und hielt Ausschau nach einem Kalender.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Was? Äh, ja. Aber 2012? Heiße ich Roland Emmerich und mache schlechte Filme? Die Welt geht 2013 unter.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ach so.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Petrus warf einen fragenden Blick auf den Mann mit Bart. »Sag mal, Jacko, seit wann trägst du denn einen Bart? Ich hätte dich fast nicht wiedererkannt. Die Popelbremse sieht ja fürchterlich aus! Rasier das Ding bloß ab!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Habe ich ihm auch schon gesagt«, pflichtete Marlon Brando bei. »Aber er will nicht hören. Er meint, ein Bart ließe ihn aussehen wie Magnum.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Wie Magnum? Tom Selleck? Jacko, du siehst kein bisschen aus wie Tom Selleck. Eher wie ein missglückter Waldschrat mit fettigem Haar.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Hm, meinst du wirklich?«, fragte Michael Jackson enttäuscht.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ganz bestimmt«, sagte Petrus. »So Jungs, wie sieht’s aus? Sollen wir die Pokerrunde starten? Marlon, hast du die Karten da?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Alles vorbereitet, wie immer. Frauen und Kinder können unvorbereitet sein, aber nicht Männer. Und schon gar nicht Marlon. Stimmt’s, Jungs? Sogar Kirschkuchen gibt's, extra für dich gebacken, Petrus.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Petrus rieb sich freudig die Hände und nahm Platz. »Hach, himmlisch!«&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-7853119761460745331?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/7853119761460745331/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=7853119761460745331&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/7853119761460745331'/><link rel='self' type='application/atom+xml' 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dort liegen?&lt;br /&gt;Stiehl eins mit mir und wir flieh’n übers Meer!&lt;br /&gt;Schon bald woll’n wir über das Wellendach fliegen,&lt;br /&gt;Halt dich gut fest, aller Anfang ist schwer!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Leinen sind los, jetzt den Anker noch lichten,&lt;br /&gt;Nimm meine Hand, uns’re Reise beginnt!&lt;br /&gt;Ich spüre den Abschied von Altem mitnichten,&lt;br /&gt;Spricht unser Herz doch: Wer wagt, der gewinnt!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dies Schiff ist das Wir, uns’re Liebe die Böe,&lt;br /&gt;Nur wenn sie stark ist, geht’s tüchtig voran.&lt;br /&gt;Wir hissen die Flagge des Glücks in die Höhe,&lt;br /&gt;Segeln als zweisam Piratengespann.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und ewig die See ist uns beiden ein Spiegel,&lt;br /&gt;Glänzt von der Sonne, von Stürmen so schwer!&lt;br /&gt;Doch immer mein Blick sei mein wahr sprechend Siegel,&lt;br /&gt;Dich geb’ im Leben ich nicht wieder her!&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' 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title='Glückspiraten'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>5</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-1797376994520529208</id><published>2011-12-09T00:14:00.001+01:00</published><updated>2011-12-09T11:12:17.704+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gedichte'/><title type='text'>Et weihnachtet in Lichtenberch</title><content type='html'>Zu Lichtenberch in Ostberlin,&lt;br /&gt;Selbst da kommt Weihnachten ma' hin,&lt;br /&gt;Is' ooch dit meiste hier wie immer.&lt;br /&gt;Die Parks, die Straßen, allet grau,&lt;br /&gt;Doch leuchtet bunt der Plattenbau,&lt;br /&gt;'N Lichterkranz in jedem Zimmer.&lt;br /&gt;Trotz tausend Watt Besinnlichkeit,&lt;br /&gt;Der Alltachswahnsinn is' nich' weit,&lt;br /&gt;Ick muss et wohl nich' extra saajen.&lt;br /&gt;Nu' lädt uns hier zwar keener inn,&lt;br /&gt;Doch trotzdem kieken wa ma rinn,&lt;br /&gt;'Nen kleenen Blick könn' wa ja waajen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Tür is' uff, im ersten Stock.&lt;br /&gt;Die Eva Ulbricht untern Rock&lt;br /&gt;Zu packen, kann man sich heut' jönnen.&lt;br /&gt;Zum Fest der Liebe jibt's doch glatt&lt;br /&gt;Ab eener Stunde 'nen Rabatt&lt;br /&gt;Wer wird da widerstehen können?&lt;br /&gt;Nach Alfons aus Etage vier&lt;br /&gt;War ooch sein Sohnemann schon hier,&lt;br /&gt;Den Freudenspender bracht's zum Schäumen.&lt;br /&gt;Bei Brustumfang von hundertsechs&lt;br /&gt;Zwee Zentner Eva, purer Sex,&lt;br /&gt;Kommt och der Postmann jetz' int Träumen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bei Hustenhugo unterm Dach,&lt;br /&gt;In Sachen Hartz een Mann vom Fach,&lt;br /&gt;Erwacht der Dreck schon fast zum Leben.&lt;br /&gt;Der Hugo, fertich mit de' Welt,&lt;br /&gt;Die Frau längst weg, keen Schnaps, keen Jeld,&lt;br /&gt;Der will sich heut' die Kugel jeben.&lt;br /&gt;Und wie er in de' Küche steht,&lt;br /&gt;Is', wat ihm durch'n Kopp nur jeht:&lt;br /&gt;Wat is' 'ne Weihnacht ohne Tanne?&lt;br /&gt;Die Kugel, die verfehlt den Kopp,&lt;br /&gt;Durchsiebt ihm nur den letzten Topp,&lt;br /&gt;Nu' bleibt zum Kochen noch 'ne Pfanne.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und am Balkon im Erdjeschoss,&lt;br /&gt;Sitzt Erna Mumm, dit Schlachtenross,&lt;br /&gt;Kiekt janz jenau, sucht wat zu zank'n.&lt;br /&gt;Wenn eener Mist baut, is' er dran,&lt;br /&gt;Sie schreibt'n uff, sie schwärzt'n an,&lt;br /&gt;Die Hausverwaltung wird's ma' dank'n.&lt;br /&gt;Dat Weihnacht is', dat merkt se nich'&lt;br /&gt;Und ach, wat is' dat widerlich,&lt;br /&gt;Wenn alle schön zu Hause bleib'n.&lt;br /&gt;Dann starrt se ausm Fenster raus,&lt;br /&gt;Wo nischt passiert, Tach ein, Tach aus.&lt;br /&gt;Und Erna Mumm hat nischt zu schreib'n.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im fünften jeht et heftig zu,&lt;br /&gt;Denn Paule Schmidt, der hat im Nu&lt;br /&gt;Die Inge Schmidt komplett entblättert.&lt;br /&gt;»Is' dit 'ne Weihnacht!«, sacht er ihr,&lt;br /&gt;Schon jeht er ran wie'n wilder Stier,&lt;br /&gt;Hat ihre Berje flott erklettert.&lt;br /&gt;Dit janze wäre nu' keen Akt,&lt;br /&gt;Wenn eener seine Frau anpackt,&lt;br /&gt;Dann jeht er ooch ma an de' Titten.&lt;br /&gt;Doch weeß hier jeder janz jenau:&lt;br /&gt;Beate, dit is' seine Frau,&lt;br /&gt;Die Inge Schmidt, die wohnt im dritten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kloppt eener an, in Stockwerk vier,&lt;br /&gt;Macht keener uff, bei Else Bier,&lt;br /&gt;Hat sich verdrückt, mit Hund und Söhnen.&lt;br /&gt;Dabei fing allet so jut an,&lt;br /&gt;Mit Freude druff, als Weihnachtsmann&lt;br /&gt;Die Jören kräftich zu verwöhnen.&lt;br /&gt;Drum war se jestern bei de' Bank,&lt;br /&gt;Doch Fonds im Minus, Konto blank,&lt;br /&gt;So jing se über zur Revolte.&lt;br /&gt;Kam wieder mit 'nem Pflasterschein,&lt;br /&gt;Schlug wirklich jede Scheibe ein,&lt;br /&gt;Bis allet schrie, nur Else grollte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bei all dem Chaos hier im Block,&lt;br /&gt;Frau Meißner ausm siebten Stock,&lt;br /&gt;Kann wohl von Weihnachtszauber red'n:&lt;br /&gt;Zwee Jobs seit Jahren, klar war't hart,&lt;br /&gt;Doch hat se nu' wat anjespart,&lt;br /&gt;Die Koffer sind jepackt für Schwed'n.&lt;br /&gt;Die Tochter wohnt seit Jahren da,&lt;br /&gt;Schon bald sind se sich wieder nah,&lt;br /&gt;Und Lichtenberch, jood bye für immer!&lt;br /&gt;Nu' nehm' wa mit, dit herzlich Glück&lt;br /&gt;Und jeh'n janz schnell nach Haus zurück,&lt;br /&gt;Denn besser wird et hier heut' nimmer.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-1797376994520529208?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/1797376994520529208/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=1797376994520529208&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/1797376994520529208'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/1797376994520529208'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/12/et-weihnachtet-in-lichtenberch.html' title='Et weihnachtet in Lichtenberch'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' 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Bernhard Stechemesser stand am Panoramafenster seines hochgelegenen Büros und genoss den atemberaubenden Ausblick auf die Dächer der Stadt. Die noch immer dicht befahrenen Straßen sahen von hier oben aus aus wie Adern, durch die Blut aus reinem Licht floss. &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Stechemessers schmalen Mund umspielte ein festgefrorenes Siegerlächeln, wobei festgefroren fast wörtlich zu nehmen war, denn Stechemesser, Gründer und Vorstand der Kanzlei »Stechemesser &amp;amp; Söhne«, lächelte einfach immer, auch wenn er es wie in diesem ruhigen Augenblick gar nicht bemerkte. Doch warum sollte er auch nicht lächeln? Ein Stechemesser war schließlich ans Gewinnen gewöhnt. Ja, ein Stechemesser wurde bereits als Gewinner geboren, das war ein Fakt, für dessen Wahrheitsgehalt Bernhard Stechemesser noch nicht einmal Nachkommen benötigte. Dass im Kanzleinamen dennoch Söhne auftauchten, hatte schlicht den Grund, dass er seine Angestellten als Söhne sah. Ungeliebte Söhne natürlich. Als seine Untergebenen. Er war der Vater, er hatte das Sagen. Der Kuchen redete, die Krümel hatten zu schweigen. Auch Frauen waren für ihn in diesem Sinne Söhne, ganz klar, denn bei Stechemesser wurde schiere Manneskraft gefordert, kein Weiberkram. Ohnehin waren Weiber, wenn man sie ließ, zu nichts zu gebrauchen, sie waren Abschaum, Schmarotzer, nicht mehr als eine sexuelle Notwendigkeit, wandelnde Maschinen zur Befriedigung von Trieben. Und überhaupt nur deswegen hatte Bernhard Stechemesser Frauen angestellt: um sie auf einer massiven Eichenholztischplatte in seinem üppigen Büro zu nageln. Und wehe eine von ihnen beklagte sich anschließend. Einen Prozess hätte jede von ihnen verloren, das wussten sie alle. Deshalb beklagte sich auch für gewöhnlich keine.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Bernhard Stechemesser war ausgesprochen zufrieden mit sich. Gewinner waren immer zufrieden, auch das war ein Fakt. Ebenso wie die Tatsache, dass es eigentlich eine viel zu schöne Nacht war, um sie einsam im Büro über den Akten zum Fall Bocconcello brütend zu verbringen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Ein Fall, der immerhin überschaubar war: Riccardo Bocconcello war ein Mafioso italienischer Abstammung, wie er im Buche stand. Unverschämt reich, unverschämt böse, ausgestattet mit Kontakten rund um den Globus. Wenn er in einer seiner Villen mit dem Finger schnippte, starb irgendwo auf der anderen Halbkugel eine arme Seele einen qualvollen Tod. Bocconcello war einer, der sich wie Stechemesser alles erlauben konnte: Menschenhandel, Drogen- und Waffenschmuggel. Riccardo Bocconcello hatte eigenhändig mehr Menschen abgemurkst, als er Cs im Namen besaß und Bernhard Stechemesser wusste von so ziemlich allem. Fast waren er und der Mafioso so etwas wie Freunde, wenn auch eher im monetären Gefälligkeitssinne, denn ein Stechemesser besaß keine Freunde. Freunde waren Schwachstellen, faulige Dellen im Obst, die er sich einfach nicht leisten konnte. Bocconcello hatte letztlich einen kardinalen Fehler begangen: Steuerhinterziehung! Und dafür hatte man ihn drangekriegt. Ein dummer Fehler, denn jeder Dilettant wusste, ging man dem Staat an die Moneten, war man dran. Stechemesser würde ihn raushauen, selbstverständlich. Und den Schnüfflern, die den Don erwischt hatten, würden schon bald so dubiose wie illegale Geschäfte zur Last gelegt werden.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Die Bösen rauszuhauen, den Spieß umzudrehen, war immer ein dankbarer Job, wie Stechemesser fand. Hier machte die Arbeit noch richtig Spaß. Das Gefühl beim Erblicken der Enttäuschung auf den Gesichtern der Ankläger kam jedes Mal einem Orgasmus gleich. Da war Geld fast schon zweitrangig. Fast! Aus dem Lächeln des erfolgsverwöhnten Anwalts war ein gedankenverlorenes Grinsen geworden, zu dem spitze Zähne ganz hervorragend gepasst hätten.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Bernhard Stechemesser ging zu seinem Stuhl zurück und ließ sich in das weich gepolsterte Leder sinken. Für einen Moment legte er die Füße auf den Tisch und ließ seine Augen über das Krokodilleder seiner Schuhe wandern. Er blickte auf seine Rolex. Schon kurz vor Mitternacht. Eine halbe Stunde würde er noch am Fall Bocconcello arbeiten, dann war Schluss. Er würde sich zwei, drei Nutten mit nach Hause nehmen, ihnen bei perversen Spielchen Tränen in die Augen treiben und sie anschließend mit dem halben Honorar vor die Tür setzen. Das Siegerlächeln prangte wie eine Leuchtreklame auf seinem Gesicht.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Stechemessers Finger hüpften gerade über die Tastatur, gossen den nächsten Plan zum Sieg in Worte, als es dumpf an die Tür klopfte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ja, was denn?«, rief er in scharfem Tonfall. Wer würde ihn jetzt noch stören? Wenn es der dümmliche Hausmeister war, würde der sich morgen eine neue Anstellung suchen können. Stechemesser verlangte es nach Ruhe.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Die Tür öffnete sich und ein Kopf mit blonder Mähne schob sich durch den Spalt. »Herr Stechemesser? Ich würde dann jetzt Feierabend machen, falls Sie mich nicht mehr benötigen«, murmelte eine junge Dame schüchtern.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Sie sind noch da, Frau Kern? Ich dachte, ich wäre längst allein im Haus«, sagte Stechemesser und klang dabei fast bekümmert. Hätte er das gewusst, hätte er sie längst noch einmal ins Büro beordert. Das hätte ihm heute Nacht die Prostituierten erspart. Das würde er ihr irgendwie vom Lohn abziehen. Andererseits, was war eine Sekretärin mit der Saugkraft eines Staubsaugers gegen drei Professionelle, ein wenig Glühdraht und eine Reitpeitsche?&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ich ... ich wusste nicht, dass Sie mich noch ...«, begann die junge Frau zaghaft und verstummte dann.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ist gut, gehen Sie!«, fuhr Bernhard Stechemesser dazwischen. Er sah wieder auf seinen Bildschirm. Es war spät genug, da blieb keine Zeit, um Smalltalk über die Feierabendgewohnheiten dieser dummen Pute zu führen. Die Tür schloss sich leise wieder und Frau Kern verschwand, ohne sich zu verabschieden. Sie wusste längst, wann sie besser die Klappe hielt und sich davonstahl. Immerhin war sie in dieser Hinsicht intelligent. Von allen Frauen konnte Stechemesser das leider nicht behaupten. Seine Exfrau, die einzige Ehe, in die er sich je gewagt hatte, hatte die Klappe nämlich nicht gehalten. Sie hatte unbedingt Unterhalt einfordern müssen. Sie hatte ihn unbedingt verklagen müssen. Es war ihre Schuld gewesen. Natürlich war Bernhard Stechemesser als Sieger hervorgegangen und hatte nicht nur die Klage erfolgreich abwehren können, sondern seinerseits mit einer deftigen Gegenklage auch das letzte bisschen Würde aus diesem Miststück herauspressen können. Wie gesagt, es war ihre eigene Schuld gewesen. Niemand legte sich ungestraft mit Bernhard Stechemesser an. Hätte sie den Mund gehalten, hätte er sie nicht ruinieren müssen und sie hätte sich niemals vom Dach gestürzt. Aber für derlei Kausalitäten war sie zu Lebzeiten wohl einfach zu dämlich gewesen. Und so war es nun einmal im Leben: Nicht immer verlief alles nach dem »Happy Path«, denn manchmal rutschte jemand und stürzte vom Dach.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Draußen schob sich eine einsame Wolke, grau und fransig wie ein alter Wolf, vor den blassen Mond und tauchte die Stadt in Finsternis. Tausend Sterne leuchteten wie tausend beobachtende Augen. Sie alle schauten zu Bernhard Stechemesser, der hinter seinem Panoramafenster tippte, grübelte und hin und wieder am Whiskey nippte, welcher wie geschmolzener Bernstein aus dem Glas funkelte. Für die Arbeit würde er sich von diesem Gauner Bocconcello nach dem gewonnenen Fall eine ganze Kiste des besten Whiskeys, der für Geld zu bekommen war, zukommen lassen. Der für Bocconcellos Geld zu bekommen war, natürlich. Denn dieses Zeug hier, das verursachte Bauchschmerzen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Ziemliche Bauchschmerzen sogar. Für einen Moment wich sogar das Reklamelächeln aus Bernhard Stechemessers Gesicht und machte einer schmerzverzerrten Grimasse Platz, als ihn das Gefühl übermannte, jemand hätte ihm soeben einen glühenden Speer in die Eingeweide gebohrt, der nun zischend allerhand Gedärm versengte. Ein unheilverkündendes Grollen drang durch die Bauchdecke, als Stechemesser mit der Hand in kreisenden Bewegungen über seinen kulinarisch verwöhnten Wanst rieb. Nach einigen weiteren inneren Eruptionen ließ der Schmerz nach. Stechemesser strich den Plan, seine Nacht mit Prostituierten zu durchzechen, von der Agenda und beschloss, sich doch lieber ganz konventionell schlafen zu legen. Vielleicht sollte er mal wieder richtig Urlaub machen. Ja genau, er würde das ganze unnütze Pack hier entlassen, die Kanzlei einfach für ein halbes Jahr schließen, um sich auf die faule Haut zu legen und jede Menge Geld für ein süßes Leben auf irgendeiner hübschen Südseeinsel zu verprassen. Wenigstens für den Augenblick schien ihm dies ein wirklich reizvoller Gedanke zu sein. Reizvoll genug, um sich wieder an die Arbeit zu machen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Bernhard Stechemesser warf erneut einen Blick auf seine Uhr. Verdammt, bereits nach eins! Hatte er sich also verzettelt. Längst wollte er doch die Kanzlei verlasen haben, um daheim den, wie er fand, durchaus verdienten Schlaf des Gerechten zu finden. Er würde einfach die angefangene Seite beenden, die entsprechenden Gesetzestextpassagen für morgen zurechtlegen und anschließend endlich ...&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Erneut bohrte sich ein Speer aus Schmerzen in seine Eingeweide, diesmal deutlich tiefer, deutlich näher am ... Ausgang. Stechemesser krümmte sich auf seinem Stuhl wie ein zu fett geratener Wurm. Kleine Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Hatte er denn etwas womöglich Schlechtes gegessen? In Gedanken ging Stechemesser die kulinarischen Genüsse des Tages durch. Zum Mittag hatte er doch nur Haifischflossensuppe gehabt - einfach, weil es schnell gehen musste -, abends war Sushi ins Büro geliefert worden. Doch zumindest das war einfach nicht lange genug her, als dass bereits verdaute Sushireste auf einen flotten Abgang warten konnten. Konnten denn die Haifischflossen verdorben gewesen sein? Konnte überhaupt irgendetwas an Haifischflossen vergammeln? Stechemesser war sich nicht sicher, beschloss aber, dem Knilch, dem das Schundlokal gehörte, eins auszuwischen. Er würde dafür sorgen, dass dieses Schlitzauge schließen muss. Ohnehin hatte er den Kerl nie leiden können, der so selbstgefällig ob seiner angeblich so tollen Fressalien über die Theke grinste.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Ohne Vorwarnung brachte Stechemessers Allerwertester den Hosenboden seines Armani-Anzugs zum Flattern. Oh Gott, dachte Stechemesser, dem nun eine dicke Schweißperle über die Stirn rann, um sich anschließend elegant von seiner Kartoffelnase abzuseilen, das hatte fast geklungen, als hätte er beim Furzen einige Schokostreusel gehustet.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Mit verkniffenem Gesicht wuchtete Bernhard Stechemesser sich aus seinem Stuhl. Es fiel ihm schwer, gerade zu stehen, zu stark war der stechende Schmerz in seinem Bauch. Prompt flatterte ein neuer frecher Wind durch seine Hinterbacken - laut donnernd, sodass er im ganzen Haus zu hören gewesen sein musste -, gefolgt von etwas, das sich anfühlte wie der größte Korken der Welt und das demzufolge den Auspuff nun mächtig verstopft haben musste.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Das wird eine verdammte Arschgeburt!«, zischte Stechemesser durch geschlossene Zähne zu sich selbst. Zum Glück war diese dämliche Kuh von einer Sekretärin nicht mehr im Haus, andernfalls hätte er sie morgen wohl umbringen müssen. So jedoch hatte niemand diese plötzliche Furzattacke bemerkt und, noch wichtiger, niemand konnte sie riechen! Stechemesser verzog angewidert das Gesicht, als der Gestank von fortgeschrittener Verwesung einer alles vernichtenden Walze gleich von hinten über ihn hinwegrollte und sich wie schweres Gas langsam im Raum verteilte. Noch ein oder zwei weitere solcher Giftgasbomben und das Panoramafenster würde bersten.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Mit zusammengepressten Beinen stakste Bernhard Stechemesser in Richtung Tür. Seine Hände klebten an den Gesäßbacken, die er so fest wie möglich zusammenzupressen versuchte, um weiteres akutes Unheil zu vermeiden. Wie er so durch sein Büro schritt, wirkte er, als wollte er den Gang eines betrunkenen Storches imitieren.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Gerade war er an der Tür angekommen und überlegte, wie er das verdammte Ding ohne Zuhilfenahme seiner Hände öffnen sollte, da versuchte der gewaltige Korken in seinem Hintern erneut, sich ans Tageslicht zu pressen. Gegen ein Uhr und fünfzehn Minuten entwich Bernhard Stechemesser der erste Panikschrei seines Lebens. Kurz aber wahrnehmbar laut.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Als wäre sein verzweifelter Ausfall in Richtung Menschlichkeit erhört worden, ließ der Druck plötzlich nach. Ein lautes Rumpeln fuhr durch seinen Darm, dann war der Spuk vorbei.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Bernhard Stechemesser realisierte nur langsam, dass er sich wieder gerade aufrichten konnte. Verschwitzte Strähnen seines nachgeschwärzten Haarschopfes hingen ihm in die Stirn. Er strich sie in ihre schleimige Scheitelform zurück. Auf seiner Oberlippe fand eine umfassende Versammlung von Schweißperlen statt. Er atmete tief durch. Wie durch eine Sprungfeder aktiviert, stahl sich das gewohnte Siegerlächeln auf Stechemessers Gesicht zurück. Es war vorbei, was auch immer das gewesen war, es war vorüber.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Dennoch konnte es nicht schaden, zur Toilette zu gehen. Er würde sich auf die Brille hocken, den Schließmuskel entspannen und einfach alles aus sich herauspurzeln lassen, was sich Freiraum zu verschaffen gedachte. Eine herrliche Vorstellung war das, angesichts des verschwundenen Schmerzes noch viel, viel schöner. Für einen Moment überkam ihn der Drang, zum Schreibtisch zurückzugehen und eine Zeitung mitzunehmen, doch dann setzte er seinen Weg fort.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Stechemesser schlenderte übertrieben entspannt in Richtung Toilette. Der Gang war dunkel und seine Füße bewegten sich lautlos über die sündhaft teure Auslegware. Gerade hatte er die Toilette betreten und das Licht eingeschaltet, da spürte er es: Das verflixte Ding kehrte zurück! Ein grummelnder Bass fuhr durch Stechemessers Bauch und ließ seine Organe vibrieren. Gott, das stank erbärmlich. In einem Reflex musste Stechemesser laut würgen, konnte sich jedoch beherrschen, nicht auch noch auf die Fliesen zu speien. Wieder krümmte er sich zusammen, presste die Hinterbacken mit den Händen fest zusammen, denn was auch immer in seinem Darm wütete, es war bereits wieder dabei, sich in Richtung Exit zu wälzen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ohgottohgottohgottoh...« Stechemesser murmelte panisch vor sich hin, während er sich mit winzigen Schritten in Richtung der angepeilten Ablassgelegenheit vorkämpfte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Mit zitternden Händen öffnete er schließlich den Gürtel und ließ die Hosen runter. Ein lautes Klimpern erklang, als die schwere Gürtelschnalle auf die Bodenfliesen knallte. Im nächsten Moment fiel Bernhard Stechemesser, der beste Anwalt dieser vermoderten Stadt, mit dem Hintern voran auf die Klobrille.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Einem erleichterten Keuchen gelang die Flucht aus seinem Mund und fast hätte sich das Siegerlächeln wieder eingestellt, als Stechemesser spürte, dass sich eine ganze Lokomotive aus Scheiße durch seinen Enddarm bewegte, um vermutlich im nächsten Moment die Kloschüssel zu zerschmettern. Stechemesser presste eine Hand auf seinen Bauch, der sich noch etwas dicker als sonst anfühlte. Und deutlich härter.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Was zum Teufel ...«, begann er, als etwas Gewaltiges begann, seinen Anus mit ganzer Kraft auseinanderzupressen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Das Geschäftsviertel, in dem die Kanzlei »Stechemesser &amp;amp; Söhne« ziemlich prominent platziert stand, war um diese Uhrzeit kaum mehr belebt. So kam es, dass niemand in dem Moment vor der Tür der Kanzlei vorbeiging, als Bernhard Stechemesser den lautesten Schrei ausstieß, der in diesem Gebäude je eine menschliche Kehle verlassen hatte. Ein zufällig vorbeischlendernder Passant hätte das schmerzerfüllte Brüllen vielleicht sogar durch die geschlossene Tür vernehmen können.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Aaaaaaaahhhhhhhhh!« Der Schrei des Bernhard Stechemesser wollte gar nicht mehr abebben, als der, wie er panisch dachte, größte Haufen der Menschheitsgeschichte sich durch seinen Hintern presste und ihn im nächsten Moment wahrscheinlich einfach zerreißen würde.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Dann ertönte ein lautes aber einfaches »Plopp« und der Spuk war so schnell vorbei, wie er gekommen war. Das Ding war wohlbehütet in der Schüssel angekommen. Bernhard Stechemesser hechelte wie ein gejagter Hund. Sein Hintern brannte, als hätte jemand soeben einen Flammenwerfer darauf gerichtet und abgedrückt. Er spürte den Puls nicht in der Brust, er spürte ihn in seinem verdammten Arsch! So musste sich eine Frau fühlen, die entweder ein wirklich fettes Baby bekam oder gleich drei Bälger auf einmal in die Welt hinaus jagte. Verdammt, wie konnte eine Mutter nach einem solchen Erlebnis nur jemals wieder ...&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Du hast es also überlebt. War doch gar nicht so schlimm, oder?«, tönte eine Stimme, deren deutlich betonte Schadenfreude Bernhard Stechemesser angesichts der Tatsache glatt entging, dass sie aus ... dem Klo zu kommen schien. Das mussten plötzliche Halluzinationen sein. Das ausgeschüttete Adrenalin hatte offenbar seine Sinne ...&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Willst du nicht wenigstens grüßen, oder bist du dir dafür mal wieder zu fein?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Nein, das klang irgendwie nicht nach Einbildung, das klang ... es klang nach ihm selbst. Und verdammt, die Stimme kam immer noch aus der Toilette. Vorsichtig presste Stechemesser die Beine auseinander, um einen Blick in die wahrscheinlich prall gefüllte Kloschüssel zu werfen, doch versperrte sein üppiger Bauch die Sicht. So erhob er sich langsam und laut keuchend von seinem Platz und wollte gerade die Hosen hochziehen, als ihm einfiel, dass er kein Toilettenpapier benutzt hatte. Also drehte er sich mit noch immer heruntergelassenen Hosen ganz langsam um. Noch langsamer wanderten seine Augen zur Kloschüssel.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Donnerwetter! Das war mit Abstand der größte Haufen Scheiße, den Bernhard Stechemesser nicht nur produziert, sondern den er überhaupt je gesehen hatte. Dieses Ding sah aus, als hätte man einen der vielen Hundehaufen von einem wirklich riesigen Köter von der Straße aufgefischt und mit einem Wachstumsstrahler auf die vierfache Größe aufgepumpt.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Huhu«, sagte das Ding und Stechemesser flogen Augen und Kinnlade gleichzeitig auf.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Das ... das bilde ich mir doch nur ein«, grummelte er und kniff die Augen zusammen. Seine Hände wanderten in Richtung Spülung.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Halt, nicht spülen!«, rief die Stimme im Befehlston und Stechemesser hielt inne.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Wa... warum nicht?«, fragte er und dachte in erstaunlich klaren Worten, dass er gerade tatsächlich mit einem riesigen Haufen Scheiße geredet hatte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Wenn du mich wegspülst, komme ich wieder, Bernhard. Ich werde wiederkommen, immer wieder.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Stechemesser schüttelte den Kopf. Die Augen hatte er noch immer zusammengekniffen. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Er war ganz einfach überarbeitet, das war die einfachste und schlüssigste Erklärung. Morgen früh würde er ... er würde diese Kuh von Sekretärin runterputzen und sie rausschmeißen, sobald sie sich auch nur einen Fehlschritt erlaubte. Guter Gedanke. Und dann würde er wirklich seinen Urlaub planen. Er würde ...&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Du kannst die Augen ruhig wieder öffnen, mein Freund. Ich bin immer noch da.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Ja, es war Überarbeitung, ganz eindeutig. Aber wenn er schon durchdrehte, konnte er auch gleich ein paar Worte mit einem Haufen Exkremente wechseln. Er würde diesem Scheißhaufen sagen, was er von ihm hielt und dann würde er nach Hause gehen und die Sache vergessen. Ein so einfacher wie genialer Plan.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ich sehe, dass du noch da bist«, knurrte Stechemesser.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Spar dir deinen abfälligen Tonfall, Bernhard! Nur weil du auf mich herabblickst, macht dich das nicht zu etwas Besserem.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Zu etwas Besserem?«, giftete Stechemesser. »Du bist ein Haufen Scheiße! Wie sollte ich mich da nicht für etwas Besseres halten, hä?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Weißt du, Bernhard«, begann der Kothaufen und räusperte sich übertrieben laut, so dass seine Form sich etwas verschob - ein Anblick, bei dem Stechemesser spontan übel wurde - »ich erkenne da derzeit keinen Unterschied zwischen uns beiden. Abgesehen von der Tatsache, dass ich sehr offensichtlich bin, was ich bin, während ich bei dir nicht mal sicher bin, ob ich inzwischen mit deinem Gesicht rede oder noch immer mit deinem Hintern.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Bernhard Stechemesser fletschte die Zähne. »Mieses ... was hält mich davon ab, dich einfach wegzuspülen, du Abschaum?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ah, ah«, begann der Kothaufen in einem Tonfall, der verdeutlichte, dass er den Zeigefinger jetzt gehoben hätte, wenn er denn einen besessen hätte, »das habe ich dir doch schon gesagt. Ich würde wiederkommen, immer wieder. Und du müsstest mich erneut durch deinen Hintern pressen. Irgendwann würde jemand deine Schreie hören, Bernhard.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ach ja? Was willst du denn von mir? Geld kann es ja wohl kaum sein.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Bernhard, wenn ich schon darauf hinweise, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich deinen Arsch oder deinen Kopf vor mir habe, dann sagt das doch vor allem eines aus: Beide sind sich so ähnlich, dass sie sehr wahrscheinlich auch dasselbe fabrizieren. &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Wie kannst du nur als Anwalt so erfolgreich und dabei so schwer von Begriff sein? Obwohl ... Ich weiß, wie das geht, Bernhard, ja, ich weiß es. Du hast dein ganzes Leben lang nichts anderes fabriziert als miese Scheiße. Darin bist du geübt, nicht wahr? Nur deswegen bist du, wo du bist. Weil du ein skrupelloses Arschloch bist.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Bernhard Stechemesser wich einen Schritt zurück und stemmte die Hände in die Hüften. Dass seine Hosen noch immer heruntergelassen waren und er dadurch ziemlich lächerlich wirkte, schien er gar nicht zu bemerken.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Das ist doch wohl die Höhe! Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden? Wärst du nicht, was du ... was du eben bist, dann hättest du von heute an ein gewaltiges Problem!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Wie du meinst«, entgegnete der Haufen und klang dabei so entspannt, als wollte er sogleich gähnen. »Und wo wir schon bei gewaltigen Problemen sind, so frage ich mich, ob die nicht eher du hast, Bernhard. Schau mich an, schau mich gut an!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ja, ich schaue doch. Wirklich ausgesprochen appetitlich«, raunte Stechemesser zynisch.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Das, was du vor dir siehst, ist das Resultat dessen, was du dein ganzes Leben lang getan hast. Du hast Scheiße in Massen produziert, Bernhard. Du hast Gangster aus dem Knast geholt, du hast Verbrechen ermöglicht, hast selbst gelogen und betrogen, wo es nur ging! Dein Weg ist gezeichnet von Lügen, Verrat und schierer Bosheit!&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Schöne Grüße übrigens von Marta, Bernhard. Sie fragt sich noch immer, wie du ihr das nur antun konntest.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Marta?« Stechemesser zischte abfällig. »Meine Exfrau ist tot, hat sich umgebracht, also lass die dummen Witze.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Dumme Witze, genau, Bernhard. Warum ist sie denn tot, hm, warum? Du hättest ihr die Würde nicht nehmen müssen, aber dein Mangel an Anstand und Menschlichkeit haben dich jegliche Vernunft vergessen lassen. Und dann sprang sie aus Verzweiflung vom Dach, nicht wahr? Komisch Bernhard, sie kann sich bis heute nicht daran erinnern, aufs Dach geklettert zu sein.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ja, red du nur!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Was macht eigentlich deine Mutter? Hast du sie in den letzten zehn Jahren besucht?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Halt die Schnauze! Du bist nichts als Scheiße und solltest nicht mal reden!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Bernhard, Bernhard«, sagte der Kothaufen, als hätte er Mitleid. »Du hast nicht gerade wirklich darüber nachgedacht, ob deine Mutter überhaupt noch lebt, oder? Ja, Bernhard, sie lebt noch. Nachdem du sie damals aus ihrem eigenen Haus geworfen hast, um es gewinnbringend zu verkaufen, und sie dann in irgendein schäbiges Altenheim abserviert wurde, begann sie zwar zunehmend, vor sich hinzusiechen, aber sie lebt noch immer, Bernhard. 92 Jahre ist sie alt, die Frau, die dich großgezogen hat und für die du keinen Funken an Dankbarkeit übrig hattest. Manchmal hat sie lichte Momente und fragt nach dir, Bernhard.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ach, hör doch auf! Meine Mutter war eine Hure, sie hat sich nie um mich gekümmert!« Bernhard Stechemesser bemerkte nicht, dass er inzwischen schrie. Auf seinen Wangen glühten rote Flecken.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Nein Bernhard, du warst es, der sich nie gekümmert hat! Nicht um deine Familie, nicht um deine Frau, die du auf dem Gewissen hast, und nicht um Freunde, weswegen du auch keine hast. Und jetzt? Jetzt bist du dabei, den nächsten Verbrecher vor dem Knast zu bewahren. Hört das je auf, Bernhard? Es nimmt kein Ende mit dir, nein, du hört einfach niemals auf, Schlechtes zu tun!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ich ... ich mache einfach nur meinen Job!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Selbstverständlich, Bernhard, das tun wir alle.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Pah, du bist nur Scheiße!« Stechemesser brüllte und spuckte vor Wut.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Scheiße, ganz genau. Wir beide sind im Prinzip nichts weiter als Scheiße. Doch weißt du, was traurig ist, Bernhard, weißt du es?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Schnauze, ich will nichts mehr hören!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Traurig ist, dass echte Scheiße zwar ein Abfallprodukt ist, dass sie aber düngend wirken kann und damit immer noch mehr wert ist als du. Verstehst du, sie kann zum Kreislauf des Lebens beitragen, doch was kannst du? Nichts, Bernhard, gar nichts. In deinem Leben gab es nicht einen Moment, in dem du auch nur annähernd nützlich warst. Nicht eine verdammte lichte Sekunde! Die Wahrheit ist, Bernhard, die einzig wirkliche Scheiße hier bist du!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Halt das Maul, du ... Ich ... Mir ist egal, was du sagst, du bist Abfall. Du wirst nicht wiederkehren und ... Ich bin immer noch hier oben, ich kann immer noch die Spülung betätigen! Genau das werde ich jetzt auch tun und dann hast du ein Problem, Freundchen. Viel Spaß im Abflussrohr!« Bernhard Stechemesser, der noch immer mit heruntergelassenen Hosen vor der Toilette stand, lachte hysterisch und legte eine zitternde Hand auf die Spülung.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Das Kotding in der Schüssel begann laut zu lachen und dabei zu vibrieren. »Das Problem, das hast du«, sagte es. Stechemesser spürte plötzlich, wie seine Knie nachgaben. &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Was zum?!«, murmelte er. Das Bild vor seinen Augen schaltete auf schwarz um. Er versuchte, sich an der Tür festzuklammern, als er merkte, dass er zu Boden sank. Dann prallte sein Kopf auf den Rand der Toilettenschüssel und er verlor das Bewusstsein.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Doch schon wenige Sekunden später wurde Bernhard Stechemesser wieder wach. Alles fühlte sich anders an, die Anspannung war von ihm abgefallen, der Schädel schmerzte trotz des Aufpralls nicht. Ein Traum, es war ein verdammter Traum gewesen, und jetzt würde er sich ... &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Er sah sich verwundert um. Weiß. Wo war er hier?&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Na Bernhard?«, sagte die verfluchte Stimme von zuvor, die nun von ganz woanders zu kommen schien. »Wie fühlt es sich an, zu sein, was du immer schon warst? Eigentlich kein Unterschied für dich, oder?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Bernhard Stechemesser warf einen Blick nach oben. Er sah sich selbst, sah sein Siegerlächeln auf seinem eigenen Gesicht, das grinsend zu ihm herab blickte. Er wollte auf sich selbst zuspringen, sich am Kragen packen, doch irgendetwas hielt ihn davon ab und als er realisierte, dass die ungewohnte Umgebung um ihn herum die Kloschüssel war, hatte der andere Bernhard längst die Hand an die Spülung gelegt.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Halt, warte!«, schrie der Bernhard Stechemesser in der Schüssel.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Tschüss, tschüss, mein Freund«, sagte der andere Bernhard und winkte. »Du hattest deine Chance, sogar deutlich mehr als eine. Nun ist es an mir, zu retten, was zu retten ist. Bye bye, Bernhard!« &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Er spülte. Wasser zog den schreienden Bernhard in dunkle Tiefe hinab. Für einen Moment noch vernahm er dumpf das Rauschen des Wassers, dann war alles fort.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-3288955874641393318?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/3288955874641393318/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=3288955874641393318&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/3288955874641393318'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/3288955874641393318'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/11/ungeahnter-besuch.html' title='Ungeahnter Besuch'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-84199821235459114</id><published>2011-11-04T22:33:00.001+01:00</published><updated>2011-11-04T22:33:51.688+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Düsteres'/><title type='text'>Der Busfahrer</title><content type='html'>Zischend öffnen sich die Türen des Busses, worauf dieser eine Flut von eilenden Menschen auf den Gehsteig spuckt. Menschen, die links herum wollen, Menschen, die rechts herum wollen, sie alle gehen wild durcheinander, steigen um, suchen dieses, suchen jenes, hasten mit eingezogenem Kopf nach Hause. Die Türen sind frei. Ein paar Menschen wollen einsteigen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Auch Herr Möhrenschläger steigt ein. Die Monatskarte hält er an der unteren rechten Ecke und zeigt sie im Vorbeigehen routiniert dem Busfahrer. Herr Möhrenschläger schnauft und schwitzt ein bisschen. Kein Wunder, denn um seine Kondition steht es nicht besonders, trägt er doch von morgens acht bis abends neun einen niemals eng sitzenden Maßanzug und hat keine Zeit für Sport. Damit das nicht so auffällt, zieht Herr Möhrenschläger den Gürtel etwas enger. Auch deswegen schnauft er so.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Immerhin, ein Sitzplatz ist schnell gefunden. Herr Möhrenschläger lässt sich fallen wie eine vollgesogene Matratze und atmet erst mal durch. Ein fixer Blick auf die Uhr, die ihm die Firma geschenkt hat, verrät, es ist zwanzig vor zehn. Ein langer Tag geht zu Ende, doch für Herrn Möhrenschläger endet er noch nicht. Er legt seine hübsche, schwarze Aktentasche auf den Schoß, lässt die metallenen Verschlüsse mit einem hochwertigen&amp;nbsp;&lt;em&gt;Plopp&lt;/em&gt;&amp;nbsp;aufschnappen und greift ein Dokument heraus, das er unbedingt noch kurz überfliegen muss. Herrn Möhrenschlägers Blackberry klingelt. Herr Wagner, sagt das Display, und sofort geht er ran.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Hallo Herr Wagner«, sagt Herr Möhrenschläger mit überbordender Freude in der Stimme. »Frau und Kinder gesund? ... Ja? ... Ach, nein! ... Jetzt im Ernst? ... Ha ha, das hört man doch gern.« Ein bisschen Smalltalk hat noch nie geschadet, das weiß Herr Möhrenschläger wohl, auch wenn er gerade doch lieber noch ein bisschen durchatmen würde. »Natürlich habe ich die Angelegenheit auf dem Schirm ... Ja, ich habe die Akte gerade vor mir ... Ja, da stimme ich ihnen zu.« Schon geht es ums Geschäft.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Während Herr Wagner redet, wandern Herrn Möhrenschlägers Augen rastlos im Bus herum. Das Innere ist diffus beleuchtet. Sein Blick fällt auf den Busfahrer. Dieser, ein ins Alter gekommener Herr mit sympathisch anmutendem, grau meliertem Schnauzbart, offenbar auch einer der freundlichen Sorte, hat gerade einer älteren Dame im Rollstuhl in den Bus geholfen. Nun zieht sie etwas aus ihrer Tasche hervor. Eine Tüte Bonbons. Sie lacht, drückt sie dem Busfahrer in die Hand, der mitlacht und sich mit gespielt übertriebener Verbeugung bedankt.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Ein Zufall will wohl, dass Herr Möhrenschläger, während Herr Wagner über die schlechte Performance des letzten Quartals schwadroniert, just in diesem Moment den Blick des Busfahrers einfängt: ein zufriedenes Funkeln, das die spärliche Beleuchtung des Busses durchbricht wie ein Bohrer brüchiges Gestein. Ohne es zu merken, seufzt Herr Möhrenschläger in sein Telefon hinein. Herr Wagner unterbricht darauf seinen Vortrag, fragt nach der werten Befindlichkeit und schlägt vor, die Unterhaltung auf morgen früh zu vertagen. »Tut mir leid, Herr Wagner ... Ja, ich bin ein wenig müde. Anstrengender Tag, Sie kennen das ... Natürlich arbeite ich das heute Abend noch durch und rufe Sie gleich morgen früh zurück ... Vielen Dank, Ihnen auch einen schönen Abend. Grüßen Sie Frau und Kinder.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Herr Möhrenschläger lässt das Telefon in seiner Aktentasche verschwinden. Der Bus setzt sich endlich in Bewegung und Herr Möhrenschläger legt die Stirn an die kühlende Scheibe. Hat die alte Frau dem Busfahrer gerade eine Tüte Bonbons in die Hand gedrückt? Wie von selbst schiebt sich der Gesichtsausdruck des Fahrers in Herrn Möhrenschlägers Kopf.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Dann denkt er wie von selbst an dieses alte Lied:&amp;nbsp;&lt;em&gt;Ein Hoch auf unseren Busfahrer, Busfahrer, Busfahrer ...&lt;/em&gt;&amp;nbsp;Einstmals, als Junge, wäre Herr Möhrenschläger selbst gern Busfahrer geworden. Er kennt diese Gedanken noch genau: Die Kinder hätte er zur Schule gefahren und sie hätten das Lied für ihn gesungen. Als er jung gewesen war, da hatten sie das manchmal getan. Oder er hätte weite Strecken zurückgelegt, in seinem Reisebus, vollgepackt mit zufriedenen Fahrgästen, die ihm am Ankunftsort vielleicht sogar applaudiert hätten. Er hätte sich verneigt und gelacht hätte er, ganz bestimmt gelacht.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Dann hatte das große Geld gerufen und Herrn Möhrenschläger hatte es zum neudeutschen Investmentbanking verschlagen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Herr Möhrenschläger spürt, wie seine verschwitzte Stirn an der Scheibe herabrutscht. Hinter seinen geschlossenen Augen pulsieren hektisch bunte Punkte, werden allmählich langsamer, undeutlicher, schwarz. »Fährt dieser Bus bis Berthold-Brecht-Straße?« Herr Möhrenschläger war gerade in Gedanken versunken. Die Frage lässt seinen Blick nun zur Seite schnellen. Eine Dame mit weißer Lockenfrisur steht mit geöffnetem Portmonee am Fahrerhäuschen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Wir fahren auch bis Brecht-Straße, jawohl«, sagt Busfahrer Möhrenschläger mit ehrlich gemeinter Freude in der Stimme und lächelt der Dame munter zu. Sie lächelt erleichtert zurück.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was macht das?«, fragt sie und Herr Möhrenschläger erzählt, dass sie für zwei Euro dreißig durch die ganze Stadt fahren könne, wenn sie nur wollte. Die Dame bedankt sich, zahlt, erhält ihren Fahrschein und begibt sich auf einen leeren Platz. Herr Möhrenschläger umfasst das Lenkrad des Busses, spürt das Vibrieren des satt schnurrenden Motors, und fährt los. Die letzte Tour für heute Abend, freut er sich. Danach würde er nach Hause gehen, Sohn und Tochter in den Arm nehmen, der Frau einen Kuss geben und sich gemütlich in den Sessel fallen lassen. Dann würde er vom Tag erzählen, von dem verrückten Mann, der unbedingt bis zum Mond fahren wollte, von der Frau mit dem kleinen Jungen, der ihm dauernd die Zunge rausgestreckt hatte und von all den kleinen Ärgernissen des Tages, die das Busfahrerleben ausmachen. Er würde ein Feierabendbier trinken, seine Lieblingsserie schauen, sich später schlafen legen und sich morgen früh bereit für die nächste Tour machen. Herr Möhrenschläger blickt in den Rückspiegel, sieht Fahrgäste, die mit sich selbst beschäftigt sind und aus Fenstern starren. Er lächelt. Dann beugt er sich über das Mikrofon und betätigt den Lautsprecherschalter. »Alles aufwachen! Nächster Halt ...&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;... Kantstraße«, sagt die Stimme und Herr Möhrenschläger zuckt zusammen. Noch benommen von seinem Halbschlaf, erhebt er sich schwerfällig. Hier muss er raus, hier wohnt er schließlich. Mit der Hand fährt er sich durch das verschwitzte Haar, scheitelt es flugs und schlurft über den Gang. Der Bus hält, die Türen fahren zischend zur Seite.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Draußen ist es finster und stürmisch wie in einem Windkanal. Die Straße ist vom Regen benetzt und wirkt wie ein ins Unendliche führender Spiegel, der nur das kalte Licht der Laternen in die ungemütliche Dunkelheit zurückwirft. Herr Möhrenschläger beeilt sich, zur Haustür zu kommen, will man doch bei dem Wetter keinen Hund vor die Tür jagen. Schnell nimmt er noch die Post aus dem Briefkasten, ein Stapel Werbung und zwei Briefe von der Bank, dann schließt er die Tür auf und verschwindet in seiner dunklen Wohnung.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Niemand zu Hause, denkt Herr Möhrenschläger. Natürlich nicht, dann lächelt er traurig. Wer so viel arbeitet wie er, der hat nun einmal keine Zeit für Familie. Doch in einem anderen Leben, da warteten Frau und Tochter und Sohn auf Busfahrer Möhrenschläger und freuten sich auf seine Heimkehr.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Herr Möhrenschläger schüttelt den Kopf. Schon sitzt er an seinem Schreibtisch und hat das Notebook aufgeklappt. In der surrenden Mikrowelle dreht eine Lasagne aus der Tiefkühltruhe inzwischen ihre einsamen Runden.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;&lt;em&gt;Ein Hoch auf unseren Busfahrer, Busfahrer, Busfahrer ...&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Seltsam, dieser plötzliche Gedanke, murmelt Herrn Möhrenschlägers Kopfstimme. Seine Augen wandern bereits über den Performancebericht, realisieren nur undeutliche Schlangen aus Buchstaben, die nichts so recht bedeuten wollen. Alles nur Worte, Aneinanderreihungen von Sätzen, ohne deren Existenz sich die Welt morgen früh gewiss dennoch weiterdrehen würde. Widerwillig fügt Herr Möhrenschläger weitere Worte hinzu. Eifrige Finger hämmern auf Tasten und wollen doch nur ruhen, zusammen mit dem Kopf in die Ferne schweifen. Noch ein wenig träumen.&amp;nbsp;&lt;em&gt;Ein Hoch auf unseren ...&lt;/em&gt;&amp;nbsp;Eine stumme Träne rollt zaghaft über Herrn Möhrenschlägers raue Wange - ein Tropfen Sehnsucht nur -, während er tippt und tippt.&amp;nbsp; Ungläubig schüttelt er abermals den Kopf und wischt sie hinfort. Der Abgabetermin ist morgen früh um zehn.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;&lt;em&gt;Bing&lt;/em&gt;&amp;nbsp;- ein Geräusch allein dringt in die Welt. Die Mikrowelle verkündet die fertige Lasagne.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-84199821235459114?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/84199821235459114/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=84199821235459114&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/84199821235459114'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/84199821235459114'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/11/der-busfahrer.html' title='Der Busfahrer'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-709856468243754132</id><published>2011-11-04T22:30:00.000+01:00</published><updated>2011-11-04T22:30:50.333+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Unheimliches'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><title type='text'>Brain Slasher</title><content type='html'>&lt;em&gt;Pantothenic Acid&lt;/em&gt;&amp;nbsp;warfen gerade in Windeseile ihren Kram in den Tourbus. Sie waren spät dran. Die Proben mit Bandneuzugang&amp;nbsp;&lt;em&gt;Poison&lt;/em&gt;&amp;nbsp;Dave, hatten länger gedauert als geplant, doch schließlich hatte die Band nach dem mysteriösen Tod ihres ursprünglichen Gitarristen Mike vor über einem Jahr lange pausiert und so waren Frank,&amp;nbsp;&lt;em&gt;Incredible&lt;/em&gt;&amp;nbsp;Jürgen und Paul, der sich&lt;em&gt;Dr. Pepe&lt;/em&gt;&amp;nbsp;nannte, etwas eingerostet. Bis schließlich Dave dazu kam ...&amp;nbsp;&lt;em&gt;Poison&lt;/em&gt;&amp;nbsp;Dave brachte die nötigen Eier mit, um dem verbliebenen Häufchen Elend von einer Band kräftig in den Arsch zu treten. Hochgewachsen wie ein Baum und mit atemberaubend langer Mähne, war er die Inkarnation des Rock’n’Roll. Vor allem aber war Dave ein Gitarrengott. Er spielte die Elektroaxt, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan - was, wie er selbst behauptete, auch der Fall war. Wenn Dave in die Saiten schlug, standen die Münder reihenweise offen. Zum Solo wanderte seine Hand selbstsicher über das Griffbrett wie Jesus übers Wasser. Dave hatte&amp;nbsp;&lt;em&gt;Pantothenic Acid&lt;/em&gt;&amp;nbsp;gerettet und heute Abend stand endlich der große Come-Back-Gig an.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Dave, hast du die verdammte Setlist eingepackt?«, fragte Frank, der am Heck des Busses stand und Dave beim Festmachen der Instrumente zuschaute.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Immer cool, Mann! Alles schon eingepackt«, murmelte Dave durch geschlossene Lippen, in denen eine heruntergebrannte Zigarette klemmte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Frank warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. »Sag mal, willst du heute echt&amp;nbsp;&lt;em&gt;Brain Slasher&lt;/em&gt;&amp;nbsp;spielen? Die Nummer haben wir nur dreimal geprobt. Wir könnten auch problemlos ein paar andere ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Immer cool, hab ich doch gesagt«, fuhr Dave dazwischen. »Hat doch gut geklappt in der Probe, oder nicht? Und wenn sich einer verspielt, kann sich nach dem geilsten Solo seit dem Urknall sowieso keiner mehr dran erinnern.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Dein Wort in Gottes Gehör«, seufzte Frank und ging ins Haus zurück, um beim Packen zu helfen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Scheiße Paul, wo hast du den dämlichen Zettel mit der Adresse hingelegt?«, brüllte Jürgen, der heute den Bus fahren würde, aus der Küche, die zum Proberaum gehörte und eher wie das Labor eines mexikanischen Drogenbarons aussah.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Den Arsch habe ich mir damit abgewischt«, rief&amp;nbsp;&lt;em&gt;Dr. Pepe&lt;/em&gt;, dem Paul zu unspektakulär für sein Bühnenalterego klang, während er die Becken des Schlagzeugs in den Bus wuchtete.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Hergott, Paul, das ist nicht witzig. Seh ich aus, als hätte ihr mir ein Navi an die Backe geklebt?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Komm runter, sonst krieg ich heute dein Bier, Mann. Die Adresse hab ich im Kopf. Fahr einfach in die Paulusstraße. Den Schuppen erkennst du eh an den langhaarigen Verrückten, die auf uns warten und die Vorbeigehenden um Kleingeld anbetteln.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;In der Paulusstraße pulsierte derweil bereits das Leben, obwohl es längst stockfinster war und nur die Laternen ihre diffusen Lichtkegel auf dunklen Asphalt warfen. Über die Bürgersteige schlenderten immer wieder kleine Gruppen von Kindern und Jugendlichen in ausgefallenen Kostümen, vollgepackt mit schweren Tüten voller Süßigkeiten. An Halloween auch jenseits von Amerika längst ein gewöhnlicher Anblick, inzwischen fast so traditionell geworden wie Weihnachten, und in eben jener Tradition fand auch dieses Jahr wieder das inzwischen legendär gewordene »Rock Your Ass To A Pumpkin!«-Minifestival in&amp;nbsp;&lt;em&gt;Kingsleys Bretterverschlag&lt;/em&gt;&amp;nbsp;statt, einer zum Konzertsaal umgebauten alten Schulaula.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Für den schmalen Taler gab es hier Jahr für Jahr kräftig was auf die Ohren. Das Festival war inzwischen so beliebt, dass der Besitzer des heruntergekommenen Ladens die Gäste übereinandergestapelt hätte, wenn man ihm nicht wegen der Brandvorschriften aufs Dach gestiegen wäre. Dieses Jahr war die Halle besonders üppig gefüllt, denn neben Bands wie&amp;nbsp;&lt;em&gt;Aki Tatsu&lt;/em&gt;,&amp;nbsp;&lt;em&gt;Wolkenhammer&lt;/em&gt;&amp;nbsp;und&amp;nbsp;&lt;em&gt;Railways Of Greece&lt;/em&gt;&amp;nbsp;waren es natürlich vor allem&amp;nbsp;&lt;em&gt;Pantothenic Acid&lt;/em&gt;, die heute Nacht ihren ersten Gig nach langer Zeit und natürlich mit neuem Gitarristen geben würden.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Die schwitzende Menge war bereits unruhig, da es nach&amp;nbsp;&lt;em&gt;Wolkenhammer&lt;/em&gt;&amp;nbsp;eigentlich so weit sein sollte. Immer wieder schlich sich ein kleiner übergewichtiger Mann, der sich als so etwas wie Elvis verkleidet hatte, dazu aber eine unpassende dicke Brille trug, auf die Bühne, um zu verkünden, dass&amp;nbsp;&lt;em&gt;Pantothenic Acid&lt;/em&gt;&amp;nbsp;sich noch etwas verspäten würden. Noch ein, zwei Mal diese schlechte Nachricht, so dachte er, dann würden diese Wahnsinnigen wie die hungrigen Löwen auf die Bühne stürmen und ihn in Stücke reißen. Er gestikulierte wild mit den Händen, um sich etwas Aufmerksamkeit zu verschaffen. »&lt;em&gt;Pantothenic Acid&amp;nbsp;&lt;/em&gt;brauchen noch ein paar Minuten, aber ich ... ich darf bekannt geben, sie sind, also ja, sie sind bereits auf dem Weg«, stammelte er aufgeregt ins Mikrofon. Es war eine spontane Lüge, aber die Hoffnung starb zuletzt und die Hoffnung sorgte auch dafür, dass niemand anfing,&amp;nbsp;&lt;em&gt;Kinsleys Bretterverschlag&lt;/em&gt;&amp;nbsp;zu Kleinholz zu verarbeiten.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Wie ein gebeugter Sklave schlich der kleine Mann sich gerade wieder von der Bühne, als ihm einer der Veranstalter etwas zurief. Sofort stand das zu kurz geratene Elvisduplikat kerzengerade. Ein Grinsen schlich sich auf sein pausbäckiges Gesicht und sofort macht er kehrt und rannte zurück ans Mikrofon. »Ladies and Gentlemen, ich darf verkünden, dass die grandiosen ... die unvergleichlichen ... die legendären ...&amp;nbsp;&lt;em&gt;Pantooooothenic Acid&lt;/em&gt;&amp;nbsp;angekommen sind! Nur ein paar Minuten noch, dann werden sie den&amp;nbsp;&lt;em&gt;Bretterverschlag&lt;/em&gt;&amp;nbsp;mit ihrer Musik in den Vorhof zur Hölle verwandeln und ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Halt die Schnauze!«, rief jemand aus der Menge.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Hör doch auf zu labern und verpiss dich endlich!«, schrie ein anderer und bekam gehörigen Applaus dafür.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Dämliche Saubande«, murmelte der kleine Mann und schlich noch immer grinsend und winkend von der Bühne. Der Vorhang schloss sich und im selben Moment knatterte der völlig verrostete VW-Bus mit Jürgen am Steuer auf den Hof.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Los Jungs, wir sind mehr als spät dran. Bei Guns N’ Roses habe ich die scheiß Warterei gehasst und ich will nicht genauso enden«, sagte Jürgen. Schon flogen die Türen auf, alle vier Bandmitglieder sprangen aus dem Bus und machten sich daran, die Instrumente in den&amp;nbsp;&lt;em&gt;Bretterverschlag&lt;/em&gt;&amp;nbsp;zu schaffen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Der kleine, dicke Mann, der gern wie Elvis ausgesehen hätte, stürmte laut keuchend wie ein Marathonläufer aus dem Gebäude und hielt auf die Band zu. »Endlich, Jungs! Seid ihr denn wahnsinnig? Die rasten da drinnen schon komplett aus. Wollt ihr, dass die mich lynchen?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Wenn’s zur Show passt?«, brummte Paul und drängte sich mit Bass und Gitarre unter den Armen vorbei.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Hier, mach dich mal nützlich«, sagte Dave und drückte dem verdutzten Mann die Becken in die Hand.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Drei Kinder, verkleidet als Dracula, Freddy Kruger und ein in ein weißes Laken gehülltes Gespenst erspähten das rege Treiben und eilten mit ihren Tüten auf den Hof. »Süßes, sonst gibt’s Saures!«, rief das Gespenst und hielt prompt den bereits gut gefüllten Beutel auf. Der hünenhafte Dave sah auf die drei Dreikäsehochs herab und das Gespenst hielt die Tüte etwas höher.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Macht euch vom Hof, sonst knack ich eure Schädel und zieh mir euer Hirn durch die Nase rein«, gab Dave mit bierernster Miene zu verstehen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Oh«, machte das Gespenst, schluckte hörbar laut und trat drei Schritte zurück. »Weg hier, Leute«, flüsterte Miniaturdracula und schon waren die drei auf dem geordneten Rückzug.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;In&amp;nbsp;&lt;em&gt;Kingsleys Bretterverschlag&lt;/em&gt;&amp;nbsp;konnte man die Energie des Abends riechen. Sie duftete nach Schweiß, Bier, Zigaretten und etwas Undefinierbarem, dessen Ursprung niemand, der es wahrnahm, wirklich ergründen wollte. In der Zuschauerhalle wartete eine elektrisierte Menge auf den finalen Auftritt. Dicht an dicht gedrängt, standen die verschwitzten Liebhaber der lauten Musik vor der Bühne und starrten auf die geschlossenen Vorhänge, hinter denen der eifrige Aufbau der Instrumente nur zu erahnen war. Bald würde es so weit sein, die Gottheit es Underground-Punkrock würde zurückkehren, vor ihre Jünger treten und mit ihrem Sound die Scheiße aus ihren längst geschändeten Trommelfellen herausspielen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Hinter der Bühne ging der Aufbau deutlich weniger spannend vonstatten. Die Jungs stolperten über ihre eigenen Füße, während sie ihre Instrumente herbeischleppten. Selbst der kleine, dicke Elvis war noch immer dabei, bepackt wie ein Esel und unter seiner Last schnaufend wie ein asthmatisches Nilpferd. Dave und Frank waren dabei, das Schlagzeug zusammenzuschrauben, weil alle in der Band erstens der Auffassung waren, dass es zum Rock’n’Roll gehörte, alles selbst zu erledigen und zweitens - was weitaus wichtiger war - auch kein Geld da war, um irgendwelche erfahrenen Roadies mit der Drecksarbeit zu beauftragen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Hey Dave«, flüsterte Frank.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Hey Frank?« Dave hatte bereits eine neue Zigarette im Mundwinkel, die auf der abgedunkelten Bühne immer wieder wie ein Glühwürmchen aufglimmte und dann wieder erlosch.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ich finde, wir sollten nicht&amp;nbsp;&lt;em&gt;Brain Slasher&lt;/em&gt;&amp;nbsp;spielen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Und warum nicht? Ich hab doch gesagt, wenn ihr die Nummer nicht draufhaben solltet, ich weiß, wie sie geht. Solange Jürgen seinen Text einigermaßen auf die Reihe kriegt, ist alles easy.« Dave zog lässig an seinem Glimmstängel.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ich weiß nicht«, gab Frank zur Antwort. »Irgendwie macht mir die Nummer auch Angst. Das mit den Quinten im Solo ... Die Lautstärke ... das klingt ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»... wie nicht von dieser Welt?«, ergänzte Dave und grinste. Im Halbdunkel der geschlossenen Bühne wirkte sein Lächeln, als wäre der Teufel persönlich gerade dabei, Zigarette rauchend das Schlagzeug zusammenzuschrauben. »Glaub mir&amp;nbsp;&lt;em&gt;Brain Slasher&lt;/em&gt;wird legendär. Die Nummer macht ihrem Namen alle Ehre und wird den Leuten hier das Hirn wegpusten.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Genau das ist meine Befürchtung«, murmelte Frank. »Ich finde das Ding zu schrill. Auf Platte klingt das sicher geil, aber live bluten mir die Ohren davon.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Hm«, machte Dave.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Willst du wenigstens auch Ohropax? Jürgen und ich benutzen die und spätestens, wenn&amp;nbsp;&lt;em&gt;Brain Slasher&lt;/em&gt;&amp;nbsp;dran ist, lohnt sich’s.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Pah! Banausen!«, brummte Dave, stand auf und ging zum Gitarrenständer.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Wenige Minuten später waren auch die Instrumente gestimmt und alles war bereit für den großen Auftritt, den ersten Gig seit einem Jahr, das erste Mal mit&amp;nbsp;&lt;em&gt;Poison&lt;/em&gt;&amp;nbsp;Dave außerhalb des Proberaums. Der kleine, dicke Mann sprang wie ein Kastenteufel durch die Lücke im Vorhang und verkündete der Menge, worauf alle so lange gewartet hatten. »Es ist mir eine große Ehre«, begann er, »euch heute Nacht ... in diesem denkwürdigen Moment ... die großen ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Halt den Rand!«, brüllte jemand aus dem unruhigen Publikum. Auch er bekam anerkennenden Applaus.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Mieser kleiner Scheißer!«, flüsterte der dicke Elvis, grinste immer jedoch weiterhin sein aufgeklebtes Grinsen und kürzte seinen Vortrag ab. »Nur heute in&amp;nbsp;&lt;em&gt;Kingsleys Bretterverschlag&lt;/em&gt;: Pantooooothenic Aciiiiid!« Während er den Bandnamen langgezogen wie einen Kaugummi ins Mikrofon schrie, hüpfte er wie ein glücklicher Flummi mit schmalziger Perücke auf und ab. Dann rannte er von der Bühne, während hinter dem Vorhang ein donnerndes Gitarrenriff seinen Anfang nahm. Die Menge tobte, Hände klatschten, Füße stampften, es wurde gejubelt und geschrien. Der Vorhang flog auf, die Bühnenbeleuchtung zuckte und blitzte. Endlich ging es los!&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;&lt;em&gt;Pantothenic Acid&lt;/em&gt;, die Punk-Legende des Underground, waren zurück und gaben zum Auftakt kommentarlos die erste Nummer zum Besten: ihren Klassiker&amp;nbsp;&lt;em&gt;Society Has The Teenagers It Deserves&lt;/em&gt;. Die Band ergoss ihr markiges Soundfeuerwerk aus drei Akkorden wie aus der Gulaschkanone über die hungrigen Massen, die angesichts des fulminanten Comebacks völlig ausrasteten. Vergessen war für den Moment Altgitarrist Mike.&amp;nbsp;&lt;em&gt;Poison&lt;/em&gt;&amp;nbsp;Dave spielte, als wäre er immer schon in der Band gewesen. Keine Frage, er hatte es drauf und führte Jürgen, Frank und Paul mit&amp;nbsp;&lt;em&gt;Pantothenic Acid&lt;/em&gt;&amp;nbsp;auf eine völlig neue musikalische Ebene.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Nach dem ersten Song richtete Jürgen das Wort ans Publikum. »Scheiße, ihr seid die besten! So lange waren wir weg und ihr geht ab, als hätten wir gestern noch auf der Bühne gestanden. Leute, ihr seid die geilsten Fans auf diesem Dreckhaufen von einem Planeten!« Eine Welle donnernden Applauses wogte der Band zur Antwort entgegen. »Nochmals danke! Und übrigens«, er drehte sich um und deutete auf den hochgewachsenen langhaarigen Kerl an der Gitarre, »das hier ist&amp;nbsp;&lt;em&gt;Poison&lt;/em&gt;&amp;nbsp;Dave. Eine Runde Extraapplaus für ihn bitte!« Die Antwort aus dem Publikum kam sofort und sie kam laut. Dave nahm sie rauchend zur Kenntnis. Eine Unterhose flog auf die Bühne. Kein Spitzenhöschen, eine Boxershorts. Niemand konnte sagen, wer das Ding geworfen hatte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Dave schlug in die Saiten seiner Fender Squire und begann den nächsten Song:&amp;nbsp;&lt;em&gt;Insane People&lt;/em&gt;, ein weiterer Klassiker der Band aus glorreichen Zeiten unter Originalbesetzung. Weitere Songs folgten:&amp;nbsp;&lt;em&gt;Humility Is No Substitute For A Good Personality&lt;/em&gt;,&lt;em&gt;You Do&lt;/em&gt;,&amp;nbsp;&lt;em&gt;The Way We Are&lt;/em&gt;, dann&amp;nbsp;&lt;em&gt;Do Not Fear Death&lt;/em&gt;&amp;nbsp;und Don’t Be A Fool.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Anschließend war es so weit.&amp;nbsp;&lt;em&gt;Incredible&lt;/em&gt;&amp;nbsp;Jürgen nahm einen Schluck Bier aus dem Plastikbecher und trat grinsend ans Mikrofon. »Und jetzt kommen wir zum Höhepunkt des Abends«, sagte er feierlich. Frank begann, rhythmisch auf dem Schlagzeug herumzutrommeln.&amp;nbsp;&lt;em&gt;Dr. Pepe&lt;/em&gt;&amp;nbsp;kam mit dem Bass dazu, bis beide ein düsteres Soundbeben erklingen ließen. »Ihr alle habt nun die Ehre, unseren neusten Song zu hören«, fuhr Jürgen fort und bekam ohrenbetäubendes Gejubel aus dem gierigen Publikum zur Antwort. »Passend zur heutigen Nacht, zur Halloween-Nacht: Dieser Song ist für euch, die ihr hier seid und er heißt&amp;nbsp;&lt;em&gt;Brain Slasher&lt;/em&gt;!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Auf das Stichwort hin stimmte Dave in Franks und Pauls Spiel ein. Ein dichter Soundteppich donnerte aus den Lautsprechern und brachte&amp;nbsp;&lt;em&gt;Kingsleys Bretterverschlag&lt;/em&gt;&amp;nbsp;zum Beben. Das Publikum drehte komplett durch, wogte kraftvoll vor und zurück und knallte immer wieder gegen die Absperrungen wie ein gefangenes Monstrum. Ein Moshpit bildete sich und es wurde gepogt, als gäbe es kein Morgen.&amp;nbsp;&lt;em&gt;Incredible&lt;/em&gt;&amp;nbsp;Jürgen schrie die Lyrics ins Mikrofon und wenn er eine Passage vergaß, schien das tatsächlich niemanden im völlig betörten Publikum zu stören.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Und dann setzte&amp;nbsp;&lt;em&gt;Poison&lt;/em&gt;&amp;nbsp;Dave zum Solo an. Ein bitterböses Melodiegewand, das die Toten zum Tanzen gebracht hätte, flimmerte durch die Lautsprecher in die Menge. Ein hypnotisches Soundgebilde aus Hochtönen, dem sich niemand entziehen können würde.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Zu laut, verdammt!«, rief Frank Jürgen zu, der verwirrt zum Tontechniker hinübergeschaut hatte und nun dem Schlagzeug zugewandt stand.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was hast du gesagt?«, brüllte er Frank zu und hielt sich zur Verdeutlichung eine Hand an eines seiner durch Ohropax geschützten Ohren.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ich sagte«, schrie Frank, »das ist viel zu laut. Selbst mir bluten die Ohren! Oh Gott ...« Die schrillen Quinten bohrten sich wie Messer in sein Gehirn. Mit einem Mal verlor Frank das Gleichgewicht und stürzte seitlich vom Hocker. Auf dem Boden liegend konnte er sehen, dass auch Jürgen und Paul ins Wanken geraten waren. Dave dagegen schien wie in Trance zu sein. Er rutschte auf dem Griffbrett der Gitarre hin und her und verursachte kaum zu ertragende Klangfolgen. Frank versuchte, zu Dave zu kriechen und ihn zu stoppen, als ein Blick in die Menge ihn innehalten ließ.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Durch die neblig düstere Luft des&amp;nbsp;&lt;em&gt;Bretterverschlags&lt;/em&gt;&amp;nbsp;schien es, als würden die Zuschauer reihenweise kollabieren: Blut lief aus Nasen, die Augen waren hinter den Lidern verschwunden, so dass nur das Weiß zu sehen war. Von den Mündern einiger Zuschauer troff Schaum wie von den Schnauzen tollwütiger Hunde. Ein gigantischer epileptischer Anfall schien sich über das Publikum ausgebreitet zu haben. Frank hockte mit offenem Mund auf dem Bühnenboden und kämpfte mit aufsteigender Übelkeit. Im nächsten Moment stürzte Paul kopfüber von der Bühne. Doch erst ein weiterer Zwischenfall holte Frank aus seiner Starre zurück: In der ersten Reihe der zusammenbrechenden Menge beugte sich eine junge Frau mit rot gefärbter Mähne zum direkt neben ihr stehenden Mann, einem bleichen Typ mit langen schwarzen Haaren und Pickeln herüber und vergrub ihre Zähne in seinem Schädel. Der Junge verzog das Gesicht zu einer schmerzverzerrten Grimasse, während ihm Blut über die Stirn lief. Mit den Händen versuchte er, die wildgewordene Furie abzuschütteln, doch sie hatte sich an ihm festgesaugt wie ein riesiger Blutegel.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Frank rappelte sich mit letzter Kraft auf, sah verschwommen, dass Dave immer noch auf der Bühne stand, an seiner Zigarette zog und zu spielen schien, obwohl er selbst nichts mehr hören konnte. Unter größter Anstrengung warf Frank sich vorwärts und rammte seine Schulter schließlich in Daves Bauch. Dieser taumelte rückwärts und unterbrach jäh sein Solospiel. Wie durch einen plötzlich aufgedrehten Lautsprecher drang die Wirklichkeit zurück in Franks Bewusstsein: Überall hysterisches Schreien, lautes Stöhnen, zerbrechende Gegenstände - da, wo zuvor das Publikum gestanden hatte, war inzwischen ein Krieg ausgebrochen: Menschen brachen zusammen, wurden unter anderen begraben, wieder andere stürzten sich auf sie und schienen sie beißen zu wollen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Dave, was zum ...«, begann Frank, als Dave, der seine Gitarre fallen lassen hatte, ihn diabolisch angrinste. Langsam hob er den Arm und richtete den Zeigefinger auf Frank: »Gehiiiiiirn!«, brüllte er und stürzte sich auf ihn.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Jürgen, der gerade wieder zu sich gekommen war, sah, dass Paul von der Bühne gestürzt war und reglos am Boden vor der Absperrung lag. Dann erkannte er, dass Dave dabei war, über Frank herzufallen, der im letzten Moment einige Schritte zur Seite ging und Dave ins Leere taumeln ließ. Im nächsten Moment ging alles durcheinander: Während Frank und Dave in eine Art Kampf verwickelt zu sein schienen, brach die Absperrung zusammen und völlig verrückt gewordene Menschen tasteten sich über den Boden auf die Bühne zu. Einigen schienen die Ohren abgerissen worden zu sein, manche trugen klaffende Wunden im Gesicht, einem fehlten die Nase und die Lippen, so dass alles, was von seinem Gesicht übrig war, ein höhnisches Grinsen war.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Daaaa, Hirrrrrn!«, brummte ein Typ, dem die halbe Kopfhaut heruntergerissen worden war. Er und einige andere stürzten sich auf den am Boden liegenden Paul. Jürgen wollte sich dazwischenwerfen, besann sich aber eines Besseren, als er sah, dass die durchgedrehten Menschen bereits begonnen hatten, Paul in Stücke zu reißen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Jüüürgen!« Der Ruf seines Namens ließ Jürgen zusammenzucken. Er blickte zurück auf die Bühne und sah, dass der inzwischen am Boden liegende Frank versuchte, Dave von sich wegzustoßen. Eine Sekunde später war Jürgen zur Stelle und zerrte den durchgedrehten Gitarristen an den Schultern von seinem Bandkollegen weg.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Uaaaaaah!« Das, was einmal Dave gewesen war, blickte mit teuflisch verzerrter Fratze zwischen Jürgen und Frank hin und her.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was ist das hier?«, rief Jürgen Frank zu, während er versuchte, Dave zurückzuhalten.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ich habe keine Ahnung, Alter. Aber wir sollten hier weg, und zwar pronto!« Er richtete einen Finger auf den Zuschauerraum. Dutzende blutüberströmte Menschen versuchten ungelenk, sich auf die Bühne zu hieven. Sie stöhnten und schrien. Ihre Münder klappten auf und zu, als versuchten sie, etwas zu kauen und manche von ihnen taten das offensichtlich auch. Einem der heraufkletternden hingen mehrere Finger aus dem Mund, ein anderer biss von einer wabbeligen Masse ab, die er in der Hand hielt und die nur noch vage als Gehirn gedeutet werden konnte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Jürgen und Frank sahen sich kurz an. Im nächsten Moment ließ Jürgen von Dave ab und stürmte zusammen mit Frank von der Bühne. Sie rannten, so schnell sie konnten, durch das verrauchte Hinterzimmer. Einer der Bühnenhelfer hockte vor einem Tisch und fraß den Tontechniker auf, dessen Arme und Beine dabei wild zuckten. Der Helfer schien die beiden flüchtenden gar nicht zu bemerken und riss genüsslich weitere Stücke aus dem am Boden liegenden Mann heraus.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Draußen war das rege Treiben der Halloween-Nacht inzwischen abgeebbt. Nur vereinzelt waren noch kleinere Gruppen von Menschen auf der Paulusstraße unterwegs.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was für eine abartige Scheiße! Was ist da gerade drinnen passiert? Und wo ist Paul?«, rief Frank keuchend, während sie über den Parkplatz auf den Tourbus zuhielten.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Paul ist tot, Alter! Den haben sie ... Ich weiß nicht, was da passiert ist. Irgendwas war mit der Musik. Mit dem Song. Das Solo war zu laut oder zu ... Die Melodie hat sie durchdrehen lassen. Ich ... ich habe auch keine Erklärung dafür, aber ich habe es ja auch gemerkt. Für einen Moment wollte ich ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Jemanden umbringen?«, ergänzte Frank.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;» So in der Art, ja.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Hast du den Schlüssel?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Jürgen klopfte seine Hosentaschen ab. Für einen Moment blieb die Zeit stehen, dann fand er, wonach er suchte. »Ja Mann, hier!« Er zog den Schlüsselbund aus der Tasche, steckte ihn ins Schloss des alten VW-Busses und stellte fest, dass er die Tür gar nicht abgeschlossen hatte. »Steig ein! Wir hauen hier ab und holen die Bullen!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Wenige Sekunden später setzte der Bus mit quietschenden Reifen zurück. Als er auf der Straße zum Stehen kam und Jürgen den ersten Gang einlegte, flog die Vordertür zu&amp;nbsp;&lt;em&gt;Kingsleys Bretterverschlag&lt;/em&gt;&amp;nbsp;auf und eine träge Masse aus blutenden und wankenden Zombies ergoss sich wie von der Hölle ausgespuckt auf die Straße, um über die armen Seelen herzufallen, die in dieser Halloween-Nacht noch unterwegs waren.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Durch den Seitenspiegel konnte Jürgen sehen, wie mehr und mehr durchgedrehte Menschen auf die Straße taumelten, wie sie stürzten, sich wieder aufrappelten, vor Laternen liefen und denen nachstellten, die vor ihnen flohen. »Weg hier, weg hier, weg hier«, murmelte Jürgen immer wieder, während er den Bus weiter beschleunigte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Wir haben’s geschafft, Alter. Wir haben’s geschafft«, stammelte Frank vom Beifahrersitz aus.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ja, wenn du das so nennen willst? Den Rest sollen die Bullen machen. Ich will nur raus aus diesem Albtraum.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Paaaaaantothenic Aaaaaaaaacid«, ertönte es plötzlich aus dem hinteren Teil des Busses - ein Schrei wie eine Kreissäge.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was zum?!«, schrien Frank und Jürgen zugleich. Frank fuhr auf dem Sitz herum. Eine blutüberströmte Gestalt, die ein wenig aussah wie ein zu klein geratener Elvis Presley, bahnte sich zuckend ihren Weg nach vorn. »Hiiiiiiirn! Fleiiiisch!«, stammelte das Etwas und warf sich in Richtung Fahrersitz. Frank versuchte, den durchgedrehten kleinen Kerl zurückzuhalten, doch seine Hände rutschten von dem blutigen hirntoten Ding ab, das seine Zähne sofort in Jürgens Hals vergrub.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Jürgen schrie und versuchte, auf die Bremse zu treten. Eine Blutfontäne schoss aus seinem Hals und spritzte gegen die Windschutzscheibe. Durch das Rot hindurch konnte Frank, der noch versuchte, Jürgen von dem beißenden Ding zu befreien, gerade noch erkennen, dass der Bus direkt auf einen Baum zuhielt. Jetzt schrie auch Frank. Dann wurde alles schwarz.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Bis die tatsächliche Opferzahl ermittelt werden konnte, vergingen mehrere Wochen. Noch Tage darauf mussten Polizisten durchgedrehte Menschen erschießen, die wahre Massacker angerichtet hatten und auch vor Polizeibeamten nicht Halt machen wollten. Die Zeitungen spekulierten über eine angebliche neue Droge, die aus Asien herübergeschwappt sei. Andere berichteten von biologischen Kampfstoffen, von einer völlig neuen Art von Terroranschlägen und wilden militärischen Experimenten. Immer wieder fanden sich angebliche Insider, die ihr Wissen gegen Geld an die Boulevardblätter weitergaben. Doch sie alle waren Scharlatane, keiner von ihnen hatte eine schlüssige Erklärung für den Albtraum parat, der in der Nacht des 31. Oktober stattgefunden hatte. Und so blieb alles ein Mysterium, das allem der Bilder aus Fernsehen und Presse wegen in den Köpfen der Leute hängen bleiben sollte. Eine große Boulevardzeitung titelte etwa: »ALS HALLOWEEN REAL WURDE!« Direkt darunter war das Bild von einem langhaarigen Mann, der mit aufgerissenem und blutverschmiertem Mund auf den Fotografen zustürzte. Polizisten hatten ihn sofort erschossen. Die Bildunterschrift fragte, ob so wohl der echte Michael Myers aussehen könnte und verriet, dass es sich bei dem durchgedrehten Mann um den sogenannten&amp;nbsp;&lt;em&gt;Poison&lt;/em&gt;&amp;nbsp;Dave, Gitarrist der bei dem fürchterlichen Unglück ebenfalls umgekommenen Punkrockband&amp;nbsp;&lt;em&gt;Pantothenic Acid&lt;/em&gt;, handelte.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-709856468243754132?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/709856468243754132/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=709856468243754132&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/709856468243754132'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/709856468243754132'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/11/brain-slasher.html' title='Brain Slasher'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-4219457498056798062</id><published>2011-11-04T22:26:00.001+01:00</published><updated>2011-11-04T22:26:36.009+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Erzählungen'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Raucher</title><content type='html'>Wenn es einen Gott geben sollte - und möge er von mir aus auch gern aus in die Länge gezogener Teigmasse, angereichert mit Bolognaisesauce und appetitlichen Fleischklopsen bestehen -, der sich unserer Erschaffung angenommen hat, dann ging er vermutlich so vor, dass er Mann und Frau aus dem prähistorischen Schlamm knetete, anschließend mit dem Marlboro-Mann für ein Päuschen auf den Balkon ging, bevor er sich zurück an die Arbeit machte und plötzlich das Gefühl bekam, dass noch etwas Wichtiges zur Vollkommenheit zu fehlen schien. Noch ein wenig Schlamm hier, ein ein bisschen Spachtelmasse da, eine löchrige Teerlunge, dazu ein Päckchen Kippen, lässig in die Arschtasche geschoben, und weil man dafür ja überhaupt erst mal eine Tasche braucht, gab's eine adrette Blue Jeans dazu - fertig war der Raucher.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nun unterscheiden sich Raucher und Menschen in vielerlei Hinsicht. Das fängt schon damit an, dass Menschen immer nur olle Menschen sind, während Raucher so was wie das nikotinabhängige Äquivalent zu blutschlürfenden Vampiren sind. Ständig sind sie auf der Pirsch nach dem nächsten Glimmstängel, egal ob erschnorrt oder bei Nacht und Nebel aus 'nem Automaten gefriemelt, um der Lebenserwartung ein weiteres Mal 'nen Scheitel zu ziehen. Niemand warnt den Nichtraucher so sehr vor den Gefahren, den Nachteilen, der Lästigkeit des Tabakkonsums, wie der Raucher selbst. »Ganz schlimme Angewohnheit«, sagen sie dann, als hätten sie's auswendig gelernt, ziehen genüsslich am verteerten Filter und fahren fort: »Fang du bloß nicht auch noch damit an!« Die Botschaft ist klar: Raucher wollen unter sich bleiben, sie sind eine verfluchte Elite, die Geschöpfe der frischen Luft, Sklaven einer tausendfach inhalierten Milligrammdosis Nikotin, von denen der Nichtraucher tunlichst Abstand halten sollte. Und das tut er gemeinhin auch freiwillig, ist doch so ein vorbeigehender Teerkübel an Gestank nur von sich selbst zu übertreffen, nämlich sobald er den Mund öffnet und beim Reden ein undefinierbares Aroma in die Welt hinausjagt, dass wenigstens mich noch am ehesten an den Duft von Salami nach einem ausgiebigen Sonnenbad erinnert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dabei sind die Kinder des Teer streng genommen ein wirklich lässiger und damit beneidenswerter Haufen: Lässig genug, um dem Lungenkrebs bis zum bitteren Ende hustend ins Gesicht zu lachen, schließlich ist Leben ohnehin tödlich, lässig genug, um den röchelnden Nichtraucher geflissentlich gar nicht zu bemerken oder ihn schlicht zu ignorieren. Nach der Zigarette ist eben vor der Zigarette, allem Protest zum Trotz! Und jeder nichtrauchende Lokalbesucher weiß, wenn alles ein Ende und nur die Wurst derer zwei haben sollte, dann hat die Zigarette des nervigen Schornsteins am Nebentisch überhaupt kein Ende. Raucher sind in jeder Hinsicht die ruhigeren Probanden, finden Raucherpausen doch fernab des stressigen Alltagskosmos statt, in der nebulösen Welt der Raucherzimmer, deren Sauerstoffarmut ein Nichtraucher keine fünf Minuten standhalten kann, ohne dass ihm die Augen aus den Höhlen quillen. Raucher sind die besseren Kollegen, zumindest unter ihresgleichen, denn alle anderen müssen die im Dunst erstickte Arbeitszeit wieder ausgleichen und büßen so soziale Pausenkompetenzen ein. Aber Raucher sind eben auch die besseren Regierungschefs, denn abseits jeglicher Meinungsverschiendenheit in Sachen Aufrüstung oder Menschenrechten schmeckt die Zigarette zwischendurch doch allen Beteiligten gleichermaßen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Außer den Nichtrauchern! Und weil es derer trotz krebserregenden Passivrauchens scheinbar immer noch viel zu viele aber eben nicht genug gibt, haben sie sich inzwischen selbst in die Opferrolle hineindefiniert und die stinkenden Tabakeimer aus öffentlichen Gebäuden verbannt. In Restaurants duftet es nun endlich nach Essen statt nach Teergrube, Kneipen riechen nach Schnaps und Erbrochenem und Diskotheken nach Schweiß. Es ist Ruhe eingekehrt im Abendland, selbst die Raucher scheinen sich an den Regelungen nicht zu stören, die sie nun sommers wie winters zum Qualmen nach draußen beordern. Da kann es noch so kalt sein, stört niemanden, die Finger des Dauerquarzers zittern ja sowieso. Außerdem ist da noch der Aufschwung der Heizpilzindustrie, so dass Freund Raucher auch im Winter eigentlich kaum mehr frieren muss, während er sich ordentlich Lochfraß in die Lunge hineinpfeift. Natürlich ist das schlecht fürs Klima, selbstverständlich werden die horrenden Energiekosten für die Dinger auf Getränke und Speisen und nicht auf die Glimmstängel umgelegt, aber irgendwie muss man den pseudogesunden Nichtraucher mit dem ewigen Stock im Arsch ja ärgern, wenn man ihm schon nicht mehr die Luft verpesten kann. Mich als einen von ihnen bringen diese nur auf sich bedachten Nikotinsüchtigen ja schon wieder auf die Palme. Da hilft zur Beruhigung wirklich nur noch 'n Tässchen Kaffee.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-4219457498056798062?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/4219457498056798062/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=4219457498056798062&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/4219457498056798062'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/4219457498056798062'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/11/raucher.html' title='Raucher'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-4135653271090313778</id><published>2011-10-30T14:38:00.000+01:00</published><updated>2011-11-05T14:46:45.849+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Erzählungen'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Vorwärts!</title><content type='html'>Genosse Honecker sagte es bereits zu Lebzeiten im  aufschwungbefreiten Ostteil Berlins: »Vorwärts immer, rückwärts  nimmer!«, die kleinen kapitalkritischen Maulwurfsaugen hinter der  dickglasigen Brille siegessicher (oder wegen regelmäßiger  Asbestinhalation geistesabwesend) funkelnd. Vielleicht war das  Nasenfahrrad des Genossen auch nicht dick genug, sonst hätte er doch  sicher gemerkt, dass es zwar vorwärts ging, aber nur für all jene, die  ihre Augen nach hinten gerichtet hatten. Nun gut, die Geschichte hat uns  gelehrt, dass nicht lange danach die Scorpions kamen, um zuerst die  Mauer und dann den ganzen Staat mit gespitzten Lippen und  Akustikgitarren wegzusäuseln. Und seitdem geht's ja auch wirklich  vorwärts hier in Berlin. Da guckt man einmal nicht hin, schon ist aus  einem hübschen Park ein leerstehendes Bürogebäude geworden und schon  Tags darauf ein besetztes Haus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wo Berlin ist, da ist  Leben, da hat sich geballte Unfreundlichkeit zu Unmengen an Menschmasse  personifiziert, die sich zusammengequetscht wie ein immenser  Wackelpudding aus Fleisch und Schimpftiraden durch die Straßen wühlt,  als wäre das ganze Jahr lang Schlussverkauf. Und wer was abbekommen  will, im Schmelztigel aller Formen und Farben von Selbstgefälligkeit und  Egoismus, der muss eben sehen, dass er vorwärts kommt. Das fängt damit  an, dass die Oma schon morgens um zehn im Discounter um die Ecke an der  Kasse steht, um das letzte Bier abzustauben, und endet mit den zu jeder  Tageszeit von Pennern besetzten Parkbänken, die eigentlich längst eigene  Hausnummern haben müssten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Man muss eben auf Zack  sein, aber dafür gibt es hier schließlich, sofern man nicht mit dem  eigenen motorisierten Gefährt in das ewig währende Hupkonzert der  urbanen Stauapokalypse einstimmen möchte, den öffentlichen Nahverkehr,  der sich aber den Slogan »Vorwärts!« glücklicherweise nicht auf die  rapsgelben Fahnen geschrieben hat, denn ... ach, man kennt es ja: Nur  zehn Meter sind es bis zum Bus und man ist bereits zum eleganten Sprint  übergegangen, um gerade noch rechtzeitig zum Hechtsprung durch die sich  schließende Tür anzusetzen. Doch hat man die Rechnung ohne den Busfahrer  gemacht, jene Spezies, die auch ohne den für das Lachen benötigen  Muskelapparat auskommt und so maulfaul wie perfide ist. Der nämlich, hat  den herbeihastenden Fahrgast längst ausgemacht und schließt die Tür  rechtzeitig direkt vor dessen Nase. Der geübte Brummifahrer geht einen  Schritt weiter und klemmt den Zinken des unglückseligen Zuspätkommers  fachgerecht in der Tür ein. Und immer dann, wenn man nur noch den  Rücklichtern des gemütlich davonbrausenden Busses nachsehen kann,  scheint dessen Heck sich vor den eigenen Augen in einen Hintern mit  heruntergelassenen Hosen zu verwandeln. Macht nichts, der nächste Bus  kommt bestimmt. Nicht!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Doch man kann alternativ ja auch  mit der U-Bahn vorwärts kommen, wenn es denn so nötig ist, dass man  sich den durchaus als experimentell zu bezeichnenden angestauten Duft  menschlicher Ausdünstungen antun möchte, der irgendwo zwischen den  üppigen Ausscheidungen einer Kuh und einer polnischen Schnapsbrennerei  anzusiedeln sein dürfte. In den gelben Riesensärgen, die tagein, tagaus  durch den lauschigen Berliner Untergrund holpern, stellen untalentierte  Akkordeonspieler sowie die Zeitungsfritzen von »Motz« und »Straßenfeger«  eine durchaus respektable Wirtschaftsmacht dar und bieten dem Fahrgast  immerhin ein wenig Unterhaltung, während er seine Nase im Winter in der  eigenen Jacke und im Sommer in fremden Achseln vergräbt. Ach und dann  dieses Gedränge beim Ein- und Aussteigen, denn - wir wissen es - hier  will jeder vorwärts kommen. Ruhig bleibt da nur der Bahnfahrer, der die  Tatsache, dass ein gigantischer wutschnaubender Menschenpudding  versucht, sich durch eine einzige U-Bahn-Tür zu quetschen, über  Lautsprecher mit dem Satz »Dit is hier keen Weihnachtskalender. Hier  jehn alle Türn uff!« kommentiert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Unwesentlich bequemer  sind da die S-Bahnen, die zumindest schneller vorankommen, als ihre  quietschgelben Untergrundgenossen, dafür aber im Gegenzug jedes Jahr  wieder kollektiv ihren Winterschlaf halten und so dafür sorgen, dass der  ohnehin wenig entspannte Berliner alles andere als vorwärts kommt. Da  das Problem allgemein bekannt ist, wartet jedoch ohnehin kaum jemand auf  die ausbleibenden S-Bahnen und wer keine Ahnung hat und doch zu lange  am Gleis herumsteht, wird für diese Dummheit eben auch mal von eifrigen  Nachwuchsstädtern ins Krankenhaus geprügelt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ohnehin  sollte sich die erfahrene Bulette wohl am ehesten auf die eigenen  Quanten verlassen, kommt man mit selbigen doch irgendwie immer noch am  unproblematischsten vorwärts. Zwar ist innerhalb des urbanen Molochs  längst nicht alles fußläufig erreichbar, sofern man Zelt, Thermoskanne  und Stullenbüchse zu Hause gelassen hat, doch in Berlin verlässt eh  niemand den eigenen Bezirk, wenn nicht Leib und Leben bedroht sind oder  irgendwo eine zünftige Demonstration nach Steineschmeißern ruft. Ja,  wenigstens das Laufen klappt hier problemlos, so man sich erst einmal  daran gewöhnt hat, alle zwanzig Meter einen beherzten Ausfallschritt zur  Seite zu tun, um der gewaltigen Tretmine, bestehend aus Waldis  Morgengeschäft, auszuweichen. Und so schaut man im Vorbeigehen dem  gerade entkommenen, diesmal besonders hässlichen Stück Köterkot  fasziniert nach und steht prompt in der Scheiße. Kurzer Exkurs in Sachen  Kacke: Berliner Hunde sind besonders fleißig und fabrizieren jeden Tag  fulminante 30 Tonnen an Hinterlassenschaften für den besohlten Fuß. Das  entspricht vergleichsweise einer Menge von über 650.000 Big  Mac-Frikadellen. Exkurs Ende.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gut, ich sehe schon: Was  die Mobilität angeht, waren die Begriffe »Berlin« und »vorwärts«  vielleicht doch kein gut gewähltes Geschwisterpärchen. Was der kleine  Ausflug aber immerhin zeigt: Wenn der tattrige Honecker mit seinem  Ausspruch schon nicht die Wirtschaft gemeint haben kann, die  Fortbewegung kann es eigentlich auch nicht gewesen sein.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-4135653271090313778?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/4135653271090313778/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=4135653271090313778&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/4135653271090313778'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/4135653271090313778'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/10/vorwarts.html' title='Vorwärts!'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-6473941963903599117</id><published>2011-10-27T17:00:00.004+02:00</published><updated>2011-10-27T17:00:55.625+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Erzählungen'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Theorie &amp; Praxis</title><content type='html'>In der Theorie ist die Praxis der Theorie näher als in der Praxis, sagt man. Aber ach, fangen wir ganz vorn an. In einer verständlicheren und wirklich ausufernden Theorie ist alles Leben dem Urknall entsprungen, einem vielleicht göttlichen Furz in der Dunkelheit, welcher dermaßen vor Physik und Naturgesetz strotzt, dass Meister Mensch dem Urheber des frechen Windes unlängst jegliche Existenzberechtigung aberkannt hat. In der Praxis nennt sich das dann schlicht Wissenschaft. Theoretisch ist die Wissenschaft unter anderem da, unser schönes Leben mit allerlei Kenntnis zu erleuchten und es dank moderner Medizin auf unverschämte Länge auszudehnen. In der Praxis jedoch sollen wohl vor allem Frömmler mit unwiderlegbaren Formeln geärgert und alle anderen mit Details zu wenig angenehmen Dingen gemartert werden, die eigentlich gar niemand wissen möchte: schmelzende Polkappen, gekappte Schuldenberge, Waldsterben, Walsterben und andere Dinge, die den Kaffee morgens beim Zeitunglesen ein gutes Stück bitterer schmecken lassen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Theoretisch sagt uns der ganze gedruckte Blödsinn, den die Kittelträger dieser Welt so ermitteln, dass wir für alles, was wir versauen, allein verantwortlich sind, dass niemand nach uns schaut, dass es eben kein Schicksal gibt. Wie eine tote Seekuh treiben wir ungelenk und hilflos, vom Wellengang des Alltags geschüttelt, durch das unergründliche Meer namens Leben und fragen uns, in welchem metaphorischen Netz, Raubfischmagen oder Ölteppich unser Kadaver wohl enden mag. So weit, so unpraktisch. Praktischerweise gibt es aber eindeutige Gegenbeweise: Da wäre etwa dieser Kerl, der doch tatsächlich sechs mal von einem Meteoriten getroffen wurde. Sechs! Mal! Wenn es neben dem Guinness-Buch der Rekorde auch so was wie ein Kilkenny-Buch des Schicksals gäbe, dann würde ich den Hintern eines toten Stinktieres essen, wenn für diesen armen Knilch - nennen wir ihn mal Günther - nicht so etwas drin stünde wie: »Meteorit trifft Günther! Tot!« So weit also die simple Theorie des Schicksals. Praktisch jedoch hat Günther natürlich guten Stuhl, ist deswegen auf Zack und geht zur Seite, wenn der Himmel einen seiner dicken Brocken zur Erde hustet. Das Schicksal muss inzwischen mächtig sauer auf Günther sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Doch im Ernst, wie hoch ist die Chance, tatsächlich sechs mal von einem großen Weltallpopel getroffen zu werden? Theoretisch vermutlich deutlich geringer, als im Lotto zu gewinnen. Günther allerdings, der wird praktisch nie im Lotto gewonnen haben. Doch was Wahrscheinlichkeiten anbelangt, da geht sowieso alles kreuz und quer: Theoretisch etwa nähert sich die Chance, einem Bekannten am anderen Ende der Welt in einer fremden Stadt in einem fremden Park zufällig zwischen Baum und Parkbank zu begegnen, der Null. Von unten! Auch hier ist der ersehnte Lottogewinn zumindest theoretisch wahrscheinlicher. In der Praxis kennt aber so ziemlich jeder jemanden, dem eine solche Begegnung widerfahren ist. Doch wer kennt schon jemanden mit sechs Richtigen im Lotto?!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Theoretisch lässt das nur zwei Schlüsse zu: Entweder gewinnt niemals jemand im Lotto und all das ist nur ein geschickter Kniff des Gevatter Staat, um dem dauerneidischen Pöbel wenigstens das Gefühl zu geben, es mit ein paar Kreuzen auf einem Zettel zu was bringen zu können, oder aber es gibt in Wahrheit deutlich weniger Menschen auf der Erde, als die praktische Wissenschaft uns weismachen will. Sagen wir, hmm, circa fünfhundert. Letzteres würde auch erklären, weshalb man dauernd dieselben Leute an unterschiedlichen Orten trifft. Eine passable Verschwörungstheorie will mir dazu aber nicht einfallen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wohl auch, weil ich eher praktisch veranlagt bin. Und würde ich im Lotto gewinnen, ich würde niemandem von meinem Geldsegen erzählen und stattdessen den Innendruck meiner durchgelegenen Matratze mit den druckfrischen Scheinen etwas nachbessern. Äußerst praktisch. Oder eine Eckbank aus Goldbarren, die wäre sogar noch praktischer. Wenn nämlich die Finanzjongleure mit den bunten Krawatten des Zirkus »Marktwirtschaft« eine neue Riesenblase fabrizieren, um dann milliardenfach theoretisches Geld im Nichts verschwinden zu lassen, dann wären tausende weniger amüsierter Anleger mit einem Schlag praktisch ruiniert, während ich auf meiner in jeglicher Praxis praktischen Goldbarreneckbank Platz nehmen könnte, um bei einer Tasse Tee über den Eingangssatz dieser knappen Abhandlung nachzusinnen. Theoretisch wenig sinnvoll, praktisch jedoch entspannender als heranrauschende Meteoriten und leere Sparkonten.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-6473941963903599117?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/6473941963903599117/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=6473941963903599117&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/6473941963903599117'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/6473941963903599117'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/10/theorie-praxis.html' title='Theorie &amp; Praxis'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-8517294219154754991</id><published>2011-10-25T23:01:00.003+02:00</published><updated>2011-11-02T21:53:09.122+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Erzählungen'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Füße</title><content type='html'>Die Geschichte des Fußes ist mitnichten eine Geschichte voller  Missverständnisse, doch wenn ich die löchrigen Socken von den mir  angewachsenen Bodenbelägen friemle und schaue, welch Bild sich mir darbietet, dann scheint es sich doch zumindest  um eine Geschichte langen Leidens zu handeln. Nehmen wir Gollum aus dem  »Herrn der Ringe«: Einst einem Hobbit nicht unähnlich, wie  Rauschebartträger Gandalf es formuliert, ließ der dauerjammernde  Grottenolm sich von einem hübsch glitzernden und dauermurmelnden Ring  dahinknechten, schinden und aussaugen wie in erster Ehe, bis, nun ja,  etwas übrig blieb, das höchstens noch einem von Lepra befallenen Penis  nicht unähnlich ist. Nun haben Gollum, unansehnliche Geschlechtsteile  und Füße eigentlich nicht allzu viel gemeinsam, doch worauf ich hinaus  will: Letzteren sieht man das Leid einer lang währenden Evolution  einfach an.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Führen wir der Veranschaulichung halber einen kleinen Schwenk in Richtung der Hände durch. Wer von  Mutter Natur initial nicht allzu sehr abgestraft wurde oder mit  polnischem Knallwerk zu sehr geböllert hat, muss schon zugeben, dass  Hände nicht eben die hässlichsten Körperteile sind. Natürlich sind sie  kein in Fleisch gegossener Rembrandt, doch eine gewisse Ästhetik kann  man den menschlichen Greifern nicht absprechen. Ganz anders dagegen  Füße, die vor Äonen, eben vor der Erfindung des aufrechten Ganges und  dem damit einhergehenden Trend zur Kniescheibenfehlstellung, einmal so  etwas wie die großen Brüder der Hände gewesen sein müssen. Zehen standen  den Fingern in nichts nach und wenn es darum ging, dem Überbiss des  verhassten Höhlennachbarn in Sachen Evolution nachzuhelfen, dann hatte  man vermutlich die Qual der Wahl aus vier geeigneten Fäusten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Doch dann - irgendein einschneidendes Erlebnis in der Geschichte unserer  Art, vielleicht ein Haufen Säbelzahntigerkacke zu viel, in dem die  Vorderpatsche hängen blieb, vielleicht das Erkennen des  Entspannungsmehrwertes von Fußbädern oder einfach nur das zunehmende  Bedürfnis, Hinterkopf und Hinterteil gleichzeitig kratzen zu können,  irgendetwas jedenfalls muss unsere werten Vorfahren dazu gebracht haben,  künftig nur noch auf zwei Beinen gehen zu wollen. Und zwei dauerhaft  freie Hände machten zwei kaum mehr freie Hände langfristig recht  überflüssig - degradierten sie sozusagen zu Fußvolk.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und diese Füße begannen sich zu verändern: Filigrane Finger wurden zu  verkümmerten, ungelenken Zehen, die seither aus einem langgezogenen  Trittwerkzeug herauslugen und sich winden wie aufgedunsene Maden im  Speck. Statt schwieliger Handflächen gibt's zwei wildgewachsene Furunkel  namens Ballen und Ferse. Let's face it: Füße sind nicht schön! Das sagt  sogar ein Großteil der Frauen, denen ich bisher begegnet bin, um  tiefsinnige Gespräche über die Ästhetik von Füßen mit ihnen zu führen.  Deswegen verpacken wir sie gleich doppelt - die Füße, nicht die Frauen  -, wenn wir außer Haus gehen: zuerst in zumeist unscheinbare Socken, die  kein Grauen unter dem Stoff vermuten lassen und dann in allerlei buntes  Schuhwerk, das elegant davon ablenken soll, dass unterhalb von Leder,  Gummi und Schnürsenkel zwei missratene Körperteile ein zweisames  Schattendasein fristen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schlimmer noch ist ja, auf welch perfide Art die biologischen Treter  versuchen, dennoch Aufmerksamkeit zu erregen: Mitunter imitieren sie den  Duft von ranzigen Milchprodukten und hilft auch das nichts, spielen sie  Mutterboden für juckende Parasiten, deren namensgleiche Vettern zum  Herbst in Wäldern wuchern und auf eifrige Sammler warten. Ja,  vernachlässigte Füße halten uns auf Trab: Sie schmerzen nach langen  Märschen oder schlicht nach dem Aufstehen, ganz wie es ihnen beliebt,  sie lassen Zehnägel genüsslich ins Fleisch wachsen, die dann mit Zangen  aus eitrigen Wunden gezogen werden wollen, sie ärgern uns mit gerissenen  Bändern, gebrochenen Zehen, mit wässrigen Blasen und sie schlafen genau  dann ein, wenn man gerade aufstehen und zum Kühlschrank gehen möchte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und doch ... es gibt sie, die Fußliebhaber, die Fetischisten, denen  Fellatio mit dem großen Onkel lieber ist als alles andere, die  genüsslich an Zehen lutschen wie an einer Waffel mit Vanilleeis bei  Sonnenschein. Es will mir nicht in den Kopf, wie Füße Liebe sein können,  wo Liebe doch durch den Magen gehen soll. Doch vielleicht ist gerade  jenes von den meisten als Abart empfundene Verhalten Mutter Naturs  Versuch, uns auf unsere angeborenen Laufutensilien aufmerksam zu machen.  Ein gewolltes Bekenntnis zum Fuß sozusagen, schließlich steckt hinter  dieser vermutlich Jahrtausende währenden unendlich komplizierten  Transformation durchaus der Zweck, uns ein Mittel zur Verfügung zu  stellen, mit dem jederzeit komfortabel weite Strecken überbrückt werden  können. Ein Wunder der Natur eben, auf das der werdende Mensch fortan angewiesen sein sollte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bis er das Automobil erfand.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-8517294219154754991?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/8517294219154754991/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=8517294219154754991&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8517294219154754991'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8517294219154754991'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/10/fue_25.html' title='Füße'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-6609006180333170965</id><published>2011-10-25T11:13:00.002+02:00</published><updated>2011-10-25T11:13:40.699+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Erzählungen'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Geburtstag</title><content type='html'>Mit Geburtstagen ist es streng genommen wie mit Freunden: Sie stehen immer genau dann auf der Matte, wenn man sie am wenigsten brauchen kann, glänzen ansonsten aber natürlich durch chronische Abwesenheit. Manchmal sind sie höchst willkommen und manchmal möchte man ihnen auf die Schnauze hauen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als Kind sieht die ganze Sache selbstverständlich noch wenig differenziert und dafür umso freundlicher aus: Taschengeld ist grundsätzlich knapp, mit Spielzeug kann das eigene Zimmer nie vollgestopft genug sein, sodass ein amtlicher Geburtstag mit Geld- und Wareneingang immer eine lohnenswerte Sache ist. Älter wird man als Kind ohnehin nicht, das lehrt den neunmalklugen Dreikäsehoch ja schon das Fernsehen. Oder haben Tick, Trick und Track jemals mit dem ersten Bartwuchs zu kämpfen? Drückt Bart Simpson in irgendeiner Folge Aknepickel vor dem Badezimmerspiegel aus? Auch Pippi Langstrumpf hat zumindest im Fernsehen niemals in den Goldkoffer greifen müssen, um Tampons kaufen zu gehen. Geburtstage im Kindesalter sind vor allem eines: Lässig wie eine nackte Putzfrau. Man ist plötzlich wenigstens auf dem Papier ein stolzes Jährchen älter als ein Großteil des sozialen Umfeldes, damit ungleich weiser und die Geburtstagsfeier wird ohnehin von den Eltern organisiert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die haben nämlich genug damit zu tun, Einladungen zu schreiben und zu drucken, fluchend zum nächsten Elektronikmarkt zu eilen, um neue Farbpatronen für den streikenden Drucker zu erstehen, dem das Cyan ausgegangen ist, anschließend weiterzudrucken, die Fressalien für ein Dutzend heranwachsender Gourmets vorzubereiten, die Nahrung eher als Wurfgeschoss denn als Magenfüllung ansehen, An- und Rückfahrdienst für den überteuerten Kinobesuch zu »König der Löwen - Simbas Rache« zu spielen, bei alledem freudige Stimmung zu verbreiten und zu grinsen, während sich das Bankkonto schneller leert als der Tank eines aufgebohrten Ford Mustang. Das halbwüchsige Geburtstagskind derweil hockt am großen Tag auf dem Ehrensitz wie Vito Corleone mit einem Glas Cognac auf seiner Veranda, während die bepackten Gäste herbeieilen, als wollten sie dem neu geborenen Jesuskind huldigen. Andy Warhols fünfzehn Minuten Ruhm, einen ganzen Tag lang und das einmal pro Jahr.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und dann ist da natürlich diese Sache mit den Geschenken: Erfahrene Eltern versuchen erst gar nicht, aus dem von allerhand jungen Gästen dargebrachten Tinnef fernöstlicher Massenfertigung einen Gegenwert zu den eigenen Ausgaben zu errechnen und selbst bei den Sprösslingen bleibt ja immer noch das Problem mit dem Freuen: »Oh, danke schön! Der sieht ja fast aus wie ein Original-Transformer!«, oder »Ui, noch eine Sparbüchse! Mama, kannst du die zu den anderen stellen?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Letzteres ändert sich, so wie ich das sehe, auch im späteren Leben nicht. Mit Geschenken tut man dem Feiernden nur selten einen wirklichen Gefallen. Die fünfte von Geschmacksphobikern designte »Mit dreißig längst noch kein Restefick!«-Karte dürfte der Beschenkte nur mäßig komisch finden und die Feier, die schon lange nicht mehr von ausreichend betuchten Eltern finanziert wird, ist auch nur deswegen obligatorisch, weil die abendländische Portmoneekultur das nun einmal so vorschreibt. Zu feiern gibt es von nun an und bis ins hohe Alter eigentlich schon gar nichts mehr, sind doch gesteigerte Krebs- und Herzinfarktrisiken, eine vergrößerte Prostata und spontane Bandscheibenvorfälle nur dann Grund zur Freude, wenn's den verhassten Nachbarn erwischt, der dauernd die leeren Schnapsflaschen über den Zaun schmeißt und bei Nacht und Nebel die Zeitung klaut.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Doch zurück zum Geburtstag an sich: Ist man nämlich erst einmal im Altersdomizil angelangt, jenem steril gehaltenen Wartezimmer vor dem Übergang in die Eichenholzresidenz, so schaut's mit den persönlichen Ehrentagen vermutlich wieder reichlich bequem aus: Die Feier organisiert jemand anders und um die eigene Jahreszahl muss man sich auch kaum mehr sorgen, schließlich kann die Kerzen auf dem Käsekuchen sowieso keiner mehr zählen. Und überhaupt ist es mit den Jahren ein bisschen wie beim Gefängnisaufenthalt: Man ist wahrscheinlich nur froh, wenn wieder eins rum ist und die Entlassung näher rückt. Aber davon abgesehen dürfte man doch wieder gut Freund mit dem eigenen Geburtstag sein: Reichlich Gratulanten wohnen Tür an Tür, Geldgeschenke purzeln eh durchs letzte Hemd und sind damit so obsolet wie ein Kropf und selbst wenn man keinen Bock auf den eigenen Feiertag haben sollte, wäre man ohnehin viel zu gebrechlich, ihm eins auf die Schnauze zu hauen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Anmerkung des Autors: Natürlich missgönne ich niemandem seine Feier und ganz sicher können auch achtzigste und neunzigste Geburtstage 'ne dufte Sache sein und vermutlich wird mit der hier hingeknallten Schreibe nur der eigenen Frustration über das zunehmende Alter Ausdruck verliehen. Vermutlich.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-6609006180333170965?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/6609006180333170965/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=6609006180333170965&amp;isPopup=true' title='2 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/6609006180333170965'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/6609006180333170965'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/10/geburtstag.html' title='Geburtstag'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>2</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-1647355486762040476</id><published>2011-10-23T02:51:00.003+02:00</published><updated>2011-10-23T03:01:36.021+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Erzählungen'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Fisch</title><content type='html'>Kürzlich gab's in der Kantine um die Ecke, die oft preiswert und manchmal lecker ist, Lachs. Also nicht den geschmacksfreien Seelachs aus recycelten chinesischen Wochenzeitungen, sondern richtigen Männerlachs. Und weil ich Lachs sehr gern mag, wählte ich, wie alle anderen Kollegen auch, Steak. Der Koch, ein höchst freundlicher Bursche, der auf skeptische Kundenblicke gern mal mit lieblos angerichtetem Sellerieeintopf oder angedeuteten Ohrfeigen reagiert, drohte sogleich damit, den Pangasius herbeizuschaffen - den Trendfisch, wie ich ihn nannte, oder auch die Schluckimpfung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Denn ein kurzer Plausch zum Thema führte zum Ergebnis, dass man statt des Pangasius - artgerechte Haltung sei dank - eigentlich auch gleich eine Packung unbedingt verschreibungspflichtiger Tabletten vertilgen könnte. Dasselbe bei den allseits beliebten Gambas: Ob man nun tatsächlich gepelltes Krebsgetier futtert oder aber sich hundert Gramm Penicillin reinpfeift, macht allerhöchstens in geschmacklich feinsten Nuancen einen Unterschied und sonst eben gar nicht. Kein Wunder eigentlich, dass die Menschen immer älter werden, wenn Magen und Darm eine tüchtig werkelnde Reiseapotheke ergeben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber weg von Weltgesundheitsbelangen und zurück zum Fisch. Kennt eigentlich noch jemand diese Nordsee-Restaurants? Ja genau, die, die man meistens übersieht, weil zehn Meter weiter entweder ein McDonald's oder ein Burger King seine frittierten Düfte in die Einkaufsmeilenbiosphäre hinausjagt. Wie dem auch sei, bei Nordsee, also da gibt's diesen Bremer. Ich weiß weder, was das Ding heutzutage kostet noch weiß ich, in welchen Gewässern dieser Bremer zu Hause ist, aber immerhin erinnere ich mich mit nicht abflauender Faszination an die absolute Geschmacksfreiheit des kompakten Fischsnacks. Dass selbst das ober- und unterhalb der Mogelfischpackung klebende Brötchen keinerlei Geschmacksknospen zu reizen weiß, lässt gar ein Geschmacksvakuum vermuten, welches der Umgebung dieser panierten Absurdität jeglichen Verzehrreiz zu entziehen scheint. Da aber Nordsee vermutlich mehr Anwälte für die Gourmetrezensentenjagd bereithält, als ich mir jemals leisten können werde, will ich es dabei belassen und gebe offiziell zu Protokoll, dass man alles andere bei Nordsee durchaus vertilgen kann.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Verweilen wir noch ein wenig beim Fischbrötchen. Mit Geschmack gibt's selbige auch an diversen Bahnhofsbäckerimbisscafés. Die Anzahl dieser hängt vermutlich direkt proportional mit dem Verspätungsgrad der Deutschen Bahn zusammen. Jeder weiß schließlich: Die verflixte Warterei macht verdammt hungrig und all die Signalstörungen, postmortale Menscheneintöpfe auf brückennahen Schienen und in umgekehrter Reihenfolge verkehrende Bahnhöfe sind mit leerem Magen noch deutlich weniger zu ertragen! Und wenn der Snickers, der seit anno dazumal im Automaten auf Adoption wartete, nicht langt oder der Automat tatsächlich keine Snickers mehr parat hat, dann stellt das bahnreisende Individuum sich auch gern mal für ein Fischbrötchen bei einem der genannten Cafés an. Hab ich kürzlich getan und nicht schlecht gestaunt, dass die doch tatsächlich dreifuffzig für ein wenig Weißbrot mit gewürfelten Fischresten haben wollten. Die nette Tante an der Kasse hat dann auch noch mal sicherheitshalber das verkleisterte Preisschild von der Auslagenscheibe gepopelt, um selbst kontrollierend die diabolische Summe zu prüfen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber ob teuer oder Dutzendware, ob geschmacksentfremdet oder intensiv dünstend, die »frutti di mare«  aus Poseidons Lenden sind eiweißreich wie Mannes Liebessaft. Zumindest will es der Volksmund so. Und mag schon der frühere Eisengarant Spinat längst als Blender mit Blubb enttarnt sein, so will ich wenigstens dem weißbärtigen Käpt'n Iglo glauben, dass sein Klotzfischgold neben allerlei antibiotischen Ingredienzien auch ein bisschen was für bewusste Lebensführung mitbringt und zudem beim Muckiaufbau hilft. Weil gerade Letzteres ja auch den männlichen Wohlfühlfaktor und die weibliche Libido gleichermaßen steigert, hab ich auch nichts gegen Fisch und sollte selbiger beim nächsten Kantinengang im Angebot sein, nehme ich selbstverständlich Steak.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-1647355486762040476?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/1647355486762040476/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=1647355486762040476&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/1647355486762040476'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/1647355486762040476'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/10/fisch.html' title='Fisch'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-6918196493094945250</id><published>2011-10-10T20:36:00.002+02:00</published><updated>2011-10-10T20:37:00.018+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Unheimliches'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Düsteres'/><title type='text'>Der Wald</title><content type='html'>Haben Sie etwas Zeit mitgebracht? Dann setzen Sie sich doch bitte, setzen Sie sich! Ich möchte nur eben die Gelegenheit nutzen, diese eine Geschichte zu erzählen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Es war einer der schöneren Herbsttage, vielleicht sogar der schönste jenes Herbstes, den ich niemals aus meinem Gedächtnis streichen können werde. Was war, gerät in Vergessenheit, nicht wahr? Es wird unklar, als lege sich ein zunehmend grauer Schleier über all die Straßen unseres Lebens, die wir gegangen sind. Die Details lösen sich auf, was bleibt, sind nur Silhouetten, die irgendwer irgendwann Erinnerung genannt hat. Doch dieser eine Tag, an dem der alte Herr Zeissner verschwand, existiert außerhalb jeglicher Erinnerung. Ein Erlebnis, das nicht verblassen mag. Ich durchlebe diesen einen Tag wieder und wieder in meinen Gedanken, in Träumen, aus denen ich schaudernd erwache. Manchmal glaube ich, ich habe diesen Tag niemals ganz verlassen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Mit Herrn Zeissner ging es bis zu jenem Tag im Oktober kontinuierlich abwärts. Man konnte fast dabei zusehen, wie er Dinge vergaß: War er an einem Tag noch in der Lage, die Fernsehsender selbst zu wechseln, so wusste er schon kurze Zeit später nicht mehr, was er mit der Fernbedienung überhaupt anfangen sollte. Auch mit dem Essen wurde es zunehmend schlechter: Einfache Suppen schlürfte er noch ohne größere Probleme selbst, während das Schneiden von Fleisch oder Fisch ihm immer schwerer fiel. Seit einigen Monaten zerkleinerte ich während meiner Schicht sein Essen und fütterte ihn. An manchen Tagen redete er dabei über das Wetter, wobei er immer denselben Satz sagte: »Donner und Blitz, es war doch gar kein Regen angekündigt, aber ich glaube, das gibt heute noch einen Weltuntergang.« Er sagte das sogar, wenn draußen die Sonne schien. Ich widersprach ihm nicht. Auch dann nicht, wenn er begann, mir wieder und wieder wirre Geschichten zu erzählen, deren Wortlaut ihm scheinbar ins Gedächtnis gestanzt war, während er sich nicht daran erinnern konnte, dass er sie schon dutzende Male erzählt hatte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Auch an jenem Oktobertag schien die Sonne. Der Himmel war gesättigt von unendlichem Blau und völlig wolkenfrei. Ein lauwarmer Herbstwind trieb das kunterbunte Laub wie kleine Viehherden durch die Straßen und Gärten. Als ich Herrn Zeissners Zimmer betrat, saß der alte Mann auf seinem Bett und schaute mich mit einem zufriedenen Lächeln an. Es war einer seiner besseren Tage, das erkannte ich daran, dass er seinen weißen Haarschopf gekämmt und sauber gescheitelt hatte. Mit seinem kantigen Gesicht und den dunkelbraunen Augen, die auch an den schlechten Tagen noch immer Klugheit ausstrahlten, wirkte er adrett wie ein gealterter Politiker.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Dies ist mein Tag, Jungchen. Heute gehen wir spazieren«, sagte er einfach, statt mich zu begrüßen. Ich bedachte ihn mit einem gut gemeinten Lächeln, als sein Gesicht einen beleidigten Ausdruck annahm. »Nein nein, spar dir die Nummer heute. Schau mich nicht an wie einen Tattergreis. Ich weiß selbst, wie es um mich steht, aber heute kannst du mich doch wohl mit ein wenig mehr Würde behandeln.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Mir musste wohl die Kinnlade heruntergeklappt sein, denn plötzlich lachte Herr Zeissner laut auf. Ja, es war definitiv einer seiner besseren Tage. »Darf ich bitten?«, sagte er höflich und zeigte mit dem Finger auf seinen Rollstuhl, der zusammengeklappt in der Zimmerecke stand.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Na, wo soll es denn heute für uns hingehen, Herr Zeissner?«, fragte ich und bemerkte zu spät, dass ich immer noch in dem Tonfall zu ihm sprach, den sonst nur kleine Kinder zu hören bekamen. Der alte Mann teilte mir seine Meinung dazu durch sein Schweigen mit. »Tschuldigung«, murmelte ich.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Schon gut, Jungchen«, sagte Herr Zeissner und lächelte warmherzig. »Ein Spaziergang in den Wald wäre mir heute genau recht. Hast du schon mal rausgeschaut? Donner und Blitz, es war doch ...«, begann er und brach ab. Er schüttelte den Kopf und ich konnte deutlich erkennen, dass seine Augen wässrig wurden. »Die Sonne scheint, Jungchen. Ich will in den Wald. Ich muss!«, sagte er dann und sein energischer Tonfall erschreckte mich ein wenig.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Herr Zeissner, ich weiß nicht, ob wir so weit ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Papperlapapp! Komm mir nicht mit euren Vorschriften hier. Ich weiß, dass ihr mich für einen Pflegefall haltet, doch mein Verstand ist messerscharf und das kann morgen schon wieder ganz anders aussehen. Erfüll einem alten Mann seinen Wunsch! Es ist vielleicht meine letzte Chance.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ihre letzte Chance?«, hakte ich nach.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Hmm ...«, begann er und schloss dann hastig an: »Auf einen Waldspaziergang eben. Los, komm schon! Du wirst schon keine Weltreise unternehmen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Aber Sie unternehmen eine?«, fragte ich im Scherz, bekam jedoch keine Antwort.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Nun gut, tatsächlich hätte ich die Heimleitung fragen müssen, da die Bewohner aus Sicherheitsgründen nicht einfach das Gelände verlassen sollten. Aus der Müßigkeit, mich nicht herumstreiten zu wollen und auf die Gewissheit hin, dass unser Leiter ohnehin nein gesagt hätte, beschloss ich, dass Herr Zeissner wenigstens heute zurechnungsfähig genug für einen kurzen Ausflug in den Wald sein würde. Diesem warmherzig lächelnden Mann seine Bitte zu verweigern, hätte&amp;nbsp; nicht nur ihm, sondern auch mir selbst das Herz gebrochen. So hob ich ihn also in seinen Rollstuhl, schob ihn über den langen Flur und verließ das Gebäude zusammen mit ihm durch den Seitenausgang, für den ich als Dienst habende Pflegekraft einen Schlüssel besaß und der zumindest meines Wissens nach nicht überwacht wurde.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Nicht übel, Jungchen«, sagte Herr Zeissner anerkennend, als ich seinen Rollstuhl durch das große Tor nach draußen geschoben hatte, ohne dass uns irgendwer bemerkt hatte. »So sieht also diese geheimnisvolle Außenwelt aus, die ihr hier vor uns schützen wollt.« Ich sagte nichts dazu.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Wo soll’s denn hingehen?«, fragte ich stattdessen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Immer meinem Zeigefinger nach. Die Straße runter, dann links über die Bahnschranken und dann wieder rechts das holprige Kopfsteinpflaster entlang, bis schließlich der Waldweg anfängt. Los los, ich sage dir schon, wohin du zu gehen hast!« Ich war zu baff, um darauf zu antworten. Mit dieser genauen Wegbeschreibung von einem Mann, der sich an manchen Tagen nicht daran erinnerte, dass es in seinem eigenen Zimmer eine Tür zum Bad gab, hatte ich nicht gerechnet. Fast fürchtete ich mich ein wenig vor dem Verstand des Alten, der heute so klar war, wie ich ihn bisher nicht erlebt hatte. Als hätte sich der Nebelschleier auf seinem Verstand heute gemeinsam mit den Wolken am Himmel verzogen. Seine Stimme klang für mich fast, als heckte er etwas aus, was ich natürlich als Einbildung abtat.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Schneller, Junge«, rief er immer wieder, während ich ihn durch den Ort schob. »Du keuchst ja wie eine Lok mit kaputtem Kessel. Hätte ich in deinem Alter so wenig Ausdauer gehabt, dann hätten die Russen mich dreimal gekriegt und ins Lager gesteckt. Die jungen Leute haben keinen Biss mehr, seit überall Frieden herrscht.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Ich war solche und ähnliche Sätze von dem alten Zeissner schon gewohnt, doch normalerweise wiederholte er sich dauernd, während ihm heute die nicht ernst gemeinten Schimpftiraden nicht auszugehen schienen. Ich ließ mich davon nicht einschüchtern und spielte einfach mit. »Ach was, das liegt an Ihrem Gewicht. Sie mussten im Krieg eben niemanden vor sich herschieben.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Stimmt, Junge, stimmt. Nur tonnenweise Schnee, der sich mannshoch vor uns auftürmte, als wollte er uns nicht wieder nach Hause lassen. Von all dem haben du und deine Zuckerwattewelt aber keine Ahnung, also werd nicht frech.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Von wegen Schnee. Bei Ihrem Bauch ist das kein Wunder, dass ich schnaufe«, schoss ich zurück. »Ich kann auch einfach Ihre Mittagsportionen halbieren, dann geht das schon bald viel leichter.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Pah! Sitzt am längeren Hebel, was, Junge? Los, leg mal einen Gang zu!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Sie haben’s ja ganz schön eilig. Wartet jemand im Wald auf Sie, oder was?«, witzelte ich erneut, doch diesmal blieb Zeissner ernst. »Hmmm«, murmelte er nur.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Hätte ich gewusst, wie holprig der Waldweg tatsächlich war, ich hätte Herrn Zeissners Wunsch wohl doch verweigert und ihn einfach einige Runden ums Haus geschoben. Vermutlich hätte er dann gezetert, Gift und Galle gespuckt, doch wäre alles anders gekommen. Ja, so vieles wäre mir erspart geblieben. Der Rollstuhl schien sich endgültig in einen Panzerwagen verwandelt zu haben, als ich ihn über den schmalen Pfad mitten durch das stille Eichenwäldchen schob, kontinuierlich aufwärts, so dass wir schon bald einen wunderbaren Blick über das Städtchen haben würden, bevor ich mir Gedanken machen musste, wie ich den alten Knacker wieder nach unten bekommen sollte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Halt mal an, Jungchen!«, sagte Zeissner schließlich, als wir oben angekommen waren. ich hätte uns ohnehin eine hübsche Lichtung für eine kurze Rast gesucht, doch jetzt stand er von selbst aus seinem Rollstuhl auf und trottete in Richtung einiger Büsche.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Herr Zeissner, warten Sie auf ...«, begann ich zu protestieren, doch als ich sah, wie sicher er durchs hohe Gras schritt, verschlug es mir die Sprache. Ich wusste, dass er noch aufstehen konnte, doch in seinem Stadium der Krankheit war die Muskulatur so weit zurückgebildet, dass normales Gehen einfach nicht möglich war. Nicht möglich sein sollte!&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Komm schon, Junge! Schau dir das an!«, rief er noch, dann verschwand er auch schon in den dichten Büschen, noch bevor ich Einwände erheben konnte. Ich sah mich hilflos um, doch es war weit und breit niemand zu sehen. Was soll’s, dachte ich, und lief ihm nach. Ich wühlte mich durch die Büsche und Panik klopfte bereits an mein Oberstübchen, weil ich den alten Kerl aus den Augen verloren hatte, als ich auch schon auf der anderen Seite des Wildwuchses ankam und Herrn Zeissner direkt vor mir entdeckte. Er stand an eine alte Holzbank gelehnt, von der ich mir nicht erklären konnte, was sie hier abseits des Weges zu suchen hatte, und starrte in die Baumkrone einer großen, dickstämmigen Eiche.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Schön, was?«, sagte er und strahlte mich zufrieden an. Ich blickte mich um und staunte. Waren wir wirklich nur wenige Meter vom Weg entfernt? Große Laubbäume, soweit ich blicken konnte, erstreckten sich unendlich tief in den Wald hinein. Der Boden war bedeckt von buntem Laub, das eher auf ihm zu schweben schien, und wohin man blickte, sah es aus, als regnete es gelbe und rote Blätter. In der Ferne trällerten Vögel ihre Lieder, als sei der Frühling unerwartet zurückgekehrt. Und ich bildete mir ein, dass der Wald noch eben stumm gewesen war, oder hatte ich einfach nur nicht genau hingehört?&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Das ... das ist ja wunderschön!«, brachte ich nur hervor.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Nicht wahr?«, stimmte Herr Zeissner nickend zu. »Komm, setz dich kurz zu mir«, sagte er und nahm auf der alten Bank Platz. Unsicher ging ich zu ihm und setzte mich. Jetzt, da ich direkt neben ihm saß, hatte ich das Gefühl, dass sich etwas an ihm verändert hatte. Es war nicht der verschwundene Nebel in seinen dunklen Augen, auch nicht der plötzlich so glückliche Gesichtsausdruck, der sein sonst so leblos wirkendes Antlitz neu belebt hatte, es war etwas anderes, etwas, das ihn irgendwie deutlich jünger wirken ließ, ohne dass ich sagen konnte, was es war.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Das alles hier«, begann er schließlich, »ist mein Platz, weißt du? Unser Platz. Unser beider Heiligtum. Der Beginn und das Ende. Das ist unser Wald.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Unser?«, fragte ich nach.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Oh ja«, sagte Zeissner und lachte leise. Er sah mich an und ich erschrak, als ich plötzlich erkannte, was ihn jünger wirken ließ: Die Falten an seinen Augen, an den Mundwinkeln, an der Stirn, sie alle waren noch da, doch schien sein ganzes Gesicht deutlich weniger zerfurcht zu sein. Als hätte es sich seit dem Anblick der Bäume geglättet. So wie der alte Mann mich jetzt ansah, schien er meine Gedanken lesen zu können, doch er ging nicht darauf ein. &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ich bin doch verheiratet«, sagte er stattdessen. »Nun, ich war es.« Als ich nichts sagte, fuhr er fort: »Wusstest du nicht, was, Jungchen? Nun, meine Frau ist ... sie ist vor, ach herrje, ich weiß es nicht mehr, sie ist schon so lange, lange tot. Und das hier, das alles, das war unser Ort. Schau mal nach oben!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte in die Krone der Eiche über uns. Nun erkannte ich, wonach Herr Zeissner zuvor schon Ausschau gehalten haben musste: eine alte Aussichtsplattform.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Früher gab es hier natürlich eine Leiter«, sagte er. »Hier habe ich meine Rosi wiedergetroffen. Weißt du, wie schlimm es ist, sich nicht mehr daran erinnern zu können und zu wissen, dass es all das hier einmal gegeben haben muss? Zu wissen, dass all das war, es jedoch nicht mehr greifbar vor Augen zu haben? Ich könnte weinen, Tag für Tag. Wegen vieler Dinge. Doch am meisten deswegen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Ich wusste nicht, was ich darauf entgegnen sollte. Alles, was ich sagen konnte, würde dem nicht gerecht werden, was der alte Mann, der laut Diagnose unter der Alzheimerkrankheit litt, durchmachen musste. »Was hat es mit der Aussichtsplattform auf sich?«, fragte ich daher stattdessen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Herr Zeissner seufzte. Er starrte hinauf zur der Plattform, dann begann er zu erzählen. »Als ich in den Krieg musste, in die Sowjetunion ... ich weiß, ich scherze deswegen gern, doch das ist leicht im Nachhinein. Der Humor verdaut den Schrecken. Damals gab es nichts zu scherzen, denn ich war da. Ich war wirklich da und habe vieles gesehen, das ich nur allzu gern für immer vergessen möchte. Wenigstens in diesem Fall kann eine Krankheit wie meine durchaus eine dankbare Sache sein, Junge.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Ich verabschiedete mich dort oben von meiner Rosi, hielt ihre Hände in meinen, eine ganze Nacht lang, bis die Sonne aufging und ich gehen musste. Und ich sagte, sollte ich wiederkommen, würde ich ihr genau hier eine Nachricht hinterlassen, so dass sie zu mir zurückkehren konnte, falls sie tatsächlich auf mich warten sollte. Und dann würden wir heiraten. Natürlich war das eher eine symbolische Geste, denn ich rechnete nicht mit meiner Rückkehr. Wir beide taten das nicht. Zumindest dachte ich das, denn ... sie kam wirklich her. Jeden Monat sah sie nach und wartete auf ein Zeichen von mir. Sie schluckte die Enttäuschungen wieder und wieder und freute sich, wenn auch bitter, auf das nächste Mal, dass sie nachsehen konnte, ob ich endlich zurückgekehrt war.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Als wir Überlebenden nach dem Krieg tatsächlich wieder nach Hause zurückkehrten, wussten viele von uns nicht, wohin sie gehen sollten. Das Land war zerbombt, ein Zuhause hatten viele nicht mehr. Doch ich wusste, wohin ich gehen musste! Also kam ich hierher, kletterte auf die Plattform und hinterließ dort meine Nachricht an Rosi, dass ich zurückgekehrt sei und dass ich jeden Abend um acht Uhr herkommen und auf sie warten würde. Und Rosi ...« Eine Träne rollte über Herrn Zeissners Wange. Auf seinem Gesicht waren kaum mehr Falten zu erkennen und sein Haar schien wirklich dunkler geworden zu sein. Ich wollte etwas sagen, doch wagte ich nicht, das Wort zu ergreifen. Angst, Faszination und irgendetwas, das ich spüren und doch nicht erklären konnte, hielten mich davon ab. Der alte Mann ignorierte meinen vermutlich unsicheren Blick und sprach schließlich weiter.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Nie hätte ich gedacht, dass sie zurückkommen würde. Entweder würde sie geflohen sein oder einen neuen Mann gefunden haben, so viel war klar. Dennoch kam ich Abend für Abend genau hierher, wartete eine Stunde und ging wieder. Und dann, nach einigen Wochen, war sie vor mir hier. Sie stand an den Baum gelehnt und sie sah so bezaubernd in diesem langen weißen Kleid mit den roten Blumen aus, dass ich dachte, ein Engel wäre statt ihrer zu mir herabgestiegen. ‚Wilhelm’, sagte sie nur zu mir, dann begann sie zu weinen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Sie hatte also gewartet, und auch ich löste mein Versprechen ein: Wir heirateten. Dieser Wald hier mit unserer Aussichtsplattform, war der Platz unserer Jugend und unserer jungen Liebe. Könnten wir hinauf klettern, würde ich dir all unsere ins Holz geschnitzten Liebesschwüre zeigen. Dort oben küsste ich Rosi das erste Mal, weißt du? Abends stellten wir manchmal Kerzen auf und hätten uns damit mehrfach fast selbst abgebrannt. Hier hatte alles begonnen, alles geendet und nach meiner Rückkehr aus dem Krieg hatte schließlich wieder alles genau hier begonnen. Hier, in unserem Wald.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Und jetzt ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Zeissner sah mich an, mit Tränen in den Augen und einem festen Lächeln im Gesicht. Der alte Mann war kein alter Mann mehr. Sein Haar war schwarz geworden und er wirkte eher wie ein Vierzigjähriger. Es machte mir Angst, wie er mich ansah und so fuhr ich hastig auf.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was ist das ... das hier?«, stammelte ich nur und ich wich einige Schritte zurück.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Zeissner bemerkte, wie ich ihn ansah. Er schaute auf seine Hände, die nicht mehr die eines alten Mannes waren. »Jetzt beginnt alles erneut, Junge. Ich danke dir vielmals, doch du musst jetzt sofort gehen. Und zwar schnell, denn du bist viel zu lange hier geblieben. Lauf!« Der letzte Satz hatte einen Befehlston, der mich augenblicklich zusammenzucken ließ. Ich wich weiter zurück, als ich bemerkte, dass ein leichter Nebel in der Luft lag. Die Sonne war unbemerkt verschwunden, die Vögel verstummt.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Lauf, Junge, schnell! Dies ist nicht dein Wald«, rief Zeissner noch und nun lief ich wirklich. Ich rannte in den dichter werdenden Nebel hinein, suchte nach dem Gebüsch, durch das wir gekommen waren, doch ich konnte es nicht mehr finden. Nackte Panik umfing mich, als dicke Nebelschwaden über mich hereinbrachen. Ich stolperte über eine Baumwurzel und stürzte. Während ich mich aufrappelte, sah ich mich um und erkannte undeutlich die Umrisse der Bank, auf der ich Herrn Zeissner zurückgelassen hatte. Fast war ich mir sicher, eine weitere Person auf der Bank zu erkennen, als der Nebel auch dieses Bild gänzlich verschluckte und ich nichts mehr sah.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Ich rannte weiter, immer voran und hatte doch keine Ahnung, wohin. Unzählige Male hätte ich mit den großen Bäumen zusammenstoßen müssen, doch nirgends schien ein Baum zu sein. Nicht einmal das Laub spürte ich noch unter meinen Füßen. Ich versuchte zu rufen, vielleicht um Hilfe, vielleicht nur irgendetwas, doch die Stimme schien meinen Mund nicht verlassen zu wollen. &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Der Wald, von dem der alte Zeissner gesagt hatte, er gehöre ihm, war verschwunden. Es war, als liefe ich in eine völlig leere Welt hinein. Über ein unendlich großes Blatt Papier, das noch nicht beschrieben worden war.&lt;br /&gt;Wie lange ich lief, kann ich kaum mehr ermessen, doch gefühlt waren es viele, viele Jahre, die mich die Unendlichkeit erleben ließen. Ich konnte nichts sehen und doch sah ich das Weiß. Ich konnte nicht atmen und bekam doch Luft. Ich lief so schnell ich konnte und kam doch nicht vorwärts.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Und dann war alles so schnell vorbei, wie es gekommen war, und die Welt hatte mich wieder. Ich selbst fand mich auf dem Waldboden liegend wieder, bedeckt von Laub, dessen Geruch mir schwer in der Nase lag. Mühsam kämpfte ich mich hoch und sah mich um. Der Wald um mich herum war so vertraut, dass ich sofort wieder wusste, wo ich war. Ich erkannte den Weg, der mich hinausführen würde aus der Ewigkeit, die ich durchschritten hatte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Als ich den Pfad zurückging, hatte ich starke Schmerzen in den Gelenken. Ich atmete schwer, musste mich mehrfach setzen, wenn ich an eine Sitzgelegenheit kam, ich fühlte mich unendlich schwach. Ich weiß nicht, wo ich dann hinging, zu benommen war ich. Mein Bewusstsein kehrte erst zurück, als ich die Gelegenheit hatte, in einen Spiegel zu schauen. Und dann erkannte ich den Grund für die Schmerzen, für die Schwäche: Ich war zu einem alten Mann geworden. Der junge Zeissner war im Nebel des Waldes, der nur ihm gehörte, verschwunden und hatte mich als alten Greis zurückgelassen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Oft habe ich versucht, Hilfe zu finden, habe den Leuten diese Geschichte erzählt und wenn dieser junge Mann, dessen Name mir partout nicht einfallen will, das Zimmer betritt, in dem ich nun lebe, dann nickt er stets und lächelt, hört mir aber doch nicht zu. Und niemand fragt je nach Herrn Zeissner, nicht einmal, wenn ich von ihm erzähle.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Und dann ... dann kommen diese Tage, an denen ich aufwache und feststelle, dass ich doch nicht gealtert bin, dass alles nur ein wirrer Traum war. Ich bin wieder jung, atme durch, beruhige mich. Ich gehe zur Arbeit und begleite Herrn Zeissner in den Wald, denn einem alten kranken Mann kann ich wohl kaum einen Wunsch abschlagen. Es ist wunderschön dort und Herr Zeissner erzählt mir eine traurig schöne Liebesgeschichte über diesen Wald, an die ich mich gerade aber nicht mehr erinnern kann, bis ... dieser Nebel alles verschluckt.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Immer öfter durchlebe ich diesen Tag. Ich erzähle immer wieder davon, doch es hört ja niemand wirklich zu ...&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Oh, hallo Herr Doktor. Haben Sie ... haben Sie vielleicht ein wenig Zeit mitgebracht? Ich möchte gern nur diese eine Geschichte erzählen, die mir niemand sonst glauben mag und die mir auf dem Herzen liegt. Setzen Sie sich, guter Mann, setzen Sie sich!&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Es war einer der schöneren Herbsttage, vielleicht sogar der schönste jenes Herbstes, den ich niemals aus meinem Gedächtnis streichen können werde ...&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-6918196493094945250?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/6918196493094945250/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=6918196493094945250&amp;isPopup=true' title='2 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/6918196493094945250'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/6918196493094945250'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/10/der-wald.html' title='Der Wald'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>2</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-4417976714607825091</id><published>2011-09-17T21:44:00.003+02:00</published><updated>2011-09-17T21:44:36.275+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Erzählungen'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Haarige Angelegenheiten</title><content type='html'>Beim Barte des Propheten: Mit Rasierklingen ist es wie mit Druckerpatronen: Je moderner die Dinger werden, desto weniger sind sie zu gebrauchen. Ich erinnere mich noch dran, dass ich als Dreikäsehoch heimlich den Uraltrasierer meines Vaters vom Badezimmerschrank klaubte und so tun wollte, als sei ich jetzt ein Mann, der sich jetzt unbedingt rasieren müsse. Das ging genau so lange gut, bis ich den Rasierer auf meinem Babypopogesicht ansetzte und die mörderisch scharfe Rasierklinge über die Wange zog. Vermutlich quer ... Was folgte, war ein Schrei meinerseits, dann das Gezetere meiner herbeigestürmten Mutter, schließlich nur noch leises Gewimmere des Sohnemanns, der soeben seine erste Erfahrung mit dem Mannsein gemacht hatte und nun ein dickes, buntes Pflaster auf seiner gespaltenen Wange zur Schau trug. Statt einen Bart zu entfernen, hatte ich mir einen Blutbart zugelegt und wurde zudem dazu verdonnert, künftig einen Sicherheitsabstand von fünfzig Metern zur Tatwaffe einzuhalten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Jahre gingen, die Barthaare kamen. Als das definitiv kein schöner Anblick mehr war, vererbte mein Vater mir feierlich seinen ihm vom eigenen Onkel vermachten Elektrorasierer der Marke &lt;i&gt;Braun&lt;/i&gt;. Das Ding war so alt, dass sich vermutlich bereits Methusalem persönlich damit zeitlebens das Gesichtshaar gestutzt hatte, aber es funktionierte, ohne dass ich je Angst haben musste, das traumatische Erlebnis meiner Kindheit könnte sich wiederholen und das hübsch geflieste Bad in ein hübsch gefliestes Schlachthaus verwandeln. So schön das Gerät aber auch vor sich hin surrte, irgendwie fühlte sich mein Gesicht anschließend doch eher wie fleischgewordenes Schleifpapier an, so dass der Elektrobrummer auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein konnte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Irgendwann bekam ich einen &lt;i&gt;Mach3&lt;/i&gt; von &lt;i&gt;Gilette&lt;/i&gt; in die Hand. Das Ding gab's seinerzeit mit einer Handvoll Gratisklingen auf irgendeiner Internetseite. Nachdem ich die augenscheinlich wieder gefährliche Klinge, auch noch aus drei Einzelklingen bestehend, lange genug mit Argwohn beobachtet hatte, wagte ich es dann doch, das Teil auszuprobieren. Kaum hatte mein Vater mir erklärt, dass man nicht drei Kilo Rasierschaum braucht, funktionierte das auch ganz gut und ohne größere Schnittwunden. Die kleineren welchen tut Mann von Welt bekanntermaßen ja ohnehin als »harten Bartwuchs« ab.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mit dem &lt;i&gt;Mach3&lt;/i&gt; war und bin ich seit jeher recht glücklich. Eine Packung Klingen entspricht zwar dem Gegenwert eines Mittelklassewagens deutschen Fabrikats, aber ein gepflegtes Gesicht beim Manne ist schließlich das Äquivalent zum sauberen Schuhwerk der Frau. Oder so. Never change a running system, jedenfalls!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Hause &lt;i&gt;Gilette&lt;/i&gt; scheint man diese Weisheit nicht zu kennen. Denn dort schickt man sich an, das Rasierersortiment ständig zu verbessern. Mit zweifelhaftem Erfolg: Weil den Knallchargen in der Produktentwicklung nämlich scheinbar nichts Besseres einfällt, wird alle Jubeljahre einfach eine weitere Klinge ans Rasierutensil geklebt. Toll. Inzwischen sind's fünf an der Zahl vorn, sowie eine weitere auf der Rückseite. Letztere angeblich für den Feinschliff. Die seltsame Konstruktion erkläre ich mir damit, dass sechs Klingen auf der Vorderseite das für einen handelsüblichen Männerbart ohnehin schon viel zu dick geratene Gerät auf das Format eines Waschbretts aufgebläht hätten. Kein Mann von Verstand vertraut so einem Monstrum sein kostbares Gesicht an! Die fünf Klingen auf der Vorderseite passen ja schon auf keine menschliche Oberlippe. Das hat man nun von den Tierversuchen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Überhaupt hilft viel nicht unbedingt viel, was die Anzahl der Einzelklingen an einer der High-Tech-Rasierklingen angeht. Hat irgendwer mal versucht, mit einem dieser Fünfklinger, auch &lt;i&gt;Fusion&lt;/i&gt; genannt, eine adäquate Rasur hinzubekommen? Das geht einmal gut, vielleicht auch ein zweites und drittes Mal. Doch spätestens dann wird die Rasur zur Tortur: ein Gefühl, als wären aus den Klingen plötzlich muskelbepackte Arme geworden, die einem das Barthaar mit bloßen Händen ausreißen. Da wird jede Gesichtspflege zur Grimassenschau, die sogar eine Renate Künast in Ehrfurcht erstarren ließe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein Mann, der sein Gesicht regelmäßig von zotteligem Unrat befreit, hat so innerhalb kürzester Zeit einen Sack voll stumpfer Klingen zusammen, die er sich allenfalls schmückend in den geschundenen Bart hängen kann. Das mag von Nutzen sein, wenn man dem Christbaum Konkurrenz machen will, ist ansonsten aber eine absolut überteuerte Mogelpackung. Da hilft es auch nichts, dass der Fünfklinger inzwischen auch noch Batterien benötigt und beim Rasieren beruhigend vor sich hin brummt, als wollte er sich als Elektrorasierer tarnen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gestandene Seeräuber hätte so viel Weicheitum vermutlich ohnehin zum Säbelrasseln getrieben. Früher tat es schließlich ein scharfes Messer, wenn es darum ging, den Gesichtsrauputz auf Vordermann zu bringen. Das hatte nur eine Klinge, mit der man sich zudem nicht nur rasieren, sondern alternativ auch jemandem fachgerecht die Kehle durchschneiden konnte. Auch mit dem Steinzeitrasierer meines Vaters wäre das noch locker möglich gewesen. Zumindest hat's für meine zarte Wange gelangt. Ein Feature, auf das ich gern verzichten kann, so dass mir mein geliebter &lt;i&gt;Mach3&lt;/i&gt; wohl erhalten bleiben wird. Wozu aber das unnütze Ding von einem brummenden Elefantenrasierer mit seinen insgesamt sechs Klingen gut sein soll, wird mir auch kein Prophet sagen können. Die rasieren sich ja ohnehin nie.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-4417976714607825091?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/4417976714607825091/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=4417976714607825091&amp;isPopup=true' title='2 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/4417976714607825091'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/4417976714607825091'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/09/haarige-angelegenheiten.html' title='Haarige Angelegenheiten'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>2</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-570081298234513764</id><published>2011-09-14T22:19:00.002+02:00</published><updated>2011-09-14T22:20:28.375+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Herzschmerz'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gedichte'/><title type='text'>Die Wartende</title><content type='html'>&lt;div style="text-align: left;"&gt;Das Bett noch von der Nacht zerwühlt.&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;Die Treue brach, zu stark der Trieb.&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;Zwar viel gespürt, doch nichts gefühlt.&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;Der Fremde fort, die Sehnsucht blieb.&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;Sie geht hinaus ins Morgenlicht.&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;Der kühle Wind erfrischt den Geist.&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;Ein Augenblick nur, mehr bleibt nicht.&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;Dann kommt zurück, was sie zerreißt.&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;&lt;i&gt;Schon lebt sie in Bildern aus glücklichen Tagen.&lt;br /&gt;Wie lang er schon fort ist? Sie kann es nicht sagen.&lt;br /&gt;Er käme bald wieder, kein Grund sich zu sorgen,&lt;br /&gt;Doch Tränen verschleiern die Hoffnung aufs »Morgen«.&lt;br /&gt;Die kussarmen Lippen, von Sehnsucht zerbissen,&lt;br /&gt;Kalender am Boden, verbrannt und zerrissen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein Blick aufs Vergissmeinnicht stimmt sie verbittert,&lt;br /&gt;Er ließ es zurück, nun ist längst es verwittert.&lt;br /&gt;Der Himmel ergraut, ein Symbol für die Ferne&lt;br /&gt;Und dunkelt es, schweigen so lang schon die Sterne.&lt;br /&gt;Mit Briefen will er sie in Zuversicht wissen, &lt;br /&gt;Stattdessen vergeht sie, weint stumm in die Kissen.&lt;/i&gt;&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;So steh’n die Tage und sie hält&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;An Liebe fest, gebaut auf Sand.&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;Am and’ren Ende dieser Welt&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;Lebt er und kämpft für Sieg und Land.&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-570081298234513764?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/570081298234513764/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=570081298234513764&amp;isPopup=true' title='2 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/570081298234513764'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/570081298234513764'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/09/die-wartende.html' title='Die Wartende'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>2</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-7414663482502615981</id><published>2011-08-12T16:39:00.001+02:00</published><updated>2011-08-16T12:32:30.389+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gedanken'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Romantik'/><title type='text'>Wenn ich mir was wünschen dürfte</title><content type='html'>&lt;i&gt;(Der Ausgangspunkt folgender Geschichte ist die Darstellung des Gemäldes »Nachtschwärmer« von Edward Hopper. Der Autor hat sich dabei die Freiheit herausgenommen, das vom Maler gewählte Thema sträflich zu vernachlässigen und stattdessen sein eigenes zu kreieren.&lt;/i&gt;)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der dünne Schleier aus Rauch und Asche, der wie eine Unwetter verheißende Wolkendecke über den Nachthimmel zog, tauchte den Mond in diffus rotes Licht. Rot wie das Blut ganzer Generationen, die heute Nacht ihr plötzliches Ende finden würden. Ein Ende, das mit einem Knall kommen würde, wie es hieß, mit durchdrehenden Menschen, die sich panisch augenrollend ihr eigenes Gedärm aus dem Leib reißen würden, mit brennenden Straßenzügen, Schreien und jaulenden Sirenen, soweit die angstgeschwängerte Luft den Schall tragen würde. Stattdessen war alles ruhig. Ausgestorbene Straßen wie tote Adern in einer sterbenden Welt. Im Phillies an der Ecke Zehnte Straße, Moonlight Boulevard brannte das kalte Licht einer versiegenden Moderne.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Joanne Parker saß stumm an der Bar. Sie trug ihr rotes Kleid. Eigentlich hätte sie gern mit ihrem Mann Peter einen Ausflug unternommen, einen letzten nächtlichen Streifzug dem Ende entgegen. Joanne hatte den Gedanken gemocht, ihn romantisch gefunden, doch Peter hatte das Haus nicht verlassen wollen. Lieber hatte er Vorbereitungen getroffen. Vorbereitungen! Wie lächerlich, dachte Joanne und nahm einen tiefen Zug ihrer Zigarette. Ihrer vorletzten, sagte sie sich. Eine würde sie noch rauchen, dann sollte Schluss sein.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Näher an ihr, als er es sich selbst offen eingestanden hätte, saß Guy Tanon auf seinem Hocker. Die Zigarette, die zwischen seinen Fingern klemmte, war bereits zu einem Stummel heruntergebrannt, der Kaffee - schwarz -, längst kalt. Guy hatte seinen Hut aufgesetzt und flugs das Haus verlassen, als er Joanne vorbeischlendern sehen hatte. Er war ihr schlicht nachgelaufen wie ein höriger Hund seiner Herrin. Doch so auffällig war das nicht, verbrachte Guy doch seine Abende häufiger im Phillies als Joanne. Genau genommen hatte er sie nie zuvor hier gesehen. Ihr Mann Peter, den Guy im Gegensatz zu Joanne nur flüchtig kannte, war nicht die Art Kerl, die sich die Abende außer Haus um die Ohren schlug. Joanne hatte das irgendwann einmal erzählt.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Etwas abseits saß ein Mann still und regungslos wie ein steinerner Götze, den Guy nicht kannte. Zuerst hatte er gedacht, der Kerl würde Joanne und ihn beobachten, unauffällig den Hut lupfen, dessen Krempe er sich tief ins Gesicht gezogen hatte, doch dem war nicht so. Tatsächlich starrte der Fremde nur. Er trank nichts, keinen Kaffee, kein Wasser. Starrte einfach vor sich.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Guy hätte diesen Typ seltsam gefunden - in anderen Nächten, nicht in dieser. Heute waren sie alle gleich, sie alle waren Nachtschwärmer. Niemand würde in dieser Nacht schlafen, niemand würde es sich nehmen lassen, ein allerletztes Mal seinen Gedanken nachzuhängen, sie bis zum Ende zu denken und zu bringen, was zum Ende gedacht und gebracht werden konnte. Und musste.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Nur Barney machte seinen Job und schenkte Getränke aus. »Heute, nur heute geht alles aufs Haus«, hatte Barney feierlich gesagt und breit gegrinst. Guy beneidete ihn um seine Standfestigkeit. Ein Mann, der nicht zögerte, nicht wankte oder nachgab, selbst im Angesicht des Untergangs, war ein wahrer Mann. Wie viele von solchen es wohl noch geben mochte in einer Zeit, die sie an den Punkt gebracht hatte, an dem sie alle jetzt standen? Guy wusste keine Antwort und trank einen Schluck seines kalten Kaffees.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Barney, das Zeug hier ist kalt wie schwarzes Eis. Kannst du mir einen neuen machen?«, rief Guy über die Theke. Das plötzliche Erklingen einer Stimme inmitten der apokalyptischen Stille, die nur vom Summen der kühl leuchtenden Neonröhren durchzogen war, ließ Joanne vor Schreck hochfahren.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ich ... ich wollte Sie nicht erschrecken, Joanne«, sagte Guy und berührte für eine Sekunde ungewollt ihre Hand. Hatte sie tatsächlich so weiche Haut, oder hatte er sich das nur eingebildet?&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Joanne sah ihn an, schüttelte den Kopf, als würde sie versuchen, schwere Gedanken wie einen großen Haufen altes Laub von sich zu werfen, dann lächelte sie. »Oh, das ... das ist nicht Ihre Schuld. Ich habe ... nur nachgedacht.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Nachgedacht? Worüber denkt eine so wunderbare Frau wie Sie in der Nacht der Nächte nach? Und warum tut sie es allein? Wo ist Peter?«, fragte Guy. »Danke Barney«, sagte er dann, als dieser ihm eine neue Tasse mit frisch gebrühtem Kaffee reichte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Gern doch. Und stell der hübschen Lady nicht so viele Fragen, Guy. Mit den Antworten kannst du sowieso nicht mehr viel anfangen.« Barney zwinkerte ihm zu und begann dann, die Theke zu putzen. War das zu fassen? Er putzte die Theke.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Peter ist ... er ist zu Hause geblieben. Mein Mann verbarrikadiert sich lieber und schützt das Haus vor marodierenden Banden und durchgeknallten Nachbarn«, sagte Joanne. »Ich ... ich wäre lieber ausgegangen. Mit ihm, meine ich. Bis dass der Tod uns scheidet, heißt es doch. Verstehen sie? Ich habe es da nicht mehr ausgehalten. Was bringen denn Gewehre und Bretter vor den Fenstern jetzt noch?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Stattdessen sitzen Sie in einer Bar, rauchen und schauen dem guten Barney beim Putzen zu, was?«, murmelte Guy und lächelte frech.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Joanne funkelte ihn böse an. »Ihren Zynismus können Sie sich sparen. Was verstehen Sie denn davon?« Aufmüpfig warf sie den Kopf zurück, so dass ihr rot schimmerndes Haar in Wallung geriet. Feuer, war Guys erster Gedanke. Ihr Ärger war gespielt. Welch atemberaubende Frau!&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Wovon meinen Sie denn, verstehe ich nichts?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Davon wie es ist, jemanden zu lieben und geliebt zu werden. Sie leben doch allein, oder nicht? Ganz für sich, Tag für Tag. Glauben Sie, ich habe meinen Mann freiwillig zu Hause gelassen? Ich wollte weg, weg mit ihm. Ich wollte nicht in einer dunklen Höhle sterben.« Sie schnaubte übertrieben und wandte sich elegant ab.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Guy kicherte leise. »Wissen Sie, was ich glaube, Joanne? Wollen Sie wissen, was ich wirklich glaube?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was glauben Sie denn?«, frage Joanne, ohne ihn anzusehen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ich glaube, Sie wollten es noch einmal wissen. Sie behaupten, Sie wären gern mit Peter ausgegangen, ein letztes Mal. Wahrscheinlich glauben Sie selbst daran, aber Joanne, ich weiß es besser. Ihr Kleid, Ihr zurechtgemachtes Haar, verdammt noch mal, Sie sehen bezaubernd aus! Sie sind eine blühende Blume in einem verwitterten Feld! Der einzige Farbtupfer, den es in dieser verblassten Fotografie der Welt noch gibt.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Sie ... Sie Unhold, Sie! Sie halten mich für ein Flittchen!«, keifte Joanne. »Barney, werfen Sie diesen ungehobelten Klotz raus!« Mit der Hand holte sie aus, um Guy eine Ohrfeige zu verpassen, doch dieser fing sie elegant ab und schloss ihre Finger sanft in seine eigenen. Nur für einen kurzen Moment, dann entwand sie sich seinem Griff.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Joanne, ich halte Sie nicht für ein Flittchen. Ich halte Sie für eine Frau, die selbständig denkt, die Feuer hat. Eine Frau, die weiß, was sie will. Sie wollen es allen zeigen, Joanne, vor allem sich selbst. Sie wollen der Welt den Kopf verdrehen. Vielleicht, ja, vielleicht wollen Sie sich selbst etwas beweisen. Doch viel mehr glaube ich, dass Sie der ganzen Welt beweisen wollen, wie viel Feuer tatsächlich in Ihnen steckt. Sie sind nicht das Heimchen Ihres Mannes, Joanne. Ich weiß es, ich sehe es. Jeder Zentimeter Ihres Körpers schreit danach, heute Nacht begehrt zu werden!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Joanne zog ein letztes Mal an ihrer Zigarette, dann drückte sie den Stummel in den Aschenbecher. Ein winziges Lächeln umspielte ihre Lippen und verschwand sofort wieder. »Sie wissen viel, Guy«, sagte sie ganz ruhig. »Sie glauben, viel zu wissen. Und Sie haben ein loses Mundwerk. Haben Sie etwa getrunken, hm? Ja, Guy, haben Sie etwa Alkohol getrunken? Alkohol ist verboten.« Barney lachte laut auf und schüttelte wortlos den Kopf.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Verboten? Was zählen Verbote in einer Welt, in der keine Zeit mehr für Strafen bleibt?«, warf Guy ein. Joanne konnte nicht anders, als ihm anerkennend zuzunicken. Wo er recht hatte, da hatte er nunmal recht, auch wenn er ein Grobian war.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Wenn Sie wissen, was ich heute Nacht will, Guy, und das auch noch so laut herausposaunen, dass alle Welt es hören kann, dann denke ich, wäre es doch nur fair, wenn Sie uns erzählen, was genau Sie möchten. Wonach sehnt der so kaltschnäuzige wie wortgewandte Guy Tanon sich in der Nacht des Weltuntergangs?« Unauffällig war ihre Hand auf seinem Arm gelandet. Entweder hatte sie es selbst nicht gemerkt, oder sie wusste ziemlich genau, was sie tat und wollte nur, dass Guy dachte, es sei ein Versehen. Er glaubte an Letzteres. Diese Frau war ein feuriges Schwert.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Nicht viel, Joanne, nicht viel. Ich möchte nur eine einzige Sache und ich bin mir sicher, dass ich sie noch vor dem Ende bekommen werde.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Eine Sache also? Und die wäre?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Sie, Joanne! Ich möchte Sie! Seit dem ersten Tag begehre ich Sie und ich weiß, dass ich Sie noch heute Nacht küssen werde. Das ist alles, was ich will, wovon ich träume, während ich neben Ihnen sitze. Glauben Sie mir, Joanne, ich mag äußerlich kühl wirken, doch innerlich bin ich gerade aufgeregt wie ein Schuljunge.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Joanne legte die Hand auf den Mund kicherte leise. Ihre andere lag noch immer auf Guys Arm. »Sie sind ziemlich vorlaut. Und unverschämt ehrlich.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Und das gefällt Ihnen«, fuhr Guy für sie fort.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Vielleicht ja, vielleicht nein.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ich tendiere zu ja, Joanne. Und wissen Sie was? All das ist mir nicht mal annähernd peinlich. Und wollen Sie wissen, warum?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Joanne tat so, als würde sie überlegen. »Lassen Sie mich raten«, sagte sie dann, »Sie werden morgen ohnehin nicht mehr die Gelegenheit haben, sich für das, was Sie gesagt haben zu schämen und mir dann für den Rest Ihres Lebens aus dem Weg zu gehen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ganz genau!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Barney«, rief Joanne und drehte sich weg, als hätte sie nie mit Guy geredet, »was wünschen Sie sich heute Nacht?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was, ich, Ma’am? Ich bin wunschlos glücklich. Der alte Barney ist völlig im Reinen mit sich.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ach kommen Sie schon!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Barney legte das Geschirrtuch zur Seite und seufzte. »Wenn Sie schon so unnachgiebig fragen, Ma’am, also ... es ist mir etwas peinlich.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Heute muss Ihnen nichts mehr peinlich sein. Keine Zeitung der Welt wird morgen drucken, was Sie gesagt haben«, hakte Joanne weiter nach.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Also gut, Ma’am. Ich würde gern fliegen, wissen Sie? Nicht mit Maschinen oder einem Hexenbesen oder so, sondern mit meinen eigenen Armen, die dann Flügel wären. Ich würde mich über die Dächer dieser Stadt erheben wie ein Vogel. Der alte Barney würde über die Häuser kreisen und von oben in aller Ruhe der Welt beim Untergehen zuschauen.Und wissen Sie, was ich dann tun würde, Ma’am?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Nein, was, Barney? Was?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ich würde meinem alten Herrn aufs Dach scheißen. Der Kerl verdient das. Und ich finde auch, das wäre ein gelungenes Ende, Ma’am.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Wahrlich gelungen«, sagte Guy, worauf Joanne und er wie abgesprochen in lautes Lachen ausbrachen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Da kannst du einen drauf lassen«, sagte Barney. Nun lachten sie alle, bis auf den stummen Kerl, der noch immer vor sich auf die Theke starrte, ohne auch nur ein einziges Mal den Kopf zu heben. »Leider«, fuhr Barney fort, »habe ich keine Flügel und kann nicht fliegen. Also wische ich die Theke und stelle mir vor, ich könnte es. Das reicht mir, das macht mich glücklich genug.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Beneidenswert!«, sagte Joanne und stieß ein verträumtes Seufzen aus. Schweigend starrte sie in die verrauchte Luft des Phillies hinein, als ihr der stille Fremde auffiel. »Hey, Sie«, rief sie zu ihm hinüber. »Sie da mit dem Hut!« Der Fremde hob den Kopf und schaute sie mit verwundertem Blick an. »Ja, Sie meine ich. Was möchten Sie heute Nacht tun? Was ist Ihr Wunsch?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Der Mann räusperte sich, dann schob er seinen Hut aus der Stirn. »Was, ich? Ich habe schon getan, was getan werden musste. Ich bin fertig.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Joanne sah ihn verwundert an. »Fertig? Was meinen Sie mit fertig?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Mit einer Hand wischte er sich über die Augen. Eine Träne rollte einsam über seine Wange. »Ma’am, Sie haben vorhin gesagt, ihr Mann hätte ein Gewehr zu Hause. Passen Sie auf, dass er Sie nicht bei dem Techtelmechtel mit dem Kerl da erwischt.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was ... also was soll das denn heißen?«, fragte Joanne empört.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was das heißt?«, begann der Fremde und stieß ein hysterisches Kichern aus. »Dass ich meine Lady gerade abgeknallt habe, das heißt es. Hab sie vor zwei Monaten mit meinem Bruder im Bett erwischt. Haben beide nicht gemerkt, dass ich sie gesehen habe und bin dann wieder aus dem Haus geschlichen. Aber so etwas beginnt zu kochen, wissen Sie? Das brodelt richtig in einem. Und heute, tja, heute bin ich ... bin ich explodiert. Ich bin rein, hab angelegt und als sie mich angeschaut hat, da ... da hat sie noch nicht einmal überrascht ausgesehen. Jetzt liegt sie auf dem Bett und guckt immer noch so. Nur dass überall ihr Hirn herumliegt.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Oh Gott, das ist ja schrecklich«, sagte Joanne hinter vorgehaltener Hand.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ist es, Ma’am. Und ich frage Sie, glauben Sie an Gott?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Joanne dachte nach. »Ich ... ich weiß nicht. Wenn es einen Gott gäbe, ließe er doch die Welt nicht untergehen, oder?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ich glaube an Gott, Ma’am. Ich glaube an den Himmel und ans Fegefeuer. Ma’am, für Sie alle mag das hier so etwas wie die größte Silvesternacht aller Zeiten sein, aber nicht für mich.« Langsam stand er auf. Seine Augen schwammen in Tränen. Sein Blick schrie vor Verzweiflung. »Für mich ist diese Nacht nicht weniger als das Wartezimmer zur Hölle. Ich werde schmoren, weil ich es verdient habe. Mit Liebe und Wut zu gleichen Teilen geh ich ins ewige Feuer und es zerreißt mich jetzt schon. Nein Ma’am, ich bin fertig mit allem. Fertig.« Er zog seinen Hut zurück ins Gesicht und verließ das Phillies ohne ein weiteres Wort.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Warten Sie doch!«, rief Joanne und stand auf. Guy hielt sie sanft zurück.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Lassen Sie ihn«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Das ist jetzt seine ganz eigene Geschichte.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Joanne setzte sich wieder. »Da haben Sie vielleicht recht, aber ... Oh Guy, jetzt bin ich traurig. Tun Sie doch etwas!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Guy dachte nach, schaute sich um, dann sah er zu Barney. Seine Augen funkelten. »Barney, mach uns Musik, ja?« Der Barmann blickte ihn verwundert an, dann glaubte er zu verstehen und nickte. Er ging ins Hinterzimmer und kam mit einem Stapel Platten zurück. Eine zog er aus ihrer Hülle und legte sie auf das Grammophon, das auf einer kleinen Anrichte an der Wand stand. Es knisterte leise, dann sang Marlene Dietrich »Wenn ich mir was wünschen dürfte«.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Guy packte Joanne bei den Händen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was ... was haben Sie vor?«, fragte sie mit großen Augen, in denen Guy nichts als Erwartungsfreude zu erkennen glaubte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Joanne, wenn ich mir was wünschen dürfte, und das darf ich heute, dann wollte ich, sie tanzten mit mir. Also tanzen Sie doch bitte mit mir. Machen Sie mich heute Nacht zum glücklichsten Menschen der Welt!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Aber das ...«, begann Joanne, als Guy sie auch schon sanft durch die Tür des Phillies auf die Straße zog. Die Musik folgte ihnen und verwandelte die zuvor stumme Straße in einen großen Tanzsaal. Bevor Joanne Parker auch nur mit einem weiteren Einwand beginnen konnte, hatte sie die ersten Schritte gewagt. &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Joanne«, hauchte Guy ihr zu, »jetzt gibt es nur noch Sie und mich!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und seufzte. »Ich bin so aufgeregt wie ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»... ein Schulmädchen?«, ergänzte Guy. »Lassen Sie uns Junge und Mädchen sein, Joanne. Lassen Sie dies unseren Abschlussball sein!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ach Guy, wissen Sie eigentlich, dass ich absichtlich vor Ihrem Haus vorbeigegangen bin? Wieder und wieder? Ich wollte, dass Sie raus zu mir kommen. Ich wollte Sie sehen. Immer. Und bis eben wusste ich noch nicht einmal, dass ich so dachte.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Und ich wusste immer schon, dass ich Sie wollte. Immer.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Guy, ich bin gerade glücklich, wirklich glücklich. Aber ... ich ... ich sollte es nicht sein. Der Mann von vorhin ... Sein Leben endet in einer einzigen Tragödie.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Nicht nur seines, Liebes. Dabei sollte heute Nacht doch jeder tanzen wie wir.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Irgendwo in entfernten Häuserschluchten brach ein lauter Knall hervor, dann folgte ein spitzer Schrei, bevor wieder Ruhe einkehrte. Joanne schaute Guy besorgt an. »Wie spät ist es?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was?«, fragte er, als hätte sie ihn aus einem Tagtraum gerissen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Die Uhrzeit, Guy.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Er warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr. »Wir haben noch drei bis vier Stunden, denke ich. Dann wird es losgehen und alles wird vorbei sein.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Tanzen Sie mit mir, Guy! Lassen Sie uns tanzen und alles andere vergessen!« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. In der nächsten Sekunde presste Guy seine Lippen fest auf ihre. So verharrten sie. Küssend und tanzend in dieser letzten Nacht, die sie auf Erden verbrachten, unter dem roten Auge des letzten Mondes.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-7414663482502615981?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/7414663482502615981/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=7414663482502615981&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/7414663482502615981'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/7414663482502615981'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/08/wenn-ich-mir-was-wunschen-durfte.html' title='Wenn ich mir was wünschen dürfte'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-7571844766779230931</id><published>2011-07-15T22:02:00.002+02:00</published><updated>2011-07-15T22:02:53.989+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Satire'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Erzählungen'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Alles Bio oder was?</title><content type='html'>Im Supermarkt um die Ecke, dessen Name ich hier sicherheitshalber nicht erwähne, um weder als Schleichwerber noch als Verleumder eherner Kaufmannswerte abgestempelt zu werden, haben sie so Plakate über die Gefriertruhen gehängt. Sind Pommes drauf, bisschen impressionistisch gezeichnet. Warum da Pommes drauf sind, wenn in der Gefriertruhe darunter Gerichte mit Reis und Nudeln liegen, will mir nicht in den Kopf. Gab's vermutlich im Angebot, also die Bilder, nicht die Reis- und Nudelgerichte. Wobei, vielleicht auch die. Hab ich nicht nachgeschaut. Jedenfalls habe ich jetzt Pommes im Kopf. Also bildlich, meine ich. War vermutlich von klugen und hochbezahlten Supermarktmarketingstrategen so geplant. Oder einfach als Eyecatcher für die Generation Öko gedacht, die, wenn sie nicht gerade biologisch nachhaltig shoppt, lieber auf hippen Vernissagen rumhängt, statt malochen zu gehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Apropos Öko: Die Milch, die ich schon immer kaufe, ist jetzt neuerdings zertifiziert. Also nicht die Milch selbst, denn ist ja nicht so, dass die Kühe von der Weide jetzt eine Prüfung ablegen müssten, nee, die Kartons sind halt zertifiziert. FSC-zertifiziert sogar und das will was heißen! Dass ich mir wegen der Kartons keine Sorgen machen muss, vermutlich. Wobei, ich schlage das doch lieber mal schnell in einer handelsüblichen Suchmaschine nach ... Ah, was mit Bäumen. Also Kartons von glücklichen Bäumen sozusagen. Na gut, von mir aus. Gönnen wir den heimischen Waldbeständen eben auch eine Ladung Endorphine.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und dann sind da meine Cornflakes. Also ich kaufe ja schon die ungesüßten, weil die, man höre und staune, weniger süß sind als ihre gesüßten Maisbrüder. Dennoch steht da drauf, dass eine der Hauptzutaten Zucker sei. Komisch, wo die Dinger doch schmecken wie Pappe. Oder wie zertifizierte Milchkartons. Jedenfalls, worauf ich eigentlich hinaus will, ist nicht der Zucker, der mich allmählich fett und irgendwelche Zuckerbarone reich macht, nee, will sagen, meine Cornflakes sind laut Verpackung (Nicht zertifiziert!) aus La-Plata-Mais. Mhh, La-Plata, das trägt doch den Duft der Freiheit in sich, Revolution, Männer mit Bärten und russischen Maschinengewehren. Viva la plata! Wobei ... Suchmaschine sagt ... nee, die wissen's nicht ... hmm, die auch nicht ... Ach, keine Ahnung, wohl irgendwas aus Südamerika. Quasi Samba-Cornflakes, wenn man so will. Klingt ja auch ganz schön: Samba de la plata! Solange das Mehr an Lebensgefühl nicht in mein Portmonee kriecht!?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber mal im Ernst, ich bin ja irgendwie nicht so die Generation Öko. Wenn ich an die denke, stelle ich mir immer Stinkefüße in Gesundheitslatschen vor und außerdem habe ich bei dem ganzen Bio- und Gesundheitsgedöns dauernd das Gefühl, Reste von Kuhscheiße mitzufressen, weil Mutti oder ich oder Tante Emma aus dem Supermarkt das Zeug nicht richtig sauber gemacht haben. Dann doch lieber ein bisschen Chemofraß aus BASF-Fabrikation. Gern auch von vergleichbaren Konzernen, McDonalds, was weiß ich, will ja keine Schleichwerbung betreiben, so lange keiner dafür löhnt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Denn es ist ja so: Ich meine, da sagen sie immer, auf Diesem und Jenem stünde kein Bio drauf, das sei ja ungesund und einem würde mindestens ein Auge am Gesäß von dem nicht biologisch gedüngten Apfelmus wachsen, den unsereiner ohne nachzudenken in sich hineinschaufelt, eher noch eine ganze Augenherde. Und wie das die Lebenswartung schmälert, hach, das ungesunde Zeug, da lohnt es sich ja kaum mehr, durch den Muttermund zu kriechen! Aber guck sich doch mal einer so einen wie den Jopie Heesters an: Dessen Alter dürfte allmählich die vorgesehene Maximalgröße in der deutschen Rentenkartei sprengen und ich glaube kaum, dass der Kerl sein Leben lang nur glückliche Kühe und nicht geklonte Eier gegessen hat. Kann man mal drüber nachdenken, während man an der Biobanane lutscht und seinen Fair-Trade-Kaffee süffelt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Überhaupt, Fair-Trade! Auch wieder so ein pseudocooles Schlagwort derer, die zusammen mit ihrem Anhang unverheiratet in überteuerten Innenstadtlofts wohnen, auf Sabbaticals Papas Kohle verschleudern und lieber ihre eigenen Fürze schnüffeln, als auch nur einmal frische Luft aus dem Umland zu schnuppern. Kann sich der geschundene Bauer vom Nicaragua jetzt 'ne Playstation 3 kaufen, weil ich seinen Kaffee fair getradet kaufe? Schreibt der mir einen Dankesbrief? Zumindest wüsste ich dann, dass das alles nicht doch nur ein riesengroßer Beschiss am teutonischen Geldbeutel ist. Und apropos deutsch: Hätte man dafür nicht auch ein deutsches Wort verwenden können? Omi Hilde fände das bestimmt ganz dufte, wenn sie wüsste, dass ihre knappe Rente nicht in den Taschen von FDP und Josef Ackermann landet, sondern beim armen Kaffeebauern vom Berg in Lateinamerika. Aber was soll sie unter Fair Trade verstehen? Wieder so ein olles Wort vom Tommy von der Insel. Der brachte schon anno 1916 nichts Gutes zu uns. Ich sage ja, alles nur neumodische Spielereien für den Öko-Esser. Dabei spielt man doch mit Essen nicht! &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ja überhaupt ist diese ganze Ökomasche ja erst in den letzten Jahren eine richtige Modeerscheinung geworden. Quasi seit man die Haare wieder über den Arsch wachsen lässt. Also nicht die am Arsch, sondern die auf dem Kopf, ohne gleich für einen verkappten RAF-Terroristen gehalten zu werden. Wahrscheinlich leben die Neo-Hippies deswegen bald tatsächlich alle länger, weil die Haare über Augen und Nase hängen und den Smog aus der Luft filtern und gar nicht mal wegen zertifizierter Milchkartons, La-Plata-Mais und fair gehandeltem Kaffee lateinamerikanischer Playstation-Zocker. Ach, vermutlich ist es wieder dieses Alter, das mich greis und unverständig macht. Es wird wirr geredet und man versteht die Welt nicht mehr, nicht mal mehr die überschaubare im Edeka um die Ecke, wo man Lebensmittel angeblich liebt. Ach Mist, jetzt hab ich den Namen doch gesagt!&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-7571844766779230931?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/7571844766779230931/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=7571844766779230931&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/7571844766779230931'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/7571844766779230931'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/07/alles-bio-oder-was.html' title='Alles Bio oder was?'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-8848294341313125125</id><published>2011-07-10T23:09:00.001+02:00</published><updated>2011-07-11T11:04:27.500+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Unheimliches'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><title type='text'>Das Haus auf dem Hügel</title><content type='html'>Mit lautem Getöse fuhr der weinrote Duesenberg J Judkins, der bereits seit dem frühen Morgen das Stadtgespräch in Plainmore Crossing gewesen war, in die Boyd Street ein, um schließlich vor dem Thirteen Stitches zum Halten zu kommen. Ein junger Mann, so adrett gekleidet wie perfekt gescheitelt stieg aus, setzte einen Zylinder auf und ging anmutigen Schrittes auf das Thirteen Stitches zu.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Die Bar hatte der alte Chester Ferrell 1920 bei einem Pokerspiel dem völlig greisen Barney Marshall Hooker abgenommen, der kurz darauf an Gram und Einsamkeit starb. Viel Freude sollte der gewiefte Chester mit dem Laden jedoch selbst nicht haben, brach er doch nur drei Jahre später über seinem eigenen Tresen zusammen, als sein Herz ihm verkündete: Bis hier und nicht weiter. Seine damals knapp dreißigjährige Tochter Marta übernahm schließlich das Thirteen Stitches. Eine Frau am Tresen war in Plainmore Crossing zwar anfangs äußerst ungern gesehen, wurde aufgrund der Tatsache, dass sie die einzige war, die im Ort noch tüchtig Bier ausschenkte, jedoch allgemein geduldet.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Als der junge Mann, der soeben mit seinem Duesenberg vorgefahren war, die Bar betrat, stand Marta hinter dem Tresen und trocknete frisch gespülte Bierkrüge, während der Tisch mit der Stammbesatzung den Neuankömmling mit Missachtung strafte, obwohl man sich kurz zuvor noch das Maul zerrissen und die Hälse zum Fenster gereckt hatte, bis die Köpfe fast vergessen hätten, dass sie festgewachsen waren.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Madame, es ist mir eine Ehre!«, rief der Unbekannte aus und zog sogleich seinen hohen Zylinder, der anno 1930 eigentlich bereits ziemlich überholt war und in Plainmore Crossing ohnehin fehl am Platz wirkte. »Martin-Otto Straußmeier mein Name. Eine hübsche Lokalität verwalten Sie hier, wenn ein Fremder wie ich das so sagen darf.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »N’Abend auch«, antwortet Marta wenig charmant wie gewohnt mit ihrer rauchigen Stimme. »Lass hier bloß nicht den dicken Max raushängen, ja? Sieh mal, wir sind kleine Leute hier in P-More und wer bei uns Gast ist, der sollte sich auch entsprechend benehmen. Klar soweit?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Nun, selbst... also selbstverständlich verstehe ich Ihr Anliegen«, stammelte der junge Straußmeier, räusperte sich betont und rückte seine schmucke Fliege gerade. Übertrieben auffällig ließ er seine Augen zwischen der ruppigen Bardame und dem Altherrendreier am runden Tisch pendeln. Die betagte Männerrunde würdigte den Zugewanderten noch immer keines Blickes.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Nun,&amp;nbsp; wunderschönen frühen Abend den Herrschaften«, rief der Jungspund schließlich in die schweigsame Dreierrunde am und rückte seine Fliege noch gerader. »Darf der offensichtlich Neue sich zu den alteingesessenen Herren gesellen?« Keine Antwort. Die alten Männer hoben ihre Köpfe und schauten den Bengel, der sich vor ihnen aufgebaut hatte wie ein Gutsherr an, als sei er ein ziemlich hässlicher Zierfisch, der gerade zufällig an der Scheibe vorbeischwamm.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Wieder räusperte sich der junge Mann, fuhr mit den Fingern über seinen spitzen Schnurrbart und ergriff abermals das Wort: »Falls mein Gebaren etwas, nun ja, etwas fremdartig anmuten mag, so seien Sie versichert, ich bin mir dessen völlig bewusst. Es ist nur eben so, ich bin Deutscher und als solcher ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Willst du dumm quatschen, während du auf eine Einladung wartest? Geh da rüber, greif dir einen Stuhl und dann setz dich und halt den Sabbel! Marta, bring dem Jungen ein Bier!«, unterbrach einer der drei sitzenden Gäste den jungen Straußmeier rabiat. Es handelte sich um niemand geringeres als George Hodge, den Bürgermeister des verschlafenen Nests Plainmore Crossing, das ein fauler Volksmund gern auf P-More zurechtstutzte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Recht so, recht so, wenn’s der gute George meint, denn der hat hier das Sagen«, brummte ein weiterer Tischansässiger, der eine dicke rote Nase und einen noch viel dickeren Bauch vor sich hertrug. Er hob seinen Krug, ließ eine Welle von Bier in seinen Rachen fluten, knallte das Gefäß auf den Tisch und hob seinen speckigen Arm. »Marta, noch eins, meine Hübsche!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Marta Ferrell rollte mit den Augen. »Eddy, wenn du dich totsaufen willst, dann mach das in irgendeiner Gosse oder bei dir zu Hause. Wenn sie dich schon vom Fußboden kratzen, dann gefälligst nicht von meinem. Klar soweit?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Klar wie Klosbrause, Schätzchen!«, rief Eddy, der eigentlich Edgar Jenkins hieß und seit dem Tod seiner Frau Shelly, fünf Jahre zuvor, sein Heil im Alkohol gesucht und gefunden hatte. Marta kam sogleich mit zwei frischen Krügen Bier für ihn und den jungen Straußmeier herbeigeeilt und nahm den leeren mit, so als hätte die kurze Unterhaltung niemals stattgefunden.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Wenn du deine Zeche so schnell zahlen würdest, wie du schluckst, dann hätte ich den Laden schon längst schließen und mir eine schicke Bleibe in New York leisten können«, raunte sie Eddy Jenkins an und trottete zurück zum Tresen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Inzwischen hatte der junge Straußmeier einen Stuhl herbeigezerrt. »So denn, hier wäre ich also, bewaffnet mit bequemer Sitzgelegenheit und einem unverschämten Maß an Tatendrang«, polterte er und ließ sich zwischen George Hodge und James Ellinger, kurz J., nieder, der meistens schwieg und falls man ihn darauf ansprach, zu sagen pflegte, dass er mehr reden würde, wenn Worte Weisheit wären. Darauf wusste für gewöhnlich niemand etwas zu sagen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Also meine Herrschaften, was treibt Ihre illustre Runde heute in dieses ...«, Straußmeier warf einen abwertenden Blick auf die Einrichtung des Thirteen Stitches, »... dieses durchaus, nun ja, einladende Etablissement?« Er hob seinen Krug, nippte einmal vorsichtig Bier und war sich nicht zu fein, das Gesicht zu verziehen. »Kein Reinheitsgebot!«, nuschelte er leise.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Frag nicht solchen Stuss!«, rief Marta Ferrell herüber. »Die Kerle gehören zum Inventar. Es fällt eigentlich nur auf, wenn sie mal nicht da sind.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Hört, hört«, warf Straußmeier ein und mühte sich ein kurzes Lachen ab. »Ein exquisites Städtchen haben Sie hier«, fuhr er fort. »Ich bin seit dem heutigen Morgen im Ort und habe bereits einige der vielen, nun, interessanten Ecken erkundet. Wäre ich kein so viel beschäftigter Mann, ich würde sogleich in Erwägung ziehen, eine Niederlassung in Ihrer feinen Stadt zu betreiben.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Eine Niederlassung? Was verkaufst du denn? Töpfe voll Schmalz? Oder doch nur das Dünne aus dem Hintern einer ausgewachsenen Kuh?«, brummte George Hodge. Eddy Jenkins stieß ein lautes Lachen hervor. Sein Gesicht verfärbte sich dabei dunkelrot und er klopfte sich so heftig auf die Schenkel, dass ein nicht eingeweihter Betrachter hätte meinen können, der gute Eddy wäre dabei, den Erstickungstod zu sterben.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Nichts dergleichen«, antwortete Straußmeier und tat entweder so, als hätte er Georges abfällige Bemerkung nicht wahrgenommen, oder er verstand sie tatsächlich nicht. »Nun, ich verkaufe Bücher. Aus eigener Feder verfasste Literatur, nur echte Straußmeiers, wenn Sie mir das kleine Selbstlob gestatten wollen.« J. Ellinger brummte vor sich hin und lehnte sich auf seinem knarzenden Stuhl zurück - für gewöhnlich ein Zeichen dafür, dass er genervt war.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Mit Büchern macht man so einen Reibach, dass man sich eine Karre wie die da draußen leisten kann? Das Ding ist vermutlich mehr wert als die ganze Stadt mitsamt all der armen Seelen, die hier wohnen!«, bemerkte George Hodge sichtlich erstaunt.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Wie meinen? Oh nein, verstehen Sie das nicht falsch, denn es verhält sich ganz und gar anders. Ich bin, wie Sie wohl bemerkt haben werden, ein Mann der Worte, ein wahrer Literaturfreund! Mein Herz kennt nichts als das. Der Reichtum ist mir jedoch bisher, nun also, sagen wir, zugefallen. Mein Vater, das muss man wissen, war ein erfolgreicher Geschäftsmann während des großen Krieges. Bis 1918 verdiente er ein Vermögen mit Emaillewaren für deutsche Feldküchen. Es lässt sich durchaus sagen, ich bin vom Glück gesegnet und habe daher die Möglichkeit, mich voll und ganz meiner Gabe, dem geschriebenen Wort, zu widmen. Und zwar diesseits wie jenseits des großen Teichs, wenn ich das so salopp anmerken darf. Auch nur dieser Umstände wegen kann ich einen Duesenberg J Judkins mein Eigen nennen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; J. Ellinger nickte stumm.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Aha. Und jetzt willst du hier deine Bücher verschachern, oder was?«, murrte George Hodge. Sein Tonfall verriet jenen, die ihn kannten, dass der gestriegelte Schnösel ihm gehörig auf die Nerven ging.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ein stinkreicher Klinkenputzer!«, warf Eddy Jenkins ein und erging sich abermals in seinem Erstickungstodlachen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Straußmeier warf ihm einen giftigen Blick zu. »Wer von Literatur keinen Deut versteht, sollte überlegen, ob er seine Stimme erhebt«, sagte er betont verärgert.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Versteh doch die alten Kerle nicht falsch Jungchen!«, rief Marta herüber, die hinter ihrem Tresen stand und der Unterhaltung lauschte. »Weißte, das hier ist ein kleines Örtchen mit ein paar wirklich einfachen Leuten ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Sie wiederholen sich«, sagte Straußmeier, der sich immer noch auf den nicht getragenen Schlips getreten fühlte, gereizt.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Will sagen, Jungchen, die Leute hier haben Besseres zu tun, als sich mit Büchern zu befassen. Die haben Höfe, haben daheim eine Menge Mäuler zu stopfen. Weißte Jungchen, die meisten hier können nicht mal lesen. Der gute George da vielleicht ausgenommen, schließlich ist der hier der Bürgermeister, aber sonst? Fehlanzeige! Klar soweit?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ein primitives Bauernnest, ich verstehe«, sagte Straußmeier und rümpfte die Nase. »Vermutlich sollte ich einfach in Bälde weiterziehen, beim nächsten Mal in der weisen Voraussicht, mir die Nasen, denen ich begegne, genauer anzuschauen«. Dabei warf er einen scharfen Blick auf Eddys großen roten Zinken, doch dieser verstand die Anspielung nicht. George Hodge machte ein wütendes Gesicht und J. Ellinger knurrte zum ersten Mal an diesem Abend.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Am besten ziehst du gleich morgen früh weiter, Junge. Hier will deine Bücher tatsächlich keiner haben. Und Feindseligkeiten deinerseits könnten auf Dauer ungesund für dich sein. Das nur als Warnung«, sagte George.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Dem werde ich nachkommen. Wären die Herrschaften zumindest bereit, mir mitzuteilen, wo ich meinen Duesenberg betanken kann? Denn ebendies wollte ich eigentlich nur fragen. Eine Bleibe für die Nacht habe ich immerhin bereits im Laufe des heutigen Tages erspäht.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Schläfst du etwa in deinem Automotiv? Mehr Luxus kriegt einer wie du im ganzen Ort nicht«, brüllte Eddy dazwischen und bog sich vor Lachen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Eine Tankstelle haben wir hier nicht«, sagte George. »Dafür wirst du morgen früh aus dem Ort und dann Richtung Mildale Corner fahren müssen. Das ist zwanzig Meilen nördlich von hier. Ist etwas größer als P-More, kaum zu verfehlen. Und die haben auch eine Tankstelle, soweit ich weiß.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Eine Bleibe für die Nacht habe ich in dem gemütlichen Hotel auf dem Hügel hier im Ort gefunden. Ein Zimmer hat man mir bereits zugesichert«, sagte Straußmeier und überging Georges Anmerkung bezüglich der Tankstelle. »Ich komme nur mit dem Wagen nicht dort hinauf, ist doch der Aufstieg etwas steil geraten. Wenn Sie erlauben, lasse ich den Wagen vor der hiesigen Lokalität stehen. Den Herrschaften mute ich ohnehin zu, die Nacht hier zu verbringen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; J. Ellinger schaute Straußmeier nun erstmals mit großen Augen an. Auch Goerge hatte einen ersten Blick angenommen und selbst Eddy war das Lachen augenblicklich vergangen. »Die alte Betsy Boo!«, raunte er.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Betsy Boo?«, fragte Straußmeier und George Hodge rückte ein Stück zu Straußmeier heran. »Er meint Betsy Lu. Wir nennen sie hier Betsy Boo. Junge, du willst doch nicht bei der übernachten, oder?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Im Gegensatz zu Ihnen, war mir die alte Dame durchaus freundlich gesonnen!«, sagte Straußmeier in scharfem Tonfall.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Kleiner, du hast mit Betsy gesprochen?«, rief Marta Ferrell über den Tresen herüber. Ihr Gesicht war kreidebleich und in ihren Augen schien die nackte Angst zu liegen. »Jungchen, ich gebe dir einen Rat: Steig in dein hübsches Auto da draußen und tritt aufs Gas. Verlasse P-More noch heute Nacht und nicht erst morgen früh! Und verdammt noch mal, verschwinde aus meinem Lokal!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Straußmeiers Mundwinkel rutschten nach unten. Er sah aus, als hätte ihm jemand das blütenweiße Hemd beschmutzt. »Was soll dieser Unsinn hier? Ich verbitte mir, in diesem Ton mit mir zu reden! Ich bin angereist aus Deutsch...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ist mir scheißegal, woher du bist, Bürschchen. Marta hat recht. Pack deine Bücher zusammen und sieh zu, dass zu Land gewinnst. Und halte dich gefälligst von dem Haus auf dem Hügel fern!«, sagte George Hodge.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Aber warum? Was hat es mit dem Haus und der freundlichen Dame auf sich?« Allmählich ließ auch Straußmeiers Gesicht Anzeichen von Angst erkennen. Alle anderen warfen sich fragende Blicke zu. Dann sagte Marta: »George, erzähl du die Geschichte, falls du unbedingt willst. Ich gehe währenddessen nach hinten. Aber beeil dich! Anschließend fliegt der Kerl hier raus! Ich will mit Betsy nichts zu tun haben. Klar soweit?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Klar, Marta«, sagte George und nickte. Dann blickte er abwechselnd zu J. Ellinger und Eddy Jenkins. »Jungs, ihr müsst euch das nicht anhören.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Schon gut, George. Mein Bier ist ohnehin noch nicht leer«, sagte Eddy, dessen Nase inzwischen fast eine normale Farbe angenommen hatte. Und so blieben J. und er sitzen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Bereit für eine waschechte Gruselgeschichte, Mister Straußmeier?«, fragte George Hodge. Straußmeier sah ihn wie ein Insekt an, das es in seinen Augen höchstens wert war, zertreten zu werden. »Wenn die Herren von bäuerlichem Geblüt sich dann besser fühlen, soll’s mir recht sein.« J. Ellinger stieß deutlich hörbar Luft durch die Nase aus, während die anderen die offensichtliche Beleidigung überhörten.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Gut, dann spitz die Ohren, Jungchen! Es war in der Nacht auf den 24. Oktober 1920«, begann George seine Geschichte und Marta Ferrell legte das Geschirrtuch beiseite, um ins Hinterzimmer zu verschwinden, »da bekam Betsy Lu McCree ein Kind. Ihr Mann John McCree und sie hatten über viele Jahre hinweg erfolglos versucht, Nachwuchs zu zeugen, aber verdammt noch mal, irgendetwas hatte der alte Herr da oben dagegen.« Er unterbrach seine Geschichte und schaute Straußmeier tief in die Augen. »Ich weiß, was du jetzt denkst, Jungchen, aber das ist mir scheißegal! Ich bin ein sehr gläubiger Mensch und deswegen glaube ich, dass Gott für uns alle einen Plan parat hat. Und wenn Gott meint, ich soll kein Kind haben, dann ist das eben so. Wie gesagt, meine Meinung.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Straußmeier seufzte überbetont genervt. »Ihre Meinung, so so.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Jedenfalls«, fuhr George ohne weitere Bemerkungen fort, »bekam Betsy Lu in dieser unheilvollen Nacht doch ein Kind. Oder sagen wir, irgendetwas wurde aus ihrer Gebärmutter herausgezogen. Später munkelte man, es sei weder Junge noch Mädchen gewesen und mit Gewissheit habe man nur sagen können, dass es so gut wie tot war. Es heißt, in dem Moment, in dem das, was auch immer Betsy zur Welt gebracht hatte, ans Licht kam, begann John McCree zu schreien. Dann schrie auch die Hebamme und Betsy, nun, die schrie ja sowieso. Pfarrer Gordon, der die Geschichte kurze Zeit später mit flüsternder Stimme erzählte, stand daneben, behielt seine Fassung und bekreuzigte sich. Es muss schlimm gewesen sein. Und das in dieser ohnehin schon stürmischen Nacht. Es war doch stürmisch, nicht wahr, Eddy?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Genau so war’s. Ein Jahrhundertsturm war das, oh ja!«, murmelte Eddy Jenkins und trank seinen Krug leer.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ein Jahrhundertsturm, ganz recht«, sagte George und nickte. »Mit Regen und Gewitter. Die Blitze zuckten vom Himmel, wie man es hier noch nie gesehen hatte. Der Allmächtige hatte eine Scheißwut! Denn das, was Betsy da herausgepresst hatte, musste, so hatte Pfarrer Gordon es später ausgedrückt, direkt aus den Tiefen der Hölle ausgespuckt worden sein. Die Möse der armen Betsy kann in jener Nacht nichts anderes als ein Tor zu Hölle gewesen sein. Das hatte Gordon so nicht ausgedrückt, das sage nur ich.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Ein Schmunzeln huschte über Straußmeiers Gesicht. Die Angst von zuvor war völlig daraus verschwunden. Offensichtlich hatte er es nicht nur mit einer Horde dummer Bauern zu tun, sondern mit einer Horde dummer und abergläubischer Bauern. »So langsam amüsiert mich diese Runde«, merkte er an.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Mir egal, ob du mich ernst nimmst, Junge«, sagte George, der ganz ruhig blieb. »John McCree und Betsy konnten keine Kinder bekommen und plötzlich bekam sie doch eines. Für mich ist die Sache klar: Niemand geringeres als der Gehörnte persönlich hatte Betsy diesen Braten in die Röhre geschoben.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Manchmal ist der Wunsch nach einem Kind stärker als alles andere«, sagte J. Ellinger, der zum ersten Mal an diesem Abend den Mund aufmachte, weil er offenbar der Ansicht war, einen tatsächlich klugen Satz beitragen zu können.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »J. hat vollkommen recht«, fuhr George fort. »In diesem Fall müssen die McCrees einen Bund mit dem Teufel eingegangen sein und Scheiße noch mal, ich will gar nicht wissen, wie sie das gemacht haben. Wie auch immer sich das alles zugetragen haben mochte, die ganze Sache ging gehörig schief. Statt des Antichristen brachte die arme Betsy irgendein halb totes Ding zur Welt, das nicht in diese Welt gehörte und das alle Anwesenden fast durchdrehen ließ. Und als wäre das nicht tragisch genug, kam alles noch viel, viel schlimmer. John McCree rannte aus dem Haus, hinein in den strömenden Regen und schrie zum Himmel. Kein Mensch weiß, was er brüllte, doch er verfluchte Gott für das, wovon er glaubte, dass er es ihm angetan hatte und dann, kawumm, traf ihn der Blitz.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Der Blitz also!«, wiederholte Straußmeier und grinste.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »So wahr ich hier sitze, der Blitz traf ihn, ob du es glaubst, oder nicht.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Kein Wort!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Scheißegal. Er war augenblicklich tot. Ein Stück Kohle im Regen. Bestraft vom Allmächtigen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Kleine Sünden bestraft Gott sofort«, flüsterte J. Ellinger.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Und das war eine verdammt große«, ergänzte Eddy Jenkins.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Genau so ist es!«, stimmte George Hodge zu. »In jener Nacht bekam Betsy Lu kein Kind und John McCree starb. Das, was Betsy geboren hatte, warf die Hebamme ins Feuer und Pfarrer Gordon führte gleich darauf einen Exorzismus durch. Es muss fürchterlich gewesen sein, da oben in diesem unheiligen Haus!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Die ganze Geschichte verbreitete sich am nächsten Tag wie ein Lauffeuer im Ort«, fuhr Eddy dazwischen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Richtig. Und es kam noch schlimmer. Mary Jane, die Hebamme, die in dieser Nacht des Schreckens anwesend war, fand man zwei Tage später tot in ihrem Haus. Ihr Kopf steckte in einem Ofen. Angeblich Selbstmord, aber das glaubte niemand. Irgendetwas ging um, in P-More, das spürten wir alle. Auch ich fühlte das. Und was immer es war, es nahm sich in der Nacht darauf Pfarrer Gordon vor. Man fand ihn tot in seiner Kirche.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ans Kreuz geschlagen«, flüsterte Eddy mit zitternder Stimme. »Die Augen aus den Höhlen gerissen und in seinen Mund gestopft!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Straußmeier rückte vom Tisch ab. Das Lächeln war ihm für diesen Moment vergangen, doch noch immer lag Ungläubigkeit in seinem Blick.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Kein Scheiß, so war’s!«, bestätigte George. »Und kurz darauf begann das Getuschel. Betsy wurde tagsüber nicht mehr im Ort gesehen, nur nachts waren in ihrem Haus auf dem Hügel die Kerzen angezündet. Damals gab es hier natürlich noch keinen Strom. Und unabhängig voneinander berichteten mehrere Leute, sie hätten gesehen, wie Betsy nachts durch die Straßen schlich und durch die Fenster der Häuser starrte. Ihr Gesicht soll eine grinsende Fratze gewesen sein, kaum noch menschlich.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Und dann die Kinder ...«, murmelte Eddy.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ja, die Kinder. Das alles war schlimm, so schlimm, wie nur kaum etwas sein kann, doch dann kam es noch schlimmer. Die Kinder verschwanden aus P-More. Nur die ganz kleinen, jünger als zwei Jahre. Das dritte, das zuerst spurlos verschwand, war das von Sarah Cole. Die junge Sarah rannte wie am Spieß schreiend durchs Dorf, dass ihre Tochter verschwunden sei und zeitgleich erzählte Earl Kingston, er habe nachts eine Frau mit Kind über seinen Hof in Richtung Betsys Haus auf dem Hügel schleichen sehen. Tja und dann riefen wir die Bürgerversammlung ein. Ich war damals bereits Bürgermeister und ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; George machte eine Pause und Straußmeier fuhr zusammen. »Ja und?«, rief er. »Nun erzählen Sie die Geschichte schon weiter. Ich werde sie vielleicht niederschreiben und große Literatur daraus kreieren. Fahren Sie geschwind fort, los, los!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; J. Ellinger hatte die Hände zu Fäusten geballt und sah Straußmeier wütend an, doch George ging nicht auf die Frechheiten des jungen Mannes ein. »Ja, die Bürgerversammlung«, fuhr er fort und seufzte. »Wir trafen uns in Earl Kingstons Scheune, es war früher Abend am sechsten November 1920. Die Sache schaukelte sich schnell hoch und ich konnte nichts dagegen einbringen, als sich die Leute darüber einig wurden, dass Betsy entweder vom Teufel besessen oder verrückt geworden war und nachts durch die Straßen zog, um Leute zu ermorden und Kinder zu rauben.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Wir zündeten alles an«, warf Eddy Jenkins ein. Von seiner lebhaften Art war nichts mehr übrig.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; George nickte. »Mit Fackeln marschierten wir den Hügel hoch. Noch am selben Abend. Wir riefen nach Betsy, wollten, dass sie rauskommt. Vermutlich hätte die Meute sie dann ohnehin aufgeknüpft, ich weiß es nicht. Jedenfalls sagten wir, wir wollten mit ihr reden. Doch sie kam nicht heraus. Sarah Cole, die auch dabei war, behauptete, sie hätte gesehen, wie Betsy im Obergeschoss ihres Hauses durchs Fenster gegrinst hätte, um dann wie ein Gespenst wieder zu verschwinden. Anschließend gab es kein Halten mehr. Die Fackeln flogen durch die Fensterscheiben, das Holzhaus brannte im Nu lichterloh.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Und diese Flüche!«, flüsterte Eddy, während J. Ellinger die Augen schloss und stumm nickte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Eine fulminante Geschichte! Meine Herren, ich bin entzückt«, sagte Straußmeier mit einem breiten Grinsen. Altklug verschränkte er die Arme und bat George, weiterzumachen. &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Oh ja, die Flüche und Schreie. Wir haben sie alle gehört«, bestätigte er. »Das war keine menschliche Sprache, zumindest in keine, von der ich je gehört hätte.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Wo hier doch alle so sprachgewandt sind«, bemerkte Straußmeier trocken, wurde aber ignoriert.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Es klang nicht menschlich, einfach überhaupt nicht menschlich ... Und dann waren da plötzlich diese Kinderschreie, die von überall her kamen, so als würden die verschwundenen Kleinen unsichtbar um uns kreisen. Wir alle wussten, dass wir von diesem Haus verschwinden mussten. Irgendetwas war darin, das wir alle niemals begriffen hätten. Ich sage, wenn man in diesem Haus den Keller betreten hätte, dann wäre man direkt in die Hölle hinabgestiegen. Gott im Himmel, mir stellen sich noch immer die Nackenhaare auf, wenn ich daran denke. So rannten wir weg von diesem verfluchten, brennenden Haus, weg von diesem Hügel. Jeder ging nach Hause und schwieg für sich. Bis nach einer Woche ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ha, die Geschichte hat einen Fehler!«, warf Straußmeier ein und sprang von seinem Stuhl auf, so dass dieser nach hinten kippte und laut krachend umfiel.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Einen Fehler?«, brummte Eddy Jenkins, der aussah, als wäre er gerade aus einem Nickerchen erwacht.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Das Haus«, rief Straußmeier und zwirbelte seinen gepflegten Schnurrbart, »es steht noch! Es steht ganz frech auf diesem Hügel und lächelt durch seine Fenster auf diesen Ort herab. Meine Herren, eine schöne Geschichte, doch sie ist glatter Humbug!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Wenn die jungen Leute es nicht immer so eilig hätten, ließen sie mich vielleicht ausreden«, murrte George Hodge. »Ich war nämlich noch nicht fertig.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Oha!«, bemerkte Straußmeier, richtete seinen Stuhl auf und setzte sich wieder. »Nun denn ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ja, nun denn. Wo war ich ... Ach ja, nach einer Woche ... Nun, nach einer Woche, in der jeder schwieg und so tat, als bemerkte er die niedergebrannte Ruine auf dem Hügel gar nicht, stand das Haus wieder. Es stand so unversehrt und drohend auf seinem Hügel, als wäre es niemals angezündet worden.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Aha«, sagte Straußmeier wenig beeindruckt und streckte sich auf seinem Stuhl. »Warum haben Sie nicht allesamt zu Fackeln und Forken gegriffen, wie es Ihnen im Blute zu liegen scheint, und sind erneut hinaufgezogen, um zu brandschatzen?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ganz einfach, Jungchen. Weil wir Angst hatten und immer haben werden. Wir wissen alle, dass die alte Betsy noch dort oben ist. Nur kommt sie nicht mehr zu uns herunter. Vielleicht haben wir sie damals wirklich umgebracht und sie spukt dort nun durch die Zimmer.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Straußmeier begann zu lachen. »Deswegen also Betsy Boo? Sie wollen damit doch nicht etwa sagen, ich hätte mit einem Geist über die Formalitäten einer Zimmerbuchung fabuliert?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Doch, genau das will ich damit sagen«, antwortete George. »Und da bist du nicht der Erste. So wie du nicht der Erste bist, dem ich diese Geschichte erzähle. Und deswegen sage ich, pack deine Sachen jetzt sofort zusammen! Klemm deine Bücher unter den Arm, verschwinde und komm niemals wieder zurück! Wenn dir dein Leben lieb ist! Und vor allem lass uns in Ruhe hier leben!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Marta, komm raus! George ist fertig«, schrie Eddy nach nebenan. Sein Gesicht nahm allmählich seine gewohnt rote Farbe an und seine Nase begann wieder zu glühen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Eine ganz und gar wunderbare Gutenachtgeschichte, meine Herren! Ich muss Ihnen meinen tiefsten Dank aussprechen. Ein vorzügliches Stück Literatur werde ich daraus machen. Doch einstweilen bitte ich Sie, mich zu entschuldigen, denn die Nachtruhe ruft mich. Und so wartet ein vortrefflicher Aufenthalt im Geisterhaus auf meine Wenigkeit.« Darauf sprang Straußmeier auf und schritt grazil Richtung Tresen. Er ließ ein üppiges Sümmchen für sein Bier darauf liegen und wandte sich zum Gehen. »Meine Herren? Auch wenn meine Literatur bei Ihnen vermutlich immer vergeudete Liebesmüh sein wird, bedanke ich mich für diese unterhaltsame Erzählung.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; George Hodge warf dem jungen Mann ein müdes Lächeln zu. »Geh da nicht hin, Jungchen. Mir könnte es egal sein, denn ich kann dich nicht leiden, aber Himmel auch, um deinetwillen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Das, entschuldigen Sie den ruppigen Ausspruch, können Sie getrost vergessen! Meine Herren? Gute Nacht!« Und damit war Straußmeier auch schon durch die Tür verschwunden. Durchs Fenster konnten George Hodge, Eddy Jenkins und J. Ellinger beobachten, wie er sich zu Fuß entfernte und in Richtung des Hauses auf dem Hügel spazierte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Kurz darauf kam Marta Ferrell aus dem Hinterzimmer zurück. »Wo ist er denn hin, Jungs? Doch nicht etwa ...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Unbelehrbar, die Jugend!«, grummelte Eddy.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »George, hast du ihm die Geschichte nicht erzählt?« Marta sah George mit strengem Blick an. Dieser zuckte nur mit der Schulter. »Ach Marta, natürlich habe ich das! Aber du hast ihn doch gesehen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ein Arschloch war das!«, Rief Eddy und ergänzte: »Du, Marta, krieg ich noch ein Bier?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Vergiss es! George, ihr müsst den Kerl zurückholen, ob Arschloch, oder nicht.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; George schlug die Hände auf seine Knie.»Warum? Er wollte doch nicht hören.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Also das ...«, begann Marta und schüttelte resigniert den Kopf. Dann fiel ihr Blick auf das Geld auf dem Tresen. »Immerhin hat er sein Bier bezahlt, nicht wahr, Eddy?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Doch dieser ignorierte die Anspielung. »Den sehen wir nicht wieder«, meinte er nur.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; George murmelte etwas Unverständliches. »Sollen wir ihn doch zurückholen?«, fragte er dann in die Runde.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; J. Ellinger hob die Augenbrauen. »Nach dem kräht morgen kein Hahn mehr. Glaube kaum, dass ihn jemand vermisst. Außerdem sieht’s draußen aus, als würde es gleich regnen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Auch wieder wahr«, sagte George.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ich habe eine bessere Idee.« Alle schauten J. neugierig an, ein Moment, der ihm so fremd war wie den anderen. »Nun ja«, fuhr er fort, »die Sache ist doch die: Wenn ihn keiner leiden kann und es würde mich wundern, wenn den Kerl irgendwer mag, dann wird ihn mit Sicherheit niemand vermissen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Richtig«, stimmte George zu. »Und weiter?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Also, wir warten bis morgen Nachmittag.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Bis morgen Nachmittag«, wiederholte Eddy. »Und dann?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Etwas Seltenes geschah: Ein Lächeln schlich sich auf James Ellingers Gesicht. »Dann, liebe Freunde, hat die alte Betsy Boo ihn vermutlich gefressen oder sonst was Widerliches mit ihm angestellt. Wir sind ihn los und vor der Bar steht ein teures Auto, von dem George vorhin sagte, dass es vermutlich mehr wert sei als alles in P-More!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Du meinst ...«, begann George und hob eine Augenbraue.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Richtig«, flüsterte J. und lächelte immer noch. »Wir verticken die Karre.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Für einen Moment herrschte völlige Stille, dann begann auch George zu lächeln. Eddy kicherte und selbst Marta konnte nicht verbergen, dass ihre Augen von einem plötzlichen Leuchten erhellt wurden. &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; George klopfte J. Auf die Schulter. »Du bist ein ausgekochtes Schlitzohr«, sagte er und lachte. Dann sah er zum Tresen herüber. »Marta?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Marta Ferrell nickte. »Alle weiteren Runden heute gehen aufs Haus, Jungs!«&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-8848294341313125125?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/8848294341313125125/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=8848294341313125125&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8848294341313125125'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8848294341313125125'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/07/das-haus-auf-dem-hugel.html' title='Das Haus auf dem Hügel'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-4363462405675968940</id><published>2011-06-26T15:23:00.002+02:00</published><updated>2011-06-29T16:50:25.301+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Herzschmerz'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Romantik'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Rüdiger, John McIntosh und was man so tun kann</title><content type='html'>Rüdiger sah sich noch einmal ganz vorsichtig und aufmerksam um. Nein, tatsächlich beobachtete ihn gerade niemand. Die da drüben am Tisch schon gar nicht, perfekt! Er schlich ein kleines Stück voran, drehte sich zur Sicherheit noch einmal um und huschte, als er sich sicher war, dass niemand ihm zusah, möglichst lautlos um die Ecke. Da stand er auch schon, dieser seltsame Typ, der den ganzen Tag vor sich hin blinkte und der ihm sowie den anderen schon des Öfteren aufgefallen war. Rüdiger kannte sie alle hier, nur dieser Kerl, der erst vor wenigen Wochen aufgetaucht war, mit dem hatte er noch kein Wort gewechselt.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Hey, pssst«, flüsterte Rüdiger. »Pssst, hey, du!« Doch der auf Hochglanzpolierte Typ , der in seiner durchaus schnittigen Form auf der kleinen Anrichte thronte, schien ihn gar nicht zu beachten. »Hey du! Bist du taub?«, versuchte Rüdiger es noch einmal.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Dann endlich wandte der Neue sich Rüdiger zu. »Oh, was? Entschuldige bitte, ich war gerade ziemlich in den Datentransport vertieft. Du weißt ja, wie das ist, Pakete erstellen, einpacken, verschicken, Pakete holen, auspack...«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ich bin Rüdiger. Du bist neu hier. Wie heißt du? Und was für ein ... ein Ding bist du?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Der Neue machte ein beleidigtes Gesicht. »Wenn du mich ausreden lassen würdest, hätte ich dir das schon noch gesagt. Ich heiße John McIntosh. Aber nenn mich einfach John. Ach so, und ich bin ein DSL-Modem, aber ich dachte, das sieht man mir an.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Also dass ich ein Staubsauger bin, ist recht offensichtlich, denke ich, denn in jedem Haushalt gibt es einen, aber von einem SVL-Ödem habe ich wirklich noch niemals gehört.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»DSL-Modem!«, korrigierte John den Staubsauger. »Ich bin eines dieser Geräte, mit denen man im Internet surfen kann. World Wide Web, Mail, Messaging, der ganze Spaß. Verstehst du, Kollege?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Kein Wort.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Oh.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Rüdiger drehte sich um, nur um sicher zu gehen, dass er noch immer nicht beobachtet wurde. Dann rollte er ein Stück voran, um die kleine Anrichte herum und betrachtete John McIntosh von der anderen Seite. »Du hast da diese lustig blinkenden Lampen und in deinem Rücken hängen Kabel. Wofür ist das ganze Zeug?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;John seufzte. »Du hast doch schon nicht verstanden, was ich dir eben gesagt habe. Reicht es dir also, wenn ich ich dir erzähle, dass das ganze Zeug, wie du es nennst, nötig ist, damit Menschen im Internet surfen können?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Hmm, surfen? Also ich kann nur saugen.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ach, vergiss es!«, grummelte John. »Pass auf, siehst du das Mädel da drüben? Die Kleine, die dort am Tisch vor dem kleinen eckigen Kasten sitzt?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ja, klar. Ich passe doch schon die ganze Zeit auf, dass sie nicht sieht, wie ich hier durch die Gegend rolle. Aber sie scheint ohnehin ziemlich beschäftigt zu sein, wenn du mich fragst.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Darauf kannst du wetten, mein Freund.« John machte eine Pause und überlegte. »Hmm, weißt du, sie surft gerade im Internet und chattet. Kurz gesagt, sie unterhält sich mit jemandem.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Aber da ist doch gar kein anderer, der mit ihr reden könnte«, stellte Rüdiger in wunderndem Ton fest.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Sag mal, hast du dir selbst den Verstand rausgesaugt? Herrje, bei dir sind Hopfen und Malz wirklich verloren, oder? Okay, anders. Weißt du, was ein Telefon ist?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Na klar doch! So dumm bin ich nun auch nicht. Gundula dort hinten, die ist das Telefon hier. Die größte Plaudertasche zwischen Fensterbrett und Haustür. Wenn du wissen willst, was es Neues im Wohnzimmer gibt, musst du nur sie fragen. Sie weiß alles!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Na prima. Siehst du, im Prinzip tut das Mädel dort drüben so was wie telefonieren. Nur redet sie nicht mit jemandem, sondern sie schreibt ihm.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ah, so wie Briefe, meinst du!« Rüdiger lächelte. Jetzt wurde ihm die Sache langsam geheuer. Ohnehin hatte er sich schon lange gewundert, wie ein Mensch stundenlang vor einem kleinen kantigen Kasten sitzen konnte, von dem ein Staubsauger nicht einmal wusste, wofür er da war. Inzwischen fühlte er sich regelrecht vernachlässigt. Wann hatte das letzte Mal jemand seinen Beutel gewechselt? Er wusste es nicht zu sagen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ganz genau! Wie Briefe. Sie schreibt mit einem Mann. Ziemlich tragische Geschichte.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Tragisch? Was ist denn tragisch daran?« Neugierig rollte Rüdiger näher an die Anrichte heran. Für eine kleine Geschichte war er schließlich immer zu haben.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Nun ja, sie schreibt mit einem Mann. Und sie wäre gern bei ihm, ist es aber nicht, denn er ist weit, weit weg. Deswegen ist sie traurig.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Oh«, seufzte Rüdiger. »Ja, das ist wirklich unschön. Verstehst du denn alles, was sie sagen?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Jedes Wort!«, sagte John stolz.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Kannst du ein bisschen davon erzählen? So wie Gundula das immer tut?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Nein, die Daten sind verschlüsselt.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Aber .. aber mit mir redest du doch jetzt auch. Nun sag schon!« Rüdiger kroch noch ein kleines Stück näher.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;John dagegen rückte ein Stück ab. »Geht leider nicht, Kumpel. Wie gesagt, alles verschlüsselt.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Blöder Geheimniskrämer!«, schmollte Rüdiger.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Du kannst ja gern die Konfiguration ändern.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Die Konfi-was?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ach, vergiss es!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Sie schwiegen und schauten dem Mädchen zu, das vor dem kantigen Kasten saß und die Finger wild auf irgendetwas herabsausen ließ, so dass es klackerte und ratterte. Über die rechte Wange des Mädchens kullerte eine Träne. Es setzte die Finger ab und wischte mit der rechten Hand über sein Gesicht. Dann schnäuzte es laut in ein Taschentuch und begann wieder mit dieser seltsamen Tipperei.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Rüdiger durchbrach als erster die Stille. »Sie sieht wirklich sehr, sehr traurig aus«, stellte er ziemlich klar fest.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ich sage ja, traurige Geschichte«, pflichtete John bei. »Und ich kann auch gar nicht verstehen, warum sie noch hier herumsitzt. Sie hat keine Kabel, die in irgendeiner Wand stecken. Sie hat richtige, echte Beine. Soll sie die doch in die Hand nehmen und zu ihm gehen. Dann wäre sie weniger traurig und ich könnte endlich mein wohlverdientes Nickerchen halten.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Vielleicht geht das nicht«, murmelte Rüdiger, der einen nachdenklichen Blick aufgesetzt hatte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was? Was soll da bitte nicht gehen?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Du hast doch gesagt, er sei weit weg. Vielleicht kann sie nicht so einfach zu ihm aufbrechen. Manchmal gibt es Hindernisse, die nicht jeder sofort sieht.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was denn für Hindernisse?« Nun wurde selbst John McIntosh neugierig.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Na Hindernisse eben. Weißt du, als ich noch ein junger Sauger war, das war noch ganz woanders und nicht hier, da verliebte ich mich unsterblich in Brunhilde.« Rüdiger starrte verträumt in die Leere und seufzte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Wer war denn diese Brunhilde?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Brunhilde war, nun ja, sie war ein Rasensprenger.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Du warst verliebt in einen Rasensprenger?« John McIntosh verkniff sich ein Grinsen, das seine Dioden zu einem viel zu auffälligen Leuchten gebracht hätte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Gegensätze ziehen sich an, oder nicht? Jedenfalls war sie auch verliebt in mich und das war, was zählte. Wir unterhielten uns stumm durchs Fenster, gaben uns Zeichen und träumten vor uns hin. Was einmal sein würde, wo wir zusammen hingehen würden, um Kinder zu haben und alt zu werden, all diese Luftschlösser eben. Nur waren da Hindernisse. Solche, die man nicht unbedingt sofort bemerkt.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Und die waren was genau?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;Rüdiger schmunzelte, doch lag nichts als unendliche Wehmut in seinem Gesichtsausdruck. »Eigentlich ganz trivial. Sie war draußen, ich drinnen. Wir waren getrennt durch eine Fensterscheibe. Wir konnten uns sehen und uns nah sein, doch wir konnten niemals wirklich beisammen sein. Das Hindernis war eine blöde Fensterscheibe.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Das ist wirklich tragisch.« John McIntosh war das Grinsen damit vergangen. »Was ist dann passiert?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Tja, es kam noch schlimmer. Wir hätten ja weiterträumen können, schließlich stirbt die Hoffnung zuletzt, wie man so schön sagt. Doch irgendwann, als draußen das Laub von den Bäumen zu fallen begann, kam so ein Kerl auf den Rasen und nahm sie einfach mit. Ich rief ihr nach, doch sie konnte mich durch die Scheibe nicht hören. Sie konnte nur die Zeichen sehen, die ich ihr gab und ich musste mit ansehen, wie sie mir einen letzten Kuss zuwarf, ein letztes Lächeln, dann war sie weg.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»F... für immer?«, fragte John mit weit aufgerissenen Leuchtdioden.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ja, für immer. Wir sind uns niemals mehr begegnet. Was hätte ich tun sollen? Losziehen, ein Bahnticket lösen und hinterherreisen? Ich weiß ja bis heute nicht, wo sie hingebracht wurde«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Das ... also das ist wirklich die traurigste Geschichte, die ich jemals gehört habe.« Johns viele kleine Lämpchen flimmerten betrüblich vor sich hin. &amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Nicht wahr? Aber weißt du, ich lebe noch. Ich denke hin und wieder an sie und tief in meinem Saugbeutel weiß ich, dass es ihr gut geht und dass sie auch ab und zu an mich denkt. Das ist alles, was wir erreichen konnten und zu wissen, dass wir eine schöne Zeit hatten, macht mich glücklich. Manchmal kann man eben nicht mehr tun. Nur warten, hoffen und sich selbst nicht aufgeben.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;John McIntosh schwieg ehrfürchtig. Dann rückte er dieses Mal näher zu Rüdiger heran. »Weißt du, dafür dass du ein wenig weltfremd wirkst, alter Saugfreund, bist du ein ziemlich weises Gerät.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Was, ich?«, fragte Rüdiger und schmunzelte beschämt. »Ach weißt du, ich habe ja schon so einige Jahre auf dem Buckel. Mit dem Alter kommt die Weisheit, das sagt man doch so.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Hmm, du meinst also, wir können ihr da drüben nicht helfen? Nichts für sie tun? Gar nichts?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Oh, sie kann bestimmt eine Menge für sich selbst tun. Es gibt zwar immer Hindernisse, Ärgerliches, gegen das kein Kraut gewachsen ist, aber solange man all die schönen Seiten des Lebens sieht und vor allem die Hoffnung&amp;nbsp; im Herzen bewahrt, wird es immer ein Morgen geben und die Chance bestehen, dass jedes Hindernis überwunden werden kann.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Das ... also das hast du wirklich schön gesagt«, seufzte John McIntosh und wischte ein Tränchen von seinem in Klavierlackoptik gehaltenem Gehäuse. »Weißt du, Rüdiger, das gibt mir jetzt Kraft. Ich ... also ich habe auch noch Wünsche und Träume. Meinst du, die könnten auch wahr werden?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Aber selbstverständlich! Was wünschst du dir denn?«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Na ja, ähm ...«, begann John und druckste beschämt herum. »Also da ich ja ohnehin schon Daten in Hochgeschwindigkeit durch die Leitungen schicke, bin ich irgendwie auf den Geschmack gekommen. Hmm, ich ... nun ja, ich ... also ich würde gern Rennfahrer werden.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Bitte was?« Um ein Haar wäre Rüdiger vor Schreck zur Seite umgekippt.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Rennfahrer eben. Was hältst du davon?&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Vergiss es!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Aber ... aber du hast doch gesagt, jedes Hindernis kann überwunden werden.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ja, habe ich. Aber lass dir das von einem alten Staubsauger gesagt sein: Du bist ein elektronisches Gerät aus Plastik, das an Kabeln befestigt an der Wand hängt und Tag ein, Tag aus vor sich hin blinkt. Auch wenn ich mich mit DSM-Dolems nicht auskenne, du wirst im Leben kein Rennfahrer!«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Wirklich nicht?«, fragte John McIntosh betreten.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Wirklich nicht.«&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;»Ach, schade.«&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-4363462405675968940?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/4363462405675968940/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=4363462405675968940&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/4363462405675968940'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/4363462405675968940'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/06/rudiger-john-mcintosh-und-was-man-so.html' title='Rüdiger, John McIntosh und was man so tun kann'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-468898901051432023</id><published>2011-06-08T10:43:00.002+02:00</published><updated>2011-06-08T10:43:18.377+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Satire'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Erzählungen'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Keimzeit</title><content type='html'>Ich habe Ehec! Ach nun tun Sie nicht so überrascht, es ist »Keimzeit« und haben wir da nicht schließlich alle ein bisschen Ehec? Infiziert muss man sich gar nicht haben, ist die Darmseuche doch unlängst zu einem bunten Medienspektakel avanciert, von dem jeder was hat. Ja, wenn wir Deutschen so ganz plötzlich alle gemeinsam Papst sein können, dann können wir jetzt auch alle zusammen Ehec haben, basta!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und stimmt es nicht auch? Fühlen Sie sich nicht wenigstens ein ganz kleines Bisschen in Ihrem Alltag beeinflusst? Man muss es ja nicht gleich übertreiben und den heimischen Gemüsegarten keulen, es reicht ja schon, den unscheinbaren Tomatenstrauch von nebenan argwöhnisch zu beäugen, den der alte Schmidt so verdächtig oft hegt und pflegt. Bis nach Spanien muss man da gar nicht schauen, wo tüchtige deutsche Behörden in all ihrer Gründlichkeit anfangs die Herkunft der fiesen Verdauungstraktsabouteure noch vermuteten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und man muss schon zugeben, es war doch so offensichtlich, nicht wahr? Las nicht jeder von uns die Schlagzeile und dachte: Klar, Spanien! Wo auch sonst? So ein Pleiteland, wo sie entweder die Stiere zum Spaß quälen oder sich von ihnen durch die schmuddeligen Gassen jagen lassen, statt die Wirtschaft anzukurbeln. Geschieht denen ganz recht, nicht wahr? Haben die uns doch 2008 mit ihren roten Trikots die schöne EM versaut! Spanien, was soll aus dem Land bankrotter Conquistadoren auch anderes kommen, als Killertomaten mit bakterienverseuchter Kuhscheiße als Kreditrückzahlung? Die waren uns doch gleich ein rotes Tuch! Olé!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber gut, bleiben wir auf dem Teppich, Pardon, der Auslegware, und essen halt fürs Erste keinen Tomatensalat mehr. Als hätte ich das überhaupt jemals getan. Braucht doch kein Mensch, die roten Dinger. Enthalten eh nur Blausäure. Ess ich halt Gurken, so richtig saftige, stramme, deutsche Gur ... doch haaalt, stopp! Kaum hatten wir uns allesamt daran gewöhnt, nur noch grünem Gemüse zu frönen, da stellte man mit derselben deutschen Gründlichkeit auch schon fest, dass nicht etwa die spanische Tomate, sondern vielleicht sogar die urdeutsche Gurke schuld am norddeutschen Dünnpfiff ist. Haben wir den Spaniern die Argarwirtschaft halt umsonst ruiniert. Was soll’s, war doch eh nichts mehr zu retten, bei den heißblütigen Toreros.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und die Gurke an sich, sind wir mal ehrlich, die macht doch als Objekt unsichtbarer Gefahren für Leib und Darm gleich viel mehr her, oder? Allein die Form erlaubt Kopfbilder von Gurken in Präservativen oder Bin-Laden-Nachkommen im hochgefährlichen Gurkengürtel. Und dann diese Nachrichten dazu: Auf dem Hamburger Großmarkt sei eine Palette mit Gurken umgefallen, hieß es. So seien die grünen Dinger von dem Darmbakterium befallen worden, tönte man. So so, waten die Hamburger auf ihren Märkten durch ein Meer von Kuhscheiße, oder wie sollte man sich das vorstellen? Da kann ich ja von Glück reden, dass ich in Berlin lebe, watet man hier doch immerhin nur durch Hundescheiße. Doch was soll’s, ist ja kein Problem, die blöden Gurken auch noch zu meiden. Gibt’s mittags halt keinen Salat mehr, sondern nur noch feinstes chinesisches Essen von Tante Wang um die Ecke.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;So trug es sich zu, dass die Gurke aus den Supermärkten verschwand, spanische Proteste verhallten ungehört, das Leben ging weiter. Bis kürzlich ein freundlicher Herr von der Untersuchungskommission vor die Presse trat und in sicherem Tonfall verkündete, dass nicht etwa die Gurke, sondern die Sprosse schuld sei an dahinsiechenden Norddeutschen und gebeutelten Krankenhausetats. Na klar doch, die Sprosse, dachte ich im ersten Moment. Moment mal, die WAS? Das dachte ich im nächsten Moment. Mal ehrlich, bin ich der einzige Mensch, der beim ersten Erwähnen der bitterbösen Sprosse als allererstes an den Turnunterricht in der Grundschule dachte? Donnerwetter, wenn weiterhin jede Woche eine neue Sau durchs vegetarische Dorf gejagt wird, kann am Ende der Misere niemand mehr behaupten, er wüsste nicht über gesundes Essen bescheid. Nun, da ich mich mit Bambus- und Sojasprossen bestens auskenne, ist der eklige Fraß von Tante Wang um die Ecke selbstverständlich gestorben!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neuste Erkenntnis, man ahnt es, man weiß es: Die Sprosse wäscht ihre Keimlinge in Unschuld, derweil wir im Dunkeln tappen, an Durchfall leiden, Niere um Niere den Geist aufgibt, derweil man in Spanien bitterlich weint, in deutschen Krankenhäusern ebenso, Frau Merkel sich drüben bei Obama für irgendwas einen Orden abholt und unser Außenminister durch die Urlaubsorte dieser Welt jettet und gut betuchten Diplomatenfreunden die sonnengebräunten Hände schüttelt. So geht das Bibbern hierzulande weiter, niemand weiß wer der nächste ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vor allem der rechtschaffene Vegetarier muss jederzeit mit dem Schlimmsten rechnen, während der Fleischfresser und vermeintliche Tiermörder für seine unmoralische Ernährungsweise mit einer vergleichsweise gesunden Darmflora belohnt wird. Aber Hitler war schließlich auch Vegetarier und wegen dem starben in den Vierzigern unzählige Rinder in der Normandie durch Bombenhagel. Vielleicht ist das ja die Retourkutsche. Wie dem auch sei, der Wochenmarkt wird nie mehr sein, was er mal war und ich persönlich schließe mich den Fleischosauriern an, nehme zu meinem Steak nur noch etwas Schnitzel als Beilage und bleibe inmitten all der innerdeutschen Hysterie dabei: Es ist »Keimzeit«, ich habe Ehec und das ist zwar nicht gut so, spannend ist es aber allemal.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-468898901051432023?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/468898901051432023/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=468898901051432023&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/468898901051432023'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/468898901051432023'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/06/keimzeit.html' title='Keimzeit'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-2040731845660430155</id><published>2011-06-07T16:58:00.000+02:00</published><updated>2011-06-07T16:58:30.717+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Zeichnungen'/><title type='text'>Kaffeetasse</title><content type='html'>&lt;div class="separator" style="clear: both; text-align: center;"&gt;&lt;a href="http://2.bp.blogspot.com/-aArEWHblGFQ/TeJmh7zdT7I/AAAAAAAAA8w/QTPu0qygtBs/s1600/kaffee.jpg" imageanchor="1" style="margin-left: 1em; margin-right: 1em;"&gt;&lt;img border="0" height="300" src="http://2.bp.blogspot.com/-aArEWHblGFQ/TeJmh7zdT7I/AAAAAAAAA8w/QTPu0qygtBs/s400/kaffee.jpg" width="400" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;Zeichenübung ohne tiefere Aussage: Kaffeetasse mit Untertasse und Löffel vor blauem Hintergrund. Gezeichnet mit "ArtRage".&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-2040731845660430155?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/2040731845660430155/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=2040731845660430155&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/2040731845660430155'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/2040731845660430155'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/06/kaffeetasse.html' title='Kaffeetasse'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://2.bp.blogspot.com/-aArEWHblGFQ/TeJmh7zdT7I/AAAAAAAAA8w/QTPu0qygtBs/s72-c/kaffee.jpg' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-1293720727571785322</id><published>2011-06-07T16:55:00.003+02:00</published><updated>2011-06-07T16:59:42.348+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Zeichnungen'/><title type='text'>Apfel auf Tisch</title><content type='html'>&lt;div class="separator" style="clear: both; text-align: center;"&gt;&lt;a href="http://2.bp.blogspot.com/-ZDD3p7uT7vg/Tb8X8BW4CXI/AAAAAAAAA74/7Ed9z9NSzrQ/s1600/Apfel.png" imageanchor="1" style="margin-left: 1em; margin-right: 1em;"&gt;&lt;img border="0" height="250" src="http://2.bp.blogspot.com/-ZDD3p7uT7vg/Tb8X8BW4CXI/AAAAAAAAA74/7Ed9z9NSzrQ/s400/Apfel.png" width="400" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;/div&gt;&lt;div class="separator" style="clear: both; text-align: center;"&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;Zeichenübung ohne tiefere Aussage: Apfel, auf einem Tisch liegend. Gezeichnet mit "ArtRage".&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-1293720727571785322?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/1293720727571785322/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=1293720727571785322&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/1293720727571785322'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/1293720727571785322'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/06/apfel-auf-tisch.html' title='Apfel auf Tisch'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://2.bp.blogspot.com/-ZDD3p7uT7vg/Tb8X8BW4CXI/AAAAAAAAA74/7Ed9z9NSzrQ/s72-c/Apfel.png' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-8473158153071556328</id><published>2011-05-30T11:05:00.000+02:00</published><updated>2011-05-30T11:05:06.150+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gedanken'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Düsteres'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gedichte'/><title type='text'>Alter Mann</title><content type='html'>Keimende Jugend, nur Großes, das zählte:&lt;br /&gt;Ins Leben verliebt, es ganz zaghaft berührt.&lt;br /&gt;Als ich den Platz zum Verbleiben dann wählte,&lt;br /&gt;War alles vorüber, kein Ende gespürt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nass von den Tränen des Fortgangs die Sohlen,&lt;br /&gt;Die Füße woll'n vorwärts. Im Trabschritt ins Glück?&lt;br /&gt;Manchmal noch wag ich's und blicke verstohlen&lt;br /&gt;Ins Gestern, das niemals mehr sein wird, zurück.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ewig voran, nur Sekunden zum Halten.&lt;br /&gt;Was halten ich möchte, entweicht meiner Hand.&lt;br /&gt;Vieles zu schaffen, so viel zu gestalten,&lt;br /&gt;Doch was ich auch schaffe, zerbröselt wie Sand.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Menschen? Sie kommen, sie bleiben nicht lange.&lt;br /&gt;Das Bündnis fürs Leben? Gefühlt ein Moment.&lt;br /&gt;Jeder nimmt Abschied, sie stehen schon Schlange,&lt;br /&gt;Kaum schmerzhaft, wenn niemand den anderen kennt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weiter, schnell, schneller! Dem Sinn selbst entkommen.&lt;br /&gt;War Glück einst das Ziel, ließ auch dies ich zurück.&lt;br /&gt;Alles, was kostbar, allmählich genommen,&lt;br /&gt;An jedem Tag schwindet ein weiteres Stück.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Körper und Geist, selbst die Welt nun verwittert,&lt;br /&gt;Am Ende verbleibt nur der Tod noch zum Pakt.&lt;br /&gt;Nichts bleibt mir sonst, bin nur alt und verbittert,&lt;br /&gt;So endet mein Kosmos, welch sinnloser Akt!&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-8473158153071556328?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/8473158153071556328/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=8473158153071556328&amp;isPopup=true' title='2 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8473158153071556328'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8473158153071556328'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/05/alter-mann.html' title='Alter Mann'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>2</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-8187828786145780893</id><published>2011-05-16T00:21:00.002+02:00</published><updated>2011-05-16T00:21:39.823+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Unheimliches'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Düsteres'/><title type='text'>Diese blauen Augen</title><content type='html'>»Guten Abend, mein Schatz, ich bin zu Hause«, rief Hermann Ohnesorg in den dunklen Flur hinein. Er stand im Türrahmen, den Haustürschlüssel noch in der Hand haltend. Aus dem Wohnzimmer erklang leise »Clair de Lune«. Isolde war zu Hause, hörte Debussy, wie meistens. Sie würde auf der Couch sitzen und schon auf ihn warten. Hermann lächelte zufrieden, dann trat er ins Haus und schloss leise die Haustür. Den Schlüssel legte er in das kleine Schälchen, das auf der alten Ablage aus Eichenholz stand, die unter dem großen Spiegel aufgebaut war. Flüsterleise entledigte er sich seiner Schuhe und hängte den Mantel an seinen Haken, wollte den zarten Klang der Musik nicht mit unnötigem Krach verderben. Dann schlich er auf Socken Richtung Wohnzimmer.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Die Tür war nur angelehnt. Mit erwartungsfrohem Blick steckte Hermann seinen Kopf durch den Türspalt. Der Deckenfluter war eingeschaltet, warf diffuses Licht ins Zimmer, kleidete so die weißen Wände in ein gemütliches golden schimmerndes Gewand. Auf der Couch saß Isolde und strickte. Als Hermann ins Wohnzimmer trat, lächelte sie mit ihrem liebevollen Blick, ohne von ihrer Strickarbeit aufzuschauen. Sie werkelte an einem Schal in rosa- und graufarbenen Streifen, genau das Richtige für die kleine Heidi, genau das Richtige für den kommenden Winter. &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Hermann sagte nichts, der Moment war viel zu kostbar für lautes Gerede über dieses und jenes, über die Arbeit und was nicht alles, das sich außerhalb der trauten vier Wände abspielte. Stattdessen nickte er seiner Frau verstehend zu, schenkte ihr einen gütigen und zufriedenen Gesichtsausdruck, dann ging er hinüber in die Küche. Alles hier war aufgeräumt, alles ganz genau so, wie er es am Morgen verlassen hatte: Im Korb am Fenster lagen vorn die Äpfel und dahinter die Bananen, die Gewürze standen wie kleine Schornsteine alphabetisch sortiert in dem dunkelblauen Gewürzregal, das Jakob in der fünften Klasse im Werkunterricht gebaut hatte, Besteck und Töpfe waren natürlich in Schubfächern und Schränken verstaut, keine Frage. Nichts stand herum, absolut nichts verdarb das friedliche Bild.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Aus dem Kühlschrank griff Hermann eine Flasche Bier. Er öffnete sie und genoss das zischende Geräusch, das einer wunderbaren Feierabendglocke glich. Tag um Tag war das abendliche Bier Hermanns eigene Insel der Glückseligkeit. Ein Moment der Stille, des Friedens, der nur ihm allein gehörte, den er nicht teilen wollte und auch nicht musste. Immer schon war das so gewesen, auch in den turbulenten Jahren der Familie Ohnesorg, jener Zeit, bevor es statt einer Scheidung den großen Kompromiss gegeben hatte, der nicht nur eine Ehe, sondern den Zusammenhalt der ganzen Familie gerettet hatte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Hermann nahm seinen Krug aus dem Küchenschrank und goss das Bier hinein. Angenehm begann die Kühle des gefüllten Glases sich über seine Hand zu legen. Er ging zurück ins Wohnzimmer und setzte sich bedächtig wie ein alter Mann, der er schließlich auch war, in seinen großen, ebenfalls in die Jahre gekommenen Ohrensessel, der gegenüber der Couch stand, auf der Isolde saß und strickte.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Wie schön du bist«, sagte Hermann leise, so dass er gerade noch Claude Debussy übertönte, der soeben sein letztes Stück zu Besten gab und dann, der Wiederholungstaste sei Dank, von vorn beginnen würde. »Wie wunder- wunderschön.« Isolde lächelte noch immer auf ihre liebevolle Art. Es war dieses Lächeln, in das Hermann sich vor dreißig Jahren verliebt hatte, als sein Haar noch nicht grau und schütter und die Haut in seinem Gesicht glatt und makellos gewesen war. Alt und verwittert sah Hermann sich selbst inzwischen, doch Isolde, ja, sie hatte ihre Schönheit bewahrt. Natürlich war auch sie während ihrer siebenundzwanzig Jahre dauernden Ehe gealtert, doch sie hatte sich gehalten. Hatte ihre Schönheit bewahrt und nicht nur das, nein, sie war gütig geworden. Wann hätte sie ihm früher dieses wundervolle Lächeln geschenkt, wann? Vielleicht noch kurz nach der Hochzeit, ja, aber dann, bereits nach ein paar Jahren, als die Kinder noch klein waren, hatte es begonnen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Hermann seufzte. Er dachte ungern an all das zurück, an die vielen Auseinandersetzungen, die Abende im Büro, an denen er so gar nicht nach Hause kommen wollte. Ein Nichtsnutz sei er, ein Hurenbock, der es den jungen Dingern auf der Arbeit besorgen und im eigenen Bett nichts bringen würde. Ein fauler Hund, dem man alles hinterherräumen müsse, einer, der es nie zu was bringen würde. Sie war so ungerecht gewesen, hatte geschrien und er hatte zurückgeschrien, dann hatten die Kinder gebrüllt, es war die Hölle auf Erden gewesen. Natürlich war er nicht immer der Ehemann gewesen, der er hätte sein sollen, doch hatte er so viel Ablehnung, so viel Anfeindung verdient? Gewiss nicht.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Alles vorbei, heute blieben Kummer und Sorgen draußen, wenn man das Haus der Ohnesorgs betrat, jawohl.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Das wird ein wunderbarer Schal, mein Engel«, sagte Hermann. »Heidi wird ganz aus dem Häuschen sein.« Isolde warf ihm ein zärtliches Lächeln zu, ein Bild wahrer Liebe in Vollendung. Zufrieden lehnte Hermann sich im Sessel zurück. Er hob den Krug, um einen Schluck Bier zu nehmen, als ... Da war er wieder, dieser ... dieser Makel! Seine Augen hatten Isoldes friedlich lächelndes Gesicht zu lange gemustert. Immer wieder waren es diese Augen. Diese kalten blauen Augen. Wenn er zulange im Eisblau ihres Blickes badete, fühlte er sich, als brauten sich Gewitterwolken über dem malerischen Frieden zusammen, geschwängert von zu vielen bitteren Ehejahren, bereit, mit Blitz und Donner der Vergangenheit all die kostbare Harmonie zu vernichten, die Hermanns Ein und Alles war.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Als hätte er sich auf einen Nagel gesetzt, sprang er aus seinem Sessel auf und verließ das Wohnzimmer. Er würde duschen gehen, das heiße Wasser auf seiner vor Unruhe kribbelnden Haut würde ihn beruhigen und Balsam für den Schmerz in seinen Gedanken sein, den er trotz der sonst so perfekten Familienidylle wieder und wieder für Augenblicke durchlitt. &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; »Ich gehe duschen. Bin gleich wieder bei dir, Schatz«, murmelte Hermann mit monotoner Stimme und verließ eilig das Wohnzimmer. Auf dem Weg ins Bad machte er vor der Tür zum Zimmer der Kinder Halt. Das Licht war aus, sie schliefen. Leise öffnete er die Tür und warf einen flüchtigen Kontrollblick in den Raum, der nun von einem seichten Lichtspalt erhellt wurde. Links an der Wand lag Heidi in ihrem kleinen Bett, hatte sich zusammengerollt und hielt Hugo, ihren Teddybären fest umklammert. Auf der rechten Zimmerseite schlief&amp;nbsp; Jakob, Arme und Beine weit von sich gestreckt, als wäre Hochsommer statt Spätherbst. Es war ein Anblick, der sich Hermann jeden Abend bot, ein Bild des Friedens, so wie alles im Hause Ohnesorg friedlich war.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Nur diese blauen Augen nicht ... Diese eisblauen Augen ...&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Hemd und Hose lagen ordentlich zusammengefaltet auf dem Toilettendeckel, als Hermann unter der Dusche stand. Siebenundzwanzig Jahre Ehe und alles stand zum Besten. Wer konnte das schon von sich behaupten? Wenn er im Büro von der heimischen Harmonie schwärmte, erntete er nicht selten neiderfüllte Blicke, gerade von jenen Kollegen, die regelmäßig freiwillig Überstunden leisteten, so wie Hermann es früher selbst getan hatte, als der Haussegen noch schief hing. Ja, es war eigentlich alles perfekt: Brave Kinder und eine noch immer wunderschöne Ehefrau, deren Lächeln ihn dahinschmelzen ließ wie Eis in der Sonne. Wären nur diese ... diese Dinger nicht, die ihn immer wieder daran erinnerten, was einmal war. Es war, als würden sie ihn verspotten, ohne Worte, nur durch dieses eisige, gefühllose Blau. Es war ... Ja, es war einzig und allein die Farbe, die bei genauerem Hinschauen all die Güte und Friedlichkeit eines makellosen Gesichts zerstörte. Nur diese widerliche, bitterböse Farbe. Dieses verdammte frostige Blau.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Hermann schlug mit der Faust gegen die Badezimmerfliesen. Vor seinen geschlossenen Augen explodierten rote Punkte zu wilden Blumen des Zorns. Er würde die Wut gleich bändigen, natürlich würde er das. Er konnte ... konnte dieser Frau schließlich ... er konnte ihr eben nicht den Schädel einschlagen, nicht schon wieder. Was sollte er tun? Natürlich, er konnte ihre Augen schließen, so wie er es bei den Kindern getan hatte, doch die beiden schliefen ja auch, verdammt! Eine Frau, die mit zusammengekniffenen Augen strickt und lächelt wie eine verrückte Hexe? Wie sollte er sie denn arrangieren? Nein, das ging schlicht und ergreifend nicht. Doch ... &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; Aber natürlich! Ein zufriedenes Lächeln stahl sich auf Hermanns Gesicht. Warum war er darauf nicht schon eher gekommen? Die Lösung war so simpel, dass sie ihm bisher nicht in den Sinn gekommen war: Er würde ihr ganz einfach neue Augen einsetzen, ein Klacks war das. Eine andere Farbe. Vielleicht ein dunkles Braun, ja, ein beruhigend sanfter dunkler Farbton würde helfen. Isolde würde immer noch aussehen wie sie selbst, ganz bestimmt, nur würde auch die letzte Unerträglichkeit ihres Charakters endlich ausgemerzt sein. »Aus-ge-merzt!«, knurrte Hermann, dann stieß er ein schrilles Kichern aus, das metallisch von den Wänden der Duschkabine widerhallte. Ein wundervoller Moment, ein wundervoller Abend. Alles war wieder in Ordnung im Hause Ohnesorg, ganz wie es sein sollte und bald schon würde es noch besser werden. Spontan pfiff Hermann ein Lied. »Clair de Lune« von Debussy. Wie meistens.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-8187828786145780893?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/8187828786145780893/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=8187828786145780893&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8187828786145780893'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8187828786145780893'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/05/diese-blauen-augen.html' title='Diese blauen Augen'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-2593893801490835538</id><published>2011-04-18T11:51:00.002+02:00</published><updated>2011-05-24T00:40:52.921+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Unheimliches'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Spannung'/><title type='text'>1985</title><content type='html'>&lt;div align="center"&gt;&lt;b&gt;-1-&lt;/b&gt;&amp;nbsp;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;Es war einer von den ganz beschissenen Tagen! Die, an denen man am besten sofort nach dem Aufstehen, noch bevor man sich auf die Toilette hockt, zum Telefon greift, sich krank meldet, anschließend den Wecker auf die Mittagszeit vorstellt und sich den Schlaf holt, der einem gefälligst zustehen sollte. Doch Hannes Achten lag nicht im Bett. Er saß im Studio und moderierte seine Sendung, obwohl seine Kopfschmerzen so schlimm wie selten zuvor waren und auch im Programm nichts, aber auch wirklich gar nichts glatt lief. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er räusperte sich und ließ die Fingerknöchel knacken. Mit einem Knopfdruck schaltete er das Mikrofon ein, beugte sich vor und spulte seine übliche Ansage herunter: »Das waren David Bowie und Pat Methany mit This Is Not America. Sie hören Radio 3, Bonn, Ihren Sender für die besten Nummern der Sechziger, Siebziger und selbstverständlich nur das Beste von heute. Ich bin Hannes Achten und Sie haben jetzt einmal mehr die Möglichkeit, mich hier im Studio anzurufen, Ihre Liebsten zu grüßen und sich Ihr ganz persönliches Lied des Tages zu wünschen, das ich dann nur für Sie selbstverständlich auch spielen werde. Vielleicht klappt‘s ja heute doch noch mal. Wählen Sie wie gehabt null-zwo-zwo-acht, dreimal die Sieben, dreimal die Sechs und schließlich - wie immer - die Drei.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er klopfte die Asche seiner Zigarette in den Aschenbecher und drückte den heruntergebrannten Stummel aus. Dann warf er einen Blick durch die große Glasscheibe in den Kontrollraum zu Janine, seiner Assistentin. Sie nickte ihm zu, worauf er fortfuhr: »Die Leitungen sind ab jetzt frei.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein aufgeregt flackerndes Lämpchen zeigte an, dass bereits ein Anrufer in der Leitung wartete. Hannes ließ ihn durch und schloss wie üblich zur Konzentration die Augen. »Glückwunsch, Sie sind jetzt live im Studio von Radio 3. Mit wem spreche ich?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zuerst Stille. Dann drang ein hastiges Keuchen durch die Leitung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Kein Problem, noch ein Versuch, schließlich bin ich heute dran gewöhnt.« Das klang unfreundlicher, als er wollte und so bemühte er sich um einen freundlicheren Tonfall. »Mit wem spreche ich bitte?« Hannes hatte die Hände an die Schläfen gelegt, die er nun sanft massierte. Dies war nicht nur ein mieser Tag, es war ein verdammter Katastrophentag. Schon der fünfte Anrufer in Folge, der ihm nun wohl gleich das Programm sprengen würde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Immer noch drang nur ein rasselndes Atmen durch die Leitung ins Studio. Hannes hatte den Finger bereits auf den Schalter gelegt, der die Verbindung unterbrechen würde, als der Anrufer zu sprechen begann: »Hallo? Hallo?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja, hallo. Sie sprechen mit Hannes Achten von Radio 3. Mit wem spreche ich?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ist da das Radio, ja?« Die Stimme des Anrufers klang, als hätte er kurz zuvor einen Sprint ans Telefon hingelegt. Hannes machte sich bereits auf das Schlimmste gefasst. »Ja richtig, Sie sind im Radio. Radio 3, Bonn. Sie sprechen mit ...«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Endlich. Ich- ich bin gleich losgerannt, zur Telefonzelle, ob Sie‘s glauben oder nicht. Ich hab ja keinen mehr anrufen können. Hab ich doch vor Schreck das ganze Kabel aus der Wand gerissen. Ich bin dann gleich die Treppen runter. Zwei Stufen mit einem Mal, oder sogar drei. Weiß nicht mehr so genau. Und ich bin ja keine dreißig mehr, ich bin doch schon achtundsechzig. Und da bin ich gerade unten angekommen und laufe doch gleich ...«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Moooment«, unterbrach Hannes den Anrufer, dessen Zunge sich plötzlich gelöst zu haben schien, um wie ein Wasserfall drauf los zu plappern. »Mit wem spreche ich und was ist passiert? Kann ich Ihnen helfen?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Na ich bin der Johannes. Johannes Neumann, der bin ich. Aus Beuel. Und da hat gerade eben mein Sohn angerufen, aber der klang gar nicht so ganz wie mein Sohn, aber irgendwie war‘s dann doch er. Als Vater weiß man so was. Und da sagt der doch, Papa, zieh dich an, wir müssen los, die Josy abholen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Jetzt mal bitte ganz ruhig, Herr Neumann. Was genau ist denn das Problem?« Ein plötzlicher Schmerz fuhr Hannes in den Schädel wie ein Blitzschlag. Vor seinen geschlossenen Augen tanzten bunte Punkte. Reiß dich zusammen, Hannes, gleich ist‘s vorbei. Nach einer kurzen Pause sprach er weiter. »Soll ich- soll ich die Feuerwehr für Sie rufen, Polizei, irgendwas?« Hannes Achten öffnete die Augen und schaute zu Janine in den Kontrollraum, die nur ratlos zu ihm herüberschaute und die Achseln zuckte. Hannes war danach, sich sofort eine weitere Zigarette anzuzünden. Stattdessen nahm er nur einen kräftigen Schluck aus der Kaffeetasse. Ohne Milch, kein Zucker. Sein Kopf pochte nun dumpf vor sich hin, was immer noch erträglicher war als das Stechen, das ihn seit dem Aufstehen immer wieder wie aus heiterem Himmel überfiel. Und seit dem heutigen Spießrutenlauf, den ihm die Studioanrufer wie in Absprache antaten, war es noch schlimmer geworden: Immer wieder durchbohrte ein Speer aus Schmerzen seinen Schädel. Irgendetwas lag heute definitiv in der Luft.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»... die Josy ist doch die Josephine, meine Tochter.« Der Anrufer hatte inzwischen munter weitergeplappert und nun stieg auch Hannes wieder ein. »Die ist damals mit dem Lothar, ihrem Mann, mit dem ist die ja drüben geblieben, als sie da alles dicht gemacht haben. Na und eben ruft mein Sohn an und meint, Papa, komm, wir müssen los, die Josy holen, die Mauer ist doch offen! Und jetzt wollt ich das erzählen und ich bin ja ganz aufgeregt und ...«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Sofort stopp, Herr Neumann!«, unterbrach ihn Hannes forsch. Augenblicklich brach der alte Mann am Telefon ab und schwieg. Hannes holte schleppend Luft. »Die Mauer, das kann ich Ihnen versichern, steht noch. Da hat Ihnen vermutlich jemand einen Streich gespielt, Herr ... ähm ... Herr Neumann.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Einen Streich? Wie?« Der Mann am Telefon klang aufrichtig enttäuscht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja, Herr Neumann, ich nehme es an. Vielleicht einer Ihrer Nachbarn? Ich weiß es nicht. Tut mir auch wirklich sehr, sehr leid. Kann ich sonst etwas für Sie tun? Brauchen Sie Hilfe?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Klack! Der Alte hatte tatsächlich einfach so den Hörer aufgelegt. Hannes ließ den Kopf auf sein Pult sinken. Nur für Sekunden, die sich jedoch wie Kaugummi in die Länge zu ziehen schienen, verharrte er in dieser Position, dann holte er noch einmal tief Luft, um fortzufahren, schließlich war er noch immer auf Sendung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Tja, irgendwie sollte es heute nicht sein. Habe ich vielleicht einen Monat verschlafen? Ist heute der erste April? Ich habe absolut keine Ahnung, Sie vermutlich auch nicht. Dennoch, hier ist und bleibt Radio 3, Bonn. Es ist zwölf Uhr mittags und auch wenn die ganze Welt durchdreht, Hannes Achten bleibt am Ball und spielt für Sie ausschließlich das Beste der Neunzig ... ach was, der Sechziger, der Siebziger und selbstverständlich nur das Allerbeste von heute. Und damit verabschiede ich mich für heute und wünsche allen Zuhörern ein phantastisches Wochenende.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Darauf schaltete Hannes das Mikrofon ab und spielte wieder Musik ein: Jet Set von Alphaville. Langsam und vorsichtig wie ein alter, kranker Mann stand er auf, achtete darauf, das Gleichgewicht zu behalten, dann stieß er die Luft durch seine geschlossenen Lippen aus wie eine lecke Luftmatratze und schlurfte zur Tür. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was zum Henker!?«, fluchte er, als er in den Kontrollraum hineintrat. »Steht heute die ganze verdammte Welt Kopf oder was? Reicht es nicht, dass mein Schädel sich anfühlt wie ein übervoller Wasserballon? Warum erzählt mir heute jeder so einen Scheißdreck?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Janine stand auf und legte ihm behutsam eine Hand auf die Schulter. »Du siehst beschissen aus«, sagte sie.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nee, ich sehe nicht nur so aus. Mein Schädel explodiert. Verdammte Migräne! Was ist denn heute bloß los mit den Leuten? Du hast es doch auch mitgekriegt.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hab ich, klar. Vielleicht irgendein neuer Konkurrenzsender? Ein Streich? Ich hab keine Ahnung. Normal war das jedenfalls nicht.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ein Streich?« Hannes lachte und klang dabei hysterischer, als es ihm selbst lieb war. »Janine, hast du überhaupt zugehört, was die erzählt haben? Erst regt sich diese Frau von heute Morgen über ihre Kinder auf, die sie angeblich anrufen und fragen, wo sie bleibt und die sie doch, wie sie meint, nie in die Welt gesetzt hat. Der nächste will im Fernsehen den neuen Bundeskanzler gesehen haben und keiner glaubt ihm - ich übrigens auch nicht - und der von gerade eben schoss doch glatt den Vogel ab. Die Mauer ist offen, dass ich nicht lache! Und die anderen beiden Irren hab ich schon wieder aus meinem Gedächtnis gestrichen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Janine runzelte besorgt die Stirn. »Geh nach Hause, Hannes. Ruh dich aus. Die Sendung ist eh vorbei und den Rest kriege ich auch alleine hin.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hannes ließ die Schultern sinken und seufzte. »Janine, ich bin doch kein Seelsorger. Ich moderiere eine Wunschsendung und kriege Anrufe aus irgendeinem Irrenhaus. Was soll der Mist?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»So wie du aussiehst, könntest du bald viel eher einen Seelsorger brauchen als die.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Danke auch.« Er versuchte sich an einem Lächeln, das im diffusen Studiolicht unter seinen dunklen Augenringen jedoch geradezu grotesk wirkte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich meine das ernst. Geh nach Hause. Keine Ahnung, was heute los war, mich hat es auch nervös gemacht.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Meinst du, das waren die Russen?« Hannes warf seiner Assistentin einen fragenden Blick zu, der keine Zweifel an der Ernsthaftigkeit seiner Frage ließ.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Die Russen? Jetzt spinnst du total«, antwortete Janine dennoch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Vielleicht eine Art Nervengas? Den verdammten Kommunisten von drüben ist doch alles zuzutrauen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hannes, hör auf jetzt! Geh nach Hause, leg dich hin und schlaf dich aus!« Ihr Gesicht hatte einen zugleich bemitleidenden wie auch wütenden Ausdruck angenommen. Wie eine junge Mutter, dachte Hannes plötzlich. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Vermutlich hast du Recht. Hast du sogar sicher, denk ich«, sagte er und massierte sich mit den Fingern wieder die Schläfen.Mit gesenktem Kopf ging er langsam Richtung Ausgang, als Janine ihm nachrief. Er drehte sich um und sah sie fragend an.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Schaff dir endlich eine Frau an!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er lächelte. Diesmal sah er dabei weniger gequält aus. Dann lächelte auch Janine. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Kein Bedarf«, sagte Hannes. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Doch, den hast du. Und wie du den hast!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er winkte ab. »Nichts, was man nicht durch Zigaretten und Kaffee kompensieren könnte.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Janines Gesichtsausdruck wechselte zu beleidigt. »Wenn du so weitermachst, wirst du keine vierzig mehr. Hör doch zur Abwechslung mal auf mich. Ich bin zwar jünger, aber ich bin kein Kind mehr. Glaub mir, du würdest endlich ein bisschen runterkommen. Du stehst unter Dauerstrom. Wenn man dich nur berührt, hat man das Gefühl, man würde einen tödlichen Stromschlag erleiden.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Erzähl jetzt keinen Scheiß«, sagte Hannes und grinste.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ist kein Scheiß.« Janine blickte noch immer ernst drein. »Du siehst echt geschafft aus. Heute besonders. Soll ich dich nach Hause bringen? Oder zum Arzt oder so?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Quatsch, das schaff ich noch«, sagte er, während er sich in seinen Trenchcoat warf. Eigentlich zu dünn für den Winter, doch das Ding war sein einziger Mantel.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Wie du meinst. Mach‘s gut, Hannes und gute Besserung! Wir sehen uns morgen. Und wenn‘s dir wieder so beschissen geht, wage es bloß nicht, hier aufzutauchen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Jawohl, Madame! Bis morgen dann.« Er winkte ihr mit den Fingern zu und schlüpfte schließlich durch die geöffnete Tür nach draußen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der kühle Februarwind wehte Hannes um die Ohren und verschaffte seinem Kopf vorübergehend Linderung. Er griff in die Gesäßtasche seiner Jeans und zog das zerknitterte Päckchen Zigaretten heraus, das er dort üblicherweise gelagert hatte. Zwei Zigaretten waren übrig. Also machte er auf dem Weg zur U-Bahn an dem kleinen Kiosk halt, an dem er meistens die Nikotinversorgung für den Tag besorgte und kaufte eine Schachtel HB. Als er sich gerade umdrehen und gehen wollte, sprach ihn der Verkäufer, ein kleiner Mann mit rundlichem Gesicht und dichtem, dunklem Schnauzbart, vermutlich italienischer Abstammung, an: »Ich hab Ihre Sendung gehört. Die von eben.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ach ja? Freut mich, danke sehr«, antwortete Hannes kurz angebunden und lächelte höflich. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Sie denken, die Leute von heute Morgen waren verrückt, nicht wahr? Ich hab das gehört. An Ihrer Stimme, meine ich.« In den Augen des Verkäufers lag ein aufgeregtes Flackern und Hannes hatte bereits das ungute Gefühl, dass er gleich eine weitere Ausgabe der Bonner Twilight Zone aufgetischt bekommen würde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nicht direkt verrückt, nein. Ich glaube, sie waren verwirrt oder so«, antwortete Hannes, der spürte, dass seine Kopfschmerzen wieder stärker wurden. »Ich- ich muss jetzt auch los. Nächstes Mal trinke ich gern einen Kaffee mit Ihnen, falls wir beide Zeit haben.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Verkäufer schien ihm überhaupt nicht zugehört zu haben. Als fühlte er sich verfolgt, blickte er einmal nach links und nach rechts. »Auch mir ist heute Morgen etwas Seltsames passiert«, sagte er dann fast schon flüsternd. »Sie werden mir nicht glauben,  aber bei meinen Kindern schwöre ich Ihnen, dass ich das alles wirklich gesehen habe.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hannes seufzte absichtlich laut. »Was denn?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Wie meinen Sie das, was denn?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich meine, was glauben Sie, wirklich gesehen zu haben?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Gesehen? Meine Frau habe ich gesehen.« Wieder blickte der Verkäufer sich unsicher um. Dann blickte er Hannes mit geweiteten Augen an. »Tot war sie!« Seine Stimme bebte. »Ich schlug die Bettdecke zurück, weil ich aufstehen und zur Arbeit musste. Und als ich sie küssen wollte, was ich sonst immer nach dem Aufwachen tue und ihr dann einen guten Morgen wünsche, da sehe ich nur eine vertrocknete Leiche! Genau da, wo sie liegen sollte! Doch das war nicht meine Frau, weil meine Frau nicht tot ist, nicht tot sein kann, aber sie war es eben doch. Und dann habe ich geschrien. Und wie ich geschrien habe! Ich hatte die Augen geschlossen, dann spürte ich ihre Hände auf meinen Schultern und zuerst roch ich nur diesen fauligen Gestank.« Er machte eine Pause und fuhr mit der Zunge aufgeregt über seine Lippen. »Dann sagte sie zu mir, sie sei gestorben wie wir alle. Ich wollte das gar nicht hören, doch dann fragte sie plötzlich mit ihrer richtigen Stimme, was denn los sei. Ich öffnete die Augen und sah sie vor mir. Lebendig und wie ich sie kenne. Besorgt sah sie aus, ja, aber das war auch schon alles.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Das war alles«, wiederholte Hannes mit hochgezogenen Augenbrauen. Mit der Geschichte wäre der arme Kerl hier im Morgenprogramm von Radio 3 überhaupt nicht aufgefallen. Wenn das nicht doch irgendein verdammtes Nervengift war. Das würde auch die schrecklichen Kopfschmerzen erklären, die genau jetzt wieder einsetzten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich schwöre Ihnen, ich habe das alles wirklich gesehen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Na wie Sie meinen«, sagte Hannes, der nun absichtlich genervt klingen wollte. »Ich muss jetzt los, tut mir leid. Aber spannende Geschichte. Schreiben Sie sie auf!« Dann drehte er sich um und ging die Treppe zur U-Bahn hinunter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Passen Sie auf sich auf, mein Freund!«, rief ihm der Verkäufer nach.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Werde ich tun, besten Dank. Passen Sie besser auf sich auf!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In der U-Bahnhaltestelle saß glücklicherweise nur eine alte obdachlose Frau, die scheinbar keinerlei Interesse an einer weiteren Unterhaltung über Begegnungen der dritten Art hatte und stattdessen nur wie benommen vor sich hin starrte. Hannes ließ sich auf eine Bank sinken und tat es ihr nach. Die Kopfschmerzen ließen gerade ein wenig nach. Zu Hause würde er sich einschließen und zumindest heute ganz bestimmt nicht wieder vor die Tür gehen. Vielleicht hatte Janine tatsächlich Recht und er sollte sich endlich eine Frau anschaffen. Aber als hätte er das nicht längst versucht. Sogar mit Zeitungsannoncen hatte er es zwei-, dreimal versucht, doch gefruchtet hatten die nicht gerade. Selbst die Bekanntschaften aus den Diskotheken, in die Hannes sich trotz seines Alters von dreiunddreißig noch ab und an wagte, waren bisher ein Schuss in den Wind gewesen. Entweder hatte es von seiner Seite aus nicht gepasst, oder aber von ihrer oder es war ein beidseitiger Komplettreinfall gewesen. Inzwischen hatte er es mehr oder weniger aufgegeben. Erfolglose Verabredungen waren es einfach nicht wert, dass er sich zum hundertsten Mal Nenas 99 Luftballons in ohrenbetäubender Lautstärke antat. Wenn das, verdammt noch mal, so schwer war, wie sollte er sich da mal eben eine Freundin anlachen? Janine hatte gut Reden: Sie war Mitte zwanzig, sah, abgesehen von ihrer geschmacklosen Brille mit Gläsern, dick wie Flaschenböden, toll aus und hatte seine Probleme ganz gewiss nicht. Nicht, dass er je darüber mit ihr geredet hätte und das wollte er auch nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als die U-Bahn endlich einfuhr, zwang Hannes sich, die Gedanken beiseite zu schieben. Er stand auf und stieg ein. Seine Kopfschmerzen waren inzwischen wieder schlimmer geworden. Irgendetwas lag in der Luft!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="center"&gt;&lt;b&gt;-2-&lt;/b&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="left"&gt;&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="left"&gt;Auf dem Bett liegend hatte Hannes Arme und Beine weit von sich gestreckt, als wollte er Schneeengel auf dem Laken nachzeichnen. Als wäre er von starker Hitze umgeben, dabei war doch Winter und in seiner Wohnung war es auch nicht gerade warm. Die Kühle seiner vier Wände war im Augenblick jedoch sehr vorteilhaft, hatten sich doch die Kopfschmerzen nicht erneut verschlimmert. Immerhin waren sie jetzt nicht stärker als an manch anderem schlechten Tag. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und dennoch war etwas anders, ohne dass Hannes bestimmen konnte, was es war. Er fühlte sich, als würde er zwischen zwei Stühlen sitzen müssen, wissend, dass sein Platz entweder links oder rechts neben ihm war, statt dort, wo er sich augenblicklich befand. Es war, als wäre ihm etwas Gewohntes aus dem Leben genommen worden und gleichzeitig, als wäre etwas um ihn herum, das hier nicht her gehörte. Vielleicht lag es an den verrückten Anrufen vom Vormittag im Studio, allerdings glaubte er das weniger. Es fühlte sich größer an, umfassender und zugleich weniger definierbar.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hannes hatte gerade die Augen geschlossen, als die Kaffeemaschine in der Küche nicht mehr gluckste. Er atmete laut in die Weiten seines Schlafzimmers hinein und musste sich zugleich eingestehen, dass sein Seufzen die Ruhe wie ein akustisches Symbol für seine Einsamkeit überlagerte. Was hatte Janine das Thema auch anschneiden müssen? Andererseits hatte Hannes sich selbst oft genug den Kopf über sein nicht ganz freiwilliges Sololeben zerbrochen, was also sollte der plötzliche Gedankensturm? Immerhin war der Kaffee fertig.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die kaputten Hauslatschen hingen wie Lappen an seinen Füßen und erzeugten ein patschendes Geräusch, als sie auf dem Küchenlinoleum aufkamen, das dringend einer gründlichen Reinigung bedurfte. Hannes griff eine Tasse aus dem Schrank. Ein alter Becher mit Haribo-Aufdruck und einem kleinen Sprung am oberen Rand. Er schenkte sich Kaffee ein, zog eine HB aus der neuen Schachtel und hockte sich mit Zigarette und Kaffeetasse auf die Küchentheke. Die Latschen ließ er zu Boden fallen, um die Beine auf der Theke zum Schneidersitz zu verschränken. Während er zum Fenster hinaus auf die Straßen des Bonner Stadtteils Bad Godesberg blickte, versuchte Hannes, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, vielleicht, um sie endlich los zu werden, vielleicht auch, um zur Ruhe zu kommen. Doch so recht wollte weder das eine, noch das andere klappen. Immer wieder wurde ihm bewusst, wie seltsam er sich heute in seiner eigenen Haut fühlte, wie fremd, wie fehl am Platz. War das einzig und allein Janines Anmerkung bezüglich seiner fehlenden besseren Hälfte gewesen, die ihn jetzt so sehr ins Trudeln gebracht hatte? Er hatte sich doch zuvor bereits seltsam gefühlt, oder nicht? Vollkommen sicher war er sich selbst nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es war still in seiner Wohnung. Unheimlich still. Nicht einmal eine tickende Uhr, die für Geräusche sorgen konnte, gab es. Störte ihn diese Ruhe heute wirklich zum allerersten Mal? Hannes wusste es nicht. Er seufzte, als er merkte, dass die Zigarette inzwischen halb heruntergebrannt war, ohne dass er ein einziges Mal an ihr gezogen hatte. Gedankenlos ließ er seinen Blick herumwandern. Vom Fenster über die Küchenschränke, über den Fußboden mit den vielen Brötchenkrümeln, die er endlich wegsaugen sollte, schließlich blieb er am Kalender hängen: 20. Februar, 1985. War es wirklich erst Februar? Ihm war absolut nicht nach Februar. Nicht nach Winter aber auch nicht nach einer anderen Jahreszeit. Ihm war überhaupt nicht nach Zeit, so seltsam entrückt fühlte er sich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als das Telefon schrillte, hätte Hannes beinahe die Kaffeetasse fallen lassen. Er stellte den Becher ab und ging hinüber zu der kleinen Anrichte, auf der sein schwarzer Telefonapparat stand. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hannes Achten, ja bitte?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hannes? Ich muss dir was erzählen! Scheiße, wie heißt der Kerl, der heute Morgen bei euch die Sendung gemacht hat? Ich kann‘s noch immer nicht fassen! Wer war das, nun sag schon? Ich hab versucht, mich an den Namen zu erinnern, aber ich konnte mich beim besten Willen ...«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Martin? Bist du das?«, unterbrach Hannes den Anrufer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was? Ich? Klar, was soll die blöde Frage? Hannes, wer hat heute gegen zehn Uhr die Sendung bei euch gemacht?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Martin, du verwirrst mich. Ich war auf Sendung und sie war furchtbar, wie du mitbekommen haben solltest. Aber das erzähl ich dir gern beim Bi ...«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nee, Hannes. Das warst nicht du. Ich kann mich ums Verrecken nicht daran erinnern, ob und wann der Kerl gesagt hat, wie er heißt. Jedenfalls dachte ich, frag ich einfach dich. Hab vor zwei Stunden oder so schon einmal angerufen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Jetzt ...«, begann Hannes und verstummte. Er atmete laut in den Hörer. Ihm schwante, dass auch diese Geschichte auf die absurde Bahn abdriften würde, auf der bereits dieser ganze wirre Tag herumkurvte. »Martin, was ... was ist überhaupt los? Fang bitte ganz, ganz vorn an. Ich bin heute nur eingeschränkt aufnahmefähig.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Wieder Kopfschmerzen? Na pass auf, ich war gerade dabei, mir Obst ins Müsli zu schnippeln und nebenher lief das Radio und ... Scheiße Hannes, weißt du was, ich komm vorbei. Ich hab alles auf Band. Ja, ich ... ich hab‘s auf Kassette aufgenommen und das macht mich ganz kirre, weil ... Ich komm vorbei und erzähl's dir.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Jetzt?«, fragte Hannes in ungewollt entsetztem Tonfall.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Passt dir das nicht?«, fragte Martin und die Tatsache, dass er regelrecht enttäuscht klang, veranlasste Hannes dazu, ihn für zwanzig Uhr einzuladen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Super! Bis später! Ich bring das Tape mit«, sagte Martin und packte auf.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Welches Tape?«, fragte Hannes noch, doch die Stimme aus dem Hörer war verstummt. »Ach ja, stimmt«, brummte er und legte auf. Als er zurück in die Küche gehen wollte, spürte Hannes, dass seine Kopfschmerzen wieder schlimmer wurden. Mit den Fingern an den Schläfen ging er stattdessen ins Wohnzimmer und ließ sich auf sein durchgesessenes Sofa sinken. Als er an die Decke starrte, schien diese auf ihn herabsinken zu wollen. So schloss er die Augen und sah wieder bunte Punkte, die vor ihm flimmerten wie schrille Diskothekenlichter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was, zum Teufel, ist bloß los?«, hörte Hannes sich fragen, doch die Stille blieb die Antwort schuldig. Kurz darauf war Hannes eingeschlafen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als ein erneutes Klingeln des Telefons ihn aus dem Schlaf riss, war es draußen längst dunkel. Hannes stand vom Sofa auf, schaltete das Licht ein und taumelte schlaftrunken zum Telefon hinüber. Noch bevor er abhob, warf er einen Blick auf seine Armbanduhr, deren Zeiger auf halb acht standen. In einer halben Stunde wollte Martin da sein. Vermutlich würde er nun doch absagen. Umso besser.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Achten?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hannes? Wo warst du denn? Ich versuche schon den ganzen Nachmittag, dich anzurufen! Ich dachte, es wäre irgendwas passiert«, meldete sich eine aufgeregt klingende Frauenstimme.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hannes blickte stumm zur Wand hinüber. Die Augenbrauen hatte er zu einem nachdenklichen Ausdruck heruntergezogen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hannes? Hannes! Bist du noch dran?«, fuhr die Stimme am Telefon fort.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was? Ich ... ich bin dran. Wer ... Wer ist denn da?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Wie, was, wer ist da? Was soll die blöde Frage?« Dasselbe hatte Martin vorhin doch auch gefragt. Bei ihm war die Sachlage allerdings klar gewesen, ganz im Gegensatz zu jetzt: Die einzigen Frauen, mit denen Hannes regelmäßig zu tun hatte, waren seine Kolleginnen aus dem Studio. In Gedanken ging er noch die wenigen mauen Verabredungen durch, die er mit Frauen gehabt hatte, doch ihm fiel beim besten Willen nicht ein, auf welche von ihnen diese Stimme jetzt passen konnte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Kenne ich Sie?«, fragte Hannes nach seiner gedanklichen Pause.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hannes, ist es wieder die Migräne? Hast du etwa deine Medikamente nicht genommen?« Klang die Stimme am Telefon gerade anklagend? Seltsam, dachte Hannes, wüsste er doch nicht, wann er je regelmäßig Medikamente gegen seine Kopfschmerzen eingenommen hatte, abgesehen von Aspirin, die er jedoch ohnehin eher als eine Art Grundnahrungsmittel betrachtete. Und was nahm diese Person sich überhaupt heraus?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich kenne Sie nicht«, sagte er nur. Das Stechen in seinem Kopf, das durch den Schlaf abgeklungen war, setzte jetzt wieder in voller Schärfe ein. Für einen Moment hatte Hannes das Gefühl, als wollten seine Augen aus ihren Höhlen springen. Aus irgendeinem Grund wurden nun auch noch seine Knie weich, so dass ihn das Bedürfnis befiel, sich sofort hinzusetzen. Für einen kurzen Moment hatte diese Telefonstimme etwas Vertrautes bekommen, ohne dass Hannes dieses Gefühl näher deuten konnte. Auf jeden Fall war ihm nicht wohl dabei, mit dieser Frau zu telefonieren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hannes, du machst mir gerade wirklich Angst. Ich wollte eigentlich nur Bescheid sagen, dass ich nach der Arbeit noch mit Mareike weggehe, aber ich glaube, ich sollte doch lieber nach Hause kommen, oder?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Seine Brust schnürte sich zusammen. Er machte dieser Frau also Angst? Sie war es, die ihm Angst machte! Die Vertrautheit, die er aus ihrer Stimme heraushörte, versetzte ihn in eine Befindlichkeit, die ihm völlig unbekannt war, ein Gefühl, das er als Panik deutete.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Soll das ein Telefonstreich sein, oder was?«, fragte Hannes mit einem Zittern in der Stimme. »Das ... das ist nicht lustig. Sagen Sie verdammt noch mal, wer Sie sind und was Sie wollen, oder ich lege sofort auf!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Willst du mir etwa erzählen, dass du nach vier Jahren Ehe meine Stimme plötzlich nicht mehr erkennst?«, fragte die Anruferin wieder in diesem anklagenden Tonfall.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hannes knallte den Hörer auf die Gabel und zog blitzartig die Hand zurück, als hätte sie auf einer toten Ratte gelegen. Was hatte das jetzt zu bedeuten gehabt? Hörte dieser Terror heute denn gar nicht mehr auf? Die Frau hatte etwas von Ehe gefaselt. Sie hatte so selbstverständlich davon geredet, als hätte sie selbst an den Mist geglaubt, der da aus ihrem Mund gekommen war. Als hätte es nicht gereicht, dass Hannes sich bereits selbst den Kopf über Janines Kommentar nach der Sendung zerbrochen hatte. Diese durchgeknallte Anruferin hatte nun noch kräftig&amp;nbsp; nachgelegt. Was immer auch Martin heute noch mit ihm besprechen wollte, dachte Hannes, schlimmer konnte es gewiss nicht werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Für den Fall, dass noch weitere Verrückte beschlossen, ihn anrufen zu wollen, zog Hannes den Stecker aus der Telefondose. Er hob den Apparat hoch und begann gerade, das Kabel herumzuwickeln, als&amp;nbsp; er das Telefon beinahe wie eine glühende Kohle von sich gestoßen hätte. Es klingelte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er wollte den Hörer wirklich nicht abheben, wollte nicht wissen, ob tatsächlich jemand anrief, obwohl das Telefon nicht eingesteckt war, doch er konnte nur hilflos dabei zusehen, wie seine eigenen Finger das Kabel wieder entrollten, wie seine zitternde rechte Hand sich auf den glatten Kunststoff des Hörers legte und vorsichtig abhob. Mit festem Griff, der seine Fingerknöchel weiß hervortreten ließ, hob Hannes den Hörer ans Ohr. Wie durch einen Schleier nahm er wahr, dass er ein ängstliches »Ja?« ins Telefon hauchte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Stille. Reglos wie eine Wachsfigur stand Hannes mit dem schweren Telefon in der Hand im Flur. Er spürte, dass er zu schwitzen begann, obwohl ihm so kalt war, dass seine Füße sich taub anfühlten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hannes, ich ... ich habe ... habe es verstanden«, stammelte die Stimme der Frau, die zuvor bereits angerufen hatte, verzweifelt klingend.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Wie können Sie ...«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»All das war ... es sollte sein, doch es durfte nicht, nicht wahr, Schatz?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Wovon reden Sie, verdammt?« Hannes spürte, wie die nackte Angst ihn mit ihren kalten Klauen umpackte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Es tut mir alles unendlich leid!«, jammerte die Frau und begann, zu schluchzen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»HÖR ENDLICH AUF!«, schrie Hannes, bevor er die Beherrschung verlor. Als er wieder zu sich kam, stand er in gebeugter Haltung und laut keuchend noch immer im Flur. Das schwarze Telefon lag in seine Einzelteile zerschmettert an der Wand gegenüber.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div style="text-align: center;"&gt;&lt;b&gt;-3-&lt;/b&gt;&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&lt;/div&gt;&lt;div style="text-align: left;"&gt;Als es an der Tür schellte, stand Hannes Achten noch immer im Flur seiner Wohnung und starrte auf das zerschmetterte Telefon. Das Geräusch der Türklingel riss ihn aus seiner Trance und schon konnte er nicht mehr sagen, worüber er so lange nachgedacht hatte. Es war, als wäre er in einem Gefühl versunken gewesen, ein Gefühl, das er nicht hätte haben dürfen, dass er nicht hätte haben können. Er hatte mit einer Person telefoniert, die sich als seine Frau zu erkennen geben hatte und es war genau dieses Gefühl, welches Hannes sagte, dass sie nicht gelogen hatte, dass sie auch nicht geistig verwirrt war und dass eben etwas geschehen war, das nicht geschehen sein konnte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Noch einmal läutete es an der Tür, dann auch ein drittes Mal. Hannes schüttelte den Kopf, versuchte, wieder zu sich zu kommen. Langsam und vorsichtig wie ein alter Mann ging er zur Haustür hinüber. Seine Knie schlackerten und er fühlte sich, als hätte sein gesamtes Blut sich in irgendeinen abgelegenen Winkel seines Körpers&amp;nbsp; zurückgezogen und ihn als schwächliche Hülle zurückgelassen. Mit schwachem Griff umklammerte er die metallene Türklinke. Sie war eiskalt oder schien es zumindest zu sein. Dann öffnete er langsam die Haustür.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kai Obermeier hatte bereits einen Fuß in der Tür, als er Hannes erblickte und vor Schreck zuerst stehen blieb und dann zurückwich. Mit großen Augen starrte er seinen Freund an, als hätte er ein Gespenst vor sich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was, zum Teufel, ist denn mit dir passiert? Hast du was Schlechtes gegessen oder so?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hannes trat ebenfalls einen Schritt zurück in seine Wohnung und zog die Tür weiter auf. »Ich hatte einen miesen Tag. Komm rein«, sagte er leise.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Alles in Ordnung mit dir? Soll ich vielleicht morgen wiederkommen?« Kai Obermeier berührte mit der flachen Hand Hannes‘ Stirn. »Du schwitzt ja. Scheiße, bist du krank? Soll ich einen Ar...« Kai, der soeben in die Wohnung getreten war, entdeckte das zerstörte Telefon am Fußboden. Er warf seinem Freund einen fragend skeptischen Blick zu. »Okay, raus mit der Sprache, was ist passiert?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ach, ich ... ich weiß es gerade selbst nicht. Komm erst mal richtig rein. Ich mach uns einen Tee.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Gar nichts machst du!«, protestierte Kai. »Ich mach Tee. Du setzt dich aufs Sofa. Oder leg dich besser gleich hin.« Sie verließen den Flur, Hannes ging ins Wohnzimmer und ließ sich aufs Sofa fallen, Kai verschwand in der Küche.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was wolltest du mir überhaupt erzählen?«, rief Hannes ohne erkennbares Interesse in seiner Stimme in die Küche hinüber, in der Kai Obermeier gerade quietschende Schranktüren öffnete und wieder schloss.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ach, das ... also eigentlich hast du jetzt Vorrang.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Quatsch nicht, erzähl schon!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kai schob den Kopf durch den Türspalt ins Wohnzimmer hinein. »Aber lach nicht!«, sagte er, konnte dabei jedoch nicht vermeiden, dass sich gerade ein kleines Schmunzeln auf sein eigenes Gesicht schlich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich lache nicht, versprochen!« Als wäre ihm gerade nach Lachen zumute gewesen, dachte Hannes.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hast du gerade ein Kassettenradio in Reichweite?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Klar. Direkt neben dem Fernseher.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aus seiner Hosentasche zog Kai Obermeier eine Kassette, die er zuerst wie ein kostbares Artefakt in die Höhe hielt und dann wie einen Fächer vor und zurück schwenkte, um sie schließlich in das Kassettendeck des Radios zu schieben. »Nicht zurückgespult«, bemerkte er, drückte die Rückspultaste und wartete, bis diese wieder nach oben sprang. Dann betätigte er die Abspieltaste. Aus den Lautsprechern die Hannes am linken und rechten Ende seiner Wohnzimmerschrankwand platziert hatte, donnerte ein Popsong, der anfangs ein wenig unangenehm nach Nena klang, dann aber deutlich progressiver und lauter wurde. Kai zog scharf die Luft ein und drehte den Lautstärkeregler herunter. »Tschuldige«, sagte er, dann verschränkte er die Arme und schaute Hannes mit neugierigen Augen an.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Und?«, fragte er und grinste.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Und was?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Der Song.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was soll damit sein?«, fragte Hannes, der spürte, dass seine Kopfschmerzen, die bis eben trotz oder vielleicht sogar wegen seines seltsamen Erlebnisses mit dem Telefon verschwunden waren, wieder einsetzten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Der ist gut, oder nicht? Er heißt It‘s Kind Of Fun.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Na wie originell«, murmelte Hannes. »Aber stimmt, der geht gut ins Ohr. Ist besser als ... als ...«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Als Butter Cake Fairy Tales«, fügte Kai in gereizt klingendem Tonfall hinzu. Sein Gesicht hatte einen beleidigten Ausdruck angenommen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Tut mit leid. Der Song war ja auch gut.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Klar. Schließlich hast du den auch in deiner Sendung gespielt.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hannes musste unwillkürlich grinsen. »So wie du mich damit genervt hast, kein Wunder.« Etwa ein halbes Jahr zuvor hatte Kai Obermeier, der bereits seit seiner Jugend eigene Musik komponierte und aufnahm, Hannes über Wochen hinweg mit einem eigenen Lied belagert, das er tatsächlich Butter Cake Fairy Tales nannte. Ein Song mit englischem Text, zu vielen Synthesizerelementen, wie Hannes fand, und einem ausgesprochen bescheuerten Titel. Wie alle von Kais Musikprojekten war auch diesem Stück kein überregionaler Erfolg beschert gewesen, doch immerhin hatte Hannes irgendwann zugesagt, den Song in seiner Sendung zu spielen, nicht einmal, um seinem seit vielen Jahren besten Freund einen Gefallen zu tun, sondern einfach, damit dieser endlich Ruhe gab.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kai Obermeier rümpfte auf Hannes‘ Bemerkung hin die Nase. Doch dann nahm sein Gesicht einen Ausdruck der Besorgnis an. »Ich hol mal den Tee«, sagte er. »So wie du aussiehst, hast du den dringend nötig.« Gleich darauf verschwand er in Hannes‘ Küche. »Du würdest ihn diesmal auch freiwillig spielen, oder?«, rief er von dort hinüber.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Würde ich wohl, ja«, rief Hannes zurück und versuchte dabei, begeistert zu klingen. Er fand die Nummer tatsächlich sehr gelungen. Das Lied traf den Zeitgeist, war einprägsam und vor allem, wie er dank seines Jobs beim Radio durchaus einschätzen konnte, bereits jetzt ausgesprochen gut produziert. Selbst Kais Gesang, der sonst zielgenau neben dem eigentlichen Ton zu liegen schien, war erstaunlich präzise. »Der ist nicht nur gut, der ist klasse!«, sagte Hannes, als Kai mit den beiden Teetassen zurück ins Wohnzimmer kam. »Wann hast du den aufgenommen?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Deswegen wollte ich ja mit dir reden«, sagte Kai. Er lächelte nicht mehr und in seiner Stimme klang Besorgnis mit. »Ich hab ihn nicht aufgenommen. Ich hab das Stück nicht einmal komponiert.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hannes zog die Augenbrauen zusammen. »Aber das bist doch eindeutig du.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Das weiß ich, das weiß ich«, sagte Kai aufgeregt. Er nahm einen Schluck Tee aus seiner Tasse und atmete dann tief durch. »In eurer Sendung heute Morgen, da spielten sie so seltsames Zeug und das gefiel mir. Hm, einfach weil man das eben noch nicht kannte. Alles richtig, richtig gute Songs und deswegen blieb ich eben dabei. Ich saß also gemütlich im Sessel und hörte zu, als euer Moderator - wer auch immer der Kerl war -, mich ankündigte. Zuerst dachte ich, ich hätte mich verhört, aber dennoch drückte ich vorsichtshalber auf die Aufnahmetaste und schnitt die Sendung von da an mit. Und dann kam ... das!« Mit der Hand deutete er auf das Radio, das nun die letzten Takte von It‘s Kind Of Fun spielte und dann in eine ältere Aufnahme von Genesis, Turn It On Again überging.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hannes schwieg. Sein Schädel dröhnte. Es war nicht so, dass ihn die Geschichte sonderlich überrascht hätte, im Gegenteil: Er hatte durchaus mit Schlimmerem gerechnet, dennoch fand er die Tatsache, nach dem ohnehin kruden Tag und seinem seltsamen Telefonat ein Lied gehört zu haben, das nicht existieren sollte, durchaus beängstigend.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Jetzt sag doch was dazu!«, hakte Kai schließlich ungeduldig nach.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hannes atmete schwer. Er schloss die Augen und vergrub das Gesicht für einen Moment in den Händen. Gerade war ihm wieder, als wollte sein Kopf im nächsten Augenblick explodieren. »Bist du dir sicher, dass du das Stück nicht doch ...«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Bin ich!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Scheiße!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hannes, was ist los? Hast du ... Hast du eine Ahnung, was hier vorgeht? Wenn du irgendwas weißt, dann sag es, verdammt!« Aus Kai Obermeiers Stimme war die Angst nun deutlich herauszuhören, was Hannes auf eigentümliche Weise beruhigte, gab ihm das doch das Gefühl, nicht allein mit dieser Situation umgehen zu müssen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich ... Du hast hast das Telefon drüben im Flur ja gesehen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja, hab ich. Raus mit der Sprache, was ist los?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hannes machte eine Pause. Er stand auf, ging zum Radio hinüber und drückte auf die Stopptaste, worauf Phil Collins verstummte. Dann drehte er sich um und schaute Kai mit schreckgeweiteten Augen an. Sein Herz schlug nun wieder so heftig wie in dem Moment, in dem das ausgesteckte Telefon geklingelt hatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Kai, meine Frau hat vorhin angerufen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Deine was!?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Du hast schon verstanden. Meine Frau. Sie wollte ...« Hannes entwich ein kurzes hysterisches Lachen. »Sie wollte sich für heute Abend bei mir abmelden.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Du ... du bist nicht neuerdings verheiratet?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Wenn ich‘s wäre, wüsstest du das. Und dennoch - Kai, sie war‘s! Ich meine, ich weiß, dass sie‘s war! Da waren plötzlich Gedanken und Gefühle, die ... ach das klingt total bescheuert ... die eben vorher nicht da waren. So als wäre etwas in mich hineingeschlüpft.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wortlos stand Kai Obermeier auf. Er schlurfte zum Fenster hinüber und schaute hinaus auf die Straße.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Kai? Was ... was ist?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Das ist genau das, was ich heute Morgen dachte, als ich meine eigene Nummer im Radio hörte. Da war ... etwas. Ich kann nicht sagen, was. Etwas war in mir, so als wüsste ich, wie ich den Song geschrieben habe. Als hätte ich es immer gewusst.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Beide schwiegen. Hannes trat zu Kai ans Fenster und schaute ebenfalls nach draußen. Auf der Straße war niemand zu sehen. Keine Autos, keine Passanten. Nur die Straßenlaternen verrieten Hannes, dass sie nicht von einem gewaltigen Nichts umgeben waren. Die Stille, die Hannes schon am Nachmittag gestört hatte, machte sich wieder unangenehm bemerkbar, als abermals ein stechender Schmerz in seinen Schädel fuhr. Hannes biss die Zähne zusammen, dann plötzlich verschwand der Kopfschmerz. Diesmal vollständig. An seine Stelle trat eine vage Vermutung, umgeben von Angst. Panik breitete sich wie eine beißende Rauchwolke in Hannes‘ Verstand aus. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Kai?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was ist?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hörst du das auch?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kai hörte auf zu atmen und lauschte. »Nein«, sagte er. »Nein, ich höre gerade überhaupt nichts.«&lt;br /&gt;»Eben. Ich auch nicht. Es ist totenstill. Als stünde die Zeit still.« Wieder schwiegen beide. Dann legte Hannes den Kopf an die Fensterscheibe. Ihm war, als spürte er eine Vibration im Glas, die nun auf ihn überging. »Kai, hast du schon mal was von einer vierten Dimension gehört?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kai Obermeier schwieg. Vielleicht ahnte er, worauf das hinaus lief, dachte Hannes. Wahrscheinlich tat er das. »Ich meine die Zeit. Hast du ... Hast du schon mal gehört, dass die Zeit eine Art Schiene sein könnte, eine Achse, auf der man sich vor und zurückbewegen kann? Also theoretisch?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Du meinst, dein Anruf, mein Lied, das war irgendwie alles aus der Zukunft?« Kai Obermeier sprach, als wollte er belustigt klingen, doch Hannes glaubte nicht, dass dies seine Absicht war, hörte er doch, wie sein Freund schwer schluckte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Es ist ja nicht nur das. Meine Sendung von heute Morgen, ich ... ich habe viele solcher Anrufe bekommen. Hier stimmt was nicht. Es ist als ...«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Als ob die Zukunft in die Gegenwart hineingeschlüpft wäre.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»So was in der Art, ja. Als ob sie zu uns geflüchtet wäre oder als ob die Zeit durcheinander gekommen wäre. Ich ... ich versteh‘s selbst nicht.« Beide standen mit ausdruckslosen Mienen vor dem Fenster und starrten hinaus in die Nacht. Dann schloss Hannes für einen Moment die Augen und lauschte. »Und dann diese Stille. Diese unheimliche Stille, als würden alle Uhren stehen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hast du eine Erklärung parat?« Kais Stimme bebte. Seine Euphorie über den neuen Song war vollständig verflogen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Scheiße, nein!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In der Ferne heulte eine Sirene. Dann noch eine und schließlich schloss sich eine dritte an. Die Straßen von Bad Godesberg waren noch immer wie leer gefegt, als plötzlich alle Straßenlaternen erloschen. Auch in Hannes Achtens Wohnung war es nun stockfinster. Niemand sagte etwas. Hannes und Kai Obermeier standen am Fenster und starrten hinaus in die Finsternis, die von unheilvollem Sirenengeheul erfüllt war. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der grelle Lichtblitz trat um 20 Uhr und 42 Minuten in Erscheinung. Hannes Achten und Kai Obermeier verstanden. Kurz darauf erfasste der Feuersturm, den einer der unzähligen abgefeuerten sowjetischen Nuklearsprengköpfe ausgelöst hatte, auch die Straßen von Bad Godesberg, wo er jedes Haus, jeden Strauch, alles Leben, die Gegenwart, das Diesseits, die Zukunft hinfort fegte. &lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-2593893801490835538?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/2593893801490835538/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=2593893801490835538&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/2593893801490835538'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/2593893801490835538'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/04/1985.html' title='1985'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-6257936427289756128</id><published>2011-04-06T01:54:00.013+02:00</published><updated>2011-04-06T12:35:35.068+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gedichte'/><title type='text'>Das Sonntagsessen</title><content type='html'>Zu Ostern bei Familie Krause&lt;br /&gt;Fiebert Papa mit klein Peer&lt;br /&gt;Entgegen schon dem Sonntagsschmause, &lt;br /&gt;Männerbäuche, viel zu leer!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Derweil Frau Krause in der Küche,&lt;br /&gt;Schwitzt am gut beheizten Herd,&lt;br /&gt;Und zaubert köstlichste Gerüche.&lt;br /&gt;Was das Warten noch erschwert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Doch endlich biegt sie um die Ecke,&lt;br /&gt;Peer schaut auf, die Augen groß.&lt;br /&gt;Schon greift er hastig zum Bestecke,&lt;br /&gt;Fragt: »Nun sag, was gibt's denn bloß?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Mutti grinst: »Du kannst ja raten.«&lt;br /&gt;»Pizza will ich!«, schreit klein Peer.&lt;br /&gt;»Es gibt heut' aber Hasenbraten.«&lt;br /&gt;Vati klatscht und freut sich sehr!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Sohn jedoch beginnt zu weinen.&lt;br /&gt;»Mama, was hast du gemacht?&lt;br /&gt;Du hast im Herd den süßen kleinen&lt;br /&gt;Osterhasen umgebracht!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es schreit klein Peer, die Wände beben.&lt;br /&gt;»Muss es auch«, brüllt Papa jetzt,&lt;br /&gt;»Heut' ausgerechnet Hase geben?«,&lt;br /&gt;Was die Köchin nun entsetzt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bald zetert jeder ohne Pause,&lt;br /&gt;Ostersonntag, welche Pest!&lt;br /&gt;So endet unterm Dach bei Krause&lt;br /&gt;Jedes scheiß Familienfest.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-6257936427289756128?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/6257936427289756128/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=6257936427289756128&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/6257936427289756128'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/6257936427289756128'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/04/das-sonntagsessen.html' title='Das Sonntagsessen'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-5301102023552008751</id><published>2011-04-03T21:43:00.005+02:00</published><updated>2011-04-04T01:19:33.679+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Erzählungen'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Ich beim Halbmarathon II</title><content type='html'>Wir schreiben den 3. April 2011. Ich stehe auf der Karl-Marx-Allee, Nähe Alexanderplatz, in der wunderbaren Berliner Ostalgie-Skyline. Von den Balkons der maroden Plattenbauten starren marode Bierbauchberliner herab in die Massen. Der Himmel ist strahlend blau, die Laune allgemein hervorragend. Ich mittendrin, wartend auf den Startschuss. Mein iPod ist besser betankt als eine Schnapsdrossel am Lohnzahltag im Whiskeyladen: Schnelles Zeug soll es sein, musikalischer Ansporn in hastigen drei Akkorden, denn heute ist Halbmarathon! Ich spüre, heute geht was und ich werde natürlich alles geben! »But that's the way I like it baby, I don't wanna live forever!« wird es mir schon wenig später aus den Kopfhörern über die Ohren direkt ins Hirn donnern und so soll's auch sein: Nach mir und meinen Tretern die Sintflut!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als der Startschuss endlich fällt und sich unzählige wohl geformte Waden in Bewegung setzen, um dem Asphalt mit sündhaft teuren Hi-Tech-Sohlen kräftig einzuheizen, lasse auch ich mich nicht lange bitten und bringe meine zu kurz geratenen Hammelbeinchen in Gang. In der Gruppe B ist man vorne mit dabei, da ist man schließlich fast schon Veteran, da ist man auf Zack, da schleicht keiner. Vor allem die anderen nicht, wie ich recht schnell feststelle, als sie an mir vorbeiziehen, als wäre ich ein Streckenposten. Aber wie würde Jörg Kachelmann sagen: Das macht mir doch nichts! Schließlich lief es vor anderthalb Jahren in Köln ähnlich ab und letztlich musste selbst der Wind meinen Staub schlucken und eingestehen, dass ich einfach verdammt schnell bin. Meine Bestzeit von knapp einer Stunde, vierzig Minuten gilt es heute, an diesem denkwürdigen Tag zu schlagen. Ein Kinderspiel, bin ich doch so auf Zack, dass selbst der fitteste Turnschuh gegen mich wirkt wie eine versandete Adilette vom letzten Ibizaurlaub.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bereits nach einem gefühlten Kilometer ist ein Herr mit wallender Mähne zum gemütlichen Spaziergang übergegangen. Liebevoll in seine Locken eingewickelt steckt ein Stäbchen, an dessen Ende ein Atomkraft-nein-danke-Fähnchen fröhlich im seichten Wind flattert. Der hätte einen kleinen Atomreaktor durchaus nötig gehabt, denke ich mit einem leichten Schmunzeln und ziehe akkurat wie das Matterhorn an ihm vorbei. Überhaupt sieht man heute viele dieser Statements, läuft man doch scheinbar nicht mehr für den Frieden, sondern gegen die Atomkraft, obwohl das zumindest gefühlt derzeit aufs Gleiche hinausläuft. Und als würde das Wetter die allgemeine Stimmung nur unterstreichen wollen, knallt die Sonne mit einer Kraft von ihrem Logenplatz aus, dass sich mein Schädel bereits jetzt anfühlt wie eine Schnellkochplatte auf der höchsten Stufe. Muss am schütteren Haar liegen. Schnell stelle ich fest, dass dieses gleißende Mistding hoch oben mir doch glatt die Kondition raubt! Wie war das mit der Bestzeit? Nun gut, ich denke, fünf Minuten mehr in der Ergebniszeit sind keine Schande, schließlich werde auch ich nicht jünger.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Meine Füße scheinbar auch nicht und so stellt sich nur wenige Augenblicke später ein leichtes Brennen da ein, wo definitiv nichts brennen sollte: am Fuß! Hat sich's also eine Blase an selbigem gemütlich gemacht, die sich während des weiteren Verlaufs dieses dank Höllentemperaturen zum Todesmarsch verkommenen Halbmarathons genüsslich mit Wundwasser füllen wird - mhhhhh, ein Genuss à la carte! Und da selbst aller schlechten Dinge gern mal drei sind, verliere ich auch noch eine Sicherheitsnadel, so dass meine zuvor sorgsam befestigte Startnummer jetzt an meinem Bauch herumzappelt wie, öh, wie ein Zappeltier eben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie gut, dass auch solche Läufe nicht ewig währen, denke ich, während ich mich inzwischen nur noch in Zeitlupe voranbewege. Als ich vorhin pinkeln war, muss mir irgendein Neider Ambosse an die Füße gebunden haben. So zieht die Läuferriege weiterhin an mir vorbei, vermutlich, um mich zu ärgern, doch meine inzwischen vor Erschöpfung zu Schlitzen verengten Augen können kaum mehr den Asphalt vom Berliner Smog unterscheiden. Doch da, ein Lichtblick: ein Kilometerschild, aber was zum!? Eine Vier? Da muss ein Scherzbold die vorangestellte Eins weggekratzt haben, rede ich mir ein, fürchte jedoch, dass dem nicht so ist und dass sich auch niemand gehörig vermessen haben wird. Im Kopf längst resigniert, schiebe ich mich nur noch mechanisch getrieben Meter für Meter Richtung Ziel oder Verderben. Ich werde wohl laufend sterben und man wird es erst bemerken, wenn ich mich wie ein Tetrisblock sauber in die nächste Hauswand eingefügt haben werde, weil mir in meiner geistigen Umnachtung die Kurve entgangen sein wird!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Inzwischen müssen Jahre ins staubige Land gezogen sein. Straßen ziehen sich in die Länge, führen vermutlich in die Wüste und von irgendwoher dringt schnelle Rockmusik an mein Ohr. Dann fällt mir wieder ein, wer ich bin und was zum Teufel ich hier mache. Mit letzter Kraft sehe ich mich um und nehme vage wahr, dass die Kilometermarken inzwischen tatsächlich zweistellig geworden sind. Es grenzt an ein Wunder, dass ich mich immer noch voranbewege, denn noch immer hat die Sonne kein Erbarmen mit meinem völlig überhitzten Schädel, der sich anfühlt wie ein pfeifender Dampfkessel und inzwischen die Farbe eines SPD-Werbeluftballons angenommen haben muss. Doch auch andere Läufer scheinen Probleme mit dem stickigen Hochsommerwetter im April zu haben und so hat jeder seine eigene Strategie ausgearbeitet: Einige liegen reglos auf dem zum Nickerchen einladenden Asphalt und lassen sich von weiß gekleideten Bediensteten die kalkweißen Schenkel massieren, während andere sich die Laufstrecke mit ihren eineiigen Geschwistern teilen; zumindest kann ich mir anders nicht erklären, weshalb ich dreimal in Folge an demselben gehenden (!) Mann vorbei- äh ... -schreite.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Natürlich hat mein Mannesstolz mir jegliches Aufgeben verboten und so hangle ich mich von Verpflegungsstand zu Verpflegungsstand, schütte Wasser in meinen fast völlig mumifizierten Körper und purzle letzten Endes agil wie ein verklebter Zementmischer - oh Wunder - über die Ziellinie. Die Digitalanzeige über mir will mir weismachen, dass ich sogar noch unter zwei Stunden geblieben bin. Entweder tickt das Ding nicht richtig oder ich bin zwar zum 31. Halbmarathon aufgebrochen, jedoch erst zum 32. im Ziel eingetrudelt, oder aber Einsteins Relativitätstheorie ist verdammt mächtig! Während ich schließlich hölzern wie Pinocchio in Richtung U-Bahn stelze, um so bald wie möglich in der heimischen Badewanne Tauchsieder spielen zu können, treffe ich auf erste »Finisher«, die bereits wieder Gefallen an der Fluppe danach gefunden zu haben scheinen. Auch in den einschlägigen Fast-Food-Tempeln erblicke ich verdächtig viele Kunden in Sportlerkluft. Da kann's so schlimm ja nicht gewesen sein, trotz Hitze, denke ich und merke, dass ich's eigentlich ganz genauso sehe: Zwar keine Bestzeit, aber an und für sich doch ein Klacks. Auch Verdrängung ist verdammt mächtig. Und so ist es beschlossene Sache: Nächstes Jahr werde ich alles geben und natürlich alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen! »But that's the way I like it baby, I don't wanna live forever!«&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-5301102023552008751?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/5301102023552008751/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=5301102023552008751&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/5301102023552008751'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/5301102023552008751'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/04/ich-beim-halbmarathon-ii.html' title='Ich beim Halbmarathon II'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-8447947934111973654</id><published>2011-03-29T22:20:00.005+02:00</published><updated>2011-03-31T22:47:53.172+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Herzschmerz'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gedichte'/><title type='text'>Ach, mein Mädchen</title><content type='html'>Ach, mein Mädchen, ich muss gehen,&lt;br /&gt;Weilt mein Kopf doch längst in Ferne.&lt;br /&gt;Hab das Ende kommen sehen,&lt;br /&gt;Könnt ich's ändern, ich tät's gerne.&lt;br /&gt;Doch nicht heute erst verschwand, &lt;br /&gt;Was einst so magisch uns verband.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Drum verlass ich uns'ren Reigen,&lt;br /&gt;Nass mein Blick und taub die Hände.&lt;br /&gt;Heißer Regen lässt uns schweigen,&lt;br /&gt;Doch dein Blick spricht tausend Bände.&lt;br /&gt;Fragt »Warum?«, ein Wort, so groß.&lt;br /&gt;Die Antwort - gar bedeutungslos.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nun, mein Mädchen, wein' ein bisschen,&lt;br /&gt;Doch lass nicht zu lang dich treiben.&lt;br /&gt;Gibt's zum Abschied auch kein Küsschen,&lt;br /&gt;Was wir hatten, wird verbleiben.&lt;br /&gt;Denkst an unser beider Glück&lt;br /&gt;Mit einem Lächeln bald zurück.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und der Mond heut' Nacht scheint bitter,&lt;br /&gt;Auf die Jahre, die gewesen:&lt;br /&gt;Mein Prinzesschen, ich dein Ritter,&lt;br /&gt;Dieses Märchen - ausgelesen!&lt;br /&gt;Auf ein Neues? Nicht bereit!&lt;br /&gt;So wird es bleiben, lange Zeit.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-8447947934111973654?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/8447947934111973654/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=8447947934111973654&amp;isPopup=true' title='4 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8447947934111973654'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8447947934111973654'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/03/ach-mein-madchen.html' title='Ach, mein Mädchen'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>4</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-294705651066174169</id><published>2011-03-21T01:26:00.008+01:00</published><updated>2011-03-21T10:00:05.340+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Satire'/><title type='text'>Das Ende ist nah! (2)</title><content type='html'>Wir schreiben das Jahr Zwanzig-elf. Es ist März. Auf einer saukalten Bank sitzend werfe ich Brotkrumen auf den Boden und schaue den dicken Straßentauben dabei zu, wie sie sich über den kostenlosen Fraß hermachen. Mein Hintern ist ein Klumpen Packeis. Eine blöde Taube gafft mich mit ihrem blöden Gesicht blöd an, bevor sie wie ein Rammbock auf den nächsten Brotkrumen zustürmt, als gäbe es kein Morgen. Und wer weiß, vielleicht liegen die überfressenen Flugratten damit gar nicht so falsch? Dieser Tage muss man sich schon schwer wundern. Japan ist als Urlaubsziel in weite Ferne gerückt, seit es dort strahlt wie seit über sechzig Jahren nicht mehr, in Libyen wird lauter geböllert als bei Nachbar Piecek und seinem polnischen Anhang am Silvesterabend und nun ist mir heute Morgen auch noch mein Markenbartschneider in die Brüche gegangen. Die Anzeichen stehen auf Sturm, das Ende ist nah, könnte man meinen und was soll man in einem solchen Schockzustand auch anderes tun, als auf einer Bank im Zoo zu sitzen, tellergroße Hämorriden herbeizubeschwören und vorbeistreunenden Tauben alte Brotkrumen zuzuwerfen? Es fühlt sich so normal an und normal ist herrlich, denn normal ist derzeit zumindest gefühlt reichlich wenig.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Behalten die Mayavölker Recht mit ihrer Prognose vom Weltende, das sie von ihren bluttriefenden Tempeln aus auf das Jahr 2012 terminiert haben? Oder liegt es schlicht und ergreifend an dieser ominösen Jahreszahl, dass alles über den Jordan zu gehen scheint, dass ich das Gefühl habe, ich müsste den Kopf höher und höher in den Himmel recken, um nicht in der Scheiße zu ersaufen, von der ich mich mittlerweile umspült fühle? Irgendwo im Hintergrund setzt ein Elefant zum zustimmenden Klagelied an. Freut sich vielleicht aber auch nur über eine Tüte Erdnüsse, so ganz genau weiß man das bei den Dickhäutern ja doch nie. Mal überlegen: 2011 ... Noch ziemlicher Beginn einer Dekade sozusagen ... Was war denn vor zehn Jahren? Ach richtig, Städteplaner Osama Bin Laden bereicherte die New Yorker Innenstadt ungefragt um einen weitläufigen Park. Ich erinnere mich, dass mich an jenem Tag ein Freund anrief. »In New York brennt einer der Zwillingstürme«, sagte er mit aufgeregter Stimme. Lethargisch wie ich war, schaltete ich den Fernseher ein und konnte nicht fassen, was ich sah, als sich einer der Türme tatsächlich soeben in einen Bunker verwandelte. Meine damalige Freundin, die gerade neben mir saß, verstand den Rummel nicht. Wer konnte es ihr verübeln? Wir waren jung, sie fidel und faltenfrei, ich noch mit vollem Haupthaar.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das ist heute anders. Der Wind weht mir durch die schüttere »Mähne« und kühlt meinen tageslichtreflektierenden Hinterkopf. Von oben herab betrachtet wirke ich vermutlich wie ein Vogelnest mit einem großen Ei in der Mitte. Ich schaue in den Himmel, von dem aus heute Abend ein besonders fetter Mond auf uns herabglotzen soll. Ein wachsender Mond, das kann doch kein gutes Zeichen sein! Die Werwölfe werden heute Nacht besonders großen Hunger haben. Ich denke nach. Gehe weiter zurück. 1991. Meine Einschulung. Ein weiteres Mosaikteilchen im großen Sinnbild der Katastrophe. Ein schlaues Kind war ich schon, daran erinnere ich mich trotz versoffener Jugend noch. Und daran, dass ich damals dieses Vanilleeis mochte, das wie ein Käse am Stiel aussah. Überhaupt mochte ich Käse. Da war doch dieses Gesellschaftsspiel, in dem es große dicke Käsestücke aus Kunststoff gab. Ich sehe es noch vor mir: ich im selben Jahr in Berlin Spandau im Spielwarengeschäft, das besagte Spiel bereits in meinen stolzen Kinderhänden, die siegessichere Miene längst aufgelegt. Meine Eltern sagten plötzlich nein und traumatisierten mich zutiefst, indem sie mich das Spiel mit tränennassen Augen ins Regal zurückstellen ließen. Tat meiner Käseliebe glücklicherweise keinen Abbruch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Noch einmal greife ich in die Tüte, sammle die letzten Krumen heraus und werfe sie hastig auf den Gehweg. Von links nähert sich bereits ein wütender Zooaufseher, der vermutlich was gegen Tauben fütternde Zoobesucher hat. Pah, als würden die hier nicht selbst den ganzen Tag lang irgendwelches krudes Viehzeug füttern. Langsam stehe ich auf, klopfe einige verirrte Krümel von meinem Mantel. Die Tauben schrecken dabei zurück, erheben sich, nun ja, nicht gerade majestätisch, in den Himmel und lassen die letzten Krumen liegen. Das Ende ist nah, scheinen auch sie einvernehmlich beschlossen zu haben, während sie in alle Richtungen davonfliegen. Die Zeugen Jehovas müssen wahrlich Hochkonjunktur haben, Tag und Nacht Kundschaft anwerben, möchte ich meinen. Mögen sie den Werwölfen bekömmlich sein. Wo war ich gleich? 1981. Hm, was weiß ich? Der eiserne Vorhang war eisern, Asbest eine feine Sache, meine Eltern waren jung, unverheiratet und ich war noch nicht einmal Quark im Schaufenster. Irgendwas Schlimmes wird vermutlich passiert sein. Ach ja, Helmut Kohl machte sich fit fürs Kanzleramt, das er im darauffolgenden Jahr auch für lange, lange Zeit besetzen sollte. Schlimm genug.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Zoowärter nähert sich behände. Ich tue, als hätte ich ihn nicht gesehen, stopfe meine Kopfhörer in die Ohren und drehe die Musik auf. »Hey, Sie da!«, ruft jemand hinter mir. »Bleiben Sie doch mal stehen!« Nichts da, ich gehe schneller. Dann plötzlich vernehme ich Schreie von überall, die selbst meine Musikkulisse durchdringen. Ist das Ende nicht nur nah, sondern schon da? Ich wirble herum, unter schreckgeweiteten Blicken zeigen die Leute mit zitternden Fingern ins Gehege. Der Wärter hat von mir abgelassen und glotzt ungläubig mit. Auch ich riskiere einen Blick ... Im Wasser schwimmt ein weißes Etwas, wohl ein Eisbär. Das zottige Ding treibt dahin wie ein gekenterter Kahn. Hier und da steigen dicke Luftblasen auf. »Knuuuut!«, ruft ein kleines Kind von irgendwoher. »To make it beautiful to live?« säuselt derweil Josh Homme vom iPod aus in meine Kopfhörer. »Go with the flow.« Und Knut ist gegangen. Hat er‘s auch geahnt? Gewusst? Er wird es kaum mehr verraten. Ich schüttle den Kopf. Zu viel für mich. Leckt mich, Leute, ich geh nach Hause!&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-294705651066174169?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/294705651066174169/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=294705651066174169&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/294705651066174169'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/294705651066174169'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/03/das-ende-ist-nah-2.html' title='Das Ende ist nah! (2)'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-5475276858004784804</id><published>2011-03-09T01:16:00.003+01:00</published><updated>2011-03-09T10:12:54.531+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><title type='text'>Eine Lektion fürs Leben</title><content type='html'>»Das darf doch wohl nicht wahr sein!« Sabine Thielemann stand am Briefkasten und hielt das geöffnete Schreiben in ihren zitternden Fingern. Ihre blonde Mähne stand ungebürstet nach allen Seiten ab, als wäre ihr der Schock bis in die Haarspitzen gefahren. Ein kräftiger Wind griff unter ihren Morgenmantel und ließ Sabine ein bisschen wie die wehende Flagge auf dem Dach eines kleinen Schrebergartenhäuschens aussehen. Ungläubig drehte sie den Brief von einer Seite auf die andere und wieder zurück, als würde sich der Inhalt ändern, wenn sie ihn nur lange genug nicht vor sich hatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das einseitig beschriebene Blatt Papier trug die Unterschrift des Personalchefs. Gekündigt! In der Probezeit! Der Supergau für jede Universitätsabsolventin. Eine solche, wie Sabine Thielemann sie war: Erst Bachelor, dann den Master hinten dran, alles in Regelstudienzeit. Anschließend Einstieg bei »Fengelmann &amp; Söhne«, der Rating Agentur überhaupt, mit der Zusage auf einen gehobenen Posten nach zwei Jahren Firmenzugehörigkeit und natürlich bei entsprechender Leistung. Ein glänzender Laufbahnbeginn für eine werdende Frau von Format und jetzt das! Gekündigt! In der Probezeit! Das war kein Lackschaden im Lebenslauf, es war ein Frontalcrash!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Gibt‘s nicht! Gibt‘s einfach nicht!« Sabine schüttelte ungläubig den Kopf. Ihr war danach, das Stück Papier zusammenzuknüllen und schnurstracks in den feuchten Rinnstein zu befördern, wo es gut und gern vermodern konnte. So etwas wollte man schließlich nicht am Samstagmorgen in seinem Briefkasten haben. So etwas sollte man nicht in seinem Briefkasten haben!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie konnte das überhaupt sein? War der Brief echt? Handelte es sich um einen Aprilscherz? Aber im Mai? Selbstverständlich nicht. Im Kopf ging sie die Kollegen durch, die sie in den vergangenen zwei Monaten kennen gelernt hatte. Wie Karteikarten holte sie einen nach dem anderen vor ihr geistiges Auge. Konnte jemand sie nicht leiden? Hatte jemand sie vielleicht angeschwärzt? Ihr fiel beim besten Willen niemand ein, von dem sie kein Bild mit freundlichem Lächeln im Kopf gehabt hätte. Alles äußerst höfliche und zuvorkommende Kollegen. War alles vielleicht nur ein Missverständnis? Gab es noch eine Sabine Thielemann bei »Fengelmann &amp; Söhne«? Jemanden mit ähnlichem Namen? Nach gerade einmal zwei Monaten Betriebszugehörigkeit konnte dem Personalchef so ein Verwechslungsmalheur schon mal passieren, oder etwa nicht? Nein, das war absurd! Aber es musste eine Erklärung für diesen Brief geben. Es musste einfach!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sabine Thielemann hob den Kopf. Mit hektischen Blicken suchte sie die Straße ab. Hatte jemand sie beobachtet? Irgendwer, der vielleicht ihren unsicheren Gesichtsausdruck erkannt und nun einen großen Tratsch über sie vom Zaun brechen würde? Niemand war zu sehen. Die Straße war wie leergefegt und abgesehen vom Gesang der Vögel herrschte Stille. Grabesstille. Sabine fuhr mit einer Hand über ihre Stirn. Sie schwitzte. Jetzt bloß nicht in Panik geraten, dachte sie. Ruhe bewahren und planen. Im Planen war sie schließlich immer schon hervorragend gewesen. Das hatte sie so auch schon im Personalgespräch angegeben: Planung und geordnete Umsetzung seien ihre Stärken, hatte sie versichert und Herr Dr. Moser, der Personalchef mit dem dicken schwarzen Schnauzbart, hatte zuversichtlich genickt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Telefon! Natürlich, sie würde als erstes versuchen, jemanden in der Firma per Telefon zu erreichen. Zwar war Samstag, jedoch gab es immer Workaholics, die ihre Wochenenden im Büro verbrachten. Um sich möglichst schnell eine Beförderung zu erkämpfen oder auch nur, um dem familiären Wahnsinn daheim zu entkommen. So was eben. Sicher würde sich alles schnell klären lassen, wenn sie nur jemanden an die Strippe bekam.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mit möglichst leisen Schritten hastete Sabine zurück ins Haus und geradewegs zum Telefon. Sie wollte ihren Mann nicht wecken. Noch nicht.&lt;br /&gt;Das Telefon klingelte einmal, zweimal, dreimal, viermal. Dann sprang das Band an und verkündete mit ungewollt lächerlicher Fanfarenmusik im Hintergrund, dass man bei »Fengelmann &amp; Söhne« natürlich auf jeden Kundenwunsch individuell einginge, dass jedoch der gewünschte Ansprechpartner gerade nicht zugegen sei, man jedoch selbstverständlich eine Nachricht hinterlassen könne, um gegebenenfalls zurückgerufen zu werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Guten Tag, Herr Doktor Moser. Hier spricht Sabine Thielemann aus Referat PS-4.« Sabine versuchte, das leichte Bibbern in ihrer Stimme abzustellen, doch es gelang ihr beim besten Willen nicht. »Ich habe eben meine Post geöffnet und Ihre Kün... Ihren Brief vorgefunden und würde Sie diesbezüglich gern sprechen. Falls Sie im Büro sein sollten, rufen Sie mich doch bitte so bald wie möglich zurück. Vielen Dank!« Sie knallte das Telefon zurück auf die Ladestation.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Was nun? Wie ein Karussell drehte Sabine sich zweimal um die eigene Achse. Was wollte sie jetzt gleich tun? Kaffee! Ein großer Becher, tiefschwarz, der würde ihr helfen, klare Gedanken zu fassen. Während die Kaffeemaschine blubberte, sprotzte und dampfte, hämmerte Sabine mit den Fingernägeln auf der Arbeitsplatte ihrer opulenten Einbauküche herum, die ein Geschenk von Jens‘ Vater zur Hochzeit vor anderthalb Jahren gewesen war.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Kaffee tröpfelte noch gemütlich in die Kanne, als Sabine nicht mehr an sich halten konnte. Sie stieß einen spitzen Schrei aus, worauf die Schlafzimmertür laut aufgerissen wurde. Das Geräusch von nackten Füßen, die auf blankes Parkett klatschten, näherte sich rasant, dann stand Jens Thielemann in der Küche.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Sabine? Warst du das eben?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was?« Sabine drehte sich zu ihrem Mann herum. Noch immer stand ihr Haar nach allen Seiten ab. In ihren Augen standen Tränen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Sabine, was ist denn? Alles in Ordnung?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Blöde Frage! Nichts ist in Ordnung. Gar nichts ist in Ordnung, verdammt noch mal!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Aber was ...«, setzte Jens Thielemann an, als ihm seine Frau auch schon die Kündigung auf die nackte Brust presste. Er nahm das Blatt Papier an sich und las. Seine müden Augen weiteten sich schlagartig. Wie große runde Scheinwerfer fuhren sie Zeile für Zeile ab.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Gekündigt? Die haben  dich entlassen?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»In der Probezeit, ja.« Sabine nahm die Kaffeekanne aus der Maschine und versuchte, ihre Tasse zu füllen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Lass mich das machen«, sagte Jens Thielemann, der das Zittern in den Händen seiner Frau bemerkte und sich um einen ruhigen Tonfall bemühte. Er füllte ihre Tasse bis zum Rand mit Kaffee und fragte gar nicht erst nach Milch. Dann nahm er eine weitere große Tasse aus dem Schrank und schenkte sich selbst Kaffee ein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was soll ich denn jetzt machen?«, jammerte Sabine. Dicke Kullertränen rannen inzwischen über ihre Wangen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hast du mal angerufen? Vielleicht ist jemand im Büro. Da kann doch was nicht stimmen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hab ich. Das Band ging ran. Ach Jens, das kann doch nicht sein. Was mach ich denn jetzt? Was soll ich nur tun?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Immer mit der Ruhe, Schatz.« Jens Thielemann legte einen Arm um die Schulter seiner Frau, der jedoch sofort wieder abgeschüttelt wurde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Jens, da steht, die seien nicht zufrieden mit meiner Leistung und ich würde nicht ins Unternehmen passen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich hab‘s gelesen«, sagte Jens Thielemann und nickte. Er trank einen großen Schluck Kaffee und stellte die Tasse auf der Arbeitsplatte ab. »Möchtest du ein Frühstücksei?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Spiegeleier. Mit Speck. Und mit Würstchen. Und Ketchup dazu.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Spiegeleier mit Speck, Würstchen und Ketchup. Kommt sofort!« Jens Thielemann machte sich an die Arbeit, holte Pfannen aus dem Schrank, suchte Eier, Speck und Wurst herbei und machte sich ans Frühstück. Sabine nahm am Tisch Platz. Ihre Beine fühlten sich längst an wie Gummi.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Die waren nicht zufrieden mit mir, Jens. Ich war doch aber von allen die beste.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich weiß, mein Schatz.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Jens, ich war mindestens doppelt so schnell wie die Kollegen. Die alte Goldschmidt hat nicht mal ein Drittel meines Pensums geschafft. Und dieser fette Dewald mit den speckigen Haaren, von dem ich dir erzählt hab, der macht seit zwei Wochen so gut wie gar nichts und sitzt nur seine Zeit ab, bis es vier ist.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Es wird ein Missverständnis sein, ganz sicher. Das wird sich aufklären.«&lt;br /&gt;Stille machte sich breit. Sabine starrte in ihre Kaffeetasse und wusste selbst nicht, ob sie nachdachte oder ob sie doch einfach nur starrte, während ihr Mann wortlos das Frühstück zubereitete. Irgendwann brieten Eier und Speck in der Pfanne und durchschnitten mit lautem Zischen die unangenehme Ruhe in der großen Küche.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich bin in der Probezeit, Jens. Ich meine, war ich.« Noch immer bahnten sich einzelne Tränen einen Weg über Sabines gerötete Wangen. »Jens, wie können die unzufrieden mit meiner Leistung sein? Ich hab, seit ich da bin, die Produktivität spürbar gesteigert. Ich hab doch sogar Vorschläge eingereicht, wie sich was verbessern ließe.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Das Rotationsprinzip. Ich weiß, mein Schatz.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Das Rotationsprinzip, ja.« Sabine nickte hastig. »Ich hab dem Dirk Diederichs, meinem Abteilungsleiter, gesagt, wie jeder Mitarbeiter so seine Kenntnisse erweitern könnte, um Einarbeitungsphasen bei Personalwechseln drastisch zu verkürzen und die Reaktionszeiten bei Kundenanfragen zu erhöhen. Und nicht nur das. Ganze acht Vorschläge hab ich eingereicht. Der Diederichs war begeistert. Hat er mir doch selbst gesagt.« &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja, Schatz. Das weiß ich doch alles.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Sag nicht immer, dass du das eh schon weißt!«, keifte Sabine ihren Mann an und sprang auf. »Sag mir lieber, was ich jetzt tun soll, verdammt!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nur in Unterhosen gekleidet und mit dem Bratpfannenwender in der Hand stand Jens Thielemann am Herd. Eier und Speck brutzelten noch immer friedlich in der Pfanne, als wollten stattdessen sie mit ihrem gleichmäßigen Zischen Sabine beruhigen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Sabine, ich ...«, begann ihr Mann und verstummte wieder. Betreten schaute er zu Boden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Tut mir leid, Hase.« Sabine schlurfte auf ihren Mann zu und legte ihm ihre Hände um den Hals. »Ich bin nur so durcheinander. Und verunsichert.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Das wird sich alles aufklären. Falls keiner anruft, gehst du gleich am Montag ins Büro und besprichst das mit diesem Herrn Mauser.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Moser.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja, Moser.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Jens?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja?« &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was mach ich denn jetzt nur?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Erst mal frühstücken. Die Eier sind fertig.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich hab keinen Hunger«.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Am Montagmorgen gegen zehn klingelte bei »Fengelmann &amp; Söhne« das Telefon im Büro von Herrn Dr. Moser, dem Personalchef der Firma. Frau Giese, seine Sekretärin, sagte, dass Frau Thielemann ihn sprechen wolle und dass es wirklich, wirklich dringend sei, wie Frau Thielemann ihr versichert habe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Schicken Sie sie herein, Frau Giese! Vielen Dank«, murmelte Herr Dr. Moser in den Hörer und legte auf. Er grummelte in seinen dichten Schnauzbart und flätzte sich tief in seinen Ledersessel, als es auch schon an die Tür klopfte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Herein.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sabine Thielemann betrat das Büro. Sie trug ein modern geschnittenes Businesskostüm in elegantem Blaugrau und hatte sich ein himmelblaues Tuch um den Hals geschlungen. In die Mappe, die sie unter ihrem Arm trug, hatte sie am frühen Morgen noch hastig das Kündigungsschreiben gestopft, bevor sie mit energischen Schritten zur Arbeit gestapft war. Gekündigt! In der Probezeit! Dass sie nicht lachte! Sie hatte die Angelegenheit mit ihrem Mann das ganze Wochenende über besprochen, sich selbst und ihm dabei sicher das eine oder andere graue Haar beschert, dabei letztlich aber immerhin einigermaßen beruhigt festgestellt, dass man sie gar nicht so einfach rausschmeißen konnte. Sie, die fleißigste Mitarbeiterin, die dieser Laden zumindest im Referat PS-4 überhaupt hatte, die einzige, die auch wirklich aktiv zur Produktivität ihres Großraumbüros beitrug. Eine Vorzeigemitarbeiterin, von der sich nicht nur die Kollegen Goldschmidt und Dewald eine dicke Scheibe abschneiden konnten, die nichts weiter taten, als Tag für Tag ihre Stühle warm zu halten. Hier lag eindeutig ein Missverständnis vor.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Guten Morgen, Herr Doktor Moser«, sagte Sabine in trockenem Tonfall.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Guten Morgen, Frau Thielemann«, antwortete der Personalchef betont freundlich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Wir müssen reden.« In selbstbewusst gerader Haltung stand Sabine Thielemann vor dem Schreibtisch des Personalchefs von »Fengelmann &amp; Söhne«. Das Haar hatte sie streng nach hinten gebunden, um ihre Seriosität zu unterstreichen, um ihren Ehrgeiz zu betonen, um zu verdeutlichen, dass man sich Sabine Thielemann, die fleißigste Mitarbeiterin in diesem verschlafenen Referat, nicht einfach durch die Lappen gehen ließ.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Reden müssen wir, sagen Sie? Über die Kündigung, nehme ich an?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Über die Kündigung, ja.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und so redeten sie.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine knappe Stunde später stand Sabine Thielemann auf dem Bürgersteig vor dem gläsernen Bürogebäude von »Fengelmann &amp; Söhne«. Wie eine hungrige Straßentaube stakste sie von einer Seite des Gehwegs auf die andere und zurück. Aus dem zuvor streng zusammengebundenen Haar ragten einzelne Strähnen wie wirre Tentakel. Verloren in Gedanken, ungläubig dreinblickend und hoffend, dass sie sich nur verhört hatte, strauchelte Sabine voran. Ihr letztes Fünkchen Hoffnung war der krude Gedanke, dass all das gerade nur ein schlechter Traum sei, der sie sogleich schweißgebadet aus dem eigenen Bett und auf den Fußboden sausen lassen würde. Ein Albtraum, ein besonders langer und ebenso grausamer zwar, immerhin aber nur ein Traum. Nicht zur Firma passend, hatte Personalchef Moser den Inhalt des Kündigungsschreibens nachgeplappert. Die Kollegen aus PS-4 hätten sich über sie, Frau Thielemann, beschwert, wieder und wieder. Mit ihrer hektischen Art störe sie das Arbeitsklima, hatte es von mehreren Seiten geheißen. Wer das gesagt habe, könne er nicht verraten, hatte Moser beteuert, doch so sei es nun einmal. Wenn man neu in eine Firma komme, dann müsse man sich eben manchmal an die Gegebenheiten anpassen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die zweiwöchige Kündigungsfrist war nun also angelaufen. Sabine Thielemann war tatsächlich arbeitslos geworden. Gekündigt! In der Probezeit! Hektisch, das Arbeitsklima störend und nicht zur Firma passend? Anpassung an die Gegebenheiten? Wahrlich, eine Lektion fürs Leben.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-5475276858004784804?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/5475276858004784804/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=5475276858004784804&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/5475276858004784804'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/5475276858004784804'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/03/eine-lektion-furs-leben.html' title='Eine Lektion fürs Leben'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-7820050068055517124</id><published>2011-02-02T22:08:00.004+01:00</published><updated>2011-02-03T18:55:25.847+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Satire'/><title type='text'>Ungenügend</title><content type='html'>Als das dumpfe Klopfen durch die schwere Holztür drang, erhob der Mann hinter dem Schreibtisch seine raumfüllende Stimme: »Treten Sie ein!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein junger Mann, schmal gebaut und mit hängenden Schultern schob sich in das große holzgetäfelte Arbeitszimmer. Still und leise presste er sich durch den offenen Türspalt, räusperte sich und trat mit kurzen, schlurfenden Schritten vor.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich bedanke mich vielmals, dass sie-«, begann er ganz und gar förmlich und leise, wurde jedoch sofort von dem Mann unterbrochen, der hinter dem Schreibtisch wie ein König auf seinem Thron weilte und vom Sonnenlicht beschienen wurde, das von der Seite her durch das große Panoramafenster einfiel: »Sie wollten mich sprechen, Sie haben genau zehn Minuten Zeit, dann habe ich leider einen Termin.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der junge Mann räusperte sich erneut. Unsicher trat er von einem Fuß auf den anderen, als versuchte er sich an einem Tanz. Mit der rechten Hand umklammerte er die große Mappe, die er mitgebracht hatte, so fest, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Mit der linken strich er einige feuchte Strähnen seines dichten dunklen Haares aus der Stirn. Er schwitzte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»-da-dass Sie mich empfangen haben«, beendete er seinen ersten Anlauf mit leiser Stimme. Dann blickte er sich unbehaglich um, suchte nach einem Sitzplatz oder etwas, woran er sich vielleicht anlehnen konnnte, doch der einzige freie Stuhl im Zimmer stand einige Meter weit entfernt an der Wand neben einem riesigen Regal voller Bücher.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nun? Sie wollten mich doch sprechen, hier bin ich. Jetzt reden Sie also und verschwenden Sie nicht meine Zeit!«, herrschte der Alte den jungen Mann an, der sich augenblicklich krümmte wie ein Wurm an der Angel und merklich zitterte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich- ich wollte, also ich würde gern erfragen«, stotterte er unbeholfen, »nun, was dem ehrenwerten Vorstand an meinen Proben nicht zugesagt hat. Sie haben meine Zeichnungen als ungenügend bewertet und ich denke, also ich denke doch, dass Ihre Entscheidung sowie die Begründung-«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Acht-und-zwan-zig Zu-lassungen!«, unterbrach der Alte den jungen Mann erneut. »Wir nehmen genau achtundzwanzig von Ihnen an unserer Akademie auf. So war es, bevor ich an diese Einrichtung kam und solange ich dem Vorstand angehöre, wird sich an diesem Vorgehen auch nichts ändern. Tut mir sehr Leid für Sie, aber Sie hatten dieselbe Chance wie Ihre Mitaspiranten.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Alte erhob sich schneller, als man es ihm zugetraut hätte. Er war hochgewachsen und mit seinem dichten Backenbart hätte er ebenso einen guten Staatsmann abgegeben. Mit schweren Schritten trat er um den Tisch herum und legte dem jungen Mann eine Hand auf die Schulter. »Doch ich bewundere Ihren Mut. Nicht jeder gescheiterte Bewerber bringt die Dreistigkeit auf, die Entscheidung des Vorstandes in Frage zu stellen. Zeigen Sie doch mal her.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mit zitternden Händen drückte der junge Mann dem Vorsitzenden seine Mappe in die Hand. Dieser warf sie sogleich mit Schwung auf seinen Tisch, öffnete sie und sah die Zeichnungen mit geschultem Blick eilig durch. Die Stille im Zimmer war dem jungen Mann, der abwechselnd an seinem Hosenbein und an seinem viel zu weiten Jackett herumzupfte, sichtlich unangenehm. Der ältere Mann nickte, brummte etwas Unverständliches in seinen Bart, dann legte er die Zeichnungen auf den Tisch zurück.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Die Vertreibung aus dem Paradies, Jagd, Frühling, Bauarbeiter, dann Tod und schließlich Regen. Keines der Themen wussten Sie überzeugend umzusetzen. Alle ungenügend. Was gibt es da zu hinterfragen? Der Grund für Ihre Nichtannahme ist offensichtlich, oder nicht?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Aber was genau empfinden Sie an meinen Proben als derart misslungen, frage ich Sie?«, polterte der junge Mann plötzlich mit lauter Stimme und stampfte energisch mit dem rechten Fuß auf. Der Vorsitzende atmete tief ein, als es abermals an der Tür klopfte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja bitte?«, rief der Alte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein noch deutlich älterer Mann mit auf die Nasenspitze geschobener Brille schob sein ergrautes Haupt durch den Türspalt. »Kann ich Sie kurz sprechen?«, brummte dieser, worauf der Vorsitzende nickte und sich in Bewegung setzte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich bin sofort zurück«, sagte er, worauf der junge Mann hastig nickte und sich abermals eine Haarsträhne aus der Stirn strich. Für einen Moment stand er nun allein in dem großen, hell erleuchteten Arbeitszimmer. Er warf einen Blick auf seine Proben. Probez. ungenügend, wenige Köpfe, war die kurze wie offensichtlich völlig aus der Luft gegriffene Begründung des Akademievorstands gewesen. Mit welchem Recht wurde er so verkannt? Wie konnten diese hochnäsigen Altherren es wagen, ihn, einen Mann mit  solchem Talent, einfach abzuweisen? Er ballte seine Hände zu Fäusten, so fest, dass seine Fingernägel sich in die Handflächen bohrten, und atmete laut durch die Nase ein und aus. Wie gern hätte er seine Proben hier und jetzt einfach in der Luft zerfetzt. Sollte dieser Tattergreis die Fetzen später doch selbst wegräumen! So wie diese Einfaltspinsel nichts von Stil und Grazie verstanden, würden auch alle anderen Menschen kein Auge für wahre Kunst haben. Was waren schon Bilder wert, wenn es niemanden gab, der sie begreifen, der sie in ihrer Gänze und Vollkommenheit erfassen konnte? Was nutzte es, ein Genie zu sein, wenn es von aller Welt verkannt wurde? Wütend biss er sich auf die Unterlippe. Er tat einen Schritt nach vorn, griff mit zitternden Händen nach seinen Zeichnungen, als hinter ihm eine Stimme ertönte, die seine Wut noch im selben Augenblick in erneute Nervosität umschlagen ließ.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Tut mir Leid, dass Sie warten mussten«, sagte der Alte, der schnellen Schrittes ins Zimmer zurückgehastet kam. »Ich bin, wie Sie sicher verstehen werden, ein sehr beschäftigter Mann. Und ich muss Ihnen nun auch leider mitteilen, dass Ihre Audienz abgelaufen ist. Die Entscheidung des Vorsitzes ist gerechtfertigt, Herr Hitler. Sie taugen nicht zum Studium der Künste. Sehen Sie, Sie sind nicht annähernd in der Lage, Menschen glaubhaft darzustellen. Landschaften ja, Gebäude ebenso, jedoch sprießt kein Leben aus Ihren Werken. Ihre Bilder sind kühl, sie haben keinerlei Ausdruckskraft.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wortlos stand der junge Mann in dem großen Arbeitszimmer, verloren wie ein Segelschiff auf hoher See, dem man den Fahrtwind genommen hatte. Mit offenem Mund starrte er auf seine Probezeichnungen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Packen Sie zusammen, ich habe es wirklich eilig«, sagte der Alte und klopfte ihm im Vorübergehen erneut auf die Schulter. »Vielleicht noch ein Wort zu den anderen Skizzen in Ihrer Mappe: Sie sind fürwahr kein Künstler, Herr Hitler, jedoch üben Ihre Gebäudeentwürfe eine gewisse Anziehungskraft aus. Man möchte meinen, Sie wüssten die tatsächliche Architektur der Zukunft bereits heute abzubilden. Weshalb versuchen Sie sich also nicht im Bereich der Architektur? Sind Sie auf diesem Gebiet erst bewandert, so bin ich mir sicher, könnte ein großer Baumeister aus Ihnen werden. Vielleicht verleihen Sie Wien oder einer anderen Stadt einst ein völlig neues Aussehen und ich werde dann von Ihnen in der Zeitung lesen.« Er warf dem jungen Mann ein aufmunternd gemeintes Zwinkern zu. »Geben Sie die Hoffnung nicht auf, junger Mann. Sie werden Ihre Fähigkeiten noch entdecken.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Darauf verabschiedete sich der junge Mann mit wenigen Worten, klemmte seine Zeichnungen unter den Arm und schlurfte, so missmutig, wie er gekommen war, aus dem Raum und schließlich aus dem prachtvollen Akademiegebäude, das er niemals wieder in seinem Leben betrat.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-7820050068055517124?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/7820050068055517124/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=7820050068055517124&amp;isPopup=true' title='7 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/7820050068055517124'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/7820050068055517124'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/02/ungenugend.html' title='Ungenügend'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>7</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-8168357233195728712</id><published>2011-01-17T01:24:00.005+01:00</published><updated>2011-01-19T14:47:00.927+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gedanken'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Satire'/><title type='text'>Die Anzeige</title><content type='html'>Es ist dunkel, es ist arktisch kalt, es ist nass, es regnet sozusagen Eiszapfen. Die Hände habe ich in meine Manteltaschen gestopft, wo ich meine Finger über Kekskrümel streichen lasse - wie auch immer die da reingelangt sein mögen -, den Kopf habe ich im Kragen versteckt wie eine scheue, alte Galápagos-Schildkröte, aber helfen tut das alles nichts. So‘n Mantel, das ist ja kein Heizofen, nicht wahr? Was stehe ich auch so früh und mutterseelenallein an der verlassensten Bushaltestelle der Welt herum, als hätte ich kein Zuhause? Allein. Wartend. Auf den ersten Bus des Tages. Jeder Leuchtturmwärter hat um die Zeit mehr Gesellschaft als ich. Vermutlich sitzt selbst der Busfahrer noch gemütlich im Bett, freut sich über seine warmen Zehen und löffelt nebenher summend eine Schüssel Müsli. Im Schneckentempo natürlich, damit ich länger warten muss. Kielholen sollte man den Kerl!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Obwohl die blinkende Digitalanzeige über mir ja eigentlich steif und fest behauptet, der Bus komme in zehn Minuten. Nur zehn Minuten warten. Ausharren in der Kälte. Geduld haben. Puh. Alles kein Problem. Schließlich habe ich nachher volle sechs Minuten Zeit zum Umsteigen. Den Anschluss schaffe ich locker. Ha, so locker, dass ich mir in aller Ruhe einen Kaffee und ein belegtes Brötchen kaufen werde, bevor ich umsteige. Ganz souverän werde ich das tun, als wäre ich geboren worden, um heute Kaffee und Brötchen zu kaufen. Denn ich hab ja Zeit. Fast schon wie Methusalem, so viel, jawohl!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neun Minuten. Die blinkende Digitaltafel zeigt noch stramme neun Minuten an. Könnte das Ding sprechen, müsste ich nicht dauernd draufschauen. Aber war das jetzt wirklich nur eine einzige Minute, die da eben in den Äther gehuscht ist? Kann ich mir gar nicht so recht vorstellen. Da müssten doch mindestens fünf Minuten dazwischen gepasst haben. Eher sechs. Vielleicht sogar sieben. Acht? Das verdammte Ding blinkt nicht nur stumm, es flunkert vermutlich auch noch. Aber nicht mit mir, Freundchen! Herrje, nein, ich rede mir das alles sicher nur ein. Neun Minuten werden stimmen. Müssen stimmen! So eine Tafel ist schließlich ein Computer. Der kennt nur Nullen und Einsen, der macht nichts falsch, der Computer. Platinen und Mikrochips, das sind doch heute sie Säulen der Welt, oder nicht? So ein Computer, der weiß eben, was er tut.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber das verflixte Wetter offenbar nicht. Nicht, dass ich ungeduldig wäre, nein, aber frieren tue ich nun wirklich nicht gern. Wenigstens könnte der eklige Regen in den Wolken bleiben. Der Unterstand hier ist nämlich auch nicht mehr das, was er mal war: durchlässiger als mein Duschkopf, das verdammte Ding. Oh, acht Minuten. Na, wollen wir‘s der Flunkertafel mal glauben. So langsam müsste der Busfahrer ja auch unterwegs sein, auf seinem beschwerlichen Weg hierher. Der macht das schon, der Mann, auch wenn er mit dem Müsli trödelt. Ja, der schafft das ganz gewiss, das Ungetüm von Bus pünktlich hierher zu bekommen. Ein gestandener Busfahrer, der macht das ja Tag ein, Tag aus. Die Veteranen unter den Autofahrern sind das. Und auf meiner Linie fährt heute vermutlich Rambo persönlich. Da muss ich mir nun auch wirklich keine Sorgen machen. Nicht, dass ich das je getan hätte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wäre ja auch nicht auszudenken, wenn ich ausgerechnet heute meinen Anschluss verpassen würde. Im schlimmsten Fall stünde ich irgendwann heute wieder hier, abgehetzt und zerzaust wie ein gejagtes Eichhörnchen, hätte nichts erreicht, wäre genau da, wo ich jetzt bin. Oh Gott, was für Assoziationsketten sich da ergeben! Meine ganze liebevoll glattgebügelte Laufbahn, ruiniert durch einen einzigen zu spät kommenden Bus! Vielleicht wäre ich einmal Abteilungsleiter, Firmenchef, später dann sogar Politiker geworden. Ein einflussreicher Minister. Ja, Finanzminister. Oder ach, warum nicht gleich Kanzler!? Ein ganz hervorragender Kanzler, keiner wie der, der an meiner statt drankäme, nur weil ich heute meinen Bus nicht gekriegt haben würde. Stattdessen käme einer, der dann die Steuern erhöht wie Einsätze im Casino, der Atomkriege anzettelt und die ganze Welt ins Elend stürzt. Nur wegen eines blöden verspäteten Busses, Stein des Anstoßes, Todbringer ganzer Generationen, Vernichter der Menschheit! Darüber nachdenken darf ich ja ganz und gar nicht, da wird mir gleich ganz anders. Sieben Minuten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hm, ist ja noch nicht gerade viel Verkehr unterwegs. Da kann man sich eigentlich gar nicht verspäten. Es sei denn, der Trottel von einem Busfahrer isst sein Müsli mit Schnaps, statt mit Milch. So ein Bus ist ja wie ein motorisierter Dinosaurier. Groß, schwer und träge. Der kann schon mal an einem Eisenbahnbrückenpfeiler enden, wenn der Fahrer nicht richtig aufpasst, weil er geladen ist wie eine Haubitze und das Lenkrad nicht zu greifen kriegt, obwohl das so groß ist wie der Hintern eines Brauereipferdes. Dann gibt‘s nicht nur katastrophale Zugunglücke mit hunderten von Toten, nein, es gibt auch noch einen verspäteten Bus! Meinen verspäteten Bus! Verdammt, was stellen die auch alkoholisierte Busfahrer an? Ich sollte mich irgendwo beschweren! Bei einer Zeitung, beim Fernsehen. Aber in fünf Minuten soll es ja losgehen. Nur die Ruhe...&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fünf Minuten, das ist wie vier Minuten, nur eben ein klitzekleines Bisschen oben drauf. Wäre die Warterei was Gutes, würde ich sagen, sie wäre das Sahnehäubchen. Und eigentlich läuft ja auch alles wie am Schnürchen: Die Digitalanzeige tut, was sie soll, der Bus wird also gleich kommen, ich werde pünktlich sein. Das Leben sollte glatt eine Aneinanderreihung von Digitalanzeigen sein. Ein einziges großes Funktionieren, Nullen und Einsen, leuchtend und sauber zählend vom Anfang bis zum Ende. Na bitte, nur noch vier Minuten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Da bleibt noch Zeit für den »Rundum-Check«. Zwar wäre es eh zu spät, sollte ich doch irgendwas daheim liegen gelassen haben, aber lieber fahre ich in dem Bewusstsein, was ganz Bestimmtes vergessen zu haben als mit der Annahme, einfach irgendwas nicht dabei zu haben. Hm, ja, hm, doch, auch, hm, hm, alles da. Oder? Nee! Ja, doch. Und siehe da, nur noch drei-&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fünf? Da standen doch eben noch vier Minuten drauf! Hey du Ding, fünf ist nicht kleiner als vier! Seit wann kommt die Fünf nach der Vier, wenn man rückwärts zählt, hä? Du liebe Güte, ich vertraue hier auf eine falsch rechnende Digitalanzeige. Ich habe doch gleich gesagt, das Ding flunkert! Wie gedruckt lügt das! Nicht ich sollte Politiker werden, sondern die blöde Anzeige. Leuchtet lügend vor sich hin, als wäre nichts dabei. Pah, wahrscheinlich haben sie das Teil damals schon in Tschernobyl benutzt, nur dass da noch »Alles in Butter« drauf stand, bevor dann eben die Kerne schmolzen wie Butter. Alles in Butter, hä? Fünf verdammte Minuten sind nicht in Butter, wenn eben noch vier drauf stand! Vom Pfahl sollte man das Mistding treten. Einen Schneeschieber sollte man aus dir machen!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Jetzt steht da auch noch drei! Wo ist denn jetzt die Vier hin? Nichts und niemandem kann man heute mehr vertrauen. Besoffene Busfahrer fahren gegen Brückenpfeiler, Digitalanzeigen kündigen im Angesicht des Weltuntergangs leuchtend tolle Zeiten an... Wo soll das noch hinführen? Kann man denn nicht mal mehr so einfache Dinge tun wie Bus fahren? Warum nennt man diese unzuverlässigen Brückenbomber überhaupt Bus und nicht gleich Unglück? Dann wüsste man wenigstens, dass man sich ins Unglück stürzt, wenn man einsteigt und könnte, wenn doch mal was klappt, immerhin sagen, dass man Glück im Unglück gehabt hat. Dann wüsste jeder, woran er ist, aber wozu auf mich hören, wo ja eh niemand auf mich zu hören scheint!?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schließlich krieg ich noch nicht mal einen einzigen pünktlichen Bus! Das ist doch dermaßen zum Heulen, dass sogar der Himmel eiskalte Tränen mitweint. Oder sind das eher Lachtränen? Mich wundert ja heute nichts mehr! Na vielen Dank auch! Verdammter Mist, jetzt komm ich zu spät, ach was, ich komm gar nicht an! Blöde Anzeige, du brauchst gar nicht erst was von zwei Minuten anzeigen, verlogenes Ding! Hätt ich was Verlogenes haben wollen, das mich anstrahlt, hätt ich geheiratet!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Da kann ich jetzt auch gleich meine Tasche schnappen und zurück nach Hause trotten. Über welche Telefonnummer kann ich mich beschweren? Jetzt könnte ich ausnahmsweise eines dieser Internettelefone gebrauchen. Pah, ich werde jetzt zurückgehen, zurückstampfen! Und dann werde ich telefonieren. Oh ja, wie ein Gott werde ich telefonieren und ein Schimpfgewitter auf die saudumme Verkehrsgesellschaft niedergehen lassen, dass in dem ganzen verdammten Laden sämtliche Ohren zu bluten anfangen! Noch in hundert Jahren wird man davon berichten! Euch knöpf ich mir vor! Nicht mit mir, Leute, nicht mit mir! Mir hier an einem so widerlich kalten Morgen das Leben zu versauen! Euch mach ich fertig, euch werde ich... Ah, der Bus.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-8168357233195728712?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/8168357233195728712/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=8168357233195728712&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8168357233195728712'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8168357233195728712'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2011/01/die-anzeige.html' title='Die Anzeige'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-2708524393711390467</id><published>2010-12-29T21:24:00.003+01:00</published><updated>2010-12-30T20:45:41.725+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Guter Whisky, schlechte Dates &amp; böse Diktatoren</title><content type='html'>Ich gebe es zu, ich habe eine Schwäche für schöne Frauen. Was für Superman das Kryptonit ist, für Batman die Fledermaus, das ist für mich die Damenwelt. Da bin ich ein bisschen wie Lemmy Kilmister, was an und für sich kein Problem wäre, da Lemmy ähnlich beschissen aussieht wie ich und trotzdem all die hübschen Mädels abbekommt, gäbe es nicht das kleine aber feine Detail, dass ich nicht bei bei Motörhead spiele. Pech gehabt. Und so beruht meine Schwäche nur selten auf Gegenseitigkeit, ein fürchterlicher Fluch! Im letzten Leben muss ich gnadenloser Diktator einer kommunistischen Bananenrepublik gewesen sein, anders lässt sich nicht erklären, weshalb ich dermaßen verzweifelt und erfolglos nach einer Partnerin suchte, dass ich mich selbst am Silvesterabend lieber auf ein Blind Date einließ, statt mir im Kreis meiner mitalternden Freunde den Kopf zuzuschütten und lallend dem neuen Jahr zuzuprosten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ihr Name war Brigitte. Wie die Zeitschrift, und das hätte mir vielleicht eine Warnung sein sollen. Brigitte. Nicht Bridget, diese Schokolade-zum-Frühstück-Frau, sondern einfach nur Brigitte. Ich hatte sie auf einer Online-Singlebörse begutachtet, wie man ein neues Paar Sportschuhe beäugt oder eine modische Markenjeans, oder, um ehrlich zu sein, wie ein Stück Fleisch, und sie anschließend nur angeschrieben, weil sie, nun ja, gut aussah: Mitte zwanzig, langes blondes Haar, volle Lippen, große blaue Augen, dunkel geschminkt - wie aus dem Ottokatalog für Blind Dates, die so ganz blind somit ja nicht waren. Zuvor hatte ich viele Profile durchgeklickt wie Massenware. Hängen geblieben war ich an jenem Tag nur auf Brigittes Profil. Bei ihr, da konnte man nun wirklich nichts falsch machen, dachte ich. Eine, mit der man sich zumindest gern blicken ließ.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich umgarnte sie, so charmant ich konnte; das ganze Programm: Neckerei, eine Prise Freundlichkeit, hier und da ein Witz, von dem ich nie wusste, ob sie ihn nun verstanden hatte oder nicht. Irgendwie war es schon armselig mit diesen Singlebörsen: Zuerst war die Klickerei eine einzige Fließbandarbeit, und dann war der Rest auch nichts anderes. Immerhin kam ich hier auch ohne Brad-Pitt-Gedächtnisvisage mit den hübschen Frauen ins Gespräch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ein Treffen am Silvesterabend?«, schrieb ich schließlich, nachdem Brigitte tatsächlich gemeint hatte, mich sehen zu wollen, und den entsprechenden Vorschlag gemacht hatte. »Geht‘s nicht auch irgendwie kurz nach Neujahr?« Die Panik vor dem Tanz auf mehreren Hochzeiten hatte ich geschickt in meine Frage verpackt, denn eigentlich war ich schon mit ein paar Freunden zu Schnaps und Nostalgiegesprächen darüber, dass früher alles, aber auch wirklich alles besser war, verabredet.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja, schon, aber da hab ich eben noch nichts vor«, meinte Brigitte. Grandioses Argument, toll! Was hätte ich darauf auch antworten sollen? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Okay, wann und wo?«, hakte ich nach. Ich meine, große blaue Augen!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;---&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wir landeten schließlich tatsächlich am 31. Dezember gegen 20 Uhr im Casablanca, einem hübschen Café bei mir um die Ecke, in dem ich mir schon das eine oder andere meist kräftig missglückte Date um die Ohren geschlagen hatte. Musik und Ambiente waren, soweit ich das mit meinen prähistorischen dreißig Lenzen einschätzen konnte, State of the Art, und man kam sich hier immer jünger vor, als man eigentlich war. Ich zumindest.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Und sonst so?«, fragte ich Brigitte. Nicht gerade die Frage der Fragen, kein John Wayne, aber ich hasste peinliche Stille. Und selbige hatte sich, sofort nachdem wir uns zur Begrüßung flüchtig umarmt hatten, eklig und klebrig wie Schmieröl über uns gelegt. Kein Wunder, hatte ich mich doch mit einem heißen Fünfsternegericht verabredet und bekam nun aufgewärmtes Fertigfutter aus der Mikrowelle vorgesetzt. Und das am Silvesterabend!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kurzum, entweder war Brigitte eine ziemliche Mogelpackung, zumindest, was ihr Profilfoto anbelangte, oder sie hatte wie von Zauberhand über Nacht einen burschikosen Kurzhaarschnitt und einen Satz Gesichtsfalten verpasst bekommen. Ganz davon abgesehen, dass ihre Lippen nur dadurch so voll wirkten, dass sie den Lippenstift in geschätzten zehn Lagen und weit über den Rand der Lippen hinaus auftrug. Wenn sie damit erreichen wollte, dass man dauernd auf ihren roten Mund starrte, der vermutlich im Dunkeln leuchtete, hatte sie ihr Ziel erreicht, denn so hatte sie frappierende Ähnlichkeit mit dem Joker aus den Batman-Comics. Wenigstens hatte sie kein grünes Haar. Blond war sie allerdings auch nicht mehr, sondern eindeutlich ziemlich brünett! Insgesamt wirkte sie, als wäre sie eben erst aus einem langjährigen Kreuzzug im Namen der Emanzipation zurückgekehrt. Siegreich, vermutlich. Immerhin, die blauen Augen hatte sie nicht auch noch über Nacht verloren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Och ja, alles gut. Schön, dass du zugesagt hast. Hätte ja auch sein können, dass du was mit Freunden machen willst, oder so«, sagte Brigitte und zwinkerte mir zu. Hatte ich wohl auch solche Krähenfüße, dachte ich nicht ganz zusammenhanglos. Ob es wohl möglich war, über das Fenster in der Herrentoilette ins Freie zu gelangen?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Äh, was?« Ich schüttelte den Kopf. Oh ja, sie hatte mir eine Frage gestellt. »Ach so, mit Freunden? Quatsch, die sind doch meist schon verheiratet und so. Mit Ende zwanzig, Anfang dreißig lässt man Silvester auch schon mal ruhiger angehen«, log ich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Dann ist ja gut. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen«, sagte sie und verzog ihren zugekleisterten Schmollmund zu einem breiten Grinsen. Ein schlechtes Gewissen wäre durchaus angemessen, dachte ich. Für Frauen mit solchen Schummelprofilfotos sollte man den dritten Kreis der Hölle reservieren, hätte ich am liebsten gesagt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ach, musst du nicht«, sagte ich stattdessen und zwang mir ein Lächeln ab, für das ich vermutlich deutlich mehr Gesichtsmuskeln benötigte als sonst. Kurz darauf stand glücklicherweise der Kellner auch schon an unserem Tisch. Ein etwas steif geratener Zeitgenosse, der sein schwarzes Haar mit einem Zentner Pomade nach hinten gestriegelt hatte und damit irgendwie aussah wie ein menschgewordener Penis.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Möchten Sie schon bestellen?«, fragte er mit nasaler Stimme. Nein, eigentlich möchte ich gern wissen, wo der Knopf S wie »Schleudersitz« ist, dachte ich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja, für mich bitte einen Gin Tonic und für sie...«, ich sah zu Brigitte, die erst mich und dann den Penis neben uns anglotzte wie ein Bus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Einen doppelten Whisky«, ergänzte sie überraschenderweise wie aus der Kanone geschossen. Oha, entweder machten Emanzipationskreuzzüge verdammt durstig, oder da hatte jemand tatsächlich noch was vor.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was hättest du denn heute gemacht, wenn ich nicht gewesen wäre«, fragte Brigitte, nachdem der Penis von dannen gedackelt war, die Tatsache, dass sie gerade den Auftakt zu einem fulminanten Jahresendbesäufnis gegeben hatte, elegant ignorierend.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich hätte mich mit meinem Goldfisch unterhalten«, versuchte ich, die Stimmung zumindest schon mal ein klein wenig zu lockern, darauf hoffend, den Abend so angenehm wie möglich, aber auch so schnell wie möglich über die Bühne zu kriegen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Du hast Fische?« Brigitte machte Augen, als hätte ich soeben gestanden, dass mir der Playboy gehört.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nur einen. Bert. Und der ist imaginär.« Der Witz war schlecht, das wusste ich. Entweder würde sie der Höflichkeit halber lachen, mich aber unglaublich uncool finden und so schnell wie möglich nach Hause wollen - in dem Fall schaffte ich es vielleicht noch auf die Silvesterparty meiner Freunde, oder sie würde mich tatsächlich lustig finden - unwahrscheinlich, doch in diesem Fall wäre ich definitiv angeschissen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ima-was?« Ich seufzte lautlos. Damit hatte ich nicht gerechnet. Trotzdem angschissen. Das konnte ja heiter werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bis der Penis mit unseren Drinks wiederkam, übten Brigitte und ich uns weiterhin in allerlei Smalltalk, der etwa so unterhaltsam ausfiel wie ein Begräbnis im Platzregen. Alles, bloß nicht flirten, war inzwischen meine Devise, denn würde sie mich am Ende des Abends wiedersehen wollen, würde ich das neue Jahr mit einem beherzten Sturz von irgendeiner Autobahnbrücke einleiten. Bis ich endlich an meinem Gin Tonic nippen konnte, war ich gezwungen, von einem verbalen Eiertanz in den nächsten überzugehen. Die Zeit verging dabei, als säße ich bei meinem Zahnarzt mitten in der Wurzelbehandlung. Zwischenzeitlich dachte ich, dass ich den Abend vermutlich lieber in einer eisernen Jungfrau verbracht hätte als mit Brigitte. Im letzten Leben musste ich wirklich ein schlimmer, ja ein wirklich ganz und gar böser, böser Mensch gewesen sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Und du bist also ein Konsultant. Was konsultierst du denn so?«, fragte sie mich über ihren Whisky hinweg und kicherte kokett.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich bin Consultant«, sagte ich bierernst und beschloss, meinen Singlebörsen-Account so bald wie möglich zu kündigen. »Das ist ein englisches Wort. Englisch. Man muss es englisch aussprechen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Aha, englisch, na gut. Und was macht man da nun?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Das- das ist schwer zu erklären. Ich mach was mit Computern. Beratende Tätigkeit.« Mit der Antwort gaben sich die meisten Menschen zufrieden, so auch Brigitte, die stumm nickte, die monströsen Lippen gespitzt und das Gesicht zu einer angestrengten Miene verzogen. Wortlos hob sie ihr Glas und atmete den Whisky in einem Zug ein. Vor Erstaunen wären meine Augen fast aus ihren Höhlen und ins Gin-Glas gepurzelt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Noch einen bitte!«, rief sie dem Penis zu, der sich sogleich hinter die Bar begab und eifrig für Nachschub sorgte. Bitte mit einem Schuss Arsen, dachte ich und fand mich sogleich doch etwas zu gemein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Du hebst wohl gern mal einen, was?«, merkte ich an und fand, dass ich zumindest in meinem Tonfall einigermaßen dezent geklungen hatte, schließlich saß ich hier offenbar mit einer Nachfahrin von Johnny Walker am Tisch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nee, nur heute«, sagte Brigitte und grinste mich an, als hätte man den Zucker nach ihr benannt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Oh. Willst du das alte Jahr nur im Alkohol ertränken oder dir das neue auch gleich schöntrinken?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ach, ist doch Silvester. Ich dachte, wir gehen nachher zu dir, und du legst mich flach«, antwortete sie und klang dabei auch noch, als als hätte sie mir gerade schlicht und einfach erzählt, dass der Supermarkt um die Ecke neuerdings eine größere Käsetheke habe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»B-bitte was?«, fragte ich entgeistert. Ich konnte mich doch nur verhört haben. Es war ja nicht so, als hätte ich bis zu diesem Zeitpunkt nie eine Frau im Bett gehabt, doch normalerweise musste ich immer eine gehörige Portion Arbeit und eine viel gehörigere Portion Geld investieren, bis ich auch nur in die Nähe eines nächtlichen Stelldicheins kam. Brigitte hatte mir quasi das ganze Buffet angeboten, bevor überhaupt nur klar war, dass ich auf der Gästeliste stand! &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja, was denn? Ist doch nichts dabei.« Ich wusste nichts mehr zu sagen. Irgendwer musste meinen Mund mit Styroporkügelchen gefüllt haben. Zwischenzeitlich war der Penis herbeigetrottet, hatte den Whisky gebracht und das leere Glas abgeräumt. »Sind doch alt genug«, meinte Brigitte und hob das neue Glas. Eine Frau, ein Satz, und schon war auch dieses geleert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Während Brigitte sich den Mut literweise ansoff, dachte ich, dass es vielleicht so verkehrt gar nicht wäre, fünfe gerade sein zu lassen. Diese Frau war zwar irgendwie nicht der erwartete Hauptgewinn, aber ich hatte schließlich seit Monaten keinen Sex mehr gehabt, und wenn man ihr den grotesk rot gemalten Mund aus dem Gesicht wischte oder meißelte, würde sie vermutlich schon ganz anders aussehen. Abgesehen davon, dass man, wenn man es mal schaffte, seinen Blick von ihrem grell strahlenden Sprechorgan zu lösen, feststellte, dass sie gar keine schlechte Figur hatte. Ihre Brüste ergaben geschätzt eine gute Hand voll, würden nach dem Öffnen des BHs vermutlich auch noch nicht zum Sturz in die Tiefe ansetzen, und ihre Hüften waren mehr Apfel als überreife Wassermelone. Und mit einer flotten Nummer ins neue Jahr zu hüpfen, war allemal besser, als im Casablanca bei stumpfsinnigen Gesprächen zu verwesen und sich darüber zu ärgern, nicht doch mit den Freunden einen heben gegangen zu sein. Ganz zu schweigen davon, dass ich selbigen von der ganzen Geschichte erzählen konnte. Dollarzeichen waren es zwar nicht, die in diesem Moment in meinen Augen aufleuchteten, dafür jedoch eine Menge Prestige und die Vorfreude auf einen hart erarbeiteten aber wohl verdienten und hoffentlich grandiosen Orgasmus!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich hätte dann gern auch einen Whisky. Einen doppelten bitte!«, rief ich dem Penis zu, der sich sogleich sputete, mich zu versorgen. Der Abend schien Fahrt aufzunehmen!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Einige Drinks später waren wir betrunken genug um zu gehen. Ich zahlte die astronomisch hohe Rechnung, fragte dabei den Penis wutschnaubend, ob sie das Bernsteinzimmer eingeschmolzen und in Whiskyflaschen abgefüllt hätten oder wie sie sonst auf solche Preise kämen, und verließ dann mit Brigitte, Arm in Arm, wankend das Lokal.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;---&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Keine zehn Minuten später betraten wir meine Wohnung. Ich gab mich betont locker, wollte nichts übereilen. Gut Ding will Weile haben, das galt auch für schwitzigen Sex mit Brigitte, mochte sie auch noch so willig und noch viel betrunkener sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»So, da wären wir«, sagte ich und knipste das Licht an. Brigitte sah sich mit ihrem glasigen Blick kurz in meinem Flur um, warf dann auch schon ihre Schuhe in die Ecke und ließ ihren Mantel zu Boden fallen. Über selbigen wäre sie beinahe gestürzt, schaffte es aber gerade noch, halbwegs aufrecht mit der Wand zu kollidieren und alles mit einer akkuraten Drehung um die eigene Achse in eine laszive Tanzeinlage zu verwandeln, die durchaus gewollt aussehen sollte, jedoch absolut nicht gekonnt war.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich will jetzt sofort Bert guten Tag sagen«, lallte sie mir zu.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Brigitte, der ist doch imaginär, hab ich gesagt.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ist mir egal, was der hat. Wo ist der olle Fisch?« &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich beschloss, dass ich für solche Unterhaltungen noch nicht betrunken genug war. »Magst du noch ein Glas Wein?«, fragte ich also. Ein wenig mehr Alkohol würde entweder dazu führen, dass mir egal wurde, was Brigitte sagte, oder sie würde aufhören zu reden. Recht war mir beides.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hast du keinen Schnaps da?«, bekam ich stattdessen zur Antwort.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hm, nee. Nur Wein und noch ein paar Flaschen Bier.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Brigitte kicherte. »Dann will ich bitte ein Glas Sex«, säuselte sie und wankte auf mich zu wie ein einbeiniger Seemann bei Wellengang.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Du meinst ein Glas Sekt? Sekt hab ich...«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nein, Sex! S und E und X und noch irgendwas, glaub ich. Und zwar sofort, Mister«, herrschte sie mich an und fing auch schon an, mir das Hemd aufzuknöpfen. Okay, sie wollte es, sie sollte es kriegen. Da würde ich ganz und gar Gönner sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Einige akrobatische Entkleidungseinlagen später lagen wir nur noch in Unterwäsche auf meinem Bett, befummelten einander und küssten uns, während wir schnauften wie asthmakranke Kriegselefanten. Brigitte schmeckte nach Whisky, doch das war egal, denn falls sie schlecht küsste, konnte ich mir immerhin vorstellen, ich hinge an der Flasche. Doch sie küsste nicht schlecht - im Gegenteil! Diese Frau, so versoffen sie auch sein mochte, küsste, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan, und wenn ich bedachte, wie wenig ein Gespräch mit ihr hergab, konnte das sogar stimmen. Sie verschlang mich, ohne mich vollzusabbern, die hohe Kunst des Küssens, wie ich befand, und hätte ich noch zwei Hände übrig gehabt, um ihr zu applaudieren, ich hätte es getan. Währenddessen spürte ich, dass ich nicht nur heiße Ohren bekam und mein Blut inzwischen mit Kohlensäure angereichert war, sondern sich auch in meiner Hose bereits jemand von den Toten zurückmeldete.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nimm mich!«, hauchte Brigitte mir ins Ohr. Donnerwetter, in Sachen Sex war sie ähnlich schnell wie in Sachen Whisky. In diesem Moment wähnte ich mich auf dem Höhepunkt meines glücklich verlaufenen Abends. Mit dem erhobenen Speer der Leidenschaft würde ich in diesen Krieg ziehen und ihre Lust niederringen. Ich war ein Warlord, ich ein Gott, ich war Mister Sex! Und ich hatte eine verdammte Packung Kondome griffbereit im Nachtkästchen! Mir dieser Tatsache bewusst, wollte ich ganz und gar nichts anbrennen lassen und öffnete Brigittes BH. Bingo, da saß alles, wo es sollte! Meine Finger wurden vor Erregung taub, doch nicht taub genug, um mich meiner Aufgabe zu stellen. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Ich rutschte an ihre Seite und begann, ihr den Slip auszuziehen. Während ich nun Brigittes Brüste küsste und mit den Händen sanft über die glatte Innenseite ihrer weichen Schenkel fuhr, hörte ich, dass sie leise stöhnte. Wenn ich ansonsten auch dafür war, dass sie den Rand hielt, nun sollte sie ruhig laut werden!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Meine Hand wanderte aufwärts und erreichte schließlich, was sie erreichen und was ich doch so gar nicht wissen wollte. Entweder trug Brigitte einen Flokati im Schritt mit sich herum, oder sie glaubte, Rasierer wären ausschließlich für Männerbärte gedacht. Sie augenblicklich ins Bad zum Tuning ihres Genitalbereichs zu schicken, konnte ich mir aber gerade noch so verkneifen. Ich war ohnehin ziemlich angetrunken, und so beschloss ich, dass ich wohl damit leben können würde, im tropischen Regenwald zu wildern. Wenn ich meinen Freunden von meinem Fang berichtete, würde ich das Detail einfach aussparen. Meiner Erregung tat der Wildwuchs, dem teuren Gesöff aus dem Casablanca sei Dank, keinen Abbruch, und so bahnte sich meine Hand ihren Weg durch das dichte Unterholz, bis ich...&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was ist denn das?«, entfuhr es mir. Sofort fuhr ich hoch. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ach so, ja. Hatte ich wohl ganz vergessen zu erwähnen«, sagte Brigitte und kicherte. »Ich hab meine Tage. Ist doch nicht schlimm, oder? Ich geh schnell den Tampon entfernen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zack, schon war sie aufgesprungen und auf dem Weg ins Badezimmer. Ich spürte, dass meine Erektion schneller dahinging als die 6. Armee. Ende, Finito! Hätte mein Penis sprechen können, er hätte mir vermutlich sein aufrichtiges Beileid bekundet, bevor er zusammenschrumpfte wie Alice im Wunderland und sich resigniert hängen ließ. Damit, später Schamhaare vom Bettlaken sammeln zu müssen, hätte ich, Whisky macht‘s möglich, kein großes Problem gehabt, aber wollte ich auch, dass mein Gemächt später wie ein benutztes Fleischermesser und mein Bett wie ein Schlachthaus aussah? Sicher nicht. Für einen Augenblick oder zwei hätte ich vor Enttäuschung gern geweint, doch dann beschloss ich, dass ein Bier mich eventuell therapieren würde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Während Brigitte im Badezimmer zugange war und Dinge tat, von denen ich vielleicht, nein, ganz sicher, nichts wissen wollte, warf ich meinen Morgenmantel über und schlurfte mit hängenden Schultern in die Küche. Ich öffnete den Kühlschrank, nahm mir ein kühles Blondes heraus, wenigstens heute Abend die bessere Wahl, wie ich befand, und ließ mich, erschöpft ob der nicht verrichteten Arbeit, auf die Couch sinken. Ich warf einen kurzen Blick zur Uhr. Es war noch etwas mehr als eine halbe Stunde bis Mitternacht. Ich würde Brigitte einfach sagen, dass ich das nicht könne, dass ich keiner von denen sei, mit denen man so eben mal in die Kiste hüpfen könne. Ich würde sie in ein Taxi verfrachten, ihr sagen, dass ich sie anriefe, und vielleicht würde ich so doch noch mit meinen Freunden anstoßen können. Denen würde ich wiederum erzählen, ich sei beim Vorglühen eingeschlafen. Am Montag würde ich mir außerdem eine neue Handynummer zulegen. Das klang durchdacht, nach einem akzeptablen Plan, zumindest solange, bis sich Brigitte aus dem Badezimmer meldete.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich glaub, ich muss kotzen«, rief sie herüber. Klar, wie konnte es auch anders sein? Falls es einen Gott gab, würde er sich gerade mit Popcorn in den Fernsehsessel gehockt haben, um sich köstlich über mich zu amüsieren. Brigittes Würgelaute ließen nicht lange auf sich warten, das plätschernde Geräusch erst recht nicht. Ich spurtete ins Bad und sah Brigitte auf meinem Badezimmerteppich liegen. Das Gesicht hatte sie sanft auf ein Kissen aus Erbrochenem gebettet, das bis zur Tür nach einem Unfall in einer Whiskydestillerie stank. Ich würde am Montag nicht nur eine neue Handynummer, sondern auch einen neuen Badezimmerteppich beschaffen müssen, so viel war klar.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und so viel auch zu meinem Plan, was den Rest des Abends betraf. Meine wertvolle Zeit verbrachte ich nun damit, Brigitte das Haar aus der verschwitzten Stirn zu streichen und ihr gut zuzureden wie einem einsamen Wellensittich auf seiner Stange, während sie meiner Toilettenschüssel die Aufwartung machte. Irgendwann hörte ich die Nachbarn: »Zehn, neun, acht...« Raketen stiegen laut jaulend in den Himmel und explodierten, Menschen jubelten auf den Straßen. Ich jubelte nicht. Überhaupt konnte ich all das nur hören, sehen musste ich schließlich andere Dinge.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Brigitte schaute mich an und lächelte erschöpft. Ihre Augen waren glasig vor Anstrengung, und jetzt tat sie mir tatsächlich leid. Schließlich war sie gerade sehr viel schlechter dran als ich. Und so bemühte ich mich, ebenso zu lächeln, so genervt ich auch immer noch von ihr war. »Frohes neues Jahr«, sagte ich also.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Frohes neues...«, begann Brigitte, kotzte mir auf den Morgenmantel, und zeigte mir damit, was sie vom Jahreswechsel hielt. Von dem Gestank musste ich augenblicklich selbst würgen. Nein, ich war doch schlechter dran, und das verdammte Jahr hatte gerade erst begonnen. Ich war so traurig, ich konnte nicht einmal mehr seufzen. Wenn die Fahnenstange ein Ende hat, in diesem Augenblick hatte ich sie erreicht. Ich entschied, den Abend meinen Freunden gegenüber totzuschweigen, und fürs nächste Leben beschloss ich, wieder bösartiger Diktator irgendeiner kommunistischen Bananenrepublik zu werden. Verdient hatte ich es mir definitiv!&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-2708524393711390467?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/2708524393711390467/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=2708524393711390467&amp;isPopup=true' title='3 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/2708524393711390467'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/2708524393711390467'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2010/12/guter-whisky-schlechte-dates-bose.html' title='Guter Whisky, schlechte Dates &amp; böse Diktatoren'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>3</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-7474481034984656215</id><published>2010-12-05T18:25:00.002+01:00</published><updated>2010-12-06T12:30:37.824+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Satire'/><title type='text'>Das Weihnachtsessen</title><content type='html'>Wir saßen bei Tisch. Mama, Papa und ich. Wir schwiegen. Es war der 26. Dezember, und im Haus roch es herrlich nach Braten, nach Keksen, nach Kerzen. Es duftete weihnachtlich, der Tisch war mit einem schneeweißen Tuch aus Stoff gedeckt, Mama hatte das gute Porzellan aus dem Schrank geholt und auch das teure Besteck. Doch in diesem Jahr war die Stimmung getrübt. Großmutter war zwei Tage vor Heiligabend für tot erklärt worden. Anfang Dezember war sie zu einer Weltreise aufgebrochen, weil sie wenigstens noch einmal etwas von ihrer Rente haben wollte, wie Mama gemeint hatte. Nur wenige Tage später verschwand sie jedoch spurlos. Mama und Papa telefonierten viel, doch schließlich hieß es, die Strapazen wären wohl zu viel für sie gewesen, so dass sie in irgendeinem seltsamen Land umgekommen sein musste. Anders sei ihr Verschwinden nicht zu erklären, war Mama sich sicher. Papa hatte dazu nur genickt. Und Mama sagte nun auch, wir müssten natürlich traurig sein, sollten aber dennoch Weihnachten feiern wie jedes Jahr. Oma hätte es doch auch so gewollt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und wie wir feierten! Wie die Könige! Die Geschenke fielen größer aus als in den vorherigen Jahren. Weitaus größer sogar: Ich bekam einen gigantischen Flachbildfernseher für meine X-Box. Und dazu ein ziemlich teures Surround-Sound-System, das ich mir von meinem Taschengeld in zehn Jahren noch nicht hätte leisten können. Was staunte ich Bauklötze, als ich den riesigen Stapel aus eingepackten Geschenken sah, der den Blick auf unseren geschmückten Weihnachtsbaum fast völlig versperrte! Doch als Mama und Papa ihre Geschenke auspackten, bekam ich es schon ein wenig mit der Angst zu tun. Mama schenkte Papa eine Urlaubsreise nach Ägypten für uns drei. Während sie ihm die Tickets überreichte, gab sie ihm einen Kuss auf die Wange und strahlte über beide Ohren. Und Papa hatte Ohrringe für Mama gekauft. Er sagte, die seien aus Platin. Aus Platin! Weil sie eine tolle Frau sei, die nichts anderes als das Beste vom Besten verdiene. Danach konnte ich nicht anders, ich fragte nach, wie wir uns das alles plötzlich leisten konnten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Die Oma hat eben immer viel gespart«, sagte Mama. »Sehr viel sogar. Und das werden wir jetzt erben. Weil wir ja ihre einzigen näheren Verwandten sind.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mama erklärte mir das, als sei ich noch ein kleiner Junge, der die Welt einfach nicht begreift. Doch ich bin kein kleiner Junge. Ich bin elf und weiß genau, was es bedeutet, wenn man das Geld mit vollen Händen zum Fenster rauswirft, und das sagte ich auch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Sei nicht albern, Tim«, sagte meine Mama dazu nur und streichelte mir über den Kopf. »Oma hätte das so gewollt.« Noch immer hatte sie diesen belehrenden Tonfall.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als wir nun am gedeckten Tisch saßen, sah ich Papa an. Er schwieg, wie er es meistens tat, bis Mama ihm sagte, dass er gefälligst auch mal den Mund aufmachen sollte. Dann kam Mama mit der Weihnachtsente aus der Küche. Sie schnaufte und keuchte, als sie das riesige Tablett mit dem Braten auf den Tisch stellte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Donnerwetter!«, entfuhr es meinem Papa. Nun hatte er doch geredet, ohne gefragt worden zu sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Das kannst du laut sagen!«, schloss ich an. »Das ist die größte Ente, die ich je gesehen habe.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Und sie ist ganz hervorragend gelungen«, sagte Mama und grinste stolz. »Und wir werden sie uns jetzt schmecken lassen! Was möchtest du, Tim? Keule oder Flügel?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Mama?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Sollten wir nicht erst das Tischgebet sprechen?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nein, Tim. Wir werden nicht beten«, sagte Mama kurz angebunden und begann, mit dem Messer die Ente zu zerteilen. Ich fand das nicht in Ordnung und protestierte weiter: »Aber wir beten doch sonst auch immer. Und es ist ja auch Weihnachten. Du hast immer gesagt, da gehört sich das erst recht.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Tim, es wird nicht gebetet, verdammt noch mal! Hör auf deine Mutter!«, fuhr mein Papa dazwischen. Er sagte es in diesem bedrohlichen Ton, der keine Widerrede zuließ.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Oma hätte das so gewollt«, murmelte ich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Tim, es reicht!«, raunten meine Eltern im Chor, als hätten sie sich abgesprochen. Dabei straften sie mich mit tadelnden Blicken, bis ich nicht anders konnte, als den Kopf zu senken und auf meinen Teller zu starren. Prompt hatte ich ein großes Stück Fleisch darauf zu liegen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nimm dir bitte selbst Kartoffeln und Rotkohl, so viel du magst«, sagte Mama. »Guten Appetit und nochmals frohe Weihnachten!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Frohe Weihnachten«, brummte Papa. Ich schwieg.&lt;br /&gt;Die Ente war zäh und schmeckte überhaupt nicht. Doch ich wollte mir nichts anmerken lassen, weil ich nicht undankbar sein wollte. So aß ich meine Kartoffeln und stopfe mir genügend Rotkohl in den Mund. Ich würde einfach sagen, dass ich die Ente nicht mehr schaffe. Während ich aß, schaute ich zu meinen Eltern. Ihnen schien die zähe Ente gar nichts auszumachen. Mama schob sich die Fleischstücken in den Mund, als hätte sie seit Wochen gehungert. Nie zuvor hatte ich sie so gierig schlingen gesehen. Und auch Papa stopfte sich das trockene Ding in den Mund, als wäre es das Köstlichste, das ihm je untergekommen war. Bratfett hing an seiner Unterlippe, lief sein Kinn herab und blieb in seinen Bartstoppeln hängen. Wie hypnotisiert starrte ich auf den Tropfen aus Fett, der sich dort bildete, um dann auf den Teller zurückzufallen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Das ist die beste Ente, die wir je hatten!«, nuschelte er mit vollem Mund und schmatzte genüsslich wie ein Schwein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Vielen Dank, Schatz!«, antwortete meine Mutter und stopfte sich selbst einen weiteren großen Bissen in den Mund. Ich konnte gar nicht hinschauen. Meine Eltern aßen nicht, sie fraßen! Wie konnten die beiden dieses eklige Ding so herunterschlingen? Ich war kaum in der Lage, das Fleisch überhaupt zu beißen. Es fühlte sich im Mund an wie ein Stück alte Schuhsohle und schmeckte wahrscheinlich auch genauso. Meine Mama sah, dass ich geschickt um mein Stück Ente herumaß.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Iss jetzt die Ente, Tim!«, sagte Mama mit strenger Stimme.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Mama?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was denn jetzt?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich schaff die Ente nicht. Ich hab zu viele Kartoffeln gegessen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Du isst deine Ente, sonst setzt es was!«, schimpfte Papa. Damit war die Sache für ihn erledigt. Für mich natürlich auch. Ich würde das zähe Ding essen müssen, und wenn mir davon der Kiefer ausleierte. Mit der Gabel zerteilte ich mühsam den widerspenstigen Fleischbrocken, als ich etwas Seltsames darin entdeckte. Mit Daumen und Zeigefinger griff ich danach und zog es vorsichtig aus dem Fleisch heraus. Eine graue Haarsträhne, leicht gelockt, von der nun etwas Bratensoße tropfte. Wie kam die in die Ente? Mama hatte kein graues Haar, Papa auch nicht. Locken hatten sie beide nicht. Oma, schoss es mir wie ein Blitz in den Kopf! Aber, nein, was ich nun dachte, konnte nicht sein. Ich war sicher, dass das Blödsinn war, und doch musste ich einfach nachfragen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Mama?«, begann ich vorsichtig. Genervt von meinen ständigen Fragen, ließ sie die Gabel auf das Porzellan fallen. Das laute Pling-Geräusch, das dabei entstand, zerschnitt die Stille wie ein Messer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was ist denn jetzt schon wieder?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich- ich frag mich, woran Oma gestorben ist«, sagte ich leise und schaute so betreten drein, wie ich konnte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Tim, nicht beim Essen!«, murmelte Papa.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Aber-«, begann ich und wurde von Mama unterbrochen: »Oma war schon alt. Und wenn man alt ist, dann stirbt man eben irgendwann. Sie hatte ein gutes und langes Leben. Jetzt sei ruhig und iss gefälligst!«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Essen wir gerade Oma?«, entfuhr es mir schneller, als ich darüber nachdenken konnte, ob es gut war, diese Frage zu stellen. Und es war nicht gut, denn als nächstes sah ich nur noch Sterne, weil Papa mir dermaßen eine scheuerte, dass ich fast vom Stuhl gefallen wäre. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Verschwinde auf dein Zimmer und wage es nicht, heute noch mal raus zu kommen!«, schrie meine Mutter mich an.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich wollte protestieren, als mein Papa mich am Kragen packte. »Hör auf deine Mutter!«, brüllte er mich an.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bis zum Abend lag ich auf meinem Bett und starrte an die Decke. Meine Wange fühlte sich heiß an. Sie brannte wie Feuer, und mein Kiefer schmerzte. Tolles Weihnachten, dachte ich. Da verging mir auch die Lust, an der X-Box zu spielen. War das wirklich Oma, die meine Eltern gegessen hatten? Das war doch völliger Unsinn. Meine Eltern waren keine Menschenfresser, und meine Frage war einfach unverschämt gewesen. Kein Wunder, dass sie böse geworden waren. Doch wie kamen dann die grauen Haare in die Ente? Und Enten waren doch nie und nimmer so groß, oder? Ich musste mir das alles einbilden, so viel war klar. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Während ich weiter darüber nachdachte, wurde es dunkel. Irgendwann glitt ich, ohne es zu merken, in den Schlaf hinüber. Einmal nur wachte ich vor Schreck auf, weil ich geträumt hatte, Mama würde sich ein Bein absägen, um mich damit zu jagen und zu verhauen. Ich spürte, dass mein Herz heftig hinter meiner Brust schlug. Nur ein Traum, dachte ich. Während ich mich beruhigte, hörte ich meinen Papa im Bad würgen. Hatte er etwa zu viel von der ekligen Ente gegessen? Vermutlich. Noch während ich mich fragte, wie sie es geschafft haben mochten, das zähe Ding zu tatsächlich herunterzuwürgen, döste ich wieder ein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weihnachten ging dahin, wie es gekommen war. Silvester stand ins Haus, und am Abend ließen meine Eltern das schönste Feuerwerk in die Luft gehen, das man in der Nachbarschaft je gesehen hatte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Da werden die Koschinskys vor Neid grün, wenn die das sehen«, hatte meine Mama gesagt und wie ein kleines Mädchen gekichert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein paar Tage nach Neujahr waren wir bei der Testamentseröffnung. Omas Leiche war noch immer nicht gefunden worden, doch da man sie für tot erklärt hatte, war es wohl in Ordnung, ihr Testament zu verlesen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Soll ich die Ohrringe mit den Steinen tragen, oder doch lieber die neuen, die du mir geschenkt hast?«, hatte Mama vorher meinen Papa gefragt. Die beiden hatten sich rausgeputzt, als würden sie tanzen gehen. Und nun saßen wir hier und warteten darauf, dass der nette Herr mit dem weißen Haar, der uns vorher sein Beileid ausgesprochen hatte, endlich vorlas, was Oma uns vermacht haben würde. Als er das Testamentsschreiben öffnete, nahm Mama Papas Hand in ihre und drückte sie ganz fest.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Mann verlas den Inhalt, und meine Eltern wirkten sichtlich gelangweilt, bis er nach einer gefühlten Ewigkeit dazu kam, was denn nun vererbt wurde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Dir, Jochen, geliebter Sohn, vermache ich mein kleines Wochenendhaus in der Lüneburger Heide. Mögen Sabine und du dort einige entspannte Wochenenden verbringen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mama warf Papa ein strahlendes Lächeln zu. Ihre Augen glänzten wie Edelsteine, und auf ihren Wangen zeichnete sich eine leichte Röte ab, so wie immer, wenn sie sich sehr freute. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Doch mein beträchtliches Vermögen, das sich immerhin auf knapp 800.000 Euro beläuft«, fuhr der Mann fort, »vermache ich einzig und allein meinem lieben Enkel Tim. Jochen, du und Sabine, ihr würdet mein Geld doch nur mit vollen Händen ausgeben. Ich werde veranlassen, dass mein Vermögen von einem Treuhänder verwaltet und geschützt wird, bis Tim selbst alt genug ist, um darüber zu verfügen. Sofern sich dies erwirken lässt, sollt ihr beide noch nicht einmal den Pflichtteil bekommen.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Während der freundliche Herr weitersprach und dabei zunehmend rot wurde, konnte ich sehen, wie Mamas Gesicht sich zunehmend weiß färbte. Sie drehte sich zu mir und funkelte mich böse an. Papa schwieg einfach und starrte in die Leere. Ich sah jetzt lieber weg, denn Mamas Blick machte mir Angst. Große Angst sogar!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Inzwischen sind wir wieder auf der Heimfahrt. Ich sitze im Auto und schaue zum Seitenfenster raus. Draußen zieht die Landschaft still an meinen Augen vorbei. Mama und Papa haben seit dem Ende der Testamentseröffnung kein einziges Wort gesprochen. Hin und wieder schaue ich nach vorn. Papa sieht mich ab und zu durch den Rückspiegel an. Mama schaut derweil selbst zum Seitenfenster raus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und dann redet Mama plötzlich doch: »Jochen, ich glaube, wir sparen etwas Geld. Tim wird nicht mit nach Ägypten kommen.« Papa nickt nur und schweigt. Mama dreht sich zu mir herum und lächelt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nicht wahr, Tim?« &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ihre Augen leuchten. Dann leckt sie sich über die Lippen.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-7474481034984656215?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/7474481034984656215/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=7474481034984656215&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/7474481034984656215'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/7474481034984656215'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2010/12/das-weihnachtsessen.html' title='Das Weihnachtsessen'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-3447867556096943688</id><published>2010-12-02T22:08:00.002+01:00</published><updated>2010-12-03T00:08:19.631+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Düsteres'/><title type='text'>Irgendwann kehren die Vögel zurück</title><content type='html'>Sie hatte zu lange geschlafen, das wusste sie sofort, als sie wach wurde. Die Sonne stand bereits viel zu hoch und flutete das Schlafzimmer mit grellem Tageslicht. Als sie sich aufsetzte, knarzte das Bettgestell fürchterlich. Ihr Schädel dröhnte, als würde jemand in ihrem Kopf eine große Trommel schlagen. Sie streckte sich, warf den Kopf in den Nacken, versuchte zu sich zu kommen. Sie stank. Nach Schweiß, auch nach dem eines Mannes. Ein Geruch, den sie verabscheute, so widerwärtig, so wiederkehrend. Nicht der Geruch ihres Mannes, sondern der eines anderen. Mühsam warf sie die Bettdecke zurück. Das Laken war von Blut verschmiert. Es war ihr Blut, das nicht nur auf dem Bett, sondern auch an ihren nackten Schenkeln klebte. Wie lange hatte er sich an ihr vergangen? Es mussten Stunden gewesen sein, Stunden, in denen sie nicht geschrien, sondern nur erduldet hatte, was sie zu erdulden hatte. So war es nun einmal.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schließlich hatte er das Sagen. Ihm gehörte das einzige Trinkwasser, und er gab es nur all jenen, die ihm gefügig waren. Er hatte Beziehungen, das wussten alle. Immer wieder kamen Lastwagen von außerhalb, brachten Paletten mit unzähligen, prall gefüllten PET-Flaschen voller köstlichem Wasser und verschwanden wieder. Es war Wasser, das ihm allein gehörte.  Früher, als die Mauer noch nicht stand, die sie alle seither in eine andere Welt verbannte, eine Welt, die nicht mehr Gedelitz oder Meetschow oder Gorleben hieß, die kein einfaches Dorf mehr war, war er lediglich ein austauschbares Beamtentier gewesen. Ein zeitlich geregelter Schauläufer für wechselnde Krawattenmuster. Heute nannten sie ihn den Mafioso. Eine Rolle, in der er sich gefiel, die ihm jedes Recht gab, sich zu nehmen, was er haben wollte. Und ein weiteres Mal hatte er sie genommen. Was machte das schon?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie stand auf. Das Gehen bereitete ihr Schmerzen. Schmerzen, die ihr vertraut waren, die stumm blieben. Natürlich wusste ihr Mann Bescheid, er hätte das Wort erheben können, doch dann hätten sie auch ihn als Verräter der Neuen Republik Lüchow-Dannenberg verurteilt. Der Mafioso hätte ihn in der großen Scheune aufhängen lassen, wie schon andere, die den Mund aufgemacht hatten. Und wer hätte ihr dann geholfen, wo sie ohnehin von allen gemieden wurde? Gemieden, weil sie ein Wunder vollbracht hatte. Ein Wunder, das Juliette hieß. Ein Wunder, das inzwischen sieben Jahre alt war und noch immer lebte. Und vor allem war das Mädchen gesund geblieben, ohne Tumore, ohne körperliche Behinderungen, ohne schwachsinnig zu sein wie die Kinder der anderen. Ein gesundes Mädchen, vielleicht das einzige auf der Welt diesseits der Mauer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die nackten Füße steckte sie in ausgetretene Schlappen, die einzigen Schuhe, die sie noch besaß. Wie gern hätte sie neue gekauft. Wie gern wäre sie in die Stadt gefahren, zum Schaufensterbummel, so wie sie es damals getan hatte, als das Leben sich noch nicht stumpf angefühlt hatte. Als es noch keine Mauer gegeben hatte, keinen Wall, der nichts und niemanden herein oder heraus ließ, außer  die monatlichen Lieferungen, die ohnehin der Mafioso kontrollierte. Ob draußen noch alles wie früher war, fragte sie sich manchmal.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Für einen Moment stand sie regungslos im Schlafzimmer, lauschte der Stille, der allgegenwärtigen. Sie betrachtete sich im Spiegel, sah ihre tiefen Augenringe, ihr sprödes Haar, das weiße, eingefallene Gesicht, geprägt von zu weit herausragenden Wangenknochen. Sie sah ihren Körper: nur Haut, durch die sich die Knochen nach außen zu pressen schienen. Wie so viele, war sie ein Abbild dessen geworden, was sie alle ereignet hatte: die Katastrophe. Der jüngste Tag. Sie seufzte Welten, dann warf sie sich ihr schmutziges Nachthemd über und verließ sie das Zimmer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich habe verschlafen«, rief sie. Ihre Stimme war rau vom Schlaf. Keine Antwort.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie ein Geist wankte sie zur Haustür. Sie ging nach draußen, sah sich um. Gerade wollte ein Anflug von Panik sie befallen, die Befürchtung, der Mafioso hätte sie abholen lassen, ihren Mann und Juliette natürlich, als ihr einfiel, dass eine ihrer Kühe ein Junges erwartete. Vermutlich würde es das letzte Kalb des alten Tieres sein. Der letzte Versuch. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie ging zum Stall hinüber. Als sie näher kam, vernahm sie gedämpft klingende Stimmen. Der vom Regen der Nacht nasse Boden gab unter ihren Füßen nach. Dann die Stimmen zweier Männer. Hannes, ihr Nachbar, der allein in seinem großen Haus lebte, der einzige Mensch, der auch nach allem, was passiert war, ein Freund geblieben war, würde ihrem Mann behilflich sein. Hannes, der nicht zerfressen war, vom Neid auf das Wunder des Lebens, das sie vollbracht hatte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als sie den Stall gerade betreten wollte, nahm sie im Augenwinkel eine Bewegung wahr. Ein Reflex ließ sie herumfahren. Juliette stand am Zaun und starrte auf das unbestellte Feld hinaus. Dorthin, wo nichts wachsen durfte, weil alle Nahrung, die sie diesseits anbauten, nicht sättigte, sondern nur krank machte. Das Mädchen trug ein bordeauxfarbenes Kleid, gemacht aus einem ihrer alten Kleider und schmutzig von zu wenigen Wäschen. Das brünette Haar fiel dem Kind bis über die Schultern und wehte im seichten Wind mit. Wie schön sie ist, dachte die Frau, als sie ihre Tochter ruhig betrachtete. Wie gern hätte sie jetzt eine Träne des Glücks vergossen, das ihr widerfahren war, ein Hoffnungsschimmer, ein strahlendes Licht in einer finsteren Nacht ohne Sterne.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Mädchen hatte sie offenbar gehört und drehte sich herum.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Mama?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Schatz.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Du hast lange geschlafen, Mama. Du hast mir kein Frühstück gemacht.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich weiß, Juliette. Manchmal schlafen auch Mamas lange. Hat Papa dir Frühstück gemacht?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja, hat er.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Schön.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie lächelte. »Was machst du denn hier?«, fragte die Frau dann.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Komm her, Mama, ich will‘s dir ins Ohr flüstern.« &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie kam näher. Das Mädchen lächelte. Vorn fehlte ihr ein Schneidezahn, ein Zahn, der erst noch wachsen würde. Wachsen, wie das Kind selbst noch so sehr wachsen würde. Wie schön sie ist, dachte die Frau erneut. Dann beugte sie sich zu ihrer Tochter herab.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Na los, sag es mir«, flüsterte sie und bemühte sich um einen gespannten Ton.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich hab einen richtigen Vogel gehört, Mama«, sagte das Mädchen. Ihr Atem klang aufgeregt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was? Du hast doch noch niemals vorher einen Vogel gehört«, flüsterte die Frau zurück. »Wie kannst du dann wissen, wie ein Vogel klingt?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich weiß es. Das klang ganz, ganz toll. Wie ein Lied, das jemand pfeift.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Vielleicht hat auch nur jemand gepfiffen.« Die Frau strich dem Mädchen sanft über den Kopf. Sie ist zu dünn, dachte sie. Viel zu dünn.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nein, das war kein Pfeifen, Mama. Das war ein Vogel. Von da drüben aus dem Wald, hinter dem Feld.« Das Mädchen zeigte mit dem Finger auf die Bäume hinter dem tristen Acker.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Na gut, vielleicht war es wirklich ein Vogel. Einer, der sich verirrt hat.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Vielleicht kommen die Vögel ja zu Besuch zu uns, Mama.« Das Mädchen biss aufgeregt in seine Hand. »Und vielleicht kommen ja noch mehr Vögel. Vielleicht bleiben sie bei uns und singen Lieder für uns.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Frau schmunzelte. Wenn alle Menschen einst so reine Gedanken hatten, dachte sie, was musste ihnen alles widerfahren sein, dass sie letztlich doch zu so verdorbenen Gestalten wurden? Vor ihrem geistigen Auge sah sie den Mafioso, sah, wie er über ihr war.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hast du Hunger, Juliette?«, fragte die Frau und versuchte dabei zu lächeln.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ein bisschen. Machst du mir Mittag? Machst du Pudding?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich mach uns Suppe. Gehen wir rein, ja?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Na gut. Und Mama?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja?«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Irgendwann kehren die Vögel zurück.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ja, irgendwann, Schatz. Irgendwann ganz bestimmt.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie nahm das Mädchen an die Hand und ging mit ihm zum Haus zurück, als plötzlich ein schriller Schrei aus dem Stall ertönte. Für einen Moment bekam sie Angst, doch dann wusste sie sehr genau, dass Hannes sich erschreckt haben würde. Sie wusste, was passiert war, und sie wusste, was als nächstes passieren würde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Halt dir die Ohren zu, Juliette«, sagte die Frau. Dann ertönte ein lauter Knall. Der Schuss eines Gewehres. Sie sahen beide zum Stall hin. Das Tor öffnete sich, und ihr Mann kam heraus. Seine Stiefel waren beschmutzt von Rinderkot. Das Gewehr trug er in der rechten Hand, den Lauf resigniert zum Boden gerichtet. Er sah seine Frau an, schüttelte den Kopf und senkte dann den Blick. Sie verstand. Wieder kein Erfolg, dachte sie. Vermutlich wieder ein halb totes Kalb mit zwei Köpfen, fünf Beinen oder anderen grotesken Absurditäten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Papa?«, rief das Mädchen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Komm, wir gehen rein«, sagte die Frau. Ihre Tochter folgte ihr.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-3447867556096943688?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/3447867556096943688/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=3447867556096943688&amp;isPopup=true' title='2 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/3447867556096943688'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/3447867556096943688'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2010/12/irgendwann-kehren-die-vogel-zuruck.html' title='Irgendwann kehren die Vögel zurück'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>2</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-3726055952938199796</id><published>2010-11-20T15:43:00.004+01:00</published><updated>2010-11-26T13:44:15.997+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gesellschaft'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Satire'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Erzählungen'/><title type='text'>Der Terror ist sicher!</title><content type='html'>»Der Terror ist sicher!«, hätte Norbert Blüm vielleicht so ganz unverblümt vom Stapel gelassen, wenn er noch im Amt und zudem Innenminister wäre, so wie er einst die Rente heilig sprach. Was uns nun aber angekündigt wird, finden wir so gar nicht heilig, weil der kommende Terror auf deutschem Boden, der so nebulös wie bedrohlich durch die Medien geistert, so ganz und gar nicht im Sinne westlicher Heiligtümer ist. Und so stehen sie da vorne am Mikrofon, der werte Herr Innenminister und seine Bediensteten, und kündigen für demnächst heftige Anschläge an, wie uns Jörg Kachelmann zu seinen besten Zeiten monsunartige Regenfälle prophezeit hätte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und der Terror, nun, der kommt selbstverständlich aus dem Osten, aus dem für uns so gar nicht griffigen Morgenland. Dort, wo dauermürrische Kuttenträger bunte, muffige Teppiche küssen, wo man Schweine so richtig blöd findet, dafür aber gern barfuß durch köstlich frisches Ziegenblut watet, dort, wo Frauen allenfalls in Albträumen oder aber im Paradies Miniröcke tragen und wo Männer Bärte pflegen wie biedere Westeuropäer ihre Schrebergärten. Wir verstehen nicht, wie man dort drüben, wo der Musikgeschmack grundsätzlich inakzeptabel ist, lebt, wir können die Wertevorstellungen des Islam mit unserer westlichen Bierbauchlebensart nicht erfassen, wir wollen es nicht, und wir müssen es auch gar nicht. Gern aber sehen wir Abdullah und seine Schergen mit der Bombe unterm Nachthemd. Das finden wir sogar sehr griffig, darunter können wir uns was vorstellen, da nicken wir einvernehmlich, halten zusammen, davor können wir Angst haben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Denn Angst haben wir Deutschen grundsätzlich unheimlich gern. Ja, im Kuschen und Fressehalten sind wir erfolgreicher als der FC Bayern in der Geschichte der Bundesliga. Wenigstens in dieser Hinsicht sind wir unglaublich kompromisslos: Wenn der frustrierte Immigrant aus östlichen Kulturkreisen uns Deutsche nicht ausstehen kann, daher zu Gewaltakten neigt, sich gleichwohl aber gern hier niederlässt, dann zeigen wir ihm nicht, wer hier die Hosen anhat, sondern stoßen eine Integrationsdebatte an. Dabei würde ein verbales Pfund aufs Maul ihn vielleicht zurechtrücken, ihn zum Schweigen bringen, zu Einsicht und Akzeptanz, so wie auch wir immer nur schweigen und akzeptieren, wenn wir nicht gerade debattieren - die Integration wäre geglückt! Doch das tun wir nicht, weil wir Blitzkriegmentalität seit fünfundvierzig generell garstig und allenfalls bei Rammstein cool finden. Und so reden wir oder schweigen, haben dabei stets konstant Angst, während der Fremdproband uns vielleicht gerade deswegen noch weniger leiden kann. Kein Wunder, wer mag schon Weicheier?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und so muss der böse Kameltreiber vielleicht gar nicht erst aus dem Osten anreisen wie einst der Bürger aus der ehemaligen DDR nach dem Mauerfall über den Westen herfiel, nur dass der gekommen war, um zu bleiben, während der erstgenannte vermutlich kommen würde, um zu explodieren. Nein, vielleicht ist er bereits hier, der Bombenleger, und knutscht seinen Teppich in einer zentral beheizten Zweizimmerwohnung in Berlin Mitte, kauft meistens bei Lidl und manchmal bei Rewe und holt samstags gegen Mittag seine Zeitung aus dem Briefkasten. Fakt ist, wir sollten uns vorsehen, der Feind könnte unser Nachbar sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ja, natürlich sehen wir uns vor, das müssen wir, das wollen wir, schließlich würgen die Zeitungen keine anderen Schlagzeilen mehr heraus, das Fernsehen berichtet von früh bis spät, abends zeigen die Privatsender Terrorismusthriller und kassieren dafür vermutlich höhere Quoten als »Wetten, dass!?« und »Das Musikandenstadl« zusammen. Ganz, als würde abermals die Fußball-WM erneut Einzug in deutsche Stadien halten, erheben wir den kommenden Terror, für den es sogar einen Stichtag gibt, zum Mediengroßereignis. Die berichtende Branche boomt, derweil zumindest die demnächst loslegenden Weihnachtsmarktbetreiber sicherlich ausbleibendes Kundenvieh befürchten. Dabei wird sich der Deutsche doch nicht wegen ein bisschen T.N.T. von Glühwein und Krakauer abhalten lassen, ist er da doch ähnlich konsequent wie im Angsthaben: Wenn es um urdeutsche Traditionen geht, kann ein mulmiges Gefühl den Piefke nicht beirren, und wenn das bedeutet, die Wohnung nur noch mit Kevlarweste und Stahlhelm zu verlassen, dann sei es eben so! Und so haben wir alle ein wenig Panik, während wir uns trotzdem mit heißem Punsch den Schädel zudröhnen, genießen aber zugleich den Nervenkitzel, wenn wir ehrlich sind, und sind unserem Innenminister für seine frühzeitige Warnung dankbar.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Denn endlich ist man in der Politik auch mal ehrlich, endlich redet man Tacheles und sagt, was ansteht. Endlich ist der Bürger mal wichtig und nicht irgendeine eklige Bank, die sich einmal mehr auf dem Börsenparkett verzockt hat, als wäre sie beim Roulette, endlich wird wieder Politik für die Menschen gemacht, statt für Energiemogule und Hotelketten. Oder etwa doch nicht? Denn was ist, wenn der Bombenleger gar nicht bärtig und und kuttentragend ist? Was ist, wenn er lieber maßgeschneiderten Zwirn trägt, einer durchaus deutschen Partei mit drei Buchstaben angehört, sich vor diverse Fernsehkameras stellt und den dauerhysterischen Pöbel vor Terror ab Ende November warnt? Was, wenn es lediglich darum geht, dem braven Volk unangenehme Gesetzesentwürfe schmackhaft zu machen? Zugegeben, solche Annahmen mit der Äußerung vom fingierten Angriff Polens auf Deutschland oder dem (Nicht-)Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen im Irak zu vergleichen, ist vielleicht etwas hochgegriffen. Dennoch, auch wenn es letztlich tatsächlich darum gehen sollte, die Freiheit des Deutschen zu beschneiden, indem noch mehr Daten erfasst und geradezu krankhaft gehortet werden und dies natürlich lediglich zu unserem Besten sein würde, heiligt der Zweck noch lange nicht die Mittel. »Die Daten sind sicher!«, hätte Norbert Blüm vielleicht geflüstert, wenn er noch im Amt und Innenminister wäre.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-3726055952938199796?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/3726055952938199796/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=3726055952938199796&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/3726055952938199796'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/3726055952938199796'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2010/11/der-terror-ist-sicher.html' title='Der Terror ist sicher!'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-2407280227770016662</id><published>2010-11-06T20:21:00.008+01:00</published><updated>2010-11-10T21:55:05.583+01:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Satire'/><title type='text'>Immer diese Oberflächlichkeiten!</title><content type='html'>Alle Mann von Bord, das Schiff sinkt, scheinen sich Tag für Tag Myriaden von Haaren zu denken, die sich so mir nichts, dir nichts von meinem Kopf verabschieden, um ein kurzes Liegedasein in Waschbecken und Dusche zu fristen, bevor ich sie wutentbrannt im Äther des Abflusses verschwinden lasse. Ich schaue mich im Spiegel an und muss mich stark wundern, schließlich sinken Köpfe doch gar nicht, und trotzdem gehen sie dahin, die Haare, trotzdem scheint meine Stirn ihren Einzugsbereich unbedingt vergrößern zu müssen. Ich seufze und lasse verbittert die Schultern hängen. Passt ja auch gut zu mir, mit hängenden Schultern durchs Leben zu gehen, schließlich bin ich zwar ein Kerl, ja, ein Mann, aber eben doch kein Kerl von einem Mann, kein Mann wie‘n Baum eben, sondern, wenn überhaupt, dann eher ein Bonsaibaum. Aber zählen die überhaupt zu den Bäumen, frage ich mich, und zucke ratlos mit den eigentlich hängenden Schultern. Ach, es ist eine Crux, ist es um mich doch so ganz und gar nicht gut bestellt, bin ich doch scheinbar Mutter Naturs Auslaufmodell, ein Montagsprodukt, ein Fehlfabrikat ohne Rückrufaktion. Und doch habe ich gleich ein Date mit Judith.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Judith habe ich kürzlich in einer Bar kennengelernt, nachdem ich zwei Überstunden und eine weitere halbe Stunde Anfahrt nach Ende eines arbeitsamen Donnerstags auf meinem hohen Barhocker saß, um eben an der hohen Bar sitzen zu können. Um in Ruhe und gelassen meine zwei Biere trinken und den Tag wohlverdient als erledigt abhaken zu können, als sie sagte: »‘tschuldigung, darf ich mal?« Darauf griff sie an mir vorbei, schnappte ihren Drink, wahrscheinlich ein Gin, dachte ich, vielleicht aber auch nur eine Sprite, jedenfalls stand das Glas zu weit links und eigentlich viel eher vor meiner Nase als vor ihrer. Mit dem Zeigefinger tippte sie auf das Glas, lächelte dabei kurz und warf mir ein vermutlich verstehend gemeintes Zwinkern zu. Sie hatte brünettes, schulterlanges Haar, der Pony fiel ihr locker in die Stirn, dazu hatte sie große nussbraune Augen und einen vollen Mund. Nicht übel für einen Donnerstagabend, an dem man in einer Kneipe allerhöchstens mit burnoutgeplagten Consultants und betrogenen oder betrügenden Ehemännern rechnet.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Klar«, entgegnete ich und zog hastig meinen Arm weg, damit sie an ihr Glas kam und es zu sich ziehen konnte, eben dorthin, wohin es gehörte, nicht zu mir, sondern natürlich zu ihr, als sie sagte: »Ich bin übrigens die Judith.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Lars«, sagte ich und versuchte ebenfalls ein Lächeln, kam mir dabei aber wie immer doch ein bisschen bescheuert vor, schließlich ist Lars ja auch ein ungeheuer blöder Name. Eine Verletzung meiner Persönlichkeitsrechte, die ich meinen Eltern bis heute nicht verziehen habe. Nicht nur, dass ich aus dem größten Genabfall entstanden bin, den eine künftige Mutter und ein potenzieller Vater aufbieten können, nein, sie mussten mir auch noch den dämlichsten Namen des Universums verpassen. Kein Wunder eigentlich, dass ich zum ewigen Dauersingle verdammt bin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Denn als Mann, ja, als Mann eben, egal ob Baum, gekrümmte Yucca-Palme oder falsch proportionierter Bonsai mit Laubarmut, ist man eben doch einem lebenslangen Dauerfeuer an Oberflächlichkeiten ausgesetzt. Ja, Frauen sind grausam, so wie es sonst vor allem Kinder sind, nur sind sie weniger direkt mit einem. Aber das macht es nicht besser, wie ich finde, weil ich ja durchaus interpretieren kann, und das tue ich natürlich, und so seufze ich erneut, während ich noch immer gebeugt vor dem Spiegel stehe oder eher aufrecht hänge und versuche, aus dem schütteren Haar auf meinem missratenen Kopf eine Frisur zu kreieren. Immerhin hängt der Spiegel so hoch, dass ich nicht auch noch gleichzeitig  einen Panoramablick auf meinen Bauchansatz ertragen muss, denn das wäre wirklich zu viel, schließlich bin ich doch gleich mit Judith verabredet und will nicht schon als Häufchen Elend angekrochen kommen, bevor sie mir einen vermutlich wahnsinnig höflich formulierten Korb um die Segelohren donnert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und das wird ziemlich sicher passieren, auch wenn Judith und ich uns letztens ganz hervorragend verstanden und nach allerlei Diskussion über das Dreißigsein, die Vorzüge von Linkspolitik auf Landesebene, Disneycartoons und Kaffeearomen beschlossen, Telefonnummern zu tauschen und uns auf jeden Fall wieder zu sehen, um erneut durch den Themenkatalog zeitgenössischer Lebensführung zu galoppieren und eben der Dinge zu harren, die da kommen mögen. Und das werden natürlich nicht viele sein, da Frauen mich grundsätzlich mit abschätzenden Blicken betrachten, ich aber nicht so recht zu abschätzenden Blicken passe und ich so am Ende der Rechnung auf jeden Fall inkompatibel zu Frauen an sich bin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Fein, ich freu mich!«, hatte Judith dennoch zum Abschied gemeint und dabei wie ein Honigkuchenpferd gegrinst. Schließlich hatte sie mich umarmt und war hinfortgestelzt. Hübscher Hintern, dachte ich noch, trank mein Bier aus und schlurfte Heim.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und nun werde ich sie tatsächlich wiedersehen, werde ihr bei gnadenlosem Tageslicht im Café Niedermeyer, Ecke Lüneburger Straße, begegnen, statt bei gedämpftem Feierabendkneipenlicht, werde ihren strafenden Blicken ausgesetzt sein und am Ende geläutert und voll der Schmach von dannen ziehen. Wie immer eben. Und doch gehe ich hin, mache mich hübsch, so hübsch wie man sich eben machen kann, wenn man zum Schlusslicht der Evolution des Stärkeren verdammt ist, und fühle mich dabei ein wenig, als würde ich in voller Montur vors Erschießungskommando treten. Ein scheiß Gefühl ist das, und aus so einem Gefühl soll ich nun also was machen!?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine halbe Stunde später treffe ich Judith tatsächlich vor dem Café Niedermeyer. Ich habe weiche Knie und tue doch mein bestes, was vermutlich verdammt wenig ist. Sie trägt ein blaues Kleid, das ihr bis zu den Knien reicht, das einigermaßen elegant aussieht und irgendwie geschickt verschleiert, ob sie sich extra für mich herausgeputzt hat oder ob sie in dem Aufzug auch Wäsche aufhängt und ihren Wochenendeinkauf erledigt. Als ich ihr gegenüberstehe, umarmt sie mich, wie sie es auch kürzlich getan hat, nur tut sie es heute eben irgendwie kürzer. Irgendwie reservierter. Klares Indiz für das, was kommen wird. Zum Glück hab ich das gute Hemd gleich im Schrank gelassen und nur einen tageslichttauglichen Pullover angezogen. Den muss ich nach der Wäsche wenigstens nicht bügeln, denn nach einem vergeigten Date möchte ich nun wirklich nicht auch noch die Falten der Schande aus den Klamotten bügeln müssen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wir schreiten zur Tat und betreten das Lokal. Natürlich halte ich Judith die Tür auf, und als sie gerade an mir vorübergeschritten ist, schaue ich auf die Uhr: 15:10. Ich rechne mit einer knappen Stunde und atme einmal tief durch, bevor ich ihr folge.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nachdem wir an einem der Tische Platz genommen haben, die viel zu nah am Fenster stehen, weshalb mehr Licht auf uns fällt, als zumindest gut für mich sein kann, fängt sie auch schon an zu schnattern. Judith redet viel, unterbricht nur kurz ihren Redefluss, um einen Kaffee mit Milch zu bestellen, und fährt anschließend fort. Sie wirkt leicht hektisch, fast wie ein Duracellhäschen auf Koks. Unablässig wandern ihre Augen über mein Gesicht, wägen wahrscheinlich ab, ob ich mehr Haare im Bart als auf dem Kopf habe, überlegen, ob die Falten mich männlicher oder einfach nur faltiger machen und ob es eine gute Idee wäre, sich an meiner Seite in der Öffentlichkeit zu präsentieren oder lieber nur anzurufen, wenn die neuen Gardinenstangen geliefert wurden und angebaut werden müssen. Ach, es ist schlimm, so bloßgestellt zu sein, ja, schlimm, und wie gern wäre ich doch jetzt zu Hause.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Warst du eigentlich schon mal bei einer Demo gegen Kernkraft?«, fragt Judith zwischenzeitlich, als wir nach einem kurzen Plausch über die Vorteile von Socken mit Noppen auf dem heimischen Parkett wieder über Politik fabulieren, und ich verneine. War ich nie, hab ich auch nicht vor, was ich natürlich nicht sage, und bin zudem eigentlich ohnehin viel zu sehr damit beschäftigt, Judith zu mustern. Die Judith, die hier vor mir sitzt, dieselbe Judith von letztens, die heute, liegt es nun am anderen Licht oder am fehlenden Alkohol in meinem Blut, irgendwie anders ausschaut. Klar, da ist noch immer die adrette Frisur mit dem frechen Pony, aber sind das wirklich fettige Strähnen, die ihr da in die Stirn hängen, oder schwitzt sie einfach nur so sehr? Das würde wenigstens die Schweißflecken erklären, die ich unter ihrer Achsel entdecke, als sie den Arm hebt, um nach dem Kellner zu rufen und ein Wasser zu bestellen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nun ist es nicht so, dass ich bisher einfach nicht wusste, dass auch Frauen schwitzen, doch irgendwie fühle ich mich jetzt ein wenig unbehaglich. Judith macht gerade einen Scherz über kleine Wesen namens Kalorien, die nachts heimlich die Hosen im Schrank enger nähen, und ich finde, sie macht das wirklich gut, das mit den Witzen, meine ich. Doch legt sie dabei kurz eine Hand auf meinen Arm, was sogleich deutlich weniger gut ist, denn ihre Finger sind auch schwitzig, warm und feucht, wenig angenehm, wie ich leider zugeben muss.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Dick bin ich zwar tatsächlich nicht«, sagt Judith und deutet auf sich, während sie im Spaß mit einer Hand über ihren Bauch fährt, »aber so ein, zwei Kilo könnten ja schon noch runter.« Ich sage nichts, weil man manchmal einfach nichts sagen sollte, das weiß sogar ich, der nicht gerade Gottes Geschenk an die Frauenwelt ist und zucke nur ratlos mit den Schultern, als würde ich wieder daheim vor dem fiesen Spiegel stehen. Wenn du meinst, denke ich, finde, dass sie spinnt, lächle dabei freundlich und lasse sie weiterreden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Überhaupt redet Judith sehr viel, deutlich mehr als ich, und irgendwie stört es mich ja sehr, dass sie mitunter eine seltsame Aussprache hat. So spricht sie unter anderem das Wort »sehr« mit scharfem S, eine fürchterliche Unsitte, für die ich sie gern korrigieren möchte. Doch ich lasse sie selbstverständlich weiterreden und bin irgendwie ja auch von ihrem Mund abgelenkt. Der ist noch immer voll, oh ja, aber da sind auch diese Zähne! Ich würde Judith ja nicht gerade als Reißwolf bezeichnen, aber irgendwie erinnern ihre Zähne mich nicht wenig an kleine Grabsteine auf einem alten Friedhof: nicht ganz gerade stehend und auch etwas groß geraten. Küssen möchte ich sie so ja nicht wirklich, und auch wenn ich über fettiges Haar, Schweißflecken und nicht ganz akkurate Zähne inklusive Sprachfehler vermutlich hinwegsehen könnte, ist es gut, dass sie, so wie sie mich dauernd mustert, wohl ohnehin nicht allzu sehr mögen wird.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Wie schaut das eigentlich bei dir mit Kindern aus?«, fragt Judith und lehnt sich ein wenig zu mir herüber. Ihr Blick ist jetzt etwas ernster, und wo sie gerade so nah ist, sehe ich, dass die Fältchen in ihrem Gesicht zwar durchaus feierabendkneipentauglich sind, bei Tageslicht aber doch etwas, nun ja, überbetonend wirken. Zwar schaut sie nicht gerade aus, als könnte sie meine Mutter sein, aber ich möchte doch auch ungern gefragt werden, ob ich immer schon ein Faible für ältere Frauen gehabt hätte. Wie alt ist sie überhaupt? Hatte sie nicht was von einunddreißig gesagt? Judith, denke ich, etwas weniger Höhensonne in jungen Jahren wäre vielleicht eine gute Zukunftsplanung gewesen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Natürlich sage ich das nicht, schließlich reden wir über Familienplanung, und so behaupte ich stattdessen: »Also ich hätt‘ schon gern Kinder, klar. Einen Jungen und ein Mädchen am besten, so im Abstand von, hm, zwei, drei Jahren.«&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie lacht, klopft mit der schwitzigen Hand auf meinen Arm und sagt mit einem Funkeln in den Augen, dass das ja auch ihre Idealvorstellung wäre, dass sie aber schon gern noch drei, vier Jahre warten würde. Eine gute Mutter wird Judith bestimmt sein, und einen stolzen Vater wird es sicher auch dazu geben, der allerdings natürlich nicht ich sein werde, so wie sie mich mit ihren aufmerksamen Augen ausleuchtet. Und ehrlich gesagt, ich möchte das auch gar nicht, weil ich mir meine Zukünftige ja doch ein wenig anders vorstelle.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und nun ist es durchaus schon so, dass ich über vieles hinwegsehen kann, ja, hinwegsehen muss, weil ich so ganz jung auch nicht mehr bin und man irgendwann nunmal wollen muss, was man kriegt, weil das, was man gern hätte, nicht mehr zu haben ist, doch als Judith schließlich, weil draußen irgendein Idiot gerade mit dem Fahrrad gegen einen Laternenpfahl gedonnert ist, den Kopf zur Seite dreht und interessiert aus dem Fenster schaut, so dass ich ihr Seitenprofil direkt vor mir habe, läuft das Fass endgültig über: Sie hat eine Hakennase! Nicht gerade der Zinken einer Märchenhexe, und eine Warze ist auch nicht darauf zu finden, dennoch ist da ein Haken, vermutlich der Vizekönig unter den Haken. So ein Haken ist nun nicht eben ein Blickfänger, auch wenn der ihre meinen Blick sehr wohl fängt und ich schon gar nicht mehr wegschauen kann, und irgendwie ist das zu viel. Wie soll ich eine Frau lieben und ehren, mit ihr zusammenleben, bis dass der Tod uns scheidet und so weiter, wenn ich sie ewig mit einem Transpirationsproblem, fettigem Haar, zu vielen Falten in zu jungen Jahren, außerdem mit seltsamen Zähnen, noch seltsamerer Aussprache und über alledem mit diesem Brummer von einer Nase verbinde? Eine Nase, bei der ich mir reflexartig an die eigene fassen möchte, was ich selbstverständlich nicht tue, schließlich könnte das aussehen, als würde ich popeln. Jedenfalls macht es mir da schon gar nichts mehr aus, dass Judith mir ohnehin einen Korb verpassen würde, wenn ich sie ließe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich schaue auf die Uhr: 16:57. Länger, als ich gedacht hätte, staune ich und attestiere Judith im Stillen ordentlich Sitzfleisch und einiges an Durchhaltevermögen. Und obwohl mir ihr Charakter ja schon recht sympathisch ist, breche ich die Verabredung geschickt ab, weil ich ja noch mal ins Büro muss, wie ich erzähle, und zahle für uns beide, weil sich das so gehört.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Und melde dich, ja?«, sagt Judith lächelnd und legt mir eine Hand auf die Schulter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Na klar!«, werfe ich locker ein, bin mir aber nicht ganz sicher, ob ich das auch so meine. Ein sonderlich schlechtes Gewissen habe ich dabei nicht, schließlich war ihre Bitte, mich doch zu melden, ohnehin nur eine Floskel für »Na, das war wohl nichts.« Finde ich auch, Judith! Dennoch umarme ich sie natürlich zum Abschied und mache mich auf in Richtung Straßenbahn.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hätte ich mir irgendwie sparen können, das Treffen, auch wenn die Unterhaltung so verkehrt nicht war. Resigniert und vermutlich wieder mit hängenden Schultern, die mir ja ganz offenbar angeboren sind, sitze ich in der Straßenbahn auf meinem Weg nach Hause. Gegenüber von mir hat eine junge blonde Dame Platz genommen, die mich immer dann aufmerksam mustert, wenn ich gerade nicht direkt hinschaue. Schaut sie nicht hin, dann mustere ich sie, und was meine Augen so ermustern, gefällt mir durchaus. Allerdings überragt sie mich im Stehen vermutlich um einen halben Kopf, und überhaupt ist sie, so wie sie aussieht, einfach eine Klasse zu hoch für mich. Nie im Leben würde ich sie ansprechen, noch weniger würde sie das Wort ergreifen, selbst wenn ich der letzte Mann auf Erden nach einem alles vernichtenden Atomkrieg wäre. Wenn unsere Blicke sich für einen Moment treffen, meine ich auch, leidlich versteckte Geringschätzung ausmachen zu können, wie das eben so ist, wenn ich es auf ein Blickduell mit einer Frau von ihrem Kaliber ankommen lasse. Ich sage ja, ein Graus ist es, mit den Oberflächlichkeiten der Frauenwelt. Innerlich seufze ich vor mich hin und möchte sie gerade wirklich alle verteufeln!&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-2407280227770016662?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/2407280227770016662/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=2407280227770016662&amp;isPopup=true' title='4 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/2407280227770016662'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/2407280227770016662'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2010/11/immer-diese-oberflachlichkeiten.html' title='Immer diese Oberflächlichkeiten!'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>4</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-7834043644490464758</id><published>2010-10-16T23:15:00.001+02:00</published><updated>2010-10-16T23:16:45.061+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Erzählungen'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Humor'/><title type='text'>Halbe Sachen</title><content type='html'>Eben im Supermarkt: An der Kasse sitzt diese kokette brünett gelockte Schönheit, hübsches Gesicht, hübsches Haar, selbst der Kittel samt Konzernlogo wirkt an ihr irgendwie kleidsam. Und wie ich sie so - natürlich absolut unauffällig - ins Auge gefasst habe, wollen mir doch schon wieder fast die Lider zufallen, so lethargisch schiebt sie die Waren über den Scanner. Und während sie ihre Arbeit nur mit dem halben Hintern erledigt, sendet Prinzessin Valium mir noch ein gequältes Gähnen von ihrem drehbaren Thron aus entgegen, bevor sie mich anschließend mit einem müden Abschiedsgruß in den verregneten Oktober entlässt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mit den Vorräten daheim angekommen beschließe ich, Kaffee zu machen. Wasser, Kaffeepad, Tasse, schon kann's losgehen, denke ich. Doch leider gibt's für mich - wie so oft in letzter Zeit - nur eine halbe Tasse, da auch meine Kaffeemaschine ihrem Job inzwischen nur noch halb motiviert nachgeht. Es ist ja nicht so, als könnte sie keine ganzen Tassen fabrizieren, schließlich gibt's auf meiner Maschine auch einen Männerknopf für echte Männertassen, doch schert der Fakt, dass ich eben diesen Knopf sogar gedrückt habe, das eigenwillige Maschinchen nicht die Bohne, ganz als wollte sie, dass eben genug Platz in der Tasse bleibt, damit noch zwei, drei Stücken Würfelzucker und ein halber Liter Kondensmilch hineinpassen. Schwachsinn, wollte ich doch einen verdammten Männerkaffee - schwarz wie altes Kettenfett! Und nun steh ich hier mit meiner halben Tasse, starre auf meine halbherzige, wenn auch formvollendet kurvige Kaffeemaschine und muss spontan wieder an die ebenso zu halben Sachen aufgelegte, wenn auch formvollendete Miss Lethargie von vorhin denken. Augenblicklich wird klar: Kaffeemaschinen müssen Frauen sein!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Denn dass die holde Weiblichkeit lediglich zu halben Sachen neigt, weiß ich nicht erst seit gestern, denke ich, während ich mir das halbe Verwöhnaroma gönne. Es fängt ja schon beim Alltäglichen an: Wenn Mann von Welt mit dem vermeintlich schöneren Geschlecht redet, bekommt er lediglich die halbe Aufmerksamkeit spendiert. Nicht dass er das merken würde, schließlich ist es niemals anders, arbeiten doch die Gehirnhälften der Frau unabhängig voneinander. Wozu auch hundert Prozent geben? Nicht anders läuft es beim täglich Brot: Das eingekaufte Futter darf nur die Hälfte an Fett haben, damit die FDH-Diät von Brigitte und Co. auch ja von Erfolg gekrönt ist. Da jedoch auch in Sachen Disziplin bei spätestens fünfzig Prozent Schluss ist, müssen zumindest Diätschokolade und andere kalorienhalbierte Süßigkeiten drin sein, was letztlich dann doch oft den gewichtstechnischen Dopplereffekt zur Folge hat. Werden immerhin hier die einhundert Prozent zumeist ungern überschritten, ziehen sich die halben Sachen ansonsten durch die Welt der Frau wie einst die Mauer durchs geteilte Berlin. Ja selbst Frauenautos, possierlich dreinblickende Blechgesellen aus Fernasien, klein und runder als eine Kugel, rollen nur mit halber Leistung über den städtischen Asphalt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Lässt sich mit diesen Tatsachen noch ein recht ungestörtes männliches Ganz-oder-gar-nicht-Dasein führen, hört der Spaß spätestens dann auf, wenn unsereins glaubt, die bessere Hälfte gefunden zu haben. Verspricht der Begriff Zweisamkeit doch eigentlich mehr Spaß für alle, wird recht schnell klar, dass mindestens die Hälfte des bisherigen Ichs noch vor der gemeinsamen Haustür zur Verdammnis verurteilt ist. Der Mann, der in Sachen Beziehung noch das Wörtchen »Ich« in den Mund nimmt, ist mir noch nicht über den Weg gelaufen - Reduktion zweier Individuen zu einem großen »Wir«, wobei immer ein wenig das Casinoprinzip gilt: Im Großen und Ganzen gewinnt das Haus, und das Haus ist die Frau.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neigt sich das Martyrium Beziehung dem unerwarteten Ende zu, weil Madame der Meinung ist, auch andere Herren der Schöpfung um den männlicheren Teil ihrer Persönlichkeit kastrieren zu müssen, tut sie auch das für gewöhnlich nur mit dem halben Hintern - kein Wunder eigentlich, hockt doch die andere Gesäßhälfte bereits auf dem Schoß des nächsten Kerls, der glaubt, das große Los gezogen zu haben. Man selbst müsste für das arme Würstchen eigentlich zumindest ein halbes Lächeln übrig haben, doch gilt für den Mann wie erwähnt das Prinzip »Ganz oder gar nicht« - in diesem Fall läuft's zumeist auf den Fall »gar nicht« hinaus, und am Ende kann man sich glücklich schätzen, wenn man zusammen mit der inzwischen Verflossenen nicht auch noch eine halbe Portion in die Welt gesetzt hat, weil sonst nicht nur die angeblich bessere Hälfte, sondern auch das halbe Einkommen futsch ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Den grausigen Gedanken abschüttelnd, stehe ich wieder in der Realität meiner Ikea-Küche, die inzwischen geleerte Tasse noch in der zitternden Hand haltend. Im Bewusstsein darüber, ein ganzer Kerl zu sein, der nunmal einen ganzen Kaffee braucht, beschließe ich, mir eine weitere halbe Tasse zu gönnen, zubereitet von der formvollendeten Lady in Weiß, die dennoch einen gewissen Ärger in mir auslöst, da doch von diesem Standpunkt aus selbst in meinem Ganz-oder-gar-nicht-Singlehaushalt die Weiblichkeit die Hosen anhat.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-7834043644490464758?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/7834043644490464758/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=7834043644490464758&amp;isPopup=true' title='4 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/7834043644490464758'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/7834043644490464758'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2010/10/halbe-sachen.html' title='Halbe Sachen'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>4</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-2667180290908067890</id><published>2010-10-16T15:39:00.001+02:00</published><updated>2010-10-16T15:40:56.789+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Düsteres'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gedichte'/><title type='text'>Tür zu!</title><content type='html'>Ruh' bekommt, wem sie gebühre,&lt;br /&gt;Sperr drum ab die kalte Türe!&lt;br /&gt;Pulverzeiger ohne Uhr,&lt;br /&gt;Sogleich erhitzt, der Löffel schwitzt,&lt;br /&gt;Sie zähl'n die heit'ren Stunden nur.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Heißes Blut beginnt zu fließen,&lt;br /&gt;Spür' pulsierend Leben sprießen.&lt;br /&gt;Euphorie vom Grau mich trennt,&lt;br /&gt;Hab mehr im Sinn, geb' ganz mich hin,&lt;br /&gt;Ein Glücksrad, das wie Feuer brennt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Welthass längst im Rausch gebogen,&lt;br /&gt;Hab die Nadel aufgezogen.&lt;br /&gt;Viel erneut vom Gold genippt,&lt;br /&gt;Den Schmerz befreit, mein Körper schreit,&lt;br /&gt;Rasant das Bunt zur Schwärze kippt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Pein im Kopf, will nichts mehr spüren,&lt;br /&gt;Lass vom dunklen Herrn mich führen.&lt;br /&gt;Hier ein Schuss noch für die Ruh',&lt;br /&gt;Mit Gift bedacht, hinaus zur Nacht,&lt;br /&gt;Der letzte sperrt die Türe zu.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-2667180290908067890?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/2667180290908067890/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=2667180290908067890&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/2667180290908067890'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/2667180290908067890'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2010/10/tur-zu.html' title='Tür zu!'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-8918364084095553732</id><published>2010-10-09T17:43:00.001+02:00</published><updated>2010-10-09T17:46:20.815+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Herzschmerz'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Gedichte'/><title type='text'>Neuland</title><content type='html'>Nur sie ist das Morgen,&lt;br /&gt;Ist Träume im Sand.&lt;br /&gt;Im Geiste geborgen,&lt;br /&gt;Das Herz im Verstand.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Wahrheit gesprochen,&lt;br /&gt;Mein Rücken zur Wand.&lt;br /&gt;Doch Hoffnung zerbrochen,&lt;br /&gt;Verschmäht meine Hand.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein Meer leiser Tränen,&lt;br /&gt;Voll Scherben der Strand.&lt;br /&gt;Will hier mich nicht wähnen&lt;br /&gt;Und such neues Land.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;So schön dort das Morgen,&lt;br /&gt;Ist Sand auch nur Sand.&lt;br /&gt;Das Herz zwar verborgen,&lt;br /&gt;Doch klar bei Verstand.&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/2229454197021743836-8918364084095553732?l=geist-reich.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://geist-reich.blogspot.com/feeds/8918364084095553732/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://www.blogger.com/comment.g?blogID=2229454197021743836&amp;postID=8918364084095553732&amp;isPopup=true' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8918364084095553732'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/2229454197021743836/posts/default/8918364084095553732'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://geist-reich.blogspot.com/2010/10/neuland.html' title='Neuland'/><author><name>PhanThomas</name><uri>http://www.blogger.com/profile/17958312434036283722</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='32' height='32' src='http://1.bp.blogspot.com/-0o4uyIC6kY4/TprTeeP_PLI/AAAAAAAABCQ/QADrDpXhaWA/s220/MeAgain_Sunburst_1.jpg'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-2229454197021743836.post-6210734423332887495</id><published>2010-09-12T20:22:00.000+02:00</published><updated>2010-09-12T20:23:30.279+02:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Unheimliches'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Kurzgeschichten'/><title type='text'>Emily</title><content type='html'>Sie schlug immer genau auf die Finger. Da war sie treffsicher. Anfangs nur mit ihrer eigenen Hand, später benutzte sie ihren Rohrstock, mit dem sie so lange zuschlug, bis die Haut auf meinen Fingern aufplatzte und Blut hervorquoll. »Du kommst aus Deutschland, also wirst du Nichtsnutz doch wohl die Musik deines Landes spielen können«, keifte sie immer wieder, während sie zuschlug. Die Musik meines Landes bedeutete für sie Brahms, Bach und vor allem Beethoven. Ja, ganz besonders Beethoven. Sie ließ mich »Für Elise« spielen, bis meine Finger müde und taub wurden, bis ich mich unweigerlich verspielte, bis sie mich schlagen konnte. Und wenn mein Blut auf die Tasten ihres Flügels tropfte, schlug sie mir ins Gesicht. So ging es über Jahre. Ich wurde älter, größer, kräftiger, doch sie ließ mich weiterspielen und schlug mich. Ließ mich spielen, damit sie mich schlagen konnte. Bis sie eines Tages aufhörte. Später brachte ich sie um.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als ich fünf Jahre alt war, kam meine Mutter bei einem schlimmen Autounfall ums Leben. Mein Vater, der sich mehr und mehr in sich zurückzog, erzählte mir, Mama sei gegangen. Ich verstand ihn nicht und war lange Zeit wütend auf sie. Ich begriff nicht, warum ich auf eine Beerdigung gehen musste, warum die Leute um meine Mutter weinten, wo sie doch einfach gegangen war, mich verlassen hatte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Trotz seines Schmerzes ging mein Vater weiterhin arbeiten. Als Berater für eine Softwarefirma war er immer viel unterwegs. Auch im Ausland. Und weil meine Mutter verstorben war, hatten wir immer ein Kindermädchen zu Hause, das sich um mich kümmerte: Susanne, die ich Sanne nennen durfte. Ich hatte sie gern, und sie war es schließlich, die mir behutsam erklärte, dass meine Mutter jetzt bei den Engeln sei und dass sie auf mich herabblicke. Dass sie mich vermisse und dass sie ganz gewiss nie gehen wollte. Ich verstand das irgendwie, stellte mir vor, wie sie auf ihrer Wolke saß, mich beobachtete und stolz auf mich war, wenn ich mich gut benahm. Da hatte ich meine Mutter plötzlich wieder gern. Und obwohl sie mir nun umso mehr fehlte, hatte Sanne die Rolle meiner Mutter übernommen. Sie hatte mich erzogen, hatte sich auf die Art um mich gekümmert, zu der mein Vater nicht in der Lage war, weil er beruflich so viel zu tun hatte. Und weil er überfordert mit mir war. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Drei Jahre nach dem Tod meiner Mutter lernte mein Vater Emily kennen. Seine Firma hatte ihn für zwei Wochen nach Wien geschickt, wo er sie traf und sich schnell in sie verliebte. Die beiden telefonierten oft, sprachen davon, dass er zu ihr gehen würde, dass sie in ihrem großen Haus bei Wien leben würden. Das ging einige Monate so, doch für mich fühlte es sich damals so an, als hätte mein Vater nur wenige Tage nach seiner Rückkehr aus Wien begonnen, die Koffer endgültig zu packen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Abschied fiel mir schwer. Es war nicht so, dass ich in dem Alter meine Heimatstadt Bonn so sehr vermisst hätte, doch ich wollte Sanne nicht verlieren. Es flossen viele Tränen, und auch Sanne weinte, als wir uns das letzte Mal sahen. Sie sagte, manchmal sei es gut zu weinen, und Mama, sei dort oben gerade deswegen besonders stolz auf mich. Ich habe diese Worte nie vergessen und dachte oft an sie, denn in den nächsten Jahren weinte ich immer seltener. Bis die Tränen ganz versiegten. Weil ich es nicht durfte. Und weil mich niemand hörte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Lukas, das ist die Emily«, sagte mein Vater als wir nach einer ewig dauernden Fahrt beim Haus seiner Freundin angekommen waren. Und ich weiß noch heute, wie sehr seine Augen strahlten, als er mir diese Frau vorstellte. Ich war acht, und ich verstand nicht viel von Liebe, doch dieses Leuchten in seinem Blick verstand ich irgendwie. Es erinnerte mich daran, wie Sanne mich oft angesehen hatte, wenn ich etwas besonders gut gemacht hatte. Doch in den Augen dieser Frau gab es kein Leuchten. Sie war groß, schlank und zugleich kräftig, und hatte einen riesigen Busen, der auf mich sehr bedrohlich wirkte. Das blonde Haar hatte sie an diesem Tag, so wie sie es auch später fast immer tun sollte, streng nach hinten gebunden. Diese Frau war die personifizierte Strenge für mich. Sie rümpfte die Nase, sah mich streng und zugleich angewidert an, als wäre ich ein ekliges Insekt, das es auszumerzen galt. Emily mochte mich nicht, sie akzeptierte mich nicht und wollte mich Schmarotzer eigentlich auch nicht in ihrem riesigen Haus haben. Im Gegensatz zu meinem Vater, den sie zumindest in den ersten Jahren noch gut behandelte und vermutlich sogar liebte, hasste sie mich von Anfang an.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und auch ich fühlte mich sofort unwohl. Sowohl in ihrer Gegenwart als auch in ihrem riesigen, kalten Haus mit den gigantischen Zimmern und den hohen Decken. Als sie uns durch die vielen Zimmer ihres Hauses führte, hatte ich das Gefühl, ich würde mich in diesen Wänden vollkommen verlieren. Der einzige Gegenstand, der mich auf Anhieb beeindruckte, war der große weiße Konzertflügel in ihrem Musikzimmer. Emilys Haus besaß so viele Räume, dass sie ein ganzes Zimmer eigens für ihr Klavier hergerichtet hatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie hypnotisiert stand ich vor diesem großen, erhabenen Instrument, dessen Lack das Licht der einfallenden Sonnenstrahlen reflektierte. Noch nie in meinem jungen Leben hatte ich einen so wunderbaren und faszinierenden Gegenstand gesehen. Und wie von einer unsichtbaren Hand geführt, wanderten meine Finger automatisch zu den Tasten. Doch noch bevor ich auch nur eine einzige Taste herunterdrücken konnte, erschrak ich vor Emily, die plötzlich hinter mir stand.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Schau es dir gut an, Kind. Schau es dir gut an. Du wirst lernen, wie man darauf spielt. Am Wochenende fangen wir an«, sagte sie. Das war alles, dann verließ sie das Zimmer wieder. Emily wollte also, dass ich lernte, Klavier zu spielen. Und zuerst freute ich mich irgendwie, weil ich diesem wunderschönen Instrument nur zu gern wohlklingende Töne entlocken wollte, weil das etwas völlig Neues für mich war. Doch was so schön hätte werden können, wurde schnell zur Hölle für mich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Dein Vater und du, ihr seid aus Bonn. Weißt du auch, wer in Bonn geboren wurde?«, fragte Emily mich, als ich am Samstag Vormittag am Flügel neben ihr saß.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nein, weiß ich nicht«, antwortete ich und zuckte mit den Schultern. Darauf versetzte sie mir einen Klaps auf den Hinterkopf. Nur einen leichten, doch ich war schockiert. Nie zuvor hatte mich jemand geschlagen. Nicht mein Vater, nicht meine Mutter und auch Sanne nicht. Doch diese Frau, die meinen Vater und mich aus Deutschland zu sich geholt hatte, die mir meine Sanne weggenommen hatte, wagte es nun, mich zu schlagen. Noch am Abend erzählte ich meinem Vater davon. Ich weiß noch, dass er mich mitleidig ansah, mir seine Hände auf die Schultern legte und sagte: »Hier herrschen eben ein wenig andere Sitten. Aber glaub mir, Lukas, die Emily meint das nicht so.« Ich glaubte ihm nicht. Und noch schlimmer war, dass er mit ihr darüber redete. Emily schlug mich deswegen bei der nächsten Klavierstunde, und ich ging fortan nie wieder zu meinem Vater, wenn sie mir wehgetan hatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ludwig van Beethoven kommt aus deiner Heimatstadt«, sagte Emily in dieser ersten Klavierstunde zu mir. »Du wirst noch viel über ihn lernen. Und du wirst lernen, wie man seine wunderbaren Klavierstücke erklingen lässt.« Dann legte sie die Hände auf die Tasten und spielte etwas, von dem sie sagte, es nenne sich »Rondo in C-Dur«. Anschließend zeigte sie mir einige einfache Melodiefolgen. Sie ließ mich ein paar Töne spielen und schlug mir leicht auf die Finger, wenn sie der Meinung war, dass ich mich besonders schlecht anstellte. »Du tust dem Instrument weh, du Dummkopf!«, keifte sie mich an. Immer sagte sie, ich würde ihr geliebtes Instrument verletzen, worauf sie selbst die Finger auf die Tasten legte und etwas Wohlklingendes spielte. So als müsste sie ihren geliebten weißen Flügel besänftigen, den ich so sehr beleidigt hatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weil Emily mich so sehr antrieb, lernte ich tatsächlich schnell das Klavierspiel. Ich hatte immer wenige Freunde in Wien, weil ich erstens aus Deutschland kam und zweitens  nur selten weg durfte. Nach Hause durfte ich sogar niemals jemanden mitbringen. Emily verbot mir vieles, nur nicht das Klavierspiel. Ich durfte an den Flügel, wann immer ich wollte, und später spielte ich wirklich oft. Ich konnte so aus dem tristen Alltag fliehen, und außerdem wollte ich gut werden, damit Emily mich nicht mehr für meine Fehler schlagen konnte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Doch das war vergebens. Sie schlug weiter, und über die Jahre begriff ich, dass sie mich nicht schlug, weil ich mich verspielte. Viel mehr ließ sie mich spielen, damit sie mich schlagen konnte. Ganz schlimm wurde es, als sie es eines Tages zur Routine werden ließ, nach meinen Fehlern beim Spielen nur noch den Kopf zu schütteln, um wortlos aufzustehen und den Rohrstock zu holen, den sie neben das große Regal mit ihren Noten gestellt hatte. Die Schmerzen waren anfangs unerträglich, doch ich wusste, dass es nur schlimmer werden würde, wenn ich schrie. Also erduldete ich, was sie tat. Ich erduldete, dass meine Haut aufplatzte, dass meine Finger fast immer wund waren, und irgendwann hatte ich gelernt, den körperlichen Schmerz auszublenden. Doch die Schande über die Demütigung brannte wie ein ewiges Feuer in mir.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Abgesehen von den Klavierstunden, schlug Emily mich jedoch nie. Die Schläge, die Schmerzen und all die Schmach blieben in diesem Klavierzimmer eingesperrt. Außerhalb redete ich nie darüber. Emily schikanierte mich zwar auch außerhalb, tat zu viel Salz in mein Essen, gab den Katzen die letzte Milch, wenn ich morgens aufstand und meine Cornflakes essen wollte und ließ auch sonst keine Gelegenheit aus, mir zu zeigen, wie unerwünscht ich für sie war, doch immerhin schlug sie mich nicht. Und wenn sie sich allein in ihr Klavierzimmer zurückgezogen hatte und ihre Sonaten spielte, dann hatte ich sogar einmal Zeit für mich. Dann konnte ich Bücher lesen oder auch fernsehen, während sie Mozart spielte und Brahms und immer wieder Beethovens »Für Elise« - ihr liebstes Stück. So lebten wir nebeneinander her. Wir sprachen außerhalb des Musikzimmers fast nie miteinander, und wenn mein Vater wieder einmal verreist war, dann redeten wir überhaupt nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Irgendwo zwischen meinem fünfzehnten und sechzehnten Geburtstag hörte Emily auf, mich zu schlagen. Ich war inzwischen fast einen ganzen Kopf größer als sie und kräftig geworden. Ich musste ganz plötzlich nicht mehr in ihre Klavierstunden, und sie begann, mich fast völlig zu ignorieren. Nur manchmal sah ich dieses böse Funkeln in ihren Augen, diese Lust, den Kopf zu schütteln, den Rohrstock zu holen und mich zu verprügeln, bis meine Finger aufplatzten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;An meinem achtzehnten Geburtstag waren Emily und ich allein im Haus. Mein Vater war drei Wochen zuvor beruflich für zwei Monate nach Brasilien geflogen. Ich stand auf und ging in die Küche. Während ich Kaffee aufsetzte, hatte Emily sich angeschlichen, ohne dass ich sie bemerkt hätte. Ich erschrak vor ihrer Stimme, die ich inzwischen so selten hörte. »Im Kalender steht, dass du jetzt achtzehn bist. Pack deine Koffer und verschwinde aus meinem Haus!«, blaffte sie mich an und ging. Ich stand allein in der Küche und zitterte, während ihre wenigen Worte in mir nachhallten. Ich bebte aus Unverständnis, aus Wut. Ich schaute auf den Kalender, doch da stand nicht, dass ich Geburtstag hatte. Und dann kam mir ein widerwärtiger Gedanke. Ich ging zum Schrank, hinter dem die Mülleimer standen. Und ich musste den Müll nicht lange durchwühlen, um das zerdrückte Geschenk zu finden, das mein Vater mir aus Brasilien geschickt hatte. Ich zog die zerknüllte Karte heraus und las: &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span style="font-style:italic;"&gt;Lieber Lukas, &lt;br /&gt;alles, alles Liebe zu deinem achtzehnten Geburtstag! Emily und du, ihr fehlt mir hier. Du ganz besonders! ;-) Ich trinke auf dein Wohl! Viel Spaß mit deinem Geschenk!&lt;br /&gt;Ich hab dich lieb,&lt;br /&gt;Papa&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine ganze Weile stand ich noch so da, die zerknüllte Karte in der Hand. Ich wollte gar nicht wissen, was er mir geschenkt hatte. Was Emily zertreten und in den Müll geworfen hatte. Dann hörte ich »Für Elise«. Emily saß am Flügel. Wutschnaubend ging ich zu ihr. Im Türrahmen blieb ich stehen und schaute dabei zu, wie sie auf ihrem abgöttisch geliebten Instrument spielte. Wie sich sich selbst in Trance spielte, als würde sie ihren Körper verlassen und auf den Noten davonziehen. Meine Lippen bebten, weil ich doch endlich reden wollte und zugleich noch nie zuvor das Wort gegen sie erhoben hatte. Doch dann brach es einfach aus mir hervor, als wäre dieser Damm der Unterdrückung, den sie in mir errichtet hatte, plötzlich gerissen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Hat es dich eigentlich geil gemacht, mich zu schlagen?«, fragte ich laut und deutlich. Wie Steine fielen ihre Hände auf die Klaviertasten und erzeugten eine grässliche Dissonanz.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Was hast du gesagt?«, flüsterte sie fast. Ihre Stimme klang brüchig. Dann drehte sie sich zu mir herum. Zum ersten Mal überhaupt sah ich die Falten in ihrem Gesicht, die sie über die Jahre gezeichnet hatten. Sie war nicht mehr so kräftig wie früher, doch noch immer genauso streng. Und doch war sie ein Mensch. Nichts weiter als ein böser, böser Mensch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Ich habe gefragt, ob es dich geil gemacht hat, mich zu schlagen. Hast du Orgasmen bekommen, wenn du draufgehauen hast?«, fragte ich. Ich wollte sie verletzen, wollte sie mit Worten zur Weißglut treiben, sie dafür bestrafen, dass sie so gemein zu mir war.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Verlass sofort mein Haus, du undankbares Schwein«, kreischte sie mich an.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;»Nein, ich bin hier nicht das Schwein«, sagte ich. »Du bist es. Du ganz allein.« Wie angeschoben ging ich einige Schritte auf sie zu, und dann tat sie etwas, das das Fass zum Überlaufen brachte. Ich sah, wie ihre Augen automatisch zu ihrem Rohrstock wanderten. Das Ding stand noch immer neben dem Regal. Da saß diese alternde Frau und starrte auf den Stock, mit dem sie mir so viele Male wehgetan hatte. Und in dem Moment platzte in mir der Knoten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich weiß nicht, was in den Sekunden darauf passierte. als ich zu mir kam, lagen meine Hände fest um Emilys Hals. Ich drückte so fest zu, wie ich nur konnte. Ihre Finger hatten sich wie Krallen noch fest in meine gebohrt, während sie sich jedoch kaum mehr bewegte. Ihre Augen quollen grotesk hervor, die Zunge hatte sie in die Wange geschoben, und es war diese Fratze, die mich zurück ins Bewusstsein holte. Emily war kein Dämon, sie war eine alte, widerwärtige Frau, und jetzt stand ich zum ersten Mal über ihr, bemerkte, dass sie schwach war. Es war, als wären all die Demütigungen der vielen Jahre jetzt in meine Finger geflossen, um das Leben aus diesem grausamen Menschen zu pressen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ihre Hände wurden schwächer, dann ließ sie von mir ab. Noch eine ganze Weile drückte ich zu. Ich wollte, dass es endete, dass es endlich vorbei war. Keine Emily mehr, niemals wieder! Und diesmal siegte ich. 
